Schlagwörter

Pietari Inkinen, Hilary Hahn: Bartók Divertimento für Streichorchester, Mozart Violinkonzert D-Dur KV 218, Sibelius Sinfonie Nr. 5

Ich kann mich kurz fassen. Vor dem Konzert war ich aus einem Grund, den ich jetzt nicht mehr verstehe, der Ansicht, dass Hilary Hahn womöglich die aufregendste Geigerin der jüngeren Generation sei. Nach dem Konzert bin ich es nicht mehr. Ihr Spiel war, gemessen an den Erwartungen, nach drei Takten eine negative Überraschung, nach zwanzig Takten eine leichte, aber durchdringende Enttäuschung.

Das preziöse Gesicht, die vorwitzige Nase, das schöne rote Kleid, die straff nach hinten gebundenen Haare, der stupsnasige Ausdruck, das naseweise Grinsen lassen sofort eine gesunde Sympathie für diese Musikerin entstehen. Hinter ihrer hohen Stirn vermutet man viele kluge Gedanken. Das Podium betritt sie wie eine griechische Statue, die sich sehr aufrecht hält und nicht übermäßig groß gewachsen ist.

Hmm, lecker! Backstage-Bereich, mit Hilary Hahns Augen gesehen // Foto: Hilary Hahn / hilaryhahn.com

Dann spielt sie. Einige Stellen – die schönen Modulationen der Durchführung des ersten Satzes und einige Figuarationen des langsamen Satzes – spielte Hilary Hahn unnachahmlich und mit ausgezeichnetem, hervorragendem Gefühl für die jeweiligen Besonderheiten. Ansonsten klang Frau Hahn, als bringe sie kein Mozartkonzert zu Gehör, sondern ein Comminuqué des amerikanischen Finanzministeriums. Ihr Ton ist außergewöhnlich klar, nicht zu groß, wunderbar komprimiert, schrecklich ernst und klingt absurd begabt. Zumindest letzteres ist ein Problem.

Die Kadenz des ersten Satzes hört sich intelligenter an, als Mozart in der Regel klingt, doch fehlte ihr – der Kadenz, aber womöglich auch Hilary Hahn – etwas Überwältigendes. Ihr Spiel ist fast paranoid, was die Kontrolliertheit des Ausdrucks angeht. Vielleicht kokettiert Frau Hahn zu sehr mit der Keuschheit ihres doch irgendwie phänomenalen Spiels. Die Frau mit der rechthaberischen Nase gestattet sich keinen Hauch von Ironie. Das Finale klingt wie eine akustische Meditation über die vier Axiome des Euklid. Ich kann nicht mit Sicherheit ausschließen, dass Mozart bei der Komposition nicht an Euklid gedacht hat, aber es kommt mir doch etwas unwahrscheinlich vor.

So makellos, dass es die Kühle vergessen lassen oder sich in eine sich verbergende, scheue Größe verkehren könnte, ist Hilary Hahns Violinspiel denn auch nicht. Aber es war vielleicht nicht ihr Abend, zumal einige – wenige -, Stellen flüchtig genommen schienen. Zu guter letzt fügte sich ihr mathematisches, klares Spiel kaum einmal ins freiere, atmendere Mozart-Spiel der Staatskapelle (wenn man in der Erinnerung kramt, sorgte die Staatskapelle unter Barenboim und Dudamel stets für die werbendsten Berliner Mozart-Erlebnisse).

Ich bin mir nie sicher, ob mir Bartóks Divertimento gefällt oder nicht. Heute gefiel es mir halbwegs. Sibelius Fünfte Sinfonie war eine Freude von der ersten Note bis zur letzten. Die Bläser der Staatskapelle zu hören, insbesondere die Hörner, und hier insbesondere das Horn des Herrn mit den längeren blonden Locken, den meine Begleitung sehr bemerkenswert fand, aber auch Flöte und Oboe war ein Genuss, selbst wenn ein Dirigent wie Inkinen leitet.

Pietari Inkinen macht während des gesamten Dirigats den Mund nicht auf. Ich will nicht sagen, dass Dirigate mit geschlossenem Mund schlechter wären als solche mit zumindest teilweise geöffnetem Mund. Wenn Daniel Barenboim mit durchweg geschlossenem Mund dirigieren würde, wäre DB spätestens nach der ersten FF-Stelle erstickt. Im Binnensatz des Violinkonzerts dirigiert Inkinen zu viel. Generell dirigiert Inkinen aber durchweg zu wenig und überhaupt zu leidenschaftslos. Einige Male traf mich Inkinens abwesender Blick.

Rezension/Kritik Hilary Hahn Berlin: Frau Hahn, spielen Sie nächstes Mal ein Konzert von Schönberg, Dvorak, Prokofjew, Weill, Schuhmann, Korngold, Schostakowitsch oder meinetwegen Paganini oder schreiben Sie selbst eins, danach hören wir Sie auch wieder gerne mit Mozart.

Advertisements