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Lohengrin Daniel Barenboim Stefan Herheim Kwangchoul Youn Anna Samuil Burkhard Fritz Gerd Grochowski Deborah Polaski Arttu Kataya

Nach dem pathetischen Tizianismus Domingos sowie dem kühlen Klassizismus Harteros‚ nun wieder Repertoire-Theater. Doch dieser Lohengrin… ist eine zu triftiger Witzigkeit entschlossene, mit Hellsichtigkeit ebenso das Unheimliche wie Banale in Wagners Lohengrin aufspürende Inszenierung. Kräftige Buhs für die Regie nach dem ersten und zweiten Akt. Deborah Polaski erhält nach dem dritten ein Buh. Herheims Wagnerinszenierung ist frisch, leichtfüßig, von unverschämter Verspieltheit und munterer Angriffslust, ohne der Lohengrinerzählung deswegen Tiefe und Pathos zu entziehen. Es gibt allerhand denkwürdige Details, darunter die Edelfrau, deren Marionettenfaden sich verhakt und die den verdrehten Arm erst freiziehen muss, die vier äußerst anmutig agierenden Edelknaben, König Heinrich im Ganzkörperkostüm in Zebraoptik mit Feigenblatt sowie der ingeniöse Helm Lohengrins, eine Meisterleistung der Staatsopernwerkstätten. Auch der leicht tuntige Heerrufer (Arttu Kataja) war sehenswert. Auf höherer Ebene ergänzen sich Fabulierlust, Einfallsreichtum und der unbedingte Glaube an die harte Droge Oper zu einem überzeugenden Feuerwerk an vorder-, hinter- und untergründigen Ideen. Das Ergebnis: ein prachtvoller Lohengrin. Das Motto Herheims: Ein Einfall reicht nicht. Zwei sind gut, drei besser. Wo wenn nicht hier gibt es einen Wagner, der als Märchenoperette beginnt, sich zum Schauermärchen wandelt und und als Theaterfarce endet. Das sind Hinterspiegelungen von wahrhaft Wagnerscher Chuzpe.

Anna Samuil: Während Samuil „Einsam in trüben Tagen“ trällert, überlege ich mir, ob es wichtig ist, dass die f-p-Wechsel an die Holprigkeit von Pflastersteinstraßen in Friedrichshain erinnern, oder nicht. Eine wie mit dem Lineal gezogene Pianolinie ist nun wirklich nicht Samuils Ding. Es ist nicht wichtig. Samuil ist das genaue Gegenteil von Dorothea Röschmann in der Premierenserie des Lohengrins während der letzten Festtage: wenig Backfisch, viel Drama. Doch nu, doch nu geht’s los, Anna Samuil formt mit ihrem Kupfersopran die glühenden Linien Wagners. Sie kann’s halt dramatisch. Dieses Gefühl dafür, wenn eine Bewegung losgeht, mmmh. Und erst mal das Kuddelmuddel aus Gefühl, Klang und Drama, wenn sie loslegt, mmmhhhh… Ich liebe das russisch angehauchte Wagner-Deutsch: „Was quälest du mich doch?“ Anders als Dorothea Röschmann bringt Anna Samuil Schwung in die Brautgemachszene. Ihre von keinem Lyrik-Schnick-Schnack („Atmest du nicht mir mir die süßen Düfte“) einzudämmende Neugier („Vielleicht, dass Unheil dich erwartet, würd‘ aller Welt es kund“) geht bruchlos in die bekannte Ehekrise über („Weh, nun ist all unser Glück dahin“). Anna Samuil macht das hervorragend. Sie gab der Elsa die interessante Note einer friesischen Dame, die einmal Bauernmädel und im nächsten Moment Prinzessin ist – Stichwort Nr.1 „stille Wasser gründen tief“ und Stichwort Nr. 2 „genau passend für eine Friesin aus dem Jahre 935“. Den Spitzentönen fehlte der letzte Schmackes und die Einbindung. Dennoch ein hinreißendes Porträt. Ich hätte nicht gedacht, dass die Sopranistin so überzeugend durch die Elsa kommt.

Youn: herrlich. Empfindsame, nobel duchschwärzte Kantablilität, die dem König einen kräftigen Schuss Jugend bewahrt. Muss sich den nett gemeinten Zudringlichkeiten der Brautjungfern entziehen. Im dritten Akt („Habt Dank, Ihr Lieben von Brabant“) locker die Weltklasse überhopsend.

Gerd Grochowski: herrlich, einer meiner Lieblingssolisten überhaupt. Singt einige Noten nicht aus (genau wie Matti Salminen auch). Oben dünner. Es ist eine Freude, seine ungelenke Hagerkeit auf der Bühne agieren zu sehen.

Deborah Polaski: Michaela Schuster kitzelte aus der Ortrud das hysterische Potenzial von Augenrollen bis Zähnefletschen heraus, Polaski macht die Ortrud zur dämonisch-beherrschten Friesin. Weitgehend monochrome Stimme, die sie nach schätzungsweise über hundertfünfzig Elektras auch haben darf. Phrasierungsakzente setzt Polaski leider nur durch Lautstärke. In der Mittellage sind einige gute Farben übriggeblieben.

Burkard Fritz: ordentliche Leistung, gute Gralserzählung. Gepresste Höhe, schöne Piano-Mittellage. Hätte die Stimme nur obenrum a weng Schmelz. Bei Fritz hört man jedem Stimmschlenzer an, dass Singen harte Arbeit ist.

Die Fanfaren hinter der Bühne hatten in der zweiten Pause womöglich zu viel Bier getrunken und kieksten ausführlich. Zwei unglückliche Bläser mussten direkt nach dem Finalschluss im Orchestergraben ein Donnerwetter Barenboims über sich ergehen lassen, während das Publikum einen Bravo-Ruf nach dem anderen abfeuerte.

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