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Konzertbericht Musikfest Berlin 08. Ein spannendes Konzert. Was bleibt hängen? Die aus schierer Sensibilität nuschelnden Streicher des London Symphony Orchestra bei mehrsträngigen Streicherpassagen. Bei Bruckner das enorm rasche Tempo, was zu einem überraschenden Schwung führte. Sehr gute Trompetenbatterie. Sehr gutes Solohorn im Bruckner-Scherzo mit aberwitzigem Wechsel von Forte zu Piano auf kleinstem Raum. Fassung von 1874. Der Einstieg in den Kopfsatz ist beim LSO so rasch, dass man es zuerst nicht glaubt. Die Quarten- und Quintenzüge der Hörner des Themas gelangen unglaublich rein. Die beeindruckende Raschheit des Orchesters fügt der Interpretation im ersten Satz eine Prise Mendelssohn-Bartholdy, wenn nicht gar einen Haydnschen Schwung, hinzu. Das zweite Thema tänzelt – ja, grüß di Gott.

In der Durchführung wurde ein Durcheinander durchgeführt, das zwar planlos aber überzeugend klang. Wenn die Streicher nur a bissl mehr Temperament hätten. Nuscheln tun sie grandios souverän, im stimmteilenden Verbund (Tremoli, Figurationen, kleine Gesten) waren sie wie gesagt hinreißend. Man konnte nicht anders als grinsen, so gut waren sie. Doch das Streicher-Unisono lässt Temperament vermissen. Flöten, Klarinettten, Oboen sind höflich gesprochen der unauffälligste Teil des London Symphony Orchestra.

Dennoch hat man selten so viele hinreißende Orchestercrescendi in einem Satz gehört, die ganz und gar gelangen. Der zweite Satz misslang. Entweder lässt sich das Andante in dem angeschlagenen Tempo nicht machen, oder den Streichern fehlt Intensität. Wahrscheinlich ist, dass beides zutrifft. Das Andante spielte Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern im Vergleich zum LSO wie von einem anderen Stern. Das Scherzo war eine Weltklasseleistung des schwarzhaarigen Solohornisten. Die zweizeilige Hornformel kommt bestimmt zwanzig Mal. Das Allegro klang unter Harding nach einem symphonischen Potpourri. Für Daniel Harding ist eine Generalpause etwas, in der es gerade still ist, sonst nichts. Danach geht es wieder volle Pulle los. Rattle und Barenboim haben da andere Mittel und Wege.

Daniel Harding ist ein schlaksiger Blondschopf. Harding dreht bei wirkungsvollen Einsätzen des Orchesters den ganzen Körper samt ausgestreckter Hand in einer Halbkreisbewegung über die Köpfe der Violinen hinweg bis zu den Bässen. So wie Jansons es macht, wenn er gut gelaunt ist.
Vor der Pause das an diesem Abend etwas blasse Livre pour Cordes von Pierre Boulez. Unter energischeren Streichern wäre mehr zu holen gewesen. Sowie Olivier Messiaens Poèmes pour Mi, in denen die Streicher ohrenverdrehend weich spielten. Sally Matthews sang.
Fazit: herzlicher Applaus. Das beste waren die Crescendi und die Coda-Stretti. Das Blech spielte vollendet kultiviert und zurückhaltend, ohne angespanntem Bizeps. Daniel Harding dirigierte einen souveränen, nervösen, gut gelaunten, biegsamen, wechselhaften, ähm… englischen Bruckner, eine sensibilisierte, federnde, stürmische Vierte.

Rezension/Kritik Daniel Harding: belebend

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