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Es regnet. Ich kann Ihnen sagen, in Berlin regnet es, was das Zeug hält. Es regnet so, wie es in Opern nie regnen würde. Selbst im Parsifal an der Staatsoper regnet es nicht so viel Gold vom Bühnenhimmel, wie in Berlin Regen vom Himmel. Man kann auch sagen, der Regen habe „Richard Wagnerische ‚Breite’“, um Richard Strauss zu zitieren. Die Luft ist so feucht, dass sich das Saisonheft der Staatsoper, das auf dem Tisch liegt, wellt. Die größte Welle verläuft von da, wo Jonas Kaufmann steht, nach da, wo der blaue Abendhimmel über dem Schillertheater zu sehen ist. Ich lege das Saisonheft unter das Saisonbuch der Deutschen Oper und beschwere alles mit der Sammlung meiner Konzertkarten der letzten fünf Jahre, um das Saisonheft wieder gerade zu bekommen.

Gerade überlege ich, welche Konzerte der letzten Jahre so eindrucksvoll waren, dass ich von Zeit zu Zeit unwillkürlich an sie denke, wenn ich am Landwehrkanal entlang gehe oder in einer Schlange vor der Kasse im Edeka an der Hasenheide stehe.

September 2006. Simon Rattle dirigiert Agon von Strawinsky und Beethoven 5. Sinfonie. Mit Agon zeigte Rattle, wie äußerste Klarheit und durchsichtige Komplexität zu verbinden sind, Musik die zugleich konkret ist und etwas, das nur im Reich der Geister existiert. Die Fünfte besaß eine Höhe und eine Tiefe, die kaum von etwas anderem erreicht wurde, was ich bislang hörte. Celli und Bässe ein Fafner- und Fasolt-gleiches Lostrampeln, die Bläser ein aggressiver Krähenschwarm, das Orchester eine pulsierender Supernova, Beethovens Fünfte ist so komplex und atemlos wie manches bei Schumann und so unendlich wie bester Wagner. Wenn ich den Eindruck beschreibe sollte, der sich unwillkürlich einstellt, wenn ich an diese Fünfte Sinfonie, von Simon Rattle in jenem September dirigiert, denke, dann würde ich sagen, ich läge in einer Steppe unter der Erde begraben und plötzlich galoppierten eine endlose Zahl Pferde direkt über mir her, deren Hufe die Erde unter ihnen und über mir zu einem gewaltigen, versöhnlichen Dröhnen brächten. Jetzt aber wieder zu den Tatsachen zurück.

Oktober oder November 2007. Simon Rattle mit der Neunten von Mahler. Die Berliner Philharmoniker bekommen eine Intensität hin, die etwas Bodenloses hat. Das war so was Exaktes, das plötzlich nicht mehr exakt, sondern grenzenlos ist. Simon Rattle will immer alles, er ging mit der Neunten aufs Ganze. Dann sind da noch einige Stellen aus den Konzerten mit den Brahmssinfonien im Oktober 2008.

Schlenzt: Albercht Mayer // Foto: Mat Hennek / albrechtmayer.com

Zu Anfang des Jahres gelangen innerhalb einer Woche zwei denkwürdige Konzerte. Das Dvorak-Violinkonzert vom Januar 2011 mit Anne-Sophie Mutter und Simon Rattle, bei dem man ständig den Eindruck hatte, dass die beiden sich nicht riechen können, denen aber die schönste, sprechendste, reichste, aufrichtigste Darstellung eines Violinkonzerts gelang. Kurz darauf dann die Dritte von Mahler mit infernalischem Posaunensolo (Gössling?) im ersten Satz und einem standfesten Fern-Trompetensolo von Velenczei. Albrecht Mayers Oboenschlenzer im vierten Satz waren für sich schon den Besuch wert. Die Berliner Philharmoniker sind großartig im Leisen und in der riesenhaften Lautstärke, die Einsätze der Musiker überflügeln regelmäßig die Fantasie, so etwa die der zwei Hörner im dritten Satz.

Kiek ma, die Berliner Philharmoniker haben die Meisterschaft der Berliner Orchestermusikerfussballmanschaften gewonnen. Es gab einen Beitrag im Musikjournal des Deutschlandradios. Simon Rattle kann  man sich als Messi-ähnlichen Flitzer vorstellen. Spielt Madeleine Caruzzo eigentlich Angriff oder Viererkette? Das wäre ein Thema für das nächste Programmheft. Und damit zur zweitschönsten Sache der Welt, den Mahlerzylken. Und insbesondere zum Mahler-Zyklus von Simon Rattle in der Berliner Philharmonie. Wat jipptet hier zu sagen? Die Erste hat mir vor vielen Jahren (man war jünger, bzw. jung) besser gefallen, heuer gefiel sie mir eher schlechter. Die ersten Sätze überraschten mich dadurch, dass sie langweilten, und beim letzten war es für eine positive Haltung der Sinfonie gegenüber zu spät. Wenn ich ehrlich bin, so gefielen mir die vor der Ersten gespielten Sinfonischen Tänze von Rachmaninow auch nicht sonderlich, obwohl das eigentlich ganz gute Musik war.

Die Zweite ist eine der anstrengendsten von Mahler. Oh Gott. In der Zweiten wechseln Hitze und Sturm pausenlos einander ab, man konnte sich eine sehr genaue Vorstellung davon machen, was für ein anstrengender Zeitgenosse Mahler sein konnte, wenn er es darauf anlegte. Ich wette, in der Zweiten legte Mahler es darauf an, besonders anstrengend zu sein. Diese Musik ist nicht nur dazu da, anzustrengen, das wäre Mahler zu einfach gewesen, nein, sie ist auch dazu da, einen zu überfordern, und zwar systematisch. Nach der Zweiten fühlt man sich wie nach einem Verhör bei der Stasi. Die Beine schlottern, man weiß nicht mehr, was wahr und was falsch ist und man braucht dringend einen Schnaps. Wenn da nicht diese schlechterdings genialen Stellen wären, die sich anfühlen wie Eiger Nordwand.

Die Mahler-Dritte gelang makellos. Es war eine der beeindruckendsten Abende, sie waren besser als Abbados Konzerte im Mai. Die Vierte, ich weiß nich. Nach der Dritten wirkte sie wie Knäckebrot. Da konnte Christine Schäfer noch so schön singen. Eine der Merkwürdigkeiten des bisherigen Mahlerzyklus‘ ist die Erkenntnis, dass die etwas herkömmlicheren Formen der Fünften und der Sechsten weniger zu tragen schienen. Die Kontrabässe bei der Mahler-Sechsten: Hundingsche Ruppigkeit. Der Regen hört auf. Bis später.

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