Barenboim und Flimm geben verstärkten Anlass, die Staatsoper zu lieben. Nicht dass man es gegenüber der Staatsoper – vom Generalmusikdirektoren bis hin zu den Türöffnern – an Zuneigung fehlen lassen würde. Doch ich hatte vor, meine Zuneigung während der Spielzeiten im Schillertheater platonisch werden zu lassen, um sofort nach der Rückkehr Unter den Linden wieder mit der praktischen Zuneigung weiterzumachen.

Ich sagte mir: Nee, das machste nicht mit. Oper im Schillertheater? Nee. Die Eliminierung der untersten drei Preiskategorien nach dem Umzug ins Schillertheater? Schlimm. Der weite Anreiseweg ins ferne Charlottenburg? Indiskutabel. Ich sagte: Ich warte drei Jahre. Barenboim macht Walküre? Hör ich mir dann in der renovierten Staatsoper Unter den Linden an. Unter den Linden höre ich vom Rang von der Staatskapelle doppelt so viel wie im holzvertäfelten Parkett des Schillertheaters. Gehe ich halt öfters, sag ich mir, zu den Philharmonikern, und zwar nicht nur, wenn Rattle dirigiert, sondern auch wenn Haitink, ja, und sogar, wenn Thielemann dirigiert. Aber es kommt ja erstens immer anders und zweitens als man denkt.

Dann hat der Flimm mit dem Barenboim noch dieses gertenschlanke, aufregende Festival für Musiktheater der Gegenwart mit Namen Infektion auf die Beine gestellt. Nicht schlecht. Vor kurzem hörte ich Hosokawas Matzukaze und Henzes gloriose Phaedra.

Jaja, der Flimm.

Auch das Programmheft hat was. Das Saisonheft der DOB ist im Vergleich ein, optisch gesehen und banausenhaft formuliert, ranziger Schinken. Und die Berliner Philharmoniker schwören in ihrem 2011/2012er-Hefterl auf biedere Langeweile.

Der Spielplan scheint mit Bedacht ausgedünnt. Dafür steigern Flimm und Barenboim den Öchsle-Grad, was die Promis angeht.

Zuerst die Dirigenten. Einfach zum Zungeschnalzen. Es fehlt nur noch, dass Barenboim den Thielemann an die Staatsoper lotst. Also…

Barenboim dirigiert endlich einmal wieder den Figaro. Jipieeh. Ich träume schon von der Ouvertüre. Rattle, der Treueste der Treuen, dirigiert Aus einem Totenhaus. Great. Rattle dirigiert L’Etoile. Ein Freude! Metzmacher dirigiert Al Gran Sole Carico d’Amore. Sehr gut. Metzmacher dirigiert Dionysos (Rihm). Jawoll. Andris Nelsons dirigiert Madama Butterfly. Ja. Barenboim übernimmt von Gustavo Dudamel wieder den Don Giovanni. Sehr schön.

Und dann… Was soll man zu den Besetzungen sagen?

"Wer besser singt als ich, möge sich unverzüglich erheben" - Plácido Domingo an der Staatsoper Berlin // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Plácido Domingo, den alten Herzensbrecher, höre ich immer gerne (Simone Boccanegra). Anna Netrebko, die Diva mit einem Anflug von Molligkeit, ebenso (Donna Anna). Rolando Villazón ebenso (Nemorino). Anja Harteros ist immer willkommen (Simone Boccanegra). Dorothea Röschmann, eine unvergleichliche Eva in Barenboims Meistersingern, singt Gräfin und Donna Elvira, sehr schön. Edita Gruberova singt Norma. Christine Schäfer singt Violetta, Cherubino (mmhhh…), Konstanze (mmmhhhhhh…). Magdalena Kozena singt das Liedchen Je suis Lazuli (L’Etoile). René Pape singt Wotan (Rheingold, Walküre). Vesselina Kasarova und Pavol Breslik singen Graun (Montezuma). Jonas Kaufmann, der Mann mit dem Gesicht eines Apoll und der Stimme eines Gigolos, singt Liszt (mit der Staatskapelle). Anne-Sophie Mutter geigt, Hilary Hahn auch (Staatskapelle), Pollini konzertiert vier Mal bei der Staatsoper. Schade, dass Sylvia Schwartz nicht mehr zum Ensemble zählt. Sie ist jetzt in Wien. Sylvia Schwartz‘ Sophie wie sie zusammen mit Magdalena Kozenas Octavian den zweiten Rosenkavalierakt singt, sind unvergesslich.

Bei einer solchen Anhäufung von Prominenz und Renomée würde es nicht verwundern, wenn Lang Lang die Seccorezitative im Don Giovanni begleiten würde.

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