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Michael Boder Peter Mussbach Ensemble Modern Köhler Wesseling

Uraufführung Phaedra („Konzertoper“) von Hans Werner Henze, 8. September 2007 im Rahmen des Musikfestes Berlin 07. Volles Haus, Wolfgang Rihm sitzt in der dritten Reihe in Begleitung einer schlohweißen alten Dame. Hans Werner Henze sitzt in der ersten Reihe der Mittelloge. Mussbach ist zu sehen, Zehelein ebenfalls. Langer Applaus vor Beginn, das Publikum erhebt sich. Henze gerührt. Rihm, der in der Pause wie Hans Werner Henze sitzen bleibt, muss Hände schütteln.
Das Publikum zeigt sich gegenüber den üblichen Besuchern der Staatsoper verändert: Musikintellektuelle (reduzierte Farben, Brille, Rollkragenpulli) streifen durch die Gänge, reisende Fans verständigen sich in gebrochenem Englisch, man hört viele Engländer. Die Konzertoper Phaedra kommt mit einem gut 20-köpfigen, meist solistisch eingesetzten Orchester aus. Das Ensemble Modern spielt ausgezeichnet unter Michael Boder. Man hört sprachgewandtes Blech, hektische Holzbläser, kurze Attacken nach kurzen Fortspinnungen, viel kammermusikalisch verdichtete Gestik. Die Details der Partitur scheinen sehr sicher ausgehört. Zwei Klaviere wirken wie zwei gute, alte Bekannte aus der Ariadne. Singstimmen und Orchester nähern sich an, ohne zu verschmelzen. Man hört mit nie erlahmendem Interesse den vielfältigen Schicksalen dieser einnehmenden, wählerischen, konzentrierten und erzählerisch klaren Musik zu. Der Text bleibt leidlich verständlich. Es fallen Alliterationen im Textbuch auf sowie eine leichte Angestaubtheit der Formulierungen, die jedoch an etwas Botho-Straußmäßiges in der Phaedra erinnert, an eine kühle, konservative, intellektuelle Lust am Spiel mit den höchsten Kulturwerten, die vom Stoff der Phaedra ja nun einmal repräsentiert werden.
Einige Einspielungen vom Band wirkten überflüssig. Die Musik der Phaedra klang klug, sie wandelte auf heiteren oder trüberen Abwegen, deklamierte und klagte. Ein Hauch von Cappriccio wehte von ferne herein. Als alles vorbei war, hatte ich ein paar Walzer aus dem Rosenkavalier im Kopf. So kann es gehen. Das Bühnenbild (Inszenierung: vom intelligenten Mussbach) besorgte der Künstler Olafur Eliasson: es ist sicherlich eine der Großtaten der Saison. Man sieht klug verspielte, sehr präzise Bilder. Erstens das weiße Stroboskoplicht im nachtschwarzen Raum, zweitens der sich spiegelnde Saal in dem raumhohen Spiegelwand, drittens das stechende, blendende Weiß der Todesszene Hippolyts. Das Ensemble Modern wird direkt vor der Mittelloge postiert. Die Sänger: Axel Köhler meisterlich, Maria Riccarda Wesseling statt Magdalena Kozena alles von der Partitur fordernd.
Hans Werner Henze anschließend im Apollosaal. Gezeichnet von der Krankheit, mit reduzierter Mimik, dankende Handgesten. Dann sitzt er an der Stirnwand des Saals auf einem Rokoko-Stühlchen (aus der DDR, schätz ich mal), vor ihm ein Obstteller, neben ihm eine Journalistin vom öffentlichen Rundfunk. Der Saal hält neugierig-ehrfürchtig Abstand. Phaedra war ein Kompositionsauftrag und eine Koproduktion der Staatsoper Unter den Linden, des Théâtre Royal de la Monnaie Bruxelles, der Wiener Festwochen (wann kommen die Wiener Philharmoniker wieder nach Berlin?), der Alten Oper Frankfurt und der Berliner Festspiele. Opernkritik Uraufführung Phaedra Berlin: ästhetisches Vexierspiel eines Durchtriebenen.

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