Musikfest Berlin 2011: Berliner Philharmoniker Andris Nelsons – Pfitzner Kaminski Rihm Strauss

Das philharmonische Sommerloch ist gestopft. Die Berliner Philharmoniker spielen wieder. Seit Herbst letzten Jahres, als Andris Nelsons Schostakowitschs Achte dirigierte, gehe ich zu Nelsons-Konzerten. Die Deutschdominanz des Programms, das Konzert ist Teil des Musikfests – in Festival-Deutsch „musikfest“ geschrieben –, erwies sich als durchaus durchtrieben. Der entschlossenen Anti-Moderne Pfitzners sowie Kaminskis subtiler Archaik waren nach der Pause Rihms expressiver Stilpluralismus und Strauss‘ Rosenkavaliersuite zugeordnet.

Pfitzners Vorspiel zum zweiten Palestrinaakt und Kaminskis Dorische Musik ähnelten sich vor allem in der Unsinnlichkeit der Orchesterfaktur, wobei Pfitzner noch von Rosenkavalier und Parsifal, Kaminski vom sachlichen Neobarock der Zwanziger herkommt. Kaminski operiert mit einem Bläserapparat von 2 Flöten, davon 1 Piccolo, 3 Fagotten, davon eines Kontrafagott, 2 Oboen, 2 Trompeten, 2 Hörnern. Keine Posaunen.

Kaminskis Dorische Musik – Uraufführung 1934 im schweizerischen Winterthur – entwickelt sich zwischen herben, von ostinaten Streicherteppichen getragenen Fanfaren und nacktem Blechklang. Freilich steht auch Kaminski auf vertrautem Boden. Das polyphon verarbeitete Thema des Allegro-Teils scheint genealogisch an Strauss‘ Fanfaren (Don Juan) gebunden. Das gestaltenreiche Thema des Mittelteils, zuerst von Holzbläsern, dann von Hörnern und Trompeten  vorgetragen, ist Carl Nielsens einfach-herben Melodienbildungen verpflichtet. Ein naiver Neobarock in Converto-grosso-Manier ist nicht beabsichtigt: Die drei Streichersolostimmen (Geige, Bratsche, Cello) sind weitgehend in den Orchesterklang integriert. Der Titel „Dorische Musik“ verweist auf die der Komposition zugrundeliegende dorische Tonleiter, sucht indes zugleich die assoziative Nähe zu einer antikisch-hochdüster gestimmten Tonwelt, etwa der der Elektra.

Kaminskis Werk fand in der Philharmonie reserviert, wenn auch freundliche Aufnahme. Man würde sowohl Pfitzner als auch Kaminski gerne öfter hören.

Andreas Buschatz, den stets eine Alban-Berg-hafte Schlaksigkeit auszeichnet, ist Konzertmeister. „Wer’s ’n ditte?“, fragt der Herr neben. Buschatz spielt nervöse, weiche, flammende Soli. Bevor Wolfgang Rihms Marsyas losgeht, streicht sich Rihm, im A-Block dort sitzend, durchs Haar. Rihm sitzt genau da, wo Barenboim letztes Jahr beim Boulez-Pollini-Konzert saß. Nach dem Stück eilt Rihm watschelnd, mit nach außen gedrehten Fußspitzen, aufs Podium, versucht einen Handlauf zu greifen, schafft es auch ohne das Treppchen hinauf und busselt die Solisten Gabor Tarkövi (Trompete) und Jan Schlichte (Schlagzeug) sowie Andris Nelsons strahlend ab. Jan Schlichte hat während des Konzerts den hochkonzentrierten Blick pausenlos in der Partitur, nur unterbrochen von blitzschnellen Seitenblicken auf den rechts von ihm dirigierenden Nelsons.

Nelsons bewirtschaftet den Rosenkavalier derartig energiegeladen, als hätte er vorher eine Packung Snickers gegessen. Es war so gut, dass Nelsons darüber womöglich selbst überrascht war. Neben mir sitzen zwei Frauen, die andauern kichern, weil Nelsons so unterhaltsam auf dem Podium hin und her tänzelt. Es gefielen die mit gewitztem Österreichertum operierenden Bläser, die heftigen Streicher und die Artilleriefraktion der Schlagzeuger. Dieser Rosenkavalier war energiegeladen als wäre er von Rattle, nur dass die Energie nicht ganz so subtil und vielschichtig war wie bei Rattle, sondern etwas vierschrötiger, hemdsärmeliger rüberkommt. Der letzte Aufschwung war Remmidemmi vom Feinsten.

Karajans Geist ist in der Philharmonie am gegenwärtigsten, wenn der Podiumsaufzug Flügel oder sonstiges umfangreiches Instrumentarium von unten nach oben oder umgekehrt befördert. Der viermalige Szenenapplaus, wenn das Sicherheitsgeländer hinausgefahren wird, wenn die Instrumente in der Tiefe verschwinden, wenn ein neues Instrument auf der Tiefe hinaufkommt, wenn das Sicherheitsgeländer eingefahren wird, hilft noch jede so lange Umbaupause überbrücken. Zdzislaw Polonek spielt. Wolfgang Kohly ist tatsächlich nicht mehr da.

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