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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Beethoven Klavierkonzerte Nr. 2 & 3 (Mitsuko Uchida) Sibelius Sinfonie Nr. 3

Eine Frage bewegt einen. Warum angeln sich die Münchener Philharmoniker den greisen Maazel? Oder kann von Maazel Angeln keine Rede sein, und Maazel angelt die Münchener? Rätsel über Rätsel. Wenn die Rede von überschätzten Persönlichkeiten ist, komme ich immer wie zufällig auf das Thema Münchener Philharmoniker (oder auf Maazel). Ich denke dann: Also, manche werden überschätzt, und manche werden unterschätzt. Es klingt komisch, aber ich kenne immer nur Leute, die überschätzt werden. Überschätzt wird András Schiff. Er ist stets eine Spur zu langweilig. Überschätzt wird außerdem Aimard. Unterschätzt werden oft die, die zuvor ausgiebig überschätzt worden sind. So einer ist Lang Lang, der seit einiger Zeit zu den am meisten unterschätzten Musikern gehört. Doch nun zu Sibelius.

Sibelius‘ Dritte ist von spartanischer Erfindungskraft. Ich fand sie während des Hörens langweilig. Dann hörte ich das Konzert irgendwann im Radio. Ich fand es großartig. Zurück zum Konzert. Nach der Einsicht, dass ich die Musik ziemlich uninteressant fand, konnte ich die herrlichen Bratschen und Celli unvoreingenommen verfolgen, die überraschenden Tempoverschärfungen, das kaum unterbrochene hartnäckige Pulsieren. Sibelius‘ Dritte ist die unscheinbarste aller Sinfonien. Selten wurde unaufdringlicher komponiert. Themen gewinnen kaum die Oberhand über Begleitfiguren. Die Farben sind gebrochen. Man denkt: Knorpel ohne Fleisch, Kaffee ohne Milch und Zucker, Armensuppe, Tundra, Februarsonne. Gebrochene Monochromie des Blechs. Simplizierender Orchestersatz im Andante con moto. Kompaktes, gedrängtes Orchester in den Außensätzen. Man merkt es: Es ist harte Arbeit für das Orchester. Das ist es auch für die Zuhörer. Sibelius wollte Hygiene, Reinheit, Mahler-freie Zone. Doch die Dritte hat einen verstockten Atem, eine symphonische Unsinnlichkeit, die einnehmen. Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker gewinnen aus der Dichte der Motivik die Intensität der Interpretation. Besonders die mittleren Streicherstimmen formten Linien von einer massiven, drängenden Breite, wie sie finnische Birken nie erreichen werden. Im Nachhinein scheint die Dritte zu bestätigen, dass die Finnen ein Volk aus Melancholikern und misstrauischen, naja, irgendwie erfolglosen Lebenskünstlern sind. Die Bläser im Andante con moto sind von direkter Ehrlichkeit, die nicht auf Schönheit berechneten Streicher von einer durchdringenden, zu Herzen gehenden Magerkeit. So lebt Rattles Siebelius-Interpretation von einer symphonischen Aufrichtigkeit, die ihresgleichen sucht.

Dass mir Uchida nicht ganz so gut wie im ersten Konzert gefallen hat, hängt womöglich damit zusammen, dass ich Simon Rattles Lesart früher Beethovenstücke im Konzert stets trocken finde. So auch heuer. Übers Radio wich der Eindruck der Trockenheit dem drahtiger, nervöser, hervorragend der Verwirklichung der Partitur dienender Präzision. Oft wünschte ich mir bei Mitsuko Uchida mehr Architektur, mehr Größe, mehr Backhaus. Besonders im Adagio. Uchidas Spiel sprudelt manchmal von einer Art enthusiastischen Fantasie angetrieben spielerisch von Phrase zu Phrase. Pathos fehlt völlig. Ich fand das eine oder andere Piano am Phrasenende übermotiviert. Die Lebhaftigkeit der Phrasenmitte zu deutlich abgesetzt gegen die irgendwie mädchenhaft wirkende Zurücknahme am Ende. Das strenge, oder explizite, Rhythmusgefühl, naja, ist nicht so ihre Sache. Eine Phrase sagt bei Uchida nicht: „Hier komme ich, und Punkt“. Eine Phrase sagt bei Uchida: „So, da wären wir, huch, es geht ja schon weiter, ach, guck mal an, dann mal Tschüß“. Eine Phrase bei Uchida ist rhythmisch äußerst labil, fließend, aber nicht strömend, gestaltet, ohne dass dies als richtiggehendes Rubato wirkte. Wenn Frau Uchida sich Musik vorstellt, denkt sie mit Sicherheit nicht an Architektur, sondern an nervöse Luftströme. Bewundernswert ist die Prätentionslosigkeit und die trockene Leuchtkraft des Anschlags. Pollinis Ton ist präziser, schärfer, funktionaler. Barenboims Ton dunkler, singender, integraler. Uchidas Ton hat manchmal was von holzigen Birnen, auch im ff-Akkord. Je mehr Mahler und Bruckner man hört, desto schneller ist ein Beethovenstück vorbei. Wie beim Schumannkonzert vor zwei Jahren ist der Eindruck, dass Rattle und Uchida hervorragend und bis in kleinste Details der Musikauffassung harmonieren.

Besetzung Beethoven Klavierkonzert Nr. 2: Streicher 8,8,6,5,3, Bläser doppelt. So ein kleines Orchester. Da fühlt man sich richtig intim. Besetzung Beethoven Klavierkonzert Nr. 3: Streicher 11,11,8,6,5, Bläser doppelt.

Oh Mann, was sehe ich da. Nicht nur Emmanuel Pahud, auch Albrecht Mayer hat ein Einstecktuch.

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