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Berliner Philharmoniker ANDRIS NELSONS BAIBA SKRIDE Berg Violinkonzert Schostakowitsch Sinfonie Nr. 8

Das Musikfest Berlin hatte dank Boulez, Berio und Strawinsky, dank dieses Trios aus gewieften Krachmachern einen besonderen Charme. Das Musikfest knüpfte irgendwie an jene charmante Seite der Vorsaison der Berliner Philharmoniker (programmatisch eine der schönsten bislang) an, die Ligeti, Schönberg und Kurtag mit Brahms und Sibelius verbandelte. Von Strawinsky kann man ja nie genug bekommen, und auch von Berio und Boulez ist eine große Dosis immer machbar, und so war dieses Musikfest ein ganz besonderer Genuss. Und das selbst bei einem Konzert wie dem der musikfabrik, einer dieser Formationen, bei deren Erwähnung man unangenehmerweise gezwungen wird, die Rechtschreibung zu missachten. Denn die musikfabrik ist ein jans jutes, oder vielmehr ein gar nicht so schlechtes Ensemble, dessen Trompeter befriedigte (Xenakis) und dessen Bratscher peinliche Langeweile verbreitete (Berio). Die Stücke von Eötvös, Pousseur und das erste von Berio hatten was Halbgares, die von Xenakis und das zweite von Berio (für Trompete und Kammerorchester) begeisterten.

Berlin ist nie so schön wie im Oktober, wenn man sich auf die bevorstehenden Rattle-Abende freut. Ein anderer Abend der Berliner Philharmoniker Mitte Oktober fing solala an und endete sehr befriedigend. Andris Nelsons springt umso höher, je höher die Lautstärke ist. Vom Podest fliegt er aber nicht während des Dirigats, sondern während des Applauses für Baiba Skride. Nelsons geht in die Knie, geht halb zu Boden, hängt mit einer Hand noch am Bügel des Podests. Ich bin halbwegs besorgt, doch Nelsons scheint beim Abgang vom Podium unverletzt. Baiba Skride spielte das Violinkonzert von Alban Berg unauffällig. Das Heft in die Hand zu nehmen ist nicht ihre Sache. Sie spielte mit, ohne Unfug anzurichten. Der Ton ist hübsch, aber weder groß noch klar noch stet. Als Skride ein Stückchen lang nur mit den beiden Solobratschen zusammenspielt, fand ich den Ton von Naoko Shimizu interessanter. Das blaue Kleid war unkleidsam. Skride wirkte wie eine in Stoff eingeschlagene Tonne. Das Dekolleté war oberflächlich fesselnd, aber auf den zweiten Blick recht formlos. Um es zusammenzufassen, es war ein unspektakuläres Debüt, und Gott sei Dank war die Zugabe (Bach) kurz, wenn auch überquillend vor Empfindsamkeit. Baiba Skride spielt eine Brahmssonate sicherlich anrührend und schön, aber Bergs Konzert war heute Abend für sie wie der Gummistiefel, der drei Nummern zu groß ist. Doch alles in allem wars interessanter als wenn Brendel Beethoven spielt. Andris Nelsons trägt schwarzen Kittel, er behandelt das Bergkonzert mit leichter Schnödheit. Die Musik glüht nicht. Heute Abend klingt Berg wie müder Mahler. Da hilft nur auf Rattle zu warten, der im Frühjahr eine kleine Attacke auf Berg startet.

Dann Schostakowitsch. Das hatte was. Die Lautstärke ist da, pp-Stellen fasern nicht aus, es ist mehr Form da als bei Bychkov beispielsweise, und auch mehr Übersicht. Schöne Bratschen, schöne hohe Celli, Kontrabässe ebenso. Das Orchester klingt weniger erhitzt als unter Simon Rattle. Doch ich habe den Eindruck, dass Andris Nelsons weiß, was er will. Er geht gerne in die Knie. Oft legt er den Oberkörper beängstigend weit nach hinten (er flog wie gesagt vor der Pause vom Podest). Auch bei Schostakowitsch hüpft er. Es ist ein ausgezeichnetes Konzert von ihm. Damals an der Staatsoper, vor zwei Jahren glaube ich, – Turandot – war er ganz gut, aber nicht sehr gut. Jaja, vorhin las ich, dass Roberto Abbado die Premiere von Don Giovanni an der Deutschen Oper leitet. Ach ja, an der Staatsoper dirigierten die Zauberer Barenboim und Dudamel den Don Giovanni. Schostakowitschs Achte ist aber auch eine der besten von Schostakowitsch, mit den Nummern vier und fünfzehn vielleicht.

Nur eine Dame an den Celli, einige Aushilfen unter den Streichern. Madeleine Carruzzo ist nicht da, Marion Reinhard nicht, Wolfgang Kohly sehe ich nicht, Janne Saksala nicht. Konzertmeister ist Daniel Stabrawa. Oha, ein neuer und junger Solo-Bratscher (klang gut zusammen mit Naoko Shimizu beim Bergkonzert). Und ein unbekannter Hornist, mit hübschem Solo übrigens. Diesen Geiger (2. Violinen), dessen üppiges Blond direkt über dem gigantischen Bügel einer auffälligen Brille hängt, habe ich schon einmal gesehen. Der Mann ist ein absoluter optischer Pluspunkt für das Orchester. Albrecht Mayer Oboe (kleines aber feines Solo), Stefan Schweigert Fagott (sehr schön), Walter Seyfarth Klarinette (entzückend), Andreas Blau Flöte (gewohnt sachliche Linie), Tamás Velenczei Trompete. Während der Schlusstakte kippt ein Mann um, eine kleine Unruhe entsteht, die Nelsons und die Berliner Philharmoniker jedoch nicht daran hindert, die Achte Sinfonie in mustergültiger Leisheit zu Ende zu bringen.

Kritik Andris Nelsons Berliner Philharmoniker: macht Lust auf mehr

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