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Ach, diese Neujahrstage in Berlin. Das Gehör ist halb taub, Brötchen gibt’s nur beim türkischen Bäcker, der stets gut gekleidete Herr, der gegenüber im Dritten wohnt, steht mittags um halb zwei in langer Unterhose auf dem Balkon und schüttelt die Bettdecke aus. Es regnet, es ist grau zum Verzweifeln, aber das ist in Berlin selbstverständlich.

Alles in allem also ein gelungener Start ins neue Jahr, das bestimmt viel besser wird als das vergangene, wenn auch das vergangene nicht wirklich besser war als das vorvergangene. Aber in Berlin ist man von Natur aus optimistisch, wobei man den Berliner Optimismus in den meisten anderen Landesteilen mit sicherem Urteil als tief verwurzelten Fatalismus mit einer gehörigen Portion Lust am Hässlichen entlarven würde. Aber ich will nicht um den heißen Brei herumreden. Das 2011er-Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker.

Ich war 2006 zum letzten Mal im Silvesterkonzert. Dieses Jahr war das Programm, na sagen wir gar nicht schlecht. Jewgenij Kissin, der Gott mit den dichten, klein gekräuselten Locken, den etwas wurstigen Fingern und der schmerzhaft gewellten Stirn, spielt ein hervorragendes Grieg-Klavierkonzert. Der ergreifendste Moment geschah, als Kissin im Begriff ist, seine Kadenz im 1. Satz zu beenden und plötzlich den in die Musik versponnenen, offenen, flehenden Blick Simon Rattle zuwendet, der das Orchester ein, zwei Momente später mit wunderbar kalkulierter Spontaneität einsetzen lässt.

Jewgenij Kissins haarsträubend gute Passagenfiguren, Kissins nervenzerrendes Timing, Kissins Fahrt, die unerklärliche Schönheit von Kissins Griff, seine angsteinflößende Kraft, seine mitreißende Ruhe, seine Überlegenheit, mit der er Nervösestes meistert, ohne sich noch so kleinste Unklarheiten zu gestatten, seine Achtung vor Griegs Musik machten das Konzert zu einer rundum hörenswerten Sache. Kaum hört man auch einen Pianisten, der, von 80 Philharmonikern umzingelt und keine 2 Meter neben Rattle hockend, dem Orchester gegenüber souveräner, großartiger und doch auch einfühlsamer, vielleicht sogar einsamer spielt.

Einziges Manko vielleicht: der ab und an fehlende Biss bzw. das pure Fließen bei lyrischen Stellen.

Keine Zugabe von Kissin – angesichts des vielen Schotters, den so ’n Silvesterkonzert mittlerweile kostet, hilft da nur, in den bekannten Berliner Optimismus zu verfallen, der ja nichts anderes ist als ganz banaler, dummer, hirnrissiger Fatalismus.

Die Berliner Philharmoniker spielten durchweg auf ebenbürtiger Höhe, mit viel Schwung, viel Schmiss und viel Schmackes, und das auch in Ravels Alborada, in Strauss‘ Salome-Tanz, den ich noch vom vergangenen Mai her etwas weniger schmissig im Ohr hatte, und in den spätromantischen Tänzen von Grieg, Dvorak und Brahms sowie in den Strawinsky-Stückchen aus dem Feuervogel. Stefan Dohr (Horn) mit zerreißenden, wenn auch kurzen Soli. Ehrlich gesagt, war mir Salomes Tanz etwas zu schmissig, was daran gelegen haben mag, dass Simon Rattle wahrscheinlich schon voller Vorfreude an die Raketen dachte, die er in fünf Stunden abfeuern würde. Bei diesem Tanztempo wäre sogar Angela Denoke, die Salomes Tanz immer besonders sportlich hinlegte und deren Fitnesszustand deutlich besser als der anderer Sopranistinnen sein dürfte, außer Puste gekommen.

Das Programm, wofür ich http://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/kalender/programmdetails/konzert/8586/termin/2011-12-31-18-30/ freundlichst danke:

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle  Dirigent
Jewgenij Kissin  Klavier

Antonín Dvořák
Slawischer Tanz Nr. 1 C-Dur op. 46 Nr. 1
Edvard Grieg
Symphonischer Tanz Nr. 2 A-Dur op. 64 Nr. 2
Klavierkonzert a-Moll op. 16
Maurice Ravel
Alborada del gracioso
Richard Strauss
Salomes Tanz aus der Oper Salome
Igor Strawinsky
Danse infernale, Berceuse und Finale aus L’Oiseau de feu (Der Feuervogel)
Johannes Brahms
Ungarischer Tanz Nr. 1 g-Moll

Kritik/Kritiken Silvesterkonzert Kissin Berliner Philharmoniker: war echt ne jute Sache, wa?

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