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Die Saison tröpfelt, da bringen die Philharmoniker das neue Programm heraus. Ein bisschen spät zwar, aber da es für viele Berliner zur beliebtesten Sommerlektüre zählt, ist man froh, wenn man das Ding endlich in den Händen hält.

Was sagt uns das Programm für die Saison 2011/12? Es ruft Stirnrunzeln hervor. Es gibt wenig Neues und viel Altes. Mahler Neunte mit Rattle, Lied der Erde mit Rattle, Bruckner Neunte mit Rattle, Mahler-Zweite mit Rattle, Bruckner Achte und Mahler Erste mit Mehta, Bruckner Vierte (Thielemann), Beethoven Fünfte und Dritte, Rachmaninows Symphonische Tänze, Brahms‘ Violinkonzert, von Prokofjew wieder die Fünfte (Luisotti) – das gab es so oder sehr ähnlich in den letzten drei, vier, fünf Jahren schon einmal. Niemand soll behaupten, ich ginge nicht gerne in eine Bruckner-Neunte, aber aufs Ganze gesehen wirkt eine solche Anhäufung von Repertoire-Elefanten so inspirierend wie ein Pensionärs-Viertel in Hamburg-Altona. Zu allem Überfluss dirigiert Jansons Dvoraks – richtig, Dvoraks Neunte. Na dat kann ja wat werden.

Sexy Namen gibt es en masse, wie Jenö Hubay, Poulenc, Heinrich Kaminski, Lachenmann, von Einem, Rihm, Thomas Tallis oder Antonio Lotti beweisen. Aber die gute Fee des Saisonprogramms unterließ es, mit diesen Namen aufregende Schneisen ins Philharmoniker-Programm zu schlagen. Selbst Luciano Berio, der mit vielen wichtigen Stücken vertreten sein wird, muss mit ständig wechselnden Partnern von Debussy bis Mendelssohn vorliebnehmen. Die Pärchen Beethoven-Sibelius, Webern-Beethoven oder Zimmermann- Schumann der vergangenen Jahre hatten mehr programmatische Schlagkraft.

Mal ehrlich, das 1890er Jahrzehnt als inhaltliche Klammer lockt auch kaum einen hinterm Ofen hervor. Wenn es wenigstens das 1970er oder 1690er Jahrzehnt gewesen wäre… Im Mahlerjahr kommt sowieso 30% des Spielplans aus den 1890ern. Was hilft’s? Auch das Saisonheft ist eine ästhetische Banalität, Herr Martin Hofmann, schaunse Mal, was der Jürgen Flimm für die Staatsoper fürn Augenschmaus zusammengeschustert hat. Auf den Schumann mit Rattle und Abbado bereite ich schon jetzt meine Nerven vor. Fauré Requiem (Rattle) interessiert mich nicht, Britisches (Elgar, Walton) ehrlich gesagt auch nicht. Tschaikowsky dirigiert von Thielemann und Ozawa halte ich auch nicht für eine hundertprozentig koschere Sache. Dass der Thielemann überhaupt Tschaikowsky-Eier legen kann – wusste ich gar nichts von. Thielemann kommt zu Tschaikowsky wahrscheinlich wie die Jungfrau zum Kind. Thielemanns Tschaikowsky dürfte wie Rostbraten mit einem Schuss Dior klingen, da gehe ich jede Wette ein. Strauss ist bei den Jungspunden Nelsons und Dudamel in vermutlich guten Händen. Beethoven dürfte sich auf Harnoncourt freuen (Fünfte und C-Dur-Messe), ob Beethoven sich auch auf Mehta (Dritte) und Blomstedt (Missa Solemnis) freut, lasse ich mal dahingestellt. Aber insgesamt zeigt das Saisonprogramm viel Tröpfeln und wenig Stringenz. Intelligente Programme sind Mahler 9 plus Lachenmann (Rattle), Mahler 8 plus Tallis/Lotti (Rattle) und Andris Nelsons‘ Abend mit Pfitzner, Kaminski, Rihm und Strauss sowie die blitzblanken Programme der Veranstaltungen mit Berio und anderem Modernen im Kammermusiksaal oder um 22.30 in der Philharmonie.

Hört Wolfgang Kohly auf? Das ist das erste Programmheft ohne Kohly, das ich kenne. Herr Kohly, ich habe mich immer ein Stückchen heimischer in der Philharmonie gefühlt, wenn Ihre weißen Haarecken in der Bassistenreihe zu sehen waren.

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