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Beethoven Sinfonien Nr. 1 & 7 Webern Orchesterstücke op. 6

Konzertkritik Simon Rattle Berliner Philharmoniker. All diese Beethoven-Sinfonien, die man kennt und doch nicht kennt. Man kennt sie dann doch nicht, wenn Rattle dirigiert. Das Scherzo der 7. Sinfonie Beethoven stellte Rattle unter den Scheffel. Es lief, aber ab und nicht zu großer Form auf. Kurz, es war nicht hinreißend. Das Trio (Assai meno Presto) hatte ein volltönendes, komplexes Fortissimo (zum Zungeschnalzen). Das Allegretto prunkte mit der sensiblen (dynamischen) Präzision, die Rattle pflegt. Die Ecksätze brachten den erwarteten und skeptisch ersehnten dynamischen Sturm. Erfindet Rattle Beethoven neu? Das Großartige ist, dass Beethovens Sinfonien im Glücksfall unter Rattles Stab beim Hören zerfallen. Rattles Beethoven ist der, den man erst in der Zukunft zu Ende hören kann. Schwupps ist das Konzert aus, man ist zu Hause, schon geht es los. Man fragt sich, WIE Rattle das und das und das dirigiert habe. Kritik hat es hier schwer. Das Allegro con brio (ein Viertel, zwei Sechzehntel, ein Viertel, Generalpause) und das Vivace (Flöte, punktiertes Viertel, punktiertes Achtel, Sechzehntel, Achtel) kommen bedacht und detailverschmelzend vom Podium. Man hört alle Stimmen, gleichzeitig verdeckt jede jede. Alles ist Prozess. Die Partikel und Partikelnuancen überflügeln fast die thematische Entwicklung an Dringlichkeit. Kein Muff von A-Dur-Talaren. Es sollte keine unnütze Ehrfurcht vor Beethoven geben und der Sonatensatz nicht als das Factotum der Musikgeschichte angesehen werden. Rattle dirigiert eher eine kontinuierliche Totale als einen aufgedröselten Prozess von Formen. Auch im Allegretto kommt der Gedanke, dass Beethoven schwerer zu hören ist als viele andere. Stellenweise bis zu fünf Stimmen und Nebenstimmen.
Noch ein Wort zu Anton von Weberns Orchesterstücken (op. 6). Adorno: „… gehören zu dem Größten und Substantiellsten…“ (Scherchen dirigiert, Adorno kritisiert, Singakademie Berlin, 1928). An op. 6 ist dann in der Tat verblüffend, wie eine Äußerung der Holzbläser ganze Duchführungen von Finali von Bruckner aufwiegt. Alte, gebrechliche Herren mögen sich an den Tag erinnert haben, an dem die Nachricht vom Tod Anton von Weberns eine Zeile auf der letzten Seite des Feuilletons füllte.
Leider Simon Rattle 7. Sinfonie nur einmal gehört.

Kritik Simon Rattle: juti

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