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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: ANNE-SOPHIE MUTTER Fauré Pelléas et Mélisande Dvorak Violinkonzert Schumann Sinfonie Nr. 2

Kurz vor den Konzerten des Musikfests hier noch ein Bericht über den Abend von Rattle & Anne-Sophie Mutter. Am Dienstag Morgen zwitschern zum ersten Mal in diesem Jahr die Vögel. Am Mittwoch gibt Anne-Sophie Mutter das erste von drei Konzerten mit den Berliner Philharmonikern.
Die Absage des kranken Seji Ozawa ist zu bedauern. Anne-Sophie Mutter widmete Ozawa das zugegebene Solostück. Ist zu bedauern, wenngleich ich nicht begierig auf die Vierte von Tschaikowsky, von Ozawa dirigiert, war. Simon Rattle übernimmt Ozawas Konzerte; er wird dank dieser drei zusätzlichen Konzerte sowie der anschließenden Konzerte einer Konzertreise die sowieso schon beeindruckende Zahl der geleiteten Abende in dieser Saison nochmals steigern. Simon Rattle dürfte damit schon jetzt neben John Lennon und Winston Churchill derjenige Engländer sein, der das Leben in Deutschland innerhalb den letzten 100 Jahren am meisten beeinflusste.

Gabriel Faurés Musik zu Pelléas et Mélisande erinnerte daran, dass um die vorletzte Jahrhundertwende feine Musik für Orchester geschrieben wurde, die ohne große Besetzung auskam. Anne-Sophie Mutter trägt ein Kleid, dessen Farbe und Muster ich nicht als Bezug meines Polstersessels akzeptieren würde. Die stilisierte, schlanke Silhouette Mutters ist Markenzeichen und Hoheitszeichen. Auf Höhe der Kniegelenke sitzt die obligatorische Riesenschleife des Kleides. Ihr Wackeln dürfte während Mutters Abgang die alten Männer in Block A und B entzückt haben. Etwas Klösterliches umgibt die Geigerin. Sobald sie das Podium betritt, spürt man, dass Konzentration und Arbeit eine wichtige Rolle im Leben der Künstlerin spielen. Gerade fällt mir ein, dass ich keines der Stücke dieses Konzertabends, der in Sachen Promi-Faktor Salzburg, Baden-Baden und den Wiener Musikvereinssaal jans locker in die Tasche steckt, zuvor hörte. Gerade deswegen freue ich mich auf den Abend.

„Holy shit! Wat issn mit Anne-Sophie los? Ick gloob, she really doesn’t like me at all. Aber jut isse, that I must say.“ // Foto: Peter Adamik / simon-rattle.de

Es gibt Leute, die die Violinkunst von Anne-Sophie Mutter uninteressant finden. Ich weiß nie so richtig, woher diese Leute ihr Wissen haben. Die oberste ästhetische Kategorie ist immer noch das Interesse, das unmittelbar geweckt wird. Punkt. Und da ist Mutter, ich winde mich etwas, es zu sagen, das Ding aller Maße. Ich muss schon mehrere euphorisierende Pillen schlucken, damit ich so richtig abgehe, wenn Baiba Skride oder Leonidas Kavakos Geige spielen. Im Laufe des Violinkonzerts sagt einem ein Gefühl, dass Rattle und Mutter nicht gut miteinander können. Man will den Eindruck bestätigt sehen. Da ist es. Mutter steht wie eine Statue da und spielt überirdisch gut. Rattle gestikuliert in Richtung erste Geigen, er dirigiert links an Mutter vorbei. Er gibt den Bratschen ein Zeichen, er dirigiert rechts an Mutter vorbei. Er will mehr Pfeffer von allen Streichern, die links sitzen, und dirigiert irgendwie durch Anne-Sophie Mutter hindurch. Plötzlich findet man die Vermutung nicht abwegig, dass Anne-Sophie Mutter, während sie konzentriert Skalen von atemberaubender Schönheit spielt, denkt: Herrgott, was fuchtelt der mir immer vor der Nase herum.

