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Eine 75-jährige trägt blaue Ballerinas. Ein Sechziger trägt Strawinsky-Bart, knapper Wuchs, direkt über der Lippe beschnitten. Ein Mann vor mir prüft jedes Mal den Hosenschlitz, bevor er sich setzt. Tatsächlich tragen junge Damen Streifen. In der Gala wird behauptet, das wäre diese Saison so. Thomas Hampson sieht blendend wie immer aus. Renée Fleming trägt ein Kleid, das aus vielen Quadratmeter Stoff bestehen muss. Mir dämmert, dass die voluminösen Schleppen Ärmelfortsätze sind. Ich wette, dass Frau Fleming eine Einweisung darin bekommen hat, wie man in dem Kleid geht. Hampson und Thielemann halten beim Ab- und Auftritt Abstand zu Fleming, sowohl aus Respekt vor dem Kleid als auch aus Respekt vor Fleming.

Thielemanns Scheitel reicht bis auf den Hinterkopf. Frack. Es ist schönes Wetter. Der Berliner Frühling ist endlich das, was man auch in Süddeutschland einen Frühling nennt. Thielemann stellt die Bässe links hin und setzt erste Geigen und Celli davor. Zweite Geigen sitzen rechts, Bratschen zwischen Zweiten und Bratschen. Marie Langlamet sitzt dahinter. Seit dem Mahler-Adagietto überhöre ich die Harfe nicht mehr.

Thomas Hampson Bariton

Immer gut gelaunt: Bariton Thomas Hampson / Foto: flickr.com

Den Abend umweht Galakonzertaura. Applaus nach jedem Strausslied. Das muss nicht sein. Die von Programm und Solistenwahl suggerierte Kulinarik erhält durch den leicht snobistischen Einschlag, den Thielemann der Programmauswahl offenbar gab (Festmusik, nicht Heldenleben, Präludium, nicht Don Juan, Arabella, nicht Rosenkavalier), ein Gegengewicht.

Thomas Hampson macht im deutschen Orchesterlied-Repertoire eine schlechtere Figur als die wunderbar souveräne Fleming.

Von Thomas Hampson hört man eine große Bartionstimme mit weicher Textur, männlich-wolligem Timbre und mäanderndem, doch nicht unangenehmen Vibrato. Tonhöhen werden nicht immer sofort präzis getroffen. Hampsons bewundernswert energische Vokalgesten nehmen die Sentimentalitäten, die für Heutige harter Tobak sind, etwa im langatmigen „Hymnus“ oder im opernhaften „Notturno“, zu ernst. Das führt zusammen mit geringer Klangvariabilität zu pauschaler Textausdeutung. In punkto exquisiter Linienführung ist Fleming Hampson um mehrere Nasenlängen voraus. Besser zurecht kommt Hampson mit den Ausschnitten aus dem dritten Arabella-Akt („Sie woll’n mich heiraten“, „Und du wirst mein Gebieter sein“).

Renée Fleming Sopran.GIF

Blondschopf vor Kachelwand: Renée Fleming fordert zum Sichgehenlassen auf / Foto: reneefleming.com/photos

Leichter hat es Fleming. Sie beginnt mit Bierbaums kurzem, schönem „Traum durch die Dämmerung“. Sofort ist es klar. Renée Fleming verfügt über eine der schönsten und professionellsten Sopranstimmen der Gegenwart. Ihre nicht zu große, aber vorzüglich fokussierte Stimme bietet jede Menge Attraktionen. Das Vibrato ist kontrolliert. Der Klang ist nobel und reich, er blüht in der Höhe auf, ohne an Konzentration zu verlieren, und verliert bei flutenden Pianissimi weder Konsistenz noch Kraft. Flemings Sopran ist dynamisch schier unendlich variabel. Spitzentöne leuchten. Die Register sind gut verblendet.

In New York gilt Fleming als Stratogeschöpf mit A-Promi-Status.

Für den neoromantisch-neoklassischen „Gesang einer Apollopriesterin“ – das Gedicht gehört zur George-Nachfolge – hat Fleming den Atem und die Übersicht, um die schwelgerischen Bögen der Melodik zu spannen.

Die wohlige Sicherheit, die sich im Zuhörer verbreitet, sobald Frau Fleming zu singen beginnt, rührt nicht zum wenigsten daher, dass dieser Sopran wie ein perfekt erzogener Luxusrassehund bis aufs i-Tüpfelchen genau das macht, was die Besitzerin von ihm fordert.

Typisch US-amerikanisch, dass E’s und Ä’s („bückän“) den Eindruck machen, als würden vorne sie im Zahnraum produziert, die A’s, als würden sie in der hintersten Kehle hervorgebracht.

Hampsons und Flemings Singen verrät einen schönheitlichen Ansatz. Würde man beide Künstler mit der Beobachtung konfrontieren, ihre Darbietung entbehre jeder Deutung, so wären sie erstaunt. Für europäische Ohren zeichnen Fleming und Hampson indes jene vokalen Gesten nach, die eine jahrzehntelange Interpretationslinie für die Strausslieder etabliert hat und die mit Begriffen wie luxurierende Sinnlichkeit oder Fin de Siècle-Idealismus zu umschreiben wären.

Thielemann liefert opulenten Klang.

Festmusik und Präludium sind Posaunenpracht- und Streicherschönheits-Strauss, insofern hätte der Konzertabend in der Philharmonie auch Glenn Gould ausgesprochen gut gefallen. Die Festmusik wurde erstmals bei jener Veranstaltung gegeben, auf der österreichische Bürger fünf Jahre den 1938er-Anschluss feierten.

Hartnäckiges Klatschen nach geleertem Podium ruft Thielemann und die beiden Solisten nicht zurück.

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