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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Rachmaninow Symphonische Tänze Mahler Sinfonie Nr. 1

Rachmaninows Symphonische Tänze gehören zu jenen Stücken der Nicht-Schönberg-Nachfolge, die das Glück hatten, uraufgeführt zu werden, nachdem Adorno das Interesse daran verloren hatte, das musikalische Tagesgeschäft kritisch zu begleiten. So blieb den Symphonischen Tänzen ein Dolchstoß erspart, der zumindest im deutschsprachigen Raum eine fünfzigjährige Quarantäne bedeutet hätte. Dennoch muss man sagen, dass die Tänze gewonnen hätten, wenn Strawinsky vor Drucklegung der Partitur redigierend eingegriffen hätte. Strawinsky hätte gestrafft, geschärft, gelichtet. Was auch gesagt werden muss: Mahlers Erste hätte gewonnen, wenn nicht Rachmaninow zuvor auf dem Programm gestanden hätte, sondern, sagen wir, nochmals Schönberg, wie vor fünf Tagen. Das wäre kohärent gewesen.

Er war ein verkorkster Abend. Es muss an mir gelegen haben, am Programm und natürlich an dem Platz, auf dem ich saß. Ich saß da, wo ich noch nie saß, in Block E rechts. Prompt klangen die Philharmoniker so was von anders als sonst. Ich war so nah dran, ich hätte dem Solobassisten die Haare kraulen können. Außerdem saßen heute (wie schon eine Woche zuvor bei Mahlers Zweiter) die Bratschen links, die Celli in der Mitte. Die Harfe stand heute vor den Bässen. Auch das ist gewöhnungsbedürftig. Emmanuel Pahud war wieder nicht da. Ich habe ein Baborák-Syndrom, seitdem ich letztes Jahr erst nach zwei Dritteln der Saison kapiert hatte, dass Radek Baborák, der Mesut Özil des Horns, nicht einfach nicht da gewesen war, sondern die Philharmoniker schon zu Saisonbeginn verlassen hatte. Spätestens wenn Pahud beim nächsten Konzert nicht da ist, werde ich nicht nur am Baborák-Syndrom, sondern auch am Pahud-Syndrom leiden, weil ich fürchte, Emmanuel Pahud könnte weg sein. Ich werde schlecht schlafen, wenig essen und mir Tag und Nacht Pahuds Flötenstellen aus den Brahmssinfonien anhören. Seit dem letzten Sommerurlaub, in dem ich die Brahmssinfonien der Berliner Philharmoniker unter Rattle in schlaflosen Nächten auf einer Schweizer Berghütte sicherlich zehn Mal komplett durch hörte, kann ich Albrecht Mayer von Jonathan Kelly, Andreas Blau von Emmanuel Pahud und Stefan Schweigert von Daniele Damiano unterscheiden, und das sogar, während ich nebenher mit der Kinokasse telefoniere und mir Honig aufs Brötchen schmiere. In der ersten Reihe des Parketts saß eine ansonsten unscheinbare Dame, die ohne Unterlass mitdirigierte, in dem sie die Arme vor sich hin und her schwenkte, übrigens mit sehr gutem Rhythmusgefühl.

Über die blumige Erste kann ich ansonsten genauso wenig sagen wie über Verdis Requiem, das Mariss Jansons im Frühjahr dirigierte. Erste und Requiem sind mir zu hoch. Über das Verdirequiem kann ich nur zwei Dinge mit Gewissheit sagen: Wie immer kommen einem bei der Trompetenstelle im Dies Irae die Tränen, und der Chor des Bayerischen Rundfunks singt unebener als der Rundfunkchor Berlin.

Bei Mahler 1: Konzertmeister Kashimoto und Stabrawa. Albrecht Mayer, Stefan Dohr, Andreas Blau, der alte Hase aus Karajans Zeit, Matthew McDonald, ein junger, schwarzhaariger Klarinettist.

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