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Man hatte an diesem Abend ausführlich Gelegenheit, sich über ein Missverständnis zu einigen. An Schumanns Das Paradies und die Peri ist kein Mangel an Kompositionstalent, sondern ein Mangel an Temperament zu beklagen, ein Mangel, der rein musikalisch nicht mehr zu erklären ist. Man ahnt, was Robert Schumann hier wollte: Reinheit, Lyrismus, geläuterte Musik. Komisch: Die Parallele zum Parsifal-Libretto fiel mehrmals auf. Das Programmheft beschreibt die Orchestrierung als „prall gefüllt mit markanten Abschattierungen“ – ein logisches und musikalisches Paradoxon, das sich allerdings mit der generellen Schwierigkeit, überhaupt etwas über die Peri zu sagen, entschuldigen lässt. Immerhin ist dem Heft beizupflichten, wenn es meint: „Dramatische Momente findet man kaum.“

Die Liste der fehlenden Vorzüge der Komposition ist lang, der entscheidende mag neben dem des fehlenden Temperaments der Verzicht auf geistige Frische sein. Dass Rattle Schumanns Peri drei Mal in Berlin aufführt, wird nur dadurch wiedergutzumachen sein, wenn dereinst Justus Franz „in hohen Alters Mühen“ als Erster Gastdirigent des London Symphony Orchestra an dreißig aufeinanderfolgenden Abenden Elgars Dream of Gerontius in der Royal Albert Hall aufführen wird, und zwar mit Paul Potts in der Tenorpartie. Beruhigend ist die Tatsache, dass seit der letzten Aufführung der Peri durch Carlo Maria Giulini ganze dreiunddreißig Jahre vergangen sind, die nächste Peri also nicht vor 2042 zu erwarten ist. Wahrscheinlich ist Dudamel 2042 seit 15 Jahren Chefdirigent der Berliner, und der greise Rattle dirigiert in umwerfenden Konzerten Kompositionen des sechsjährigen Mozart.

Eine großartige Bernarda Fink, Christian Gerhaher, eine in der Höhe etwas dünne Annette Dasch, eine fotogene Kate Royal und ein Andrew Staples, zu dem mir jetzt wenig einfällt, sangen. Der Beifall des Publikums war klassizistisch, und glich hierin der Komposition. Wer nicht in der Philharmonie war, müsste sich sämtliche Fugen Max Regers ohne Pause anhören, um einen verlässlichen Eindruck von der Nutzlosigkeit dieses Abends zu erhalten. Es gab zwei spannende Momente. Der erste war zweifelsohne der Streicherbeginn in herrlichem Piano. Der zweite passierte während der ersten Arie Annette Daschs, als Simon Rattle mit aufgerissenen Augen und aufgerissenem Mund, die Ellenbogen wie eine Fledermaus nach hinten in die Höhe gestellt, in beängstigender Nähe vor Annette Daschs Gesicht verharrte und sozusagen Daschs Gesang als Symbol äußerster Konzentration in schöner Anschaulichkeit verkörperte. Annette Dasch meisterte die Situation mustergültig.

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