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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Berg Drei Orchesterstücke Mahler Sinfonie Nr. 6

Herr Rattle im schwarzen Mantel vor preußischer Ideallandschaft // Foto: Mike Owen / simon-rattle.de

Die wichtigste Frage lautete: Spielen sie das Andante moderato an zweiter oder dritter Stelle? An zweiter. Es wiegt leichter als der erste Satz. Dieses Andante wird erst im bewegteren letzten Teil richtig interessant. Der erste Satz der Sechsten war eine der großen Leistungen des Orchesters und des Dirigenten. Die Sechste von Mahler zeigt jedes Orchester am Rand des Nervenzusammenbruchs – wenn nicht, wird etwas falsch gemacht. „Das war mir gegen Ende zu schrill“, sagt eine elegante Mittfünfzigerin, die Treppe hinabsteigend und sich zu ihrer Freundin umwendend. Die Wucht der Kontrabässe ist enorm, ich spüre, wie ihr Druck in die Magengrube boxt.

Die Viersätzigkeit der Sechsten wirkt stets als Klassizismus. Die vielsätzigeren Sinfonien Nr. 2 und 3 vom Herbst wirkten organischer. Im ersten Satz der Sinfonie Nr. 6 erklingen die Kuhglocken von außerhalb, im zweiten und vierten aus dem Orchester. Sind die Kühe vom Andante an unter uns? Das Finale macht mich immer noch perplex, am anstrengendsten sind jene Partien, wo auf Teufel komm raus durchgeführt wird. Der Holzhammer wird interessanterweise im Laufe des Abends von zwei unterschiedlichen Musikern gespielt. Ich mag den Holzhammer besonders, wenn man auch beifügen muss, das seine Bedeutung in jeder Konzerteinführung übertrieben wird. Der Hammer ist das einzige Instrument, das ich halbwegs beherrschen würde, ohne schon vor der eigentlichen Tonproduktion durch groteske Unkenntnis des Instruments aufzufallen.

Die Sechste von Gustav Mahler ist die Sinfonie der verkannten Instrumente. Es gibt schöne Basstubastellen: die punktierten Stellen in der Einleitung zum Finale (Alexander von Puttkammer). Es gibt Kontrafagott- (nein, Marion Reinhard war es nicht, wo ist sie eigentlich?) und ergreifende Bassklarinettestellen (Manfred Preis, krebsroter Kopf), einzelne Englischhornstellen (Dominik Wollenweber). Daneben höre ich hübsche Hornsoli (Stefan Dohr) – der Vorsprung an Freiheit und Präzision gegenüber den anderen Hornisten ist schon immer wieder erstaunlich – und ansonsten das übliche hochkarätige Holz. Hervorragend sind die mit äußerster Schärfe durchs Tutti hindurch stechenden hohen Geigen. Die Glissandi und Dämpferstellen der Sechsten (Finale) fand ich nie so ganz toll, so auch heute nicht. Die aufwärts geschlenzten Streicherglissandi, ich muss den Ausdruck benutzen, eierten. Die Wiener können das bestimmt beiläufig-tiefsinniger. Doch das waren nur Petitessen. Es gab geniale fff-Pizzicati der Geigen. Ich dachte immer, es gebe drei Hammerschläge im Finale, es gab aber nur zwei. Die Celesta höre ich nur im Finale an zwei Stellen. Ich muss immer wieder ins Orchester schauen, weil Instrumente ungewohnt klingen. Die hohe Klarinette (Wenzel Fuchs) kann nach Flöte klingen, die Choralstellen der Hörner über Streicherpizzicati klingen astrein nach Posaune. Einmal hätte ich schwören können, Trompeten zu hören, aber ich schaue durchs Orchester und es spielen nur die extrem hohen Streicher.

Wolfgang Schäuble sitzt mit Frau oberhalb von Block A links. Frau Schäuble sitzt auf einem Stuhl neben ihrem Mann. Ein türkischer Hühne, der so aussieht, als halte er Mahler für einen Maler, hält sich dezent im Schatten.

Rattle treibt Mahlers Musik in den Ecksätzen zur Selbstentgrenzung, Intensität in extenso. Kraft und Wucht wie auch die Intensität im Leisen überwältigen. Ein Blick zu den Kontrabässen zeigt, dass Matthew MacDonald und Esko Laine anwesend sind; Wolfgang Kohly (gebräunter Schädel zwischen schneeweißen Schäfchenwolken) ist auch da.

Bergs instruktive Orchesterstücke wirken Seite an Seite mit Mahlers Theatralik geradezu klassisch. Das dritte der Orchesterstücke ist eine Pracht. Zdzislaw Polonek ist da. Guy Braunstein war beim Friseur, Braunstein verlangt wieder einmal einen neuen Stuhl vor dem Konzert und bedankt sich dieses Mal mit Handschlag beim Stuhlbringer, wofür es Szenenapplaus gibt. Stefan Dohr will auch einen neuen, seiner ist zu klein. Er gestikuliert verärgert, hält den Stuhl in die Höhe. Da kommt Braunstein schon, Applaus. Dohr sieht, dass das nichts mehr wird, und winkt ab.

Neulich musste ich laut lachen. Am Tag nach dem Rattle-Konzert spielt das RSO Berlin die konzertanten Meistersinger in der Philharmonie. Matti Salminen singt – den Nachtwächter. Diesen Coup können die Philharmoniker nur übertrumpfen, wenn sie Anne-Sophie Mutter einmal für die zweiten Geigen engagieren.

Kritik Simon Rattle / Besprechung Berliner Philharmoniker

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