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Torsten Fischer Stephan Rügamer Anna Prohaska Carola Höhn Florian Hoffmann etc.

Die Frage vor der Vorstellung ist, ob der Hölderlin Ruzickas noch der Mussbachs ist. Mussbach zufolge nicht mehr, denn dieser ließ sich vor der Uraufführung als Librettist streichen. Doch von Unter den Linden von der Friedrichstraße her kommend sah man Mussbachs Name noch als Teil eines meterhohen Lichtwurfs auf der Seitenfassade der Staatsoper prangen, um im aktuelleren Textheft den Namen des Ex-Intendanten vergeblich zu suchen. Da ist es schon erfreulicher, Wolfgang Rihms rätselhaftes Olympiergrinsen am Eingang des Apollosaals zu erblicken und wenig später Helmut Lachenmann sein gewohnt unfarbiges Jackett glatt streichen zu sehen. Einmal im Jahr sieht man Wolfgang Rihm in der Staatsoper, und zwar zur herbstlichen Uraufführung. Die Damen mit den Heftchen in den Foyers lächeln noch evchenhafter als sonst. Die Toiletten riechen in verzeihlicher Geschichtsseligkeit nach DDR-Plastik wie nie. In einer Ecke hallt noch Villazóns Lenski-Arie nach. Die Uraufführung von Peter Ruzickas Hölderlin ist kein Zuckerschlecken für den Hörer, doch auch kein dorniges Sperrgebiet, das nur Avantgardekenner meistern.

Über die vollständigen Begebenheiten, die die zweistündige Oper füllen, können nur das Textheft und Mussbach Auskunft geben. Doch eine der Lieblingsideen Ruzickas und Mussbachs scheint zu sein, dass der Mensch an sich zwar ein Lump, aber zum Guten bestimmt ist. Denn der vierte Akt lächelt. Der vierte Akt heißt mit vollem Namen „Die Jahreszeiten/Nächstens mehr/Contact with Space“. Nicht umsonst heißt der volle Titel der Oper in versierter Pathosnähe „Hölderlin. Eine Expedition“. Das Zitieren von Beckett („Jeder ist unterwegs. Ins Ungewisse…“), Rilke („Der Tod ist groß/Wir sind die Seinen/Lachenden Mundes“) und Mussbach („Wir haben offensichtlich hier…/Nun sagen Sie doch!/Alle gelebt…/Nun sagen Sie bloß…“) neben Ausschnitten aus Hölderlins Dichtungen verstärkt die collagehafte Komponente. Eine etwas angedrehte Avanciertheit des Entwurfs (auch der Musik) fiel auf. Stellenweise schlugen die Wogen der Bedeutung hoch, doch es waren immerhin Wogen. Die Musik? Das Orchester agiert tendenziell mit parsifalesker Dezenz, die Streicher der Staatskapelle formulieren tristaneske Kantilenen. Während des Einspielens intoniert ein Hornist eine Formel aus dem Rosenkavaliervorspiel. Manche Schlagzeugaktionen sind von radieschenhafter Schärfe. Die Atmosphäre ist minimalistisch-existenziell. Man vermisste Souveränität. Nicht jede Oper braucht deutsche Weltgefühle. Das Wort steht an diesem Abend mit gleichem Gewicht neben dem Gesang. Der Regie führende Thorsten Fischer verdoppelt das dreizehnköpfige Gesangspersonal durch ebenso viele Schauspieler, die die Aufgabe haben, die Texte Hölderlins auf professionellem Niveau zu rezitieren. Mein linker Sitznachbar fand den vierten Akt von großer Schönheit. Man könnte ihm zustimmen.

Anna Prohaska, Carola Höhn sangen hinreißend. Der Herr rechts neben mir stellte den zweiten Akt über die anderen und langweilte sich im vierten zusehends. Die Reaktion des Publikums umfasste defensiv vorgetragene Buhs und maßvolle Bravos. Die Stimmung sachlicher, wenn auch nicht unfreundlicher Kenntnisnahme überwog. Daran mochte das Publikum gut getan haben. Ruzickas Hölderlin ist sorgfältig gearbeitet, bietet einige wenige mitreißende Stellen, etwas Mischmasch und eine nicht immer überzeugende Tour de Ländle durch Hölderlins blendende Höhenlandschaften. Mag sein, dass Fischers Regie teilweise unklarer war als nötig. „Hölderlin. Eine Expedition“ hatte den Geruch einer Pflichtübung, deren herber Ernst im Missverhältnis zum künstlerischen Ertrag steht.

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