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Die zweite Late Night hatte mehr Pepp als die erste. Das lag am Programm. Heute war György Ligeti zwei Mal im Programm vertreten, was neben der Mitwirkung der versierten Musiker sowie der von Boss Simon Rattle einen Besuch zu einer sehr empfehlenswerten Sache machte. Beim zweiten Late-Night-Abend musste man auf die reizende Frau Kozena verzichten, aber niemand bezweifelte, dass auch die Damen Sarah Sun, Truike van der Poel und Herr Anzorena Guillermo unterhalten konnten.

Wenn mich nicht alles täuscht, waren Ligetis Aventures neben Mahlers Achter und Neunter vom Herbst das beste, was in dieser Saison bislang in den philharmonischen Konzerten zu hören war. Wenn jemand anderer Meinung ist, bitte aufstehen und die ersten zehn Takte aus Jonathan Harveys Weltethos pfeifen. Sarah Maria Sun (Sopran), Truike van der Poel (Mezzo) und der stämmige Guillermo Anzorena (Bariton) absolvierten ihre Parts mit bewunderungswürdigem künstlerischem Einsatz. Der unfehlbare Andreas Blau (Flöte) konnte sich dabei ein gelegentliches Grinsen nicht verkneifen. Ligeti hatte einfach den Dreh raus. Die hinreißende klangliche Präzision und die dramatische Fantasie seiner Stücke dürften seitdem kaum übertroffen worden sein. Ein Schmankerl waren auch Janusz Widzyks und Stephan Koncz‘ haarsträubend gute Aktionen auf Kontrabass bzw. Cello. Manfred Preis‚ Bassklarinette gab exakt platzierte tiefe Töne von sich, und zwar immer genau dann, wenn es am spannendsten wurde, und was Sarah Willis fortwährend für komische Dinge in ihr Horn steckte, habe ich nicht sehen können. Ligetis singuläre Kunst bildete einen angemessenen Rahmen für Unsuk Chins sieben kurze Stücke, die Sarah Maria Sun zum besten gab, sowie Berios Sequenza VIII für Geige. Ey, ihr Philharmoniker, wann gibts denn in den Otto-Normalverbraucher-Konzerten wieder Ligeti?

Simon Rattle leitete und setzte sich während Andreas Buschatz (Geige) ganz und gar heldenhafter Darbietung von Berios Sequenza VIII ins Publikum.

Wenn das nächste Mal bei den Philharmonikern eine Stelle für das Zerreißen von Zeitung in zeitgenössischen Stücken neu zu besetzen ist, bewerbe ich mich. Ich traue es mir zu, beim Zeitungzerreißen eine angemessene und vor allem professionelle Virtuosität zu entwickeln. Auch dieses Mal habe ich es nicht in die erste Reihe geschafft, obwohl ich in der Pause auf ein erfrischendes Bier verzichtete. Irgendwann wird es klappen.

Den musikalischen Nutzen des philharmonischen Wochenendes kann ich also folgendermaßen beschreiben. Wenn Sie in Zukunft die Wahl zwischen Ligeti und Elgar haben, wählen Sie Ligeti. Wenn Sie vor der Entscheidung stehen, Elgar oder zum zehnten Mal die Vierte von Bruckner zu hören, nehmen Sie Elgar. Und wenn Sie nichts mehr fürchten als in der Philharmonie seriös gelangweilt zu werden, dann sollten Sie überlegen, einem weiteren Late Night Konzert einen gut gelaunten Besuch abzustatten.

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