Man erinnert sich daran, wie Rattle sich vor einem Jahr während der Beethovenklavierkonzerte mehrmals so weit zur grandios spielenden Mitsuko Uchida hinunter beugte, dass man befürchtete, der Taktstock könnte sich in Uchidas Haaren verfangen, ohne dass die Zuhörer vermuten mussten, dass Uchida das nicht mag, oder wie Rattle und Uchida keine zehn Sekunden nach dem Schlussakkord aufgeregt miteinander zu plauschen begannen. So was gibt’s zwischen Anne-Sophie Mutter und Simon Rattle nicht. Undenkbar auch, dass Mutter im Künstlerzimmer herum tigert und Rattle nach dem Konzert aufgeregt in Empfang nimmt, wie das Pollini am Ende eines Programmes mit Barenboim machte, in dessen erster Hälfte Pollini das Schumann-Klavierkonzert spielte. Dennoch gelang das Dvorakkonzert. Die Berliner Philharmoniker bekommen im Finale zeitweise jenen Zustand kollektiven Fliegens hin, wo alles, nur keine Noten mehr gespielt werden (wie bei den denkwürdigen Stellen in den Finales der Sibeliussinfonien Nr. 1 und 2 im letzten Frühjahr). Stefan Dohr und Sarah Willis (Hörner) spielen den ganzen Abend über überragende Unisono-Stellen.

Anne-Sophie Mutter spielt mit heftigen Akzenten. Sie mag Schärfe (die hohen Haltetöne, mit denen ihre ersten beiden kurzen Solo-Einsätze jeweils enden, sind ästhetische Manifeste) und Klarheit (diese Klarheit in den Fortspinnungsfeldern, ach…). Sie spielt einen herrischen, konzentrierten Ton, sie ist geleitet von einem klarem Blick auf die Musik. Mag sein, dass in dieser Klarheit was Karajansches mitschwingt. Einiges spielt Mutter in einem selbstherrlich gleitenden Zeitmaß. Da wirkt das Orchester schnell etwas dümmlich-korrekt, wenn es um die eine oder andere Zehntelsekunde zu früh einsetzt (Holzbläser). Oder will Anne-Sophie Mutter Simon Rattle hier bedeuten: Bitte schön, das hast du jetzt von der verdammten Fuchtelei!? Das Ganze – Mutter plus Philharmoniker plus Rattle – zählte auf jeden Fall zu den raren Fällen, wo einem vor lauter unerklärlicher Schönheit unwillkürlich die Tränen kommen (ähnliche Fälle: das eine oder andere von Waltraud Meiers Isolde an der Staatsoper, Stellen von Nina Hoss‚ Orsini in Emilia Galotti am Deutschen Theater, einiges von Corinna Harfouchs Martha aus Wer hat Angst vor Virginia Woolf? ebenda, René Papes Gurnemanz unter dem Wagnerwunder Barenboim). Naja, Klarheit zählt auf jeden Fall nicht zu Rattles Hauptanliegen. Also, Rattle lehnt Klarheit nicht ab, wenn ganz zuletzt etwas herauskommt, das nach Klarheit aussieht.

Aber Rattle will zuerst doch wohl Dichte, Volumen, Kuddelmuddel, und zumindest von den letzten beiden Dingen hält Anne-Sophie Mutter gar nichts. Mutters Dvorakkonzert war besser als das Mendelssohnkonzert, das sie mit dem zugegebenermaßen durchschnittlichen Osloer Orchester vor zwei Jahren spielte, und kam einen Tick einleuchtender rüber als ihr gleichwohl überwältigendes Beethovenkonzert vor drei Jahren mit den Philharmonikern, das ein serviler Ozawa leitete. Ozawa mag übrigens kein Kuddelmuddel. Man wusste gar nicht, dass die Solovioline im Dvorakkonzert so viele Noten hat. Das Unnahbare, das Anne-Sophie Mutters Spiel bei den Sonatenabenden oft anhaftet, fehlte heute Abend.

Auch die ausgedehnten Partien des Adagio ma non troppos, in denen Solovioline und Holzbläser in vielerlei Kombinationen zusammenspielen, gelangen überragend. Es war fast zu viel für zwei Ohren. Andreas Blau Flöte, Albrecht Mayer Oboe, Daniele Damiano Fagott. Daishin Kashimoto Konzertmeister, Martin Löhr 1. Cellist, Amihai Grosz 1. Bratscher. Matthew McDonald 1. Kontrabass. Recht intime Besetzung: 5 Bässe, 10 Celli, 2 x 12 Geigen. Emmanuel Pahud nicht da, Pahud seit letzten Juni nicht mehr gehört. Auch Jonathan Kelly lange nicht gesehen. Ich freue mich immer, wenn ich Krzystof Polonek unter den Geigen sitzen sehe. Simon Rattle war wieder beim Friseur. Ich mag es lieber, wenn Rattle das Haar etwas länger hat. Da bewegt sich mehr. In der letzten Saison habe ich mehrmals Matthias Brandt, den (sehr guten) Fernsehschauspieler, in der Pause durchs Foyer schlendern sehen. Diese Saison nicht mehr.

Anne-Sophie Mutter Kritik/Rezension: einer der besten Abende in der Philharmonie

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