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Nigel Lowery Vesselina Kasarova Antonino Siragusa Adrienne Queiroz Regazzo Schröder Murga Kataja

Vesselina Kasarova ist ein Besuch wert (und womöglich auch eine Messe). Kasarovas schauspielerische Leistung ist mit die beste der letzten Monate. Ihr Auftritt hat etwas Osteuropäisch-Herzliches. Die Gestik hat was Altmeisterliches, sehr genau Studiertes. Sie verbindet beispielhaft Charme und Professionalität. Kasarovas Auftritt ist eine gedankliche und gefühlsmäßige Einheit. Kurzum, Frau Kasarova war eine Augenweide. Exquisit die Linie des vorgeschobenen Kinns, exquisit der Schmelz des slawischen Wangenkontur, exquisit der spöttische Kontrapost, der kokette Augenaufschlag, überhaupt das prächtige Rollenporträt. Doch nun zur Stimme von Frau Kasarova, die ja auch nicht ganz schlecht ist. In der Tiefe gurgelt Kasarovas Mezzo wie der 12-Liter-Motor eines Jaguars, der nicht mit Sprit, sondern mit Cointreau gespeist wird. Kasarovas tiefes Register zwingt zu ähnlichem Respekt wie es ein prächtiger Braunbär tun würde, vor dem man im kanadischem Wald unvermutet steht.

In der Höhe ist die Intensität des Mezzos feurig (Pensa alla patria), die Ausdrucksfülle, das Timbre, der Luxus der Farben, die Linie, das Vibrato, dessen geistige Väter Michelangelo und Bernini scheinen, machen ihre Isabella an diesem Dezemberabend beachtens- und liebenswert. Herrliches Ai caprici, makelloses Questi costumi barbari mit üppigen, perfekt geformten, in der warmen Luft der Staatsoper wie in Zeitlupe dahinschwebenden Staccati. Auch Amici, in ogni evento war eine Explosion an Musikalität. Kasarovas Mezzo kann kühl wirken (tat er aber nicht) – ein Tribut an die instrumental-rollentypische Führung ihrer Stimme. Ganz leichter Manierismus in ihrer Isabella (auf entzückendstem Niveau). Adriane Queiroz hörte man aus dem ersten Finale mit triumphierendem Spitzenton heraus. Antonino Siragusa, mit Glatze und in Straßenfegerweste, überraschte mit einem tonfestem Tenor, der Phonstärken erreichte, die man von einem Rossinitenor lange nicht mehr hörte. Im inhuman schweren Languir per una bella beeindruckte die Physis. Die vielen Bravi nach Arienschluss kamen angesichts der doch etwas trockenen, etwas unflexibel geführten, vollständig uneleganten und deutlich unsinnlichen Tenorstimme unerwartet. Der feste metallische Ton ist typisch italienisch. Leider lächelt die Stimme nicht. In Oh, come il cor befand sich eine absteigende Sekundskala, die überragend war: es gab ein unlernbares Timing und skulpturalen, wie in Erz gegossen Klang. Nigel Lowerys Inszenierung ist eine jener quietschvergnügten Regieleistungen, die ein bissl frech und ein bissl gutmütig sind, aber gut funktionieren.

Murga ließ den Mustafa vor Liebe hecheln. Und Bauchtänzerinnen, die in Kill-Bill-Manier schlagstockfuchtelnd auf Vesselina Kasarova zusteuern und von dieser dann elegant entwaffnet werden, das hat doch was. Rossinis L’Italiana in Algeri ist eine Rakete. Man kann gut verstehen, dass Beethoven angesichts einer derartigen Fülle von musikalischen Knallkörpern schlecht auf Rossini zu sprechen war. Ottavio Dantone dirigierte, anfangs inkonsistent, doch bald lebhaft. Die Wärme war da, der Charme, der Appetit des Orchesters auf Farben, auf Streicherschlenzer, auf Sinnlichkeit. Es ist eines der besten Dirigate von Rossini- und Donizettiopern der letzten zwei Jahre.

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