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Neue Saison, neues Glück. Im August gehe ich grundsätzlich nicht ins Konzert (Saisoneröffnungskonzert mit Bruder Beethoven und Meister Mahler, 28. 8. 2010) und so startet die Saison 2010/2011 mit dem Concertgebouworkest Amsterdam und dem London Symphony Orchestra. Deshalb kurz etwas über das London Symphony Orchestra.

Das London Symphony Orchestra. Eröffnungskonzert des Musikfests. Vor zwei Jahren dirigierte Harding mit dem LSO eine rasante, alles in allem äußerst lustige Bruckner Vierte, letztes Jahr hinterließ Gergiew einen schwachen Eindruck mit dem LSO (Schostakowitsch 11). Die Vorfreude auf Daniel Harding war also genau so groß wie die Erleichterung darüber, das die Londoner nicht mit Gergiew kamen.

Wo bleibt die englische Effizienz? Mann! Beispiel 1: Zuerst kommen die Orchestermusiker, die auf der linken Seite des Podiums sitzen. Applaus. Dann kommen die, die auf der rechten Seite des Podiums sitzen. Noch mal Applaus, aber schon deutlich zögerlicher. Dann kommt der Rest. Kein Applaus. Dauer des Ganzen: über drei Minuten. Beispiel 2: Zwischen den Folk Songs und der Sinfonia baut ein einziger Brite die ganze Bestuhlung um. Eine junge Britin (adrett, aber kühl, kein Flirt mit dem Publikum) half anfangs, verschwand aber irgendwie ziemlich schnell. Ein Brite und 100 Stühle! Und dann auch noch im Zickzack ohne jede Koordination und nicht systematisch von links nach rechts oder von vorne nach hinten. Mann! Als überorganisierter Deutscher leidet man beim Zuschauen. Ein Wunder, wie die in London mit so viel Unorganisiertheit immer aufs Neue diese bewunderungswürdigen Zeremonien mit den Royals hinbekommen.

Der Anfang besaß die sprichwörtliche Schwere. Berios Folk Songs hatten das Problem, dass ich sie mit Elina Garanca und Mariss Jansons (2007 wars, mit den Berlinern) schlichtweg tausend Mal besser als mit dieser…, deren Namen ich vergessen habe, gehört habe. Mit dem LSO war es kein Debakel, aber zäh wie eine alte Schuhsohle. Schwamm drüber. Berios Sinfonia, der zweite zeitgenössische Happen des Abends, hat in der Mitte ein paar lange Stellen, ist aber ansonsten feine, prickelnde Musik. Berlioz Harold en Italie war so, wie Berlioz immer ist: etwas neurotisch, aber zu lang. Aber nun ein Wort zu den Streichern. Ich würde ja denken, dass diese Engländer, als eine Gruppe von Leuten, die im Allgemeinen gerne Beefsteak isst, Temperament hätten. Die Streicher spielen gut, aber nicht temperamentvoll. Oder besteht die Streicherfraktion des LSO aus Vegetariern? Wohl kaum. Kommt es vom Londoner Nieselregen oder vom vielen Elgar Spielen? Im letzten Satz des Berlioz wurde ich durch die Temperamentlosigkeit der Streicher regelrecht genötigt, in Gedanken die Streicher der Berliner Phillies mitzuhören, um was von der Musik zu haben. In solchen Momenten liegen nicht nur Nordsee und Ärmelkanal zwischen Berlin und London, sondern Welten. Die Flötistin hat ganz schön was drauf, die Solohornstellen flutschten. Aber die Streicher, ts, ts, ts…

Gibt es einen Dirigenten, dem man mit mehr Sympathie und Wohlwollen beim Dirigieren zuschaut als Daniel Harding? Nein. Er besitzt Schlaksigkeit, Spontaneität, Präzision und eine spezielle Lockerheit. Wenn er den Arm hebt oder den Zeigefinger ausstreckt, hat das immer jenen Charme, der auf gut besuchten Kinderspielplätzen herrscht. Er lässt es laufen, aber wie es dann läuft, das hat was sehr Einnehmendes. Er scheint geistreich, sehr talentiert, etwas schüchtern. Er schafft Abläufe, die große Klarheit besitzen.

Der Eindruck ist, tout London ist da. Das Foyer wimmelt vor Charakterköpfen. Jeder Zweite sieht aus wie eine bedeutende Persönlichkeit des aktuellen oder gewesenen europäischen Kulturlebens. Einer sieht aus wie der junge Debussy, vorausgesetzt, Debussy trug Cordjackets. Einer ähnelt Boulez vor zehn Jahren. Einer sieht aus wie Gidon Kremer. Dieser Jemand trägt sogar einen Pullover mit kariertem Muster, genau so einen, wie Kremer ihn tragen könnte. Auch das Profil des blutjungen Bernstein meint man zu sehen. Ich muss lange zurückdenken, bis mir eine Berliner Veranstaltung in den Kopf kommt, deren Besucher ähnlich kultiviert, intelligent und entspannt schienen. Ach ja, beim Parsifal an der Staatsoper Unter den Linden war es ähnlich, bei dem Parsifal mit Barenboim, Meier, Domingo und Pape für 6,50 Euro an einem Freitag- und Montagabend Anfang März. Dort hörte man tadelloses Englisch vor dem Apollosaal, tadelloses Englisch in der Schlange vorm Bretzelverkäufer im Foyer und tadelloses Englisch in den heruntergekommenen, engen Toiletten. Tja, diese Engländer. Ich bin erleichtert, als ich nach der Pause feststelle, dass Harding keinen Charakterkopf hat. Dafür hat er was Schlaksiges, das an Furtwängler erinnert. Nicht was die Arme angeht, aber den Körper. Man muss auch sagen, dass die Saison heute Abend auch modisch vielversprechend begann. Ein gelber Pollunder mit rosa Krawatte, das nötigt mir einen bewundernden Pfiff ab. Nur die uniformierten Mädels mit den Programmheften schauen so traurig. Ist der Sommerflirt vorbei oder die Gehaltserhöhung ausgeblieben?

Sie geben keine Zugabe. Naja, es gab ja auch keine Ovationen. Der Willkommensapplaus war herzlich, nicht überschwänglich. Dabei hatte Ich mir schon Gedanken über eine mögliche Zugabe gemacht. Ich habe auf Bartók getippt. Vom Concertgebouworkest, das unter Jansons spielte, ein anderes Mal. Also nur kurz, was wäre ein Musikfest ohne das Concertgebouw Orchester? Seitdem das Concertgebouw Orchester von einigen Leuten zum inoffiziell besten Orchester der Welt gewählt wurde, ist die ganze Unbekümmertheit hin, mit der man die Amsterdamer sonst anhörte. Ob man will oder nicht, kaum ist das Concertgebouw zur inoffiziellen Mutter aller Spitzenorchester, wird das Zuhören zur echten Qual. Zuhören, ohne jeden Augenblick das beste Orchester überhaupt zu hören, ist unmöglich. Aber ich finde das Concertgebouw Orchester immer einen Tick zu trocken.

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