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L’Etoile Simon Rattle Dale Duesing Magdalena Kozena Stella Doufexis Jean-Paul Fouchécourt Juanita Lascarro
Der Komponist ist übrigens Emmanuel Chabrier. Eine heitere Oper, eine Oper mit kurzweiliger Handlung, eine Oper, die nach zwei Stunden durch ist und schon deshalb einen angenehmen Eindruck macht. Simon Rattle hält sie für eines der ‚masterpieces‘ des neunzehnten Jahrhunderts (das war das Interview, in dem er mitteilte, Barenboim sei einer der ‚greatest musicians of the planet‘ und übrigens esse er oft mit Barenboim zusammen). Es ist die erste Premiere, die Rattle an der Staatsoper leitet. Es gab Gerüchte, dass Rattle einen Ring an der Deutschen Oper in Charlottenburg dirigiert, aber das waren offensichtlich uninformierte Spatzen, die das von den Dächern pfiffen. Stattdessen wird Simon Rattle wohl Janaceks Totenhaus Unter den Linden rausbringen. Was ist L’Etoile? Eine hübsche Oper. Eine Klamotte. Es gibt Ohrwürmer en masse. Eine Oper, die auch Snobisten aufgrund des munteren Melodieklaus und des daraus folgenden heiteren Rätselratens mit gutem Gewissen hören können. Einer der Höhepunkte ist unzweifelhaft das Auftauchen von Themen aus Tristan und Isolde. Ein Schauer des Vergnügens läuft über meinen Rücken, als ein Thema (3. Akt, ‚Kurwenal, hei ha ha ha…‘) auf einmal sequenziert wird. Der Herr neben mir im Rang, der aussieht wie ein furchterregender Wagnerianer, grunzt bei jedem neuerlichen Themeneintritt entzückt. L’Etoile ist eine erquickende Dusche aus zauberhaften Melodien, rhythmischer Raffinesse und viel Blödsinn. Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, Opern, die durch diese Eigenschaften glänzen, sind rar.

Die Sänger – hervorragend. Jean-Paul Fouchécourt, Chabriers Ouf, hat einen elastischen, leichten Tenor. Stella Doufexis ein Traum zum Anschauen, eine wasserklare Stimme. Farblich und Volumenmäßig an wenigen Stellen etwas monoton. Wenn Magdalena Kozena (Lazuli) loslegt, stellt das Gehirn mit einem Schlag den Zusammenhang zu ihrem umwerfenden Octavian 2008 oder 2009 her – wie die Zeit vergeht. Die kräftigen Spitzentöne Kozenas nicht legato eingebunden, sondern nach einem Absetzen der Stimme unter Spannung und mit der typischen Belegtheit herausgesungen. Dichte Textur von irgendwie textilem Charakter, eine hohe emotionale Komponente, leuchtende, komplexe, dunkle Farbe. Das kecke Liedl ‚Je suis Lazuli‘, dessen ‚li‘ mit einer Quinte von heftiger guter Laune in die Höhe schießt, pfeife ich noch eineinhalb Wochen später vor mich hin, als ich über die Herbert-von-Karajan-Straße schlendere und nach einem Bier an der Bartheke der Philharmonie den letzten Teil von Rattles Sibelius-Zyklus anhöre. Rattle dirigierte straff, und hatte mehrere gute Abende und einen wirklich sensationellen Abend, den Mittwoch.

Richard von Weizäcker mal wieder gesehen. Auch der Regierende Bürgermeister ist da. Ich hatte noch Alfred Biolek erwartet, aber dem war die Handlung wohl zu turbulent. Der Abend hinterlässt den Eindruck, dass noch manche französische Oper der Belle Epoque der Entdeckung harrt. Wegen der Premiere bin ich nicht zu Abbados Auftritt mit den Berliner Philharmonikern gegangen. So ist das Leben. Dale Duesing fasste L’Etoile als amüsante Farce auf. Das kann man machen, muss man aber nicht. Die mit souveräner Turbulenz erledigte Personenführung stimmte, das Bühnenbild – ein Hotelfoyer – krankte an Hüftsteifigkeit, Herzschwäche, Vitaminmangel und ähnlichem und rief beim Zuschauer Antriebsschwäche und Depressionen hervor. Es fällt nicht schwer zu prophezeien, dass L’Etoile leichten Eingang in die Opernspielpläne finden wird.

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