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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Beethoven-Zyklus Sinfonie Nr. 9 Webern Passacaglia op. 1

Konzertbericht Simon Rattle Berliner Philharmoniker. Beethovens 9. Sinfonie unter Rattle: nach der Pause kommt die erste Folge der Quinten wie aus blauem Himmel, das erste Fortissimo-Hauptthema erwischt einen auf dem falschen Fuß, nie fühlt man sich im Allegro ma non troppo auf einer Höhe mit Beethovens Partitur. Der Eindruck ist der eines einerseits übermenschlich großen, andererseits eines übermenschlich reinen Sonatenhauptsatzes. Voll ausgespielte Nebenstimmen. Kein Fraktionszwang der Angehörigen aller Stimmgruppen. Stattdessen dem Gewissen unterworfen. Die Musiker wie um ihr Leben spielend. Deutliches Decrescendo am Phrasenende. Diese typische Mischung von ausgewogener Präsenz aller Stimmgruppen und einer vabanque spielenden Dynamisierung der einzelnen Akzente, die sich einer nivellierenden Einreihung entziehen (letzteres ist der kleine, gigantische Unterschied zu Thielemann, Ozawa, Mehta). Also Konzentration und Chaos. Mikroskop und Kleks. Der erste Satz mit erstaunlich mächtigem Maestoso. Beim ersten Konzert der Serie fast kurios gedehnte Rubati in Schlussphrasen. Rattle macht aus der Neunten etwas, das einem oft seltsam fremd vorkommt. Monumentalität aus einfachen Motivblöcken, die zwischen pp und ff verglühen. Das Scherzo wirkt als Modell eines Scherzos. Das Adagio beginnt für mich mit zu viel leiser Länge. Man wusste nach dem herrischen Trubel der Coda des Allegro ma non troppo nicht so recht, worum es ging. Gegen Ende des Adagios agierten die Berliner Philharmoniker hervorragend stockend, fließend und beinahe wundersam. Das Finale ist eine haarsträubende Angelegenheit, die gegen allen Geschmack ist und von Rossinischer Überraschungsfreude nur so strotzt. Solisten: Camilla Nylund, Magdalena Kozena, Stefan Margita, Gerald Finley.
Karajan gab vor zu wissen, was ein Stück bedeutet. Abbado weiß, dass es eine Bedeutung gibt, aber man muss sie den Stücken mit subtiler Hingabe entreißen. Rattle weiß, dass es eine Bedeutung gibt, aber sie ist den Stücken schlechterdings nicht zu entlocken, worauf mit einer bohrenden Intensität vom pp bis zur reißenden Totalen zu antworten ist.
Mankos der Neunten: der Repriseneintritt des ersten Satzes geschah beiläufig trotz ff. Die dauernde Intensität der Orchesterführung lässt sich für diesen einen Moment nicht mehr steigern. Folglich sind Reprise und Coda nicht Synthese, sondern eher so etwas wie Weiterfließen – ist ungewohnt, macht aber eigentlich nichts. Der dritte Satz klebt anfangs am Boden.
Weberns Passacaglia op. 1 ist das erwartete Meisterwerk. Aber ein nicht so bedingungsloses wie die Orchesterstücke op. 6. Der Beginn gelingt fließend und exakt. Die Lebendigkeit der Zwischenstimmen im weitern Verlauf ist umwerfend. Die paar aufschießenden Tristan-Wogen klingen hinreißend.
Die Phillies klingen unter Simon Rattle luftklarer, bedingungsloser, aufmerksamer und aufregender als unter jedem anderen Dirigenten. In der Entschiedenheit der Orchesterbehandlung, aber beileibe nicht in der Lebendigkeit und Individualität des einzelnen Lauts kommt Mariss Jansons Rattle nahe.

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