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Tiezzi ist Kunsthistoriker. In Berlin durfte er Simon Boccanegra inszenieren. Barenboim hebt Tiezzis Arm in die Höhe, während diesem der Buhsturm der Premiere um die Ohren pfeift. Es hätte eine Aufführung werden können, an die man sich als klappriger Windelträger noch erinnert. Der alte Domingo, die junge Harteros, ein Youn am Gipfel des Könnens, eine Staatskapelle unter Barenboim am Zenit. Doch dann kommt Tiezzi. Doch ohne Tiezzi kein Domingo, wie es heißt. Und Barenboim wird aufatmen, dass er keinen Kloß im Hals sitzen hat, der Achim Freyer, sondern eine Soße schlürfen darf, die Federico Tiezzi heißt. Ohne Barenboim kein Domingo. Ohne Domingo kein Premierenpublikum, in dem sich Geld- und Geistesadel die Waage halten. Kurzum: Die Harmlosigkeit der Inszenierung stand in keinem Verhältnis zu den Anforderungen, die die Partitur stellt.

Kaum ist die Opervorstellung fünf Minuten alt, wird man mit dem Tatbestand konfrontiert, der für den frühen und mittleren Verdi die wichtigste dramaturgische Entwicklungszelle war: dem ramponierten Jungfernhäutchen.

"Hilfe, ick sterbe!" Plácido Domingo als Simone Boccanegra // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Plácido Domingo hatte anfangs Probleme, vor dem Hintergrund der exzellenten Mitsänger die eigene Stimme zur Geltung zu bringen. Domingos Stimme klingt anfangs uneben, fast leiernd, im tiefen Piano ausgebleicht. Bei jeder Terz hört man das Tenorfach raus. Die labbrige Vokalbildung ist als Charakteristikum schon ein Phänomen, As und Os können bei Domingo nach Herzensluft die Vitalsäfte austauschen. Dazu treten gewisse Domingoismen: Der tragische Ausdruck erscheint leicht pauschalisiert, die Energie der Darstellung bezieht ihre Kraft weniger aus der Inszenierung als aus dem singenden Faktotum Domingo. Seine Emphase scheint zu sagen: Es ist ja alles nur Theater. Spätestens in der Ratszene des ersten Aktes hat er uns. Vorhänge aus Farben umwehen die Gesangslinie, es herrscht tizianeske Farb- und Klangfülle. Jeder gesungene Klang aus seiner Kehle hat etwas Bravouröses, Glücklichmachendes. Komplexe Mischung aus Hell und Dunkel, Wolllust der Pharsierung.

Kwangchoul Youn: Das Schlussszene mit Domingo gehört zum Größten der letzten Jahre in der Staatsoper. Eine Stimmführung, die beglückt, ein Vibrato, das die Stimme mit unendlicher Feinheit belebt. In den melodischeren Teilen ideale Einheit von Klang und Ausdruck. Im Prolog Stimmabbruch beim pp. Ein Musterbeispiel beherrschten, von umfassenden Einsichten in Ausdruck, Melos und Rhythmus geprägten Verdigesangs.

Anja Harteros: konzentrierter Sopran mit trennscharfer Höhe, unten herum leichter Callas-Klang, im Italienischen stellenweise leicht unidiomatisch. Das Rhythmusgefühl ist nicht das angeborene ihres Tenorpartners Satori. Aber glasklare, vollständig schluderlose Linien, deren leichteste Dynamikstufen sich problemlos verfolgen lassen. Die doch ganz kostbare und recht kühle Farbe steht etwas hinter der großartigen Linienausformung zurück. Im Ausdruck wie in der Bühnenaktion Tendenz zum Unpersönlich-Rollentypischen. Das Timbre hat einen gewissen unerklärlichen Dreh. Rauchig unten, makellos oben. Ach, und wie sie dasteht. Eine Gewandstatue, wie von Feuerbach gemalt.

