Konzertbericht Alfred Brendel. Sie kamen im Abstand einer Woche. Alfred Brendel, ein magerer Greis, der am Flügel blicklos grinst und unbewusst vor sich hin kaut, und Maurizio Pollini, dessen verhältnismäßige Jugend einen frischeren Schritt und drahtigeres Haar ermöglichte.

Alfred Brendel spielte wie schon letztes Jahr einen Haydn, der klug, aber klug gemacht klingt. Übersseelte Klugheit, wenn es das gibt, war Brendels Strategie, oder altersweise Intellektualität, die mehr nach Alter oder Intellektualität, je nachdem, klang, aber seltener nach Weisheit. Jeder Anschlag ist ein überspitzter Kommentar, den Brendel gleichsam zu eigenen, früheren Interpretationen in die Tasten kritzelte (Joseph Haydn, Variationen Hob. XVII/6, 1793). Zu viel Leidenschaftsentsagung, zu viel Spitzfindigkeit und Um-die-Ecke-Denken, zu viel Geistreiches, das nicht in reine Subjektivität umgewandelt wird. Mozarts F-Dur Sonate KV 533 hatten im ersten Satz das Tempo und die haarsträubende Methode, in vier Takten genau zwei Mal alles Vorangehende über den Haufen zu werfen, die auch letztes Jahr bei Brendels Mozart hinrissen. Der langsame Satz fiel ab, der letzte hatte nicht mehr ganz die atemlose Höhe des ersten. Beethovens op. 27/1 spielte Brendel auf sehr hohem, doch nicht grandiosem und im Nachblick etwas unbefriedigendem Niveau. Im Ganzen war Opus 27/1 interessant, aber nicht mehr. Der Anschlag klingt, als improvisiere er. Dünne Farben, wenig selbstverständliches Rhythmusgefühl. Hört man nur auf die rhythmischen Werte, ist Brendels Spiel fantasielos, aber das war fast schon immer so. Es gibt keinen rhythmischen Strom. Brendels Klavierabende könnte eine Kritik, die wollte, doch sehr weitgehend in Frage stellen. Die Schubert B-Dur-Sonate war der Klimax. In seiner Art, das heißt in Sachen grüblerischen, nachschöpferischen Spiels, war die Interpretation maßstäblich. Das Finale hatte mehrere Brüche und war wie das Finale der Beethovensonate das Maximum dessen, was Brendel technisch zu bewältigen bereit ist. Alfred Brendel erfüllt bei Schubert mehrere Voraussetzungen für gültige Musikinterpretation. Nichts wiederholt sich. Die Musik bewegt sich in jeder Sekunde. Bei Brendel scheint Schubert aus den Noten und den Lücken zwischen den Noten zu bestehen. Das Wunder ist, dass Alfred Brendel nicht nur die Noten mit der allergrößten Sorgfalt, sondern auch die Räume zwischen ihnen mit unvergleichlicher Genauigkeit behandelt. Ansonsten gibt es die von Alfred Brendel gewohnte, Kritik zum Verstummen bringende Ungeduld, die Klugheit der Formulierungen und die vertrackte Spitzfindigkeit der Accelerandi.

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