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Opernkritik Berlin Staatsoper / Das Beste: Barenboim dirigiert drei souveräne Meistersingervorstellungen, bei denen sich Sänger und Orchester die Hände reichen. Simon Rattle dirigiert vier Mal eine auf die Spitze getriebene Pelléas et Mélisande. Parsifal fehlt, dafür bringen die Pfingsttage 2008 einen tragischen Tristan mit (fast) allen Zutaten. Dann die Lied-Vorträge mit Barenboim am Flügel: das Doppelkonzert Kozena und Röschmann, dann Quasthoff und Christine Schäfers Schubert-Interpretation. Barenboims, Papes, Anna Samuils, Mussbachs Don Giovanni. Dann folgen mit schon beinahe resignativem Abstand die temporeiche La Bohème, von Dudamel mit Schmiss und Herzblut und der ein oder anderen Unsensibilität dirigiert, mit einem stimmlich superbem, aber idiomatisch nicht ganz erstklassigen Jonas Kaufmann und der sphinxhaft verschlossenen Alexia Voulgaridou. Henzes Phaedra kann man in der Saison 2008/2009 genauer durchhören als dies bei der Uraufführung einmalig möglich war. Hübsch: Donizetti und Rossini. Schlimm: La Traviata.

Dorothea Röschmanns Eva, René Papes Pogner und Don Giovanni, Hanno Müller-Brachmanns Kothner, Pavol Bresliks Don Ottavio waren die herausragenden Stimmen und Rollen der abgelaufenen Spielzeit. Nur um Millimeter weniger gut gelangen Anna Samuils Donna Anna und Christine Schäfers Donna Fiorilla (Turco). Matti Salminen (Marke) sang erschütternd traumwandlerisch, doch etwas zu rollentypisch. Leichte Enttäuschungen kamen von Jonas Kaufmann (Rodolfo) und der nicht zu gewohnt durchtriebener Viskosität der Figurenneuerschaffung fähigen Waltraud Meier (Isolde). Man verzeiht ihrs. Die Premieren gelangen ganz hübsch: Von Sasha Waltz‘ pathetisch komprimierter Medea über Henzes intellektuellem Spiegelkabinett Phaedra bis zu Mussbachs geheimnisvoll kühlem Don Giovanni kann Gutes berichtet werden. David Aldens gagreicher und gegen Ende liebloser Turco in Italia war Durchschnitt. Maskenball, Telemanns Sokrates, Prokofjews Spieler und Händels Belshazzar schaue ich mir nächstes Jahr an. Manches Mal kollidiert der Spielplan der Philharmonie mit dem der Staatsoper und zwingt zu schmerzhaften Entscheidungen. Die von Barenboim betreuten Repertoirestücke Tristan und Isolde sowie Meistersinger und Rattles phänomenaler Pelléas überstrahlten das andere. Über alle aktuelle Besprechung hinaus:

Die rätselhafteste Stimme: Alexia Voulgaridou (Mimi)
Der üppigste Wohllaut: Dorothea Röschmann (Eva)
Der diffizilste Wohllaut: René Pape (Pogner)
Die kleine Überraschung: Michaela Schuster (Brangäne)
Die kleine Enttäuschung: Jonas Kaufmann (Rodolfo)
Die perfekteste Stimme: Pavol Breslik (Don Ottavio)
Der Unglücksrabe: Elzbieta Szmytka (Violetta)
Die Beseelteste: Magdalena Kozena (Mélisande)
Der Italienischste: Leonardo Capalbo (Nemorino)
Der Imposanteste: Matti Salminen (König Marke)
Die große Überraschung: Anna Samuil (Donna Anna)
Bestes Dirigat: Simon Rattle (Pelléas et Mélisande)/Daniel Barenboim (Meistersinger)
Schlechtestes Dirigat: Dan Ettinger (La Traviata)

Fehlt ein Dank an das Niveau des Ensembles, an die umwerfende Katharina Kammerloher, den jede Inszenierung mit Blut durchpumpenden Alfredo Daza, den zisternenschwarzen Alexander Vinogradov, den prachtvollen Roman Trekel, an die Feuer fangende Anna Samuil? Er fehlt.

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