Schlagwörter

Wenn ich ehrlich bin, hätte ich heute lieber Ligetis gute, alte Atmosphères und dann eine Sinfonie Prokofjews gehört, aber nicht die fünfte. Ich habe noch nie eine Brucknersinfonie gehört, die ich von vorne der ersten bis zur letzten Note fesselnd gefunden hätte. An den Abend, an dem Thielemann mit den Wienern Philharmonikern hier in Berlin eine übermäßig verbrucknerte Achte aufführte und meine Langeweile sich in dem Maße vermehrte, wie die Gesamtzahl der gespielten Noten die 50 Millionen mit Leichtigkeit überstieg, erinnere ich mich nur ungern. Und vor drei, vier Jahren fand ich bei Barenboims Bruckner die langsamen Sätze ungemein fesselnd, zur Zeit indes finde ich die langsamen Sätze unter Barenboim nicht so gut und die Ecksätze fesselnd. Liegt es an mir, an Barenboim oder an Bruckner?

Dirigiert Simon Rattle Anton Bruckner, hört man immer Musik, und das ist nicht wenig. Es gibt Dirigenten, die dirigieren ausschließlich Bruckner, wenn sie Bruckner dirigieren, aber dafür keinen Takt Musik.

Die erste Kulminationsstelle im ersten Satz war typisch Rattle und typisch Philharmoniker. Ein fließender, farblich nicht fixierbarer, zugleich leidenschaftlicher und kontrollierter Klang, der walzenartig auf einen Höhepunkt zusteuert, durch den Kulminationspunkt hindurch- oder um ihn herumfließt (eine Spezialität Rattles, die meines Wissens sonst niemand so kann) und dann voll konzentriert mit der Formung der anschließenden Bewegung beschäftigt ist. Der zweite Satz ist konzentriert und rasch, um im Trio plötzlich leicht zu wirken. Die spektakuläre None, mit der das Adagio einsetzt, verfehlt nie ihre Wirkung, aber ob im Adagio immer alles in Ordnung war, fühle ich mich ehrlich gesagt außerstande zu beurteilen. Da es keine Pause gab, konnte man keine zweite Meinung einholen. Die drei Trompeter spielen mit äußerst spezifischem Klang. Stefan Dohr spielt nicht. Zdzisław Polonek und Madeleine Carruzzo sind da. Ich weiß auch nicht, warum ich immer ein gutes Gefühl habe, wenn die beiden im Orchester sitzen. Der Klang des Orchesters wirkt schlechthin gegenwärtig. Der hämmernde Sturm und der kalte Stoizismus von Coda 1. Satz und den Entladungen im Adagio entzückten. Alles in allem ein Bruckner, der sich aufgrund nimmermüder Arbeit aus den herben Details aufbaut und der auf die wenn auch mühevoll hergestellte (was eher ein Qualitätsmerkmal sein dürfte) Gegenwart Bruckners vertraut.

Und damit zum letzten Satz. Ich habe nichts gegen Erweiterungen bestehender Werke. Jeder freut sich, dass der Kölner Dom so aussieht, wie er aussieht. Nach zwei, drei Takten denkt man, hupps. Die hinkenden Streicherfiguren, die den ganzen Satz prägen werden, sind sehr interessant, wie im weiteren Verlauf des Satzes überhaupt manches einen überraschenden, verführerischen Zug ins Unbrucknerische hat. Als Ganzes überzeugt mich die heute Abend gespielte Aufführungsfassung (u.a. Nicola Samale, Benjamin-Gunnar Cohrs). Interessante Details zur Finalfassung kann man in dem Artikel von Aart van der Wal auf musicweb-international.com lesen. Ein Mal wirkt eine Modulation nicht ganz koscher, aber womöglich zog die Dame vor mir gerade in diesem Moment den Rotz besonders laut hoch, und die Coda ist auch nicht schlimmer wie die des Finalsatzes der Siebten.

Hörner saßen hinten rechts, Trompeten links, Posaunen dazwischen. Posaunist Jesper Busk Sørensen mit beeindruckender Haartolle. Zweite Geigen rechts, Celli Mitte rechts, Bratschen Mitte links. Pierre-Laurent Aimard sitzt da, wo Rattle sitzt, wenn SR zuhört, wie Harnoncourt Beethoven dirigiert. Am Schluss umarmt Rattle Paukist Wieland Welzel unter donnerndem Applaus.

Review/Kritik Berliner Philharmoniker Bruckner 9. Sinfonie: dafür, dass es sich um Bruckner handelt, ausnehmend interessant

Advertisements