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Schönbergs Vier Lieder op. 22

Konzertbericht Daniel Barenboim. Schwierige Situation: Simon Rattles Gehirnfuge der Mahler-Neunten von vor zwei Tagen noch im Ohr, hörte man Daniel Barenboim vor seiner Staatskapelle. Auf dem Pult lagen Partituren von Webern, Schönberg, Bruckner. Rattles Schatten der Neunten war spürbar und zerdrückte anfangs die Ohren. Das Finale der Siebten Bruckner schüttelte Barenboim mit einem improvisatorischen Zug aus dem Ärmel, der dem Satz eine Hitzigkeit verlieh, die den höchsten Respekt verdiente. Der Schwung, die Frische der im Sinne einer höheren Logik, die im Wettstreit mit der niedrigeren Logik des fantasielosen Partiturvollzugs stets den Sieg davonträgt, sinnvoll auseinander heraus entwickelten Formteile waren etwas Herrliches. Rattle stellte Mahler in Verbindung zu Schostakowitsch, Barenboim setzt auf monumentalen, entfesselten lyrischen Schwung, der vielleicht von Schumann herkommt und bei Bruckner ein Stück weit gewalttätig wirkt. Es gab Stellen, die flogen, es gab Linien, die Akzente, und Akzente, die Linien integrierten, und eimerweise jene überwältigende orchestrale Souveränität des Rhapsodischen, die so selten ist. Im Finale arbeitete Barenboim, schwang die Arme wie Mühlräder, seufzte, kippte weit nach vorne. Im ersten Satz der 7. Sinfonie Bruckners stand er wie festgenagelt, abgesehen von einem Schritt zurück. Der erste Satz: Ein Hmmm-Satz. Rattles strahlende Neunte machte Barenboims Siebente stumm. Vor der Pause waren Weberns Fünf Orchesterstücke op. 10 zu hören. Webern wurde von einer weiblichen Kröte zerstört, die hustete. Schönbergs Vier Lieder op. 22 sang Katharina Kammerloher mit gebändigtem, die Substanz freilegendem Vibrato und schönem Ausdruck. Dunkelgrünes Kleid, sah als frischer Octavian (mhhh – tolle Sprachbeherrschung, feinkörnige Stimme) besser aus.

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