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Magdalena Kozena Angela Denoke Sylvia Schwartz Rose O’Neill

Ein zufriedenstellender Opernabend. Das Rollendebüt Magdalena Kozenas zog viele Neugierige an. Asher Fisch dirigierte erfreulich lebhaft. Mit unbändigem Schwung, vorwärts treibend, doch ohne verwischte Akzente, gerade mit so viel Robustheit wie lebhafter Nuancierung, gelang das Vorspiel zum ersten Akt (Hörner, Streicher), ebenso das kurze zum zweiten Akt. Sehr schöne Solo-Klarinette im ersten Vorspiel. Schöne Hörner. Die Klasse Fischs war nicht nach den zwei Takten, doch nach den ersten fünfzehn Takten klar. Hier ist nach Alexander Vitlin ein Dirigent, der vielleicht eine positive Rolle spielen kann. Fischer entwickelt Linien mit Instinkt aus Impulsen, treibt Nebenstimmen an. Die Klänge besitzen Triebkaft. Dabei manches Mal zu laut, doch wer ist das außer Ozawa, Abbado und Rattle nicht? Mehrere kräftige Buhs überraschten daher durchaus. Man schien Heinz Frickes überraschungslosem, flauem Rosenkavalier von vor zwei Jahren nachzutrauern. Magdalena Kozena verzichtete im Octavian-Kostüm auf zu viel Kostbar-Elegisches.

Kozena sah außerordentlich liebreizend aus. Die blonden Haare werden nur mühsam gebändigt. Sie hatte weder Ehrgeiz noch Schlaksigkeit, um aus Octavian einen gertenschlanken Hermaphroditen zu machen, der in seiner Freizeit „Die Ballade des äußeren Lebens“ rezitiert. Kozenas Octavian ist hitziger, zappeliger, mädeliger. Kozenas Augenrollen ist bis in die oberen Ränge zu sehen, die Mimik gibt ihrem Octavian die slawische Hitze eines verliebten Semmelknödels. Magdalena Kozena ist ein Augenschmaus, und sie hat sängerisch traumhafte Momente – die Stimme glüht („Das Zudirwollen…“), das erregte Vibrieren des glühenden Stimmstroms beglückt. Laute Haltetöne schließen hin und wieder in charakteristischer Weise mit einer vibratolosem zweiten Teil. Die Textur der Stimme ist reich, die Farbsättigung überdurchschnittlich, die Artikulation mitreißend – eine Heldentat. Angela Denokes Marschallin gefiel durch außerordentlich fokussierte Tongebung und intakte Intonation. Die flutende Höhe war seeeehr beeindruckend, ebenso die dynamischen Nuancen. Angela Denoke bekommt den kräftigsten Applaus. Doch sapperlott, es klingt ein bissl literarisch durchkühlt, so dass sich die Ohren fast einen Schnupfen holen. Man sieht verzichtvolle Körperwendungen, stilvolle Handschlenker, Gesten der Abwesenheit. Ich fühlte mich etwas zu marschallinisiert. Anders Sylvia Schwartz. Die ist eine Sophie im blauen Kleid und dickem schwarzem Zopf. Sylvia Schwartz verfügt über eine sehr jung klingende Stimme mit umwerfender Frische in der Höhe. Ihr Sopran flog in der höchsten Höhenlage wie eine Schwalbe im Frühling. Die erste Szene des zweiten Akts zählt aufgrund der Freiheit des Singens und der schieren Tonschönheit von Kozenas und Schwartz‘ Stimmen zu den großen Augenblicken der letzten paar Jahre der Staatsoper Berlin. Nicolas Briegers Inszenierung entgeht auch im nassen Spätwinter 2009 nicht dem Vorwurf der Halbheit. Die Bilder substanzloser Zeit – der schiefe Kronleuchter, die rokokoweißen Masken der Lakaien, das freudlose Spätrokoko des immergleichen Saales – reichen nicht bis in das Spiel der Personen hinein.

Einige gute Einfälle – der Zwerg, der in der Frühstücksszene den Holzneger hineinschiebt, der Sänger, der im Rollstuhl sitzt – machen anderes, Uninspiriertes nicht wett. Der Wirtshausszene des dritten Aktes nähme nur eine außergewöhnlich einfallsreiche Regie die Umständlichkeit und Ledernheit. Wahrscheinlich empfinden nur jene Zuhörer, die im tiefsten Herzen Wiener sind, den Historismus des Rosenkavaliers nicht als störend. Kritik Rosenkavalier Berlin: erhebend.

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