Kritik Eugen Onegin Daniel Barenboim Achim Freyer Anna Samuil Rolando Villazón Gortsevskaya Katharina Kammerloher Nekrasova Christof Fischesser

Achim Freyer besorgte eine unromantische Inszenierung, von der gesagt werden kann, dass jeder Schritt auf der Bühne ein Einsatzbefehl war und jede Wendung des Kopfes ein generalstabsmäßig durchgeführtes Manöver. Wie bei einem Konzert Evgenji Kissins sind viele Russen in der Oper. Wäre man melancholisch, entdeckte man Nabokov in der hintersten Reihe des zweiten Ranges. Die Inszenierung hat Nachteile, doch auch Vorzüge. Dass es sich hierbei um eine Regietheaterinszenierung Typ choreographische Oper strengster Observanz handelt, bei der kein Pieps eines melodramatischen Schluchzers erlaubt ist, wird niemand abstreiten. Das Ethnologische hat sich in Chagall-Reminiszenzen geflüchtet. Auch kein Tschechow, kein Birkchen ist zu sehen, und kein Samowar steht verschämt herum, in dem der Tee der Sehnsucht köchelt. Freyer langweilt (aha: Onegin, ckukoi wnow gonim) die Zuschauer mit dem bekennerischem Fleiß und der vorbildlichen Gründlichkeit eines Regiepaschas… doch zugegebenermaßen entsteht dabei eine poetische Kälte, die mehr von Onegin erzählt als herkömmliche Tschaikowsky-Folklore: i chastje bylo tak wosmogno, tak blisko.

Irgendwann dämmert es mir, dass diese Inszenierung großartig ist. Das Konzept ist hier ein Korsett, das kaum das Atmen erlaubt, und atemlos müssen alle Zuschauer durch Freyers hohle Gasse, durch die Onegin kommen muss, aber – vielleicht? – öfters nicht käme, befeuerte ihn Barenboim nicht mit aller orchestralen Nestwärme, die der lyrischen Oper zur Verfügung steht. Anna Samuils Stimme, die dieses „blisko“ in der Schlussszene singt, schafft hier eine der schönsten Momente des gesamten Onegin. Anna Samuil singt mit sehr körperlichem, dunkelrotem Sopran eine weniger psychologisch als instrumental aufgefasste Tatjana. Und Villazón? Nachdem man die Frage: sind das wirklich seine eigenen Haare? unentschieden beiseite gelegt hat, sieht man Villazón mit äußerster Sorgfalt und offenbarer Lust die Regievorschriften erfüllen. Villazón wirkt geradezu wie ein Fisch in Freyers Wasser. Und Villazóns Tenor? Rolando Villazón beginnt unauffällig, man hört ihn im Eingangsquartett einige Male nicht richtig. Die Ballszene ist dann ein Höhepunkt intensiver sängerischer Darstellung. Die Mittellage Villazóns ist von nagender Schönheit und mitreißender Wärme, die Höhe etwas farbloser, die Spitzentöne sind nicht sehr laut und vibrieren enger. Der dramatisch-lyrische Instinkt seiner Tenorstimme ist von astreiner Treffsicherheit, das melodische Hingerissensein des Sängers unvergleichbar, optisch ist das Vibrieren seines kleinen Körpers bei sängerischer Höchstleistung ohnehin nicht zu übertreffen.

Das Kuda, kuda wy udalilic der Duellszene brachte Villazón etwas auseinandergezogen und mit vielfach unterbrochener Linie. Es kam nicht mehr an das konkurrenzlose, rezitativisch freie, durch und durch gestische Singen heran, das Villazón zuvor zeigte. Ja k wam pishu – chego ge bole? Puschkins Onegin ist ein Meisterding (das vollkommene Chem mensche genschinu my ljubim…). Roman Trekels Onegin hätte trotz subtiler Phrasierung mehr Präsenz und vokale Effektivität vertragen. Das Russische lag ihm anscheinend nicht (ehrlich gesagt, Villazóns Artikulation war gleichfalls nicht der Deckel auf den russischen Sprachtopf), ebenso wenig die Emphase der Schlussszene. Der Gremin von Christof Fischesser bestätigte den guten Marke von zwei Wochen zuvor, wenn dieser Gremin wie Trekels Eugen auch ausgesprochen deutsch klang. Neben den bemerkenswerten Villazón und Samuil gab es von Margarita Nekrasova eine Amme, die es in sich hatte, sowohl in Pfunden als auch im düster flackernden, mit allen Wassern der Charakterisierungskunst gewaschenen Mezzosopran. Barenboims Orchester rundete sich, klagte, schmachtete, glühte. Die üppige Wärme der Holzbläser erinnerte an Barenboims Don Giovanni vom Vorjahr. Die Hörner hatten große Momente. Die Staatskapelle glänzte mit einem emphatischen Erzählstil. Auch ein Menuett von Haydn hätte an diesem Abend nach Tschaikowsky geklungen, und vielleicht sogar eine Fuge von Reger. Freyers Onegin-Inszenierung ist eine rundum gelungene, feine Sache und zeigt, dass Standfußball in der Oper eine Sache für Fortgeschrittene ist. Sie wurde mit der Heftigkeit, mit der man ansonsten ein kolossales Schnitzel in Anspruch nimmt, ausgebuht. Dieser Eugen Onegin ist eine Regiearbeit für unerschrockene Herzen. Opernkritik: Standfußball für Fortgeschrittene.

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