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Barenboim dirigiert eine wunderschöne Vierte von Brahms mit dem besten Final-Schlussakkord, den ich seit langem hörte. Rattle liebt ja eher das Ausfließen lassen oder besser gesagt das Festhalten oder flehentliche Beschwören der Intensität im letzten Akkord. Der Ligeti der Staatskapelle gefiel ausnehmend. War es dieses Konzert, als Barenboim kurz, nachdem der letzte Takt verklungen war und der Applaus losdonnerte, heftig mit Konzertmeister Wolf-Dieter Batzdorf zu schimpfen begann, der seinerseits kaum zu einer Entgegnung kam? Auch während des zweiten Applauses redeten beide heftig miteinander, inzwischen schien es sich nur noch um eine erregte Diskussion zu handeln. Beim dritten Applaus standen Barenboim und Batzdorf diskutierend Arm in Arm nebeneinander, aber scheinbar schon freundschaftlich. Ich erinnere mich an einen Lohengrin, als Barenboim im Orchestergraben die armen Blechbläser so was von zusammenstauchte, die Kerle standen da wie begossene Pudel. Und war es nicht in diesem Konzert, als die Geigerin der Staatskapelle, die Barenboim die Blumen überreichte, einen Notenständer mitriss, als sie wieder auf ihren Platz zurückkehrte, der dann gegen einen Kontrabass fiel? Ich gestehe, es sind diese Dinge, die Konzerte unvergesslich machen.

Was weiß ich noch in zwanzig Jahren von Dorothea Röschmanns berückender Elsa? Aber ich werde ganz genau vor Augen haben, wie Barenboim eine halbe Stunde darauf die Blechbläser zur Schnecke macht. Ich werde den sagenhaften Schlussakkord dieser Brahms-Vierten in einem Jahr nicht mehr vor das innere Ohr zurückholen können. Aber ich werde Barenboim mit Batzdorf schimpfen sehen und sehen, wie eine Geigerin einen Notenständer umstößt, der daraufhin gegen einen Bass knallt und die nächststehenden Frauen sich die Hände vor den Mund vor Schrecken und heimlichem Grusel halten. Es war auch in diesem Konzert, als einer der Hornisten im Horn-Quartett auf einmal für einen Takt aussetzen musste. Deshalb – ich meine AUCH deshalb – liebt man die Staatskapelle so. Warum kann so was nicht bei den Philharmonikern erleben? Dass Madeleine Carruzzo einmal einen Notenstände umrennt? Dass Rattle Daniel Stabrawa auf dem Podium zur Schnecke macht? Dass Sarah Willis ein paar Noten einfach nicht packt? Jaja, man hat es schwer mit diesen Philharmonikern. Das Äußerste, dass sie hinbekommen, ist, dass Guy Braunstein einen neuen Stuhl will. Aber das macht er dafür regelmäßig.

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