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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: EMILY MAGEE STIG ANDERSEN HANNA SCHWARZ PAVOL BRESLIK IAIN PATERSON RINAT SHAHAM etc. Strauss Salomé

Die Uhr auf dem Potsdamer Platz steht schon seit Monaten auf 1 Uhr 12 Minuten. Ist das Berliner Kunst oder ist das Berliner Gleichgültigkeit? Könnten die Philharmoniker nicht eine Patenschaft für diese Uhr übernehmen? Und damit zum heutigen Konzert. Konzertant aufgeführten Opern verhalte ich mich in der Regel so, wie der Berliner Senat sich der Uhr auf dem Potsdamer Platz gegenüber verhält. Aber Salomé, Strauss‘ Zweistünder, geht schon in Ordnung. Es ist immer das gleiche. Eine konzertante Oper mit den Berliner Philharmonikern unter Rattle zu hören hat immer was von Partiturlesen – frei nach dem Motto: Rattle steckt Salomé in die Kernspinto und guckt, was in ihrem Kopf drin ist. So auch heute. Ich habe Sachen in dieser Salomé gehört, von denen ich bislang nicht den Hauch einer Ahnung hatte, ja, ich habe sogar Instrumente gehört, die ich nie in einer Salomé vermutet hatte. Die Philharmoniker spielen infernalische Forte Fortissimos und bezaubernde Schlagzeugeinsätze. Rattles Salomé schnuppert schon nach Schönberg. Man bekommt es dick aufs Brot geschmiert, dass Salomé zu den raren Beispielen jener äußersten ästhetischen Empfindlichkeit zählt, die um 1900 state of the art war. Beim 1911er Rosenkavalier herrschen dann schon wieder Verdickung, Zähigkeit, Nutella. Um den Eindruck abschließend zusammenzufassen, sage ich, dass diese Salomé zu hören in etwa so ist, wie ein Bild von Van Gogh mit dem Mikroskop zu betrachten.

Emily Magees (Salome) gesegnete Stimmkraft kann bei aller Durchschlagskraft nicht darüber hinwegtäuschen, dass die genaue Ausdeutung des Textes nicht ihr Ding ist. Magee klingt hochdramatisch, sobald sie nur in die Nähe eines Mezzoforte kommt. Ihr mächtiger Thorax ist eben nicht der einer neugierigen jugendlichen Prinzessin. Und leider Gottes hat sie eine sehr gute, aber eben keine nervöse, neugierige, jugendliche Stimme. Die nicht komplett durchpsychologisierten Frauenfiguren Wagners oder etwa Arabella dürften ihrer Stimmer doch eher liegen. Meine Lieblinge waren Pavol Breslik („Wie schön ist die Prinzessin Salomé heute abend“) aufgrund der puren Schönheit der schlanken Stimme und Hanna Schwarz, die mit charakteristischem Alt „Lasst uns wieder hineingehen“ orgelte. Hanna Schwarz hält das Notenblatt ungelesen in der Rechten und haut weit zurück gebeugt „Meine Tochter hat recht getan“ raus. Das ist so eindrucksvoll, dass ich unwillkürlich grinsen muss. Stig Andersen (Herodes) sitzt mitunter auf seinem Stuhl und sieht minutenlang Rattle, der eineinhalb Meter vor ihm heftig herumfuchtelt, sozusagen von schräg unten beim Dirigieren zu. Dann schaut er mal wieder Emily Magee beim Singen oder Guy Braunstein beim Geigen zu, aber am interessantesten findet er doch Rattle. Reiner Goldberg macht den Herodes in der Staatsoper aber interessanter.

Zu Simon Rattles Dirigat kann ich wenig  sagen, so sehr unterschied sich der Eindruck dieser Konzert-Salomé von den Opern-Salomés, die ich bislang hörte. Anders ausgedrückt: Dit is ditte, und dit is ditte, wie mir ein Handwerker letztens erklärte (es ging nicht um Richard Strauss). Simon Rattle, ein kleiner Gruß übrigens zwischendurch, leuchtet die Partitur bis in den Nanobereich aus. Ich höre das böse Funkeln der Musik.

Als ein Teil der Sänger beim Schlussapplaus nicht aus dem Künstlerzimmer rechts kommt, rennt Rattle hin und taucht erst nach zehn Sekunden ohne Sänger wieder auf, sich entschuldigend und fröhlich mit den Achseln zuckend. Sowohl den ersten Oboisten als auch den ersten Flötisten habe ich noch nie gesehen.

Kritik Berliner Philharmoniker Salome: Juti

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