Fabio Satori: einige sensationelle Stellen. Satoris Stimme besitzt das hinreißende Timing so vieler italienischer Stimmen, wenngleich geschmeidiges Legato nicht seine Sache ist. Weicher, schlanker Klang mit kraftvollem Kern und jugendlich-heroischem, wenn auch nicht sehr charakteristischem Timbre. Leichter Schmelz der Stimmführung, einige Schluchzer. Sehr aufmerksame Dynamik.

Der Simon Boccanegra ist sehr gute Musik. Abgesehen von leichten Schwächen des zweitens Akt, in dem die Textautoren all das unterbringen mussten, was weder in den Prolog noch in die Akte I und III passte, höre ich strenge Musik, die unvermittel abbricht oder anfängt. Wagner hätte zu dem Stoff eine zwanzigstündige Pentalogie aus dem Hut gezaubert. Hört man Simon Boccanegra, versteht man plötzlich, was am Maskenball hin und wieder stört: die abgeschlossene, schöne Melodie.

Joschka Fischer fläzt in der Mittelloge. Seine Frau trägt gelbe Jacke. Sie liest hartnäckig aus dem Programmheft vor. Herta Müller sitzt aufrecht wie eine Papierskultpur in der ersten Reihe. Das Publikum ist so erlesen, dass jeder Zuschauer ein Charakterkopf ist. Wer von ferne nicht nach Klaus Maria Brandauer ausschaut, sieht aus der Nähe wie Peter Handke aus. Und wer nach niemandem ausschaut, wirkt zumindest wie ein schlaksig-eleganter Musikkritiker von der Insel.

Verdi-Sopran in Aktion: Anja Harteros // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de/de

Abgöttisch gutes Orchester. Ich höre Barenboim, wenn ich die Staatskapelle höre, und ich höre die Staatskapelle, wenn ich Barenboim höre. Jedes Piano, jedes Crescendo hat seine Begründung, kommt und geht, veranlasst zu Miterleben. Stellenweise zum Heulen schön, besonders Celli und Bratschen. Barenboim fegt zu Beginn ein Programmheft von der Parkettbrüstung hinter ihm. Dirigiert anfangs sitzend, mit vorgerutschtem Körper, den Kopf zurückgelehnt. Eine Flosse auf halber Höhe, den Blick in der Partitur. Einige FFs mit kräftigem Tritt des rechten Fußes und Stich des rechten Armes vorbereitet – was sonst selten ist bei Barenboim. Klatscht Harteros nach der ersten Arie lange Beifall. Also: ein denkwürdiges Dirigat mit entsprechender Orchesterleistung. Als Sternstundentheater konzipiert, erfordert die tatsächliche Gegenwart der Sternstunde unversehens die ganz normale fortwährende Konzentration gegenüber fordernder Musik, sonst wird das Ganze nichts.

Barenboim zwischendurch nur mit dem rudimentärsten Taktschlagen. Dann kommt ein großes Crescendo: lebhaftes Armrudern, energisches Aufstehen, heftiges Armrudern, energisches Vorbeugen, frenetisches Armrudern. Kleines Gespräch unter Freunden mit Domingo während des Applauses. Vor dem Vorhang von rechts nach links stehen: Domingo, Barenboim, Harteros, Youn, Satori, Müller-Brachmann. Barenboim und Domingo treten beide auf Harteros‘ Kleidschleppe. Youn, ganz Gentleman, nicht. Obligatorisches Kämpfchen zwischen Barenboim und Domingo. Barenboim verschwindet hinter den Vorhang und stemmt sich gegen Plácido Domingo, der folgen will. Domingo will Barenboim am Abgang hindern. Kleines Handgemenge. Barenboim schlüpft nach hinten, Domingo fügt sich und nimmt den Beifall allein entgegen. Vor zwanzig Jahren bedankte sich Domingo vor dem Vorhang mit der erhobenen Rechten, die er wie ein Fischmaul schloss und öffnete. Heute hebt er mit einem Pathos, das Brutus gut angstanden hätte, den zum rechten Winkel erhobenen rechten Arm und schüttelt ihn mehrmals. Pollini hat eine ähnliche Geste. Wie immer werfen zerbrechliche Damen in Plácido Domingos Alter Blumensträuße, wie immer bleibt einer im Orchestergraben hängen.

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