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Daniel Barenboim Peter Mussbach René Pape Hanno Müller-Brachmann Pavol Breslik Anna Samuil Anette Dasch Sylvia Schwartz

Mozart hat es schwer in Berlin. Rattle dirigiert Mozart, hmm, interessant (Silvesterkonzert 2006, Mitsuko Uchida). Der Figaro an der Staatsoper wird von Dan Ettinger zu Styropor zerraspelt. Ein wahrhaft prächtiger Mozart, der in Berlin zu hören war, ist gut ein Jahr her, das Emerson String Quartet spielte. Jetzt macht es Daniel Barenboim anders und besser. Für uns, für Mozart, für Berlin. Dennoch gab es zahllose Buhs – für Peter Mussbach.
Der Don Giovanni, der an der Berliner Staatsoper Premiere hatte, wird von der Mailänder Scala übernommen. Peter Mussbach (Regie) zeigt eine mit blauem Licht gefüllte Bühne, auf der sich bühnenhohe Mauern drehen und verschieben. Das ist wenig, und es klingt nach weniger, wenn man sagt, dass es keine Requisiten außer einer dekorativen Vespa gab. Folge: Hier stehen die Sänger wie Nackte rum, auf dass sie allesamt von Mozarts Musik geröntgt werden können. Mussbachs Giovanni ist poetisch und kühl zugleich.
Daniel Barenboim dirigiert den spannendsten, strömendsten, sinnvollsten Mozart, den ich in den letzten zwei Jahren zu hören bekam. Alles hängt zusammen, nichts ist überhastet, die Wärme der Orchesterbewegung lockert das Gehirn, das auf- und dann absteigende Motiv der Ouvertüre ist in den Einzelnoten so dicht verwoben, als Motiv aller Effekte abhold, und in dieser typisch Barenboimschen wärmedurchdrungenen Hast begriffen, so dass man sich schon mal ein Bravo für den Applaus aufhebt. Barenboims Orchester ist fast etwas langsam unterwegs, doch himmelweit von Schleppen entfernt, es agiert gedämpft auch im Dramatischen. Man erinnert sich an die traumhafte Sicherheit des Parsifal-Dirigats. Ab und an klingen Solistenstellen des Holzes wie austreibende Blüten. Die Register der Bläser verschmelzen, das Herausstellen der Klangfarben erschien reich und kühn. Nie hörte man den Reichtum der Mozartschen Partitur auch nur annähernd in diesem Maße. Vielleicht hätte Mozart so mit 60 komponiert.

René Pape ist der Giovanni, der mit der Schönheit im Bunde steht. Die Hits von La ci darem bis Deh, vieni sind blühende Höhepunkte. Sein Bariton beherrscht die Rolle wasserdicht bis in die Phrasierung, die Schwere, die Leichtigkeit des schönen Tons hinein. Dazu passte fast die Schwerfälligkeit in den wenigen Zierfiguren. Papes Don Giovanni zeigt die nachtschwarze Eleganz des Vergewaltigers, dessen Stimme ohne sein Wissen für seine Untaten um Vergebung fleht. Was für ein schwerblütiger Stimmsamt eines Gurnemanz-Don Giovannis. Annette Dasch (Donna Elvira) bekam Bravos, ich befürchtete Buhs beim Schlussapplaus. Der Grund war der einförmige Stimmklang ihrer nicht großen Stimme, noch mehr die gelegentliche Überforderung besonders bei den Auf- und Abskalen. Schöne empfindsame Piani. Die Stimme ist flackrig, will desöfteren nicht recht fließen, Höhepunkte werden von unten mühsam erklommen und gehalten. Anna Samuils Sopran (Donna Anna), zuvor in Berlin Violetta und Micaëla, war wendiger, hitziger, fordernder im Vibrato, und schlichtweg lauter. Es gab ein grandioses „Che giuramento, o dei!“ Hanno Müller-Brachmann ließ seinen Leporello stimmlich und visuell von kerniger Männlichkeit umschwappen. Die zwischen Geplänkel und Hass treibenden Streitereien zwischen Herrn und Knecht waren eines der Leitmotive dieses Don Giovanni. Zerlina (Sylvia Schwartz) war ein heißes, süßes, … hübsche Vokale singendes sinnliches Ding, das sich gerne vom Don Giovanni anknabbern hätte lassen, wenn nicht Masetto fortwährend aufgetaucht wäre. Der Don Ottavio des Pavol Breslik bot neben René Pape absolut Gültiges, und zwar mittels seiner leichten, geformten, wunderschönen lyrischen Tenorstimme. Derzeit Weltklasse.
Die Tanzszenen meiden Naturalismus. Die Inszenierung ist klug, äußerst schön und intelligenter als die Mehrzahl der buhenden Zuschauer, aber nie intelligenter als Mozart. Es gab feurige Buhs gegen das Inszenierungsteam, Bravos für Barenboim und die Sänger.
In den Wiederholungen der zweiten Saisonhälfte wird Pavol Breslik (eine der schönsten Stimmen dieser Saison) nicht mehr dabei sein, im Mai René Pape (die schönste Stimme der letzten Saison) nicht mehr. Nächstes Jahr wird Wuscheldirigent Gustavo Dudamel den Don Giovanni von Barenboim (DEM Dirigenten aller Saisons) übernehmen. Besprechung Kritik Premiere Don Giovanni Berlin: ein exzellentes Stückerl Mozarts angemessen interpretiert.

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