Festtage 2010. Pollinis Chopin bewegt sich stets auf dem Grat, auf dessen linker Seite der Klassizismus und auf dessen rechter Seite der aggressive Röntgenblick drohen. Ich fand die Nocturnes im Januar besser. Debussys beschreibender Impressionismus (Auswahl aus Préludes) ist, ehrlich gesagt, nicht ganz meine Sache, hier liegt der Fall vor, dass man gegen seinen Willen zum Träumen gezwungen wird, auf eine charmante Weise zwar, aber ich merke bei diesem Anlass doch stets aufs Neue, dass mich versunkene Kathedralen noch weniger interessieren als der Drache im Siegfried. Die Zweite Sonate von Pierre Boulez war der Höhepunkt. Ich habe selten komplexere und kraftvollere Klaviermusik gehört. Auf einmal sehe ich in der vorletzten Reihe von Block A jemanden, der die Notations in der Partitur mitliest. Jessas, wer macht so was denn? Es ist Daniel Barenboim. Er liest unorthodox, blättert vor und wieder zurück. Erst beim Schlussapplaus bemerkt man Boulez zwei Reihen davor. Als Boulez, kurz vor dem 85. stehend, sich aus dem Sitz erheben will und es im ersten Anlauf nicht schafft, springt Barenboim auf und hilft Boulez auf die Beine. Es ist rührend, zwei so gut erzogene, scheue und zutiefst höfliche Menschen wie Pollini und Boulez zusammen auf der Bühne stehen sehen und sich gegenseitig beklatschen zu sehen. Unter diesen Umständen war eine Zugabe kein nicht geplant und nicht erwartet.

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