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Festtage 2008 Meistersinger Daniel Barenboim Harry Kupfer René Pape Dorothea Röschmann James Morris Katharina Kammerloher Roman Trekel Paul O’Neill Burkhard Fritz Hanno Müller-Brachmann Florian Hoffmann

Dorothea Röschmann

Dorothea Röschmann: blaue Stunde in der Staatsoper // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Barenboims Meistersinger am Sonntag, 16. 3. 2008. Festtage 2008. Zehn oder neun Jahre lang keine Meistersinger gehört – ich gestehe es. Man merkt, dass die Partitur kein diatonisches Zuckerschlecken ist, die Meistersinger fordern polyphonen Ohreneinsatz. Die Behäbigkeit der Musik ist glänzend-genial, die Behäbigkeit der Charaktere ist eine andere Sache. Doch Eva (Dorothea Röschmann) und Beckmesser, weniger der bieder-pompöse Hans Sachs, sind Genietaten Wagners. Man merkt es: Das von Wagner komisch Gedachte ist heutzutage tragisch, das von Wagner rein Intendierte komisch. Beckmesser (Roman Trekel) ist der geheime Held. Wie fühlt man mit dem tragischen „Beckmesser, keiner besser“ mit. Der dritte Akt ist der schönste und zusammenhängendste, den Wagner schrieb. Dorothea Röschmann: makelloses Eva-Porträt, Frische, Tonschönheit, dichtes und individuelles Vibrato. Hübscher dicker Zopf. Das Quintett im dritten Akt himmlisch. Röschmanns Einsatz ist lauter (also nicht phonstärker, sondern wie in ‚Süßes Dichten, laut’re Wahrheit‘) wie sonst kaum so gehört. Ihr Klimax-Halteton kommt dann überraschend laut und (man teere mich, wenn ich mich täusche) mit leicht verrutschter Tonhöhe. Aber sonst grandios.

Den Gesang fühlend aus dem romantischen Spätmittelalter des Textes entwickelt. Sie spielt entzückend. Um sie herum ist immer ein Strudel von erotischer Herzensaufregung. James Morris ist als Sachs so was wie ein pensionierter Seebär-Trampel. James Morris‘ bravouröses Forte tönt wie ein Lautsprecher, ansonsten gibt’s ein durchlöchertes Piano. Den deutschen Text lutscht James Morris wie eine lauwarme Kartoffel. James Morris: außer einer gutmütigen Quadratlatschigkeit hat er wenig für den Sachs. Was kann man aus dem Hans Sachs nicht alles machen… Ziemlich enttäuscht. Einige Buhs für James Morris. Der seine Reden („Nun schuf mich Gott zum reichen Mann; und gibt ein jeder, wie er kann…“) schönheitstrunken deklamierende René Pape ideal für Pogner. Röschmann und Pape Weltklasse. Burkhard Fritz liegt der Stolzing besser als der Parsifal. Sowohl im Quintett (3. Akt) als auch bei „Morgendlich leuchtend…“ souverän. Viele schöne Töne. Eine aktuelle Inszenierung müsste aus Stolzing und Pogner mehr Tiefe gewinnen.

Katharina Kammerloher: hochgewachsene, grüngewandete (eine wandelnde Buche) Magdalene. Hübsch, wie sie dasteht, und mit den Fingern spielt, als Beckmesser im Zweiten Akt das Ständchen singt. Harry Kupfers Inszenierung leistet genügend, um der Musik vollwertiger Gegenspieler zu sein. Die sparsam gebrauchte Drehbühne ist eine gute Leistung. Die Schlägerei ist allerdings naja. Die titelgebende Meistersinger-Riege, dieser Verein von Korinthenkackern, tut ihrer Zunft wahrhaft Ehre an. Besonders die Debilität dieses kleinen Teufels Moser (im goldenen Jabot), der wie Schopenhauer aussah, fügte interessante Punkte hinzu. Barenboim dirigierte stellenweise turbulent, spürbar rasch, locker, von ungemeiner Wirkungskraft des Erzählens. Die überwältigend verästelte Sequenzierungstechnik der Meistersinger sprach echt barenboimisch – was das Beste ist, was ihr widerfahren kann. Das Blech hatte zu Beginn zwei schwarze (weniger dramatisch ausgedrückt: zwei unkonzentrierte) Momente. Buhs für Morris, Bravos für Röschmann, Pape, Barenboim, Staatsopernorchester. Der Chor kraftvoll und mit sehr deutlich hörbaren Einzelstimmen. Kritik Meistersinger Berlin: erhebend.

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