Schlagwörter

Festtage 2008 MEISTERSINGER Daniel Barenboim Harry Kupfer René Pape Dorothea Röschmann James Morris Katharina Kammerloher Roman Trekel Paul O’Neill Burkhard Fritz Hanno Müller-Brachmann Florian Hoffmann

Meistersinger Montag, 24. 3. 2008. Und noch ein drittes Mal. Am Tag danach wünscht man sich Streicher, Hörner, Posaunen, Piano, Forte, Blumen und Bänder, Röschmann und Trekel, alle zurück. Man will Hanno Müller-Brachmann sehen, wie er, ganz Kothner, Tintenfass, Karaffe und Wasserglas auf seinem Tisch stets aufs Neue mit mathematischer Genauigkeit anordnet, wie er die Brille abnimmt, wie er sich mit einer Bewegung tiefsten Tadels umdreht, wie er vom Stuhl fliegt, als Burkhard Fritz sein „Fanget an“ herausposaunt. Und Dorothea Röschmann, die im Gleichtakt mit Katharina Kammerloher (Beginn 1. Akt) unvergleichlich zum nächstgelegenen Kirchenpfeiler hüpft, als sie einen engen Schuh vorschützt. Und Dorothea Röschmann (sang heute etwas leiser als in den vorangegangenen Aufführungen), die auf der Festwiese auf dem Thron sitzt wie die Königin von Saba bei Tiepolo. Und auch dem Sachs von James Morris konnte ich dieses Mal das eine oder andere abgewinnen. Er spielt nichts, aber auch gar nichts anderes als den lieben Onkel. Von dem „doch des Herzens süß‘ Beschwer galt es zu bezwingen“ spürest du kaum einen Schlenker der Stimme. Doch seine lockere, naive Art hatte, da sie ja schon einen Wert haben muss, auch ihren Wert.

Hanno Müller-Brachmann wartet geduldig auf seinen Einsatz // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Es hat wohl keinen Hans Sachs je gegeben, dessen Stimme so viel lächelte. Die Verwandlung zur Festwiese und alles Folgende ist musikalisch von erschütternder Pompösität (und Logik). Das innere Tohuwabohu der klanglichen Höhepunkte ist vor und nach Wagner vielleicht nie wieder so geglückt komponiert und selten so überzeugend dirigiert worden. Nicht weniger waren die Vorspiele subtil und packend. Beckmessers „Morgen ich leuchte“ (Roman Trekel) desgleichen. Wie gut sich die Meistersinger halten angesichts der herben Boshaftigkeit mancher Textstelle („Drauf zu! Den Lungrer mach‘ ich kalt!“), erstaunt einen. Barenboim fügt die Meistersinger aus dramatisch-gestischenen Einzelteilen zu einer fließenden Einheit zusammen, wie das vielleicht kein zweiter Dirigent heutzutage kann. Es packen einen die scheint’s kleinen unlogischen Stufen (oder soll man sagen: Blasen) im Zeit- und Dynamikverlauf. Die Harfenistin spielt bei Untätigkeit die Melodie auf dem Luftklavier mit. Pape und Trekel bekommen nach Barenboim die meisten Bravos. Einer buht bei Röschmann. Gott wird’s ihm verzeihen. Hanno Müller-Brachmanns Kothner: vollkommene Deckung von Stimme und Rolle. René Pape: idem. Kritik: die biedere Kompliziertheit des Falles Meistersinger wurde von Barenboim exemplarisch und authentisch gelöst. Ich wundere mich, dass es so früh ist, als ich über den Bebelplatz nach Hause schlendere und sehe, dass die Uhr, die im Sommer die Winterzeit und im Winter die Sommerzeit zeigt, auf zwanzig vor zehn steht.

Kritik Meistersinger Berlin: vorbildlich.

Werbeanzeigen