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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: ANKE HERRMANN NATHALIE STUTZMANN DAMEN DES RUNDFUNKCHORS BERLIN KNABEN DES STAATS- UND DOMCHORES BERLIN Brahms Es tönt ein voller Harfenklang Hugo Wolf Elfenlied Mahler Sinfonie Nr. 3

Eine satte Portion Locken bei der Arbeit. Der Stab mustergültig bewegt, die Linke schwebend, konzentrierter Blick. / Foto: Peter Adamik / simon-rattle.de

Und schwupps, schon ist man bei der Dritten. Es ist warm wie im März, obwohl es erst seit kurzem Februar ist. In der Dritten macht Mahler alles das, was er nicht hätte tun dürfen. Er kennt keine Grenzen bei der Überlänge, er ist noch kindischer als in der Zweiten. Aber das Gefühl für Abläufe ist wahrscheinlich untrüglich geworden, so weit ich das beurteilen kann. Die Form pfeift auf die Konvention, das ist das Befreiende. Die Zeit belebt sich von selbst, fast ohne Sonatenhauptsatzform. Die ganz freien Kombinationen von Klängen, die Mahler einsetzt ist, sind atemberaubend. Die Phase, in der ich Radek Baborák nachtrauerte, ist vorbei. Stefan Dohr spielt halt anders. Heute habe ich mit höchster Zufriedenheit Stefan Dohr zugehört. Baborák hatte Eleganz, Stefan Dohr hat Wärme. Beginn mit acht Hörnern.

Im Gegensatz zur Zweiten, bei der Wackler des Blechs häufig waren, lief es in der Dritten wie am Schnürchen. Dann kommt die Soloposaune. Der erste Satz ist fast ein Posaunenkonzert. Die Posaune klingt wie von Ennio Morricone. Dann kommt der Trommelwirbel. Stille, nur der Trommelwirbel, dann die acht Hörner – Reprise? Wieder Posaunensolo, diesmal mit dieser Steine erweichenden hohen Stelle. Mit welcher Sorgfalt zwei Schlagzeuger damit bemüht sind, die Becken lautlos abzulegen.

Die traumwandlerische Souveränität, mit der Mahler die riesige Zeitstrecke füllt, erinnert an Tristan und Isolde. Der dritte Satz ist fast ein Trompetenkonzert, für unsichtbare Trompete (Tamás Velenczei). Im letzten Satz ist plötzlich die Erinnerung an den Schlusssatz der gigantischen Mahler-Neunten von 2007 da. Nathalie Stutzmanns Alt zeigt unbeirrbare Tiefe, ihr Dekolleté ebenfalls.

Albrecht Mayer (absolut reiner & sauberer Ton, jeder der vier mal drei Schlenzer im „Oh, Mensch“ total anders gespielt), Andreas Blau (wenig solo, nur drei Mal im letzten Satz), Daniele Damiano (kein Solo?!), Gabor Tarkövi und Tamás Velenczei (Fernsolo, steht im weißen Kittel beim Schlussapplaus neben Rattle, lupft die Trompete kurz). Guy Braunstein und Daishin Kashimoto Konzertmeister. Bässe: Sowohl Matthew McDonald als auch Janne Saksala sind da. Eine Frau an den Bässen, ganz links erste Reihe. Ausgedehnte Violinsoli in symphonischen Werken finde ich nie gut, aber heute hat es gepasst (Guy Braunstein). Wer hat mit dieser Marotte eigentlich angefangen? Bestimmt Berlioz, und wenn der nicht, dann Liszt. Oder doch Schumann? So langsam lerne ich Andreas Blau schätzen. Emmanuel Pahuds Süffigkeit und luxuriöses Vibrato sind schon was zum Verlieben, aber Andreas Blaus makelloses Spiel ist auch nicht ohne.

In den Binnensätzen hört man den einen oder anderen Anklang an die Blumenmädchenszene und dritten Akt aus Parsifal.

Rattles Programme sind besser. Heute spielen sie kurze, ungekannte Chorstücke von Brahms und Wolf vor der Dritten von Mahler. Sehr gut. Genial waren Schönbergs Überlebender und attacca Mahler 2. im Herbst. Lobenswert ist auch Igors Apollon plus Mahler 4 in zwei Wochen, und bei Purcell plus Mahler 5. flippe ich richtig aus. Bei der Paarung Berg Orchesterstücke und Mahler 6. fehlt mir der Kontrast, aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren, vor allem bin ich begierig auf die Stücke, dirigiert von Rattle. Ein Himmel aus Wiener Spitzen ist die Kombi Kammersymphonie von Schönberg und Mahler 7 (nächste Saison). Bei Tallis & Lotti plus Mahler 8. bin ich sowieso aus dem Häuschen und auch Mahler 9. plus Lachenmann ist eine Sünde wert. Ich war ja schon immer für einen Purcell-Zyklus mit den Philharmonikern.

Marion Reinhardt schon lange nicht mehr gesehen, ebenso Solène Kermarrec und Emmanuel Pahud nicht, gleichfalls Wolfgang Kohly und sogar Madeleine Carruzzo nicht, die letzte Saison quasi pausenlos geigte. 2 x 14 Violinen, 12 Celli, 10 Bässe. Violinen sitzen sich gegenüber, Bratschen Mitte links, Celli Mitte rechts. Die wandelnde Frisur (männlich, jung und vor allem blond) an den zweiten Geigen sitzt auch wieder da.

Albrecht Mayer fängt sofort, wenn es zu Ende ist, an, mit Wenzel Fuchs zu reden. Handgeste mit den Musikern, die in der Nähe stehen. Das Ganze habe ich mir drei Mal angehört. Man hat ja sonst nichts vor. Ich wäre auch fünf Mal reingegangen, wenn sie fünf Mal gespielt hätten. Am Samstag war’s etwas schneller als am Freitag und Donnerstag. Die Aufführung am Samstag war auf jeden Fall die beste. Beim Brahms: Stefan Dohr bekommt, als er nach dem Hornsolo auf seinen Platz geht, vom Hornisten ganz links am Freitag einen Klaps auf den Hintern, am Samstag einen von hinten aufs Bein. Als es vorbei ist, sitzen die Streicher etwas belämmert da. Die Bläser fangen sofort miteinander zu reden an. Das sind Kultur- oder Müdigkeitsunterschiede. Die Dritte ist eigentlich zu Ende, wenn der letzte Doppelschlag der Pauken kommt. Der zweite Paukist schaut angespannt mit in die Höhe gereckten Schlägeln auf Seegers, Seegers schaut mit in die Höhe gereckten Schlägeln auf Rattle. Dann sausen die Schlägel synchron runter. Wie wäre es mit einem Denkmal für den unbekannten Philharmoniker?

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