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Marcus Creed Sasha Waltz Vocalconsort Akademie für Alte Musik

Bericht Sasha Waltz Staatsoper Berlin. Im Deutschen Theater an der Schumannstraße kann man Orestie, Medea und Perser sehen. Drei Mal antikes Theater und man ertrinkt drei Mal in Stil. Man sieht Neopathetiker als Regisseure, die den Zuschauer in… genau: in Stil ertränken. Kurzum, das DT verhebt sich an sterilem Antikentheater. Anders die Staatsoper, die mit Sasha Waltz kooperiert. Nach der innerlich und äußerlich gleich prächtigen Dido & Aeneas (Musik Henry Purcell) von 2006, der leider bislang nie mehr auf der Bühne der Staatsoper aufgetauchten, schenkte Sasha Waltz im Herbst 2007 eine Medea her, die Antike ohne Antike zeigte. Also eine Antike für Zeitgenossen, von dem Zeitgenossen Pascal Dusapin komponiert.
Die Musik Pascal Dusapins ist leise bis zur Verneinung und wirkt durch Aussparung und Anspannung. Dusapin füllt Zeiträume intelligent. Leider habe ich Dusapins und Sasha Waltz‘ Medea nur einmal gehört. Sasha Waltz machte aus Purcells Dido eine brennende Opernfahrt in Zeitlupe, der Zuschauer verglühte an Gefühl und Bildern. Das Gelingen drang in jede Pore. Jetzt durchdringen einen noch Schauer der Erinnerung. Aber nun zu Medea. Sasha Waltz erzählt in Medea eine Handlung, doch nicht wie am Schnürchen, sondern durch Knäueln von Menschen hindurch, an Formationen von Schwebenden entlang. Die Tänzer treiben wie Fischschwärme durch den leeren Bühnenraum. Man sieht die Prinzessin, die arme Glauke, verglühen. Es ist der Höhepunkt. In der Wirkung stehen die Unvermeidlichkeit der Handlung und die dadurch entstehende Rührung unvermischt nebeneinander, wie so oft bei großem Theater. Die Prinzessin tanzt und schleift ihr Blut über die Bühne, bis sie im Sturm vier gigantischer Rotoren (seitlich aufgestellt, infernalisch brüllend) zerfetzt wird. Die Tänzer tanzen sie hinweg. Erstklassig und nie gesehn.
Sasha Waltz‘ Medea-Oper ist körperlich gewaltsam und gewaltlos poetisch. Sasha Waltz‘ Medea ist keine Monstermedea. Keine Handlungsoper, sondern eine Opernperformance, deren Bilder die Aura des Gewalttätig-Geheimen haben. Waltz schnippst mit unergründlichem Reichtum Bildrätsel auf die Bühne, und das mit einer Heftigkeit, dass der Zuschauer sich vorkommt wie beim Geschenkeauspacken unter lauter gestorbenen kleinen Mädchen. Opernkritik: Großes Musiktheater.

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