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Noch mal zum Jonas-Kaufmann-Konzert mit Liszt (14. Pslam & Faust-Sinfonie) der Staatskapelle in der Philharmonie. Womöglich urteilte ich etwas hart, was die sängerische Leistung von Jonas Kaufmann angeht. Habe ich ein schlechtes Gewissen? Hmmm. Vielleicht.

Aber ich rede um den heißen Brei herum. Herr Kaufmann hat’s ja auch nicht leicht. Der Psalm Nr. 14 ist eine höllische Sache für jeden Tenor. Jonas Kaufmanns Stimme liegt stellenweise so frei wie die Ostsee vor Kühlungsborn bei Vollmond. Kein Violinwölkchen, kein Hornnnebel gewährt Schutz. Man hört jede Delle, jede Ausbeulung auf der Stimmoberfläche, besonders bei „In meinem Herzen“, das Kaufmann mit allen unerlaubten und stimmschädigenden Mitteln der Gesangskunst hinter sich bringt. Dann ist es auch noch so, dass der Komponist wollte, dass der Sänger über viele Takte hinweg das „ä“ in „gnädig“ und das „e“ in „gerne“ – was de facto dasselbe ist – in allen möglichen Tonhöhen und Lautstärken singen muss. Das schmeichelt keiner Stimme, es sei denn, man hätte ein Organ wie es Caruso hatte. Dann wäre da noch der Psalmtext: Da singt jemand, der aussieht wie der Apollo Belvedere der Gesangswelt, in fast schon nervtötender Wiederholung und mit einem Pathos, das so dick ist, wie die Sohle meiner Winterstiefel, „Erhöre mich, mein Gott“. Das grenzt an Gehirnwäsche und entspräche in etwa dem Effekt, wenn René Pape im Karfreitagszauber reihenweise glöckchenhelle hohe Cs sänge.

Einiges ist schlichtweg großartig. Anderes weniger großartig. Ohne Abstriche bemerkenswert ist Kaufmanns mittlere Lage, ihre baritonale Färbung, wenn die Stimme auch erstaunlich leicht daherkommt. Bemerkenswert ist auch der voll entfaltete Pathos-Glanz der Höhe. Kurz vor den „gnädigs“ kamen zwei Stellen, da baritonelt es wie bei Domingo – was aufregend und schön war. Mit Abstrichen bemerkenswert ist, dass das baritonale Vollröhren etwas trocken klingen kann. Einige Tonhöhen klingen um ein weniges verrutscht (bei einigen „ä“s hatte ich diesen Eindruck). Die hohen „e“s singt Kaufmann recht offen. Und auch die Formung der Vokale macht nicht immer Freude, desgleichen das Forte, wenn ein hartes Vibrieren im hinteren Teil der Stimme hörbar ist. Was mich schon jessasmäßig an seinem Rodolfo an der Staatsoper unter Dudamel störte und nun auch in der Philharmonie erneut störte, war die trockene, unelegante, nachgerade hölzerne und denkbar wenig blühende Phrasierung, was besonders während angestrengter Piano-Passagen auffiel, in denen Kaufmann sich hochkonzentriert und hörbar bemüht vom Piano zum Mezzoforte und wieder zurückhangelte.

Interpretation! Kaufmann scheint bei Liszt ein bissl das Stilbewusstsein zu fehlen, ein Gefühl für Diskretion, für die Schattierung der Aussage. Jonas Kaufmann steuert Liszts schwierigem Pathos nicht entgegen. Ein Detail: Ein Hauch von Weinerlichkeit macht sich bei den Ausrufen „Gott“ in hoher Lage bemerkbar. Mehr Distanz, mehr Lockerheit, Jonas! Hören Sie am Sonntag Christine Schäfer. Mir kam es so vor, als singe Jonas Kaufmann immer etwas zu viel. Er lässt zu viel Luft aus den Lungen durch seine kostbare Kehle strömen. Sein Listz hört sich nur selten adäquat interpretiert an – aber wie gesagt, diese Psalmvertonung von Liszt ist zwar ausnehmend schön, aber auch regelrechter religiöser Plunder.

Der Chor mit seinen Aktionen rief angenehme Erinnerungen an die Meistersinger der Festtage und an die Berliner Parsifals der Staatsoper wach – seufz.

Rezension Jonas Kaufmann: ein hervorragender Ausnahmesänger, aber kein Rundum-Glücklichmacher

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