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Bericht Simon Rattle Berliner Philharmoniker. Man steckt recht tief im Jahr 2008, und es scheint, als seien die Philharmoniker Simon Rattle und Rattle sei die Philharmoniker. Man weiß nicht, ob man in die Philharmonie geht, um Rattle mit den Philharmonikern zu hören oder die Philharmoniker unter Rattle. Oder: um Brahms‘ Dritte zu hören, die man unter Abbado vor 16 Monaten hörte, oder um Rattle zu hören, der sich in den Kopf gesetzt hat, Brahms zu dirigieren (niemand würde das von ihm erwarten).

In der Pause hört man so was wie: „Mit Brahms kann der Rattle nichts anfangen“ (gesprochen im schwäbischen Akzent). Guy Braunstein ist bei der zweiten Sinfonie und beim Klavierkonzert erster Konzertmeister. Die Gestaltung der Linien ist auf dem höchsten Niveau. Geburt, Erstarken, Hypertrophie der Linie, ihr Abebben in Leisheit, führen zu ziemlich lohnenswerten Eindrücken. Rattles Leisheit in den Binnensätzen ist grandios wie die Abbados, doch weniger literarisch konzipiert als vielmehr direkter aus der Partitur hervorgehend. Es gibt derzeit keinen Dirigenten, der vehementer zum Hören zwingt.

Lars Vogt ist einer der Pianisten, die nicht dazu hinreißen, sich inmitten des Finalsatzes zu erheben, um lautstark zu klatschen, an denen jedoch selbst ein konzentriertes Gehör kaum einen noch so kleinen Makel, etwa Unkonzentriertheiten der Linienführung oder verbummelte Akzente, entdecken mag. Der Anschlag Vogts ist etwas körperlich und weniger schwebend, eher kühl, kontrolliert, und mit einem sehr präzisen Klangkern versehen. Vogt spielt ein herbes Brahmskonzert mit einem Schuss Kühle und einem Spritzer Hemdsärmligkeit. Einen Mangel, wenn schon keinen Makel, in Vogts Spiel gab es womöglich doch: die nicht zündenden, eher polternden ff-Stellen. Doch mögen die Philharmoniker hier ihrerseits recht laut gewesen sein. Brahms‘ erstes Klavierkonzert überfordert (wie Beethovens Neunte) den Hörer ständig. Der erste Satz der zweiten Sinfonie macht unter Rattle als einziger des Brahms-Zyklus‘ den Eindruck eines rasch genommenen Tempos.

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