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Zum Tod von Claudio Abbado.

Es war gar nicht schlecht, am Abend zuvor Beethovens Neunte vor dem Brandenburger Tor, im Beisein einer gut gelaunten Frau Merkel und einer simsenden Frau Künast, gehört zu haben. Von der Beethoven-Sinfonie blieben besonders die Paukenschläge in Erinnerung, die wie Musik nach der Musik klangen. Anne Schwanewilms trug ein rotes Samtkleid, das wirkte, als verbrächte es die größte Zeit seiner Existenz in einem dunklen Kleiderschrank. Jonas Kaufmann trug Krawatte. Waltraud Meier (ich bringe an dieser Stelle ein Hoch auf ihre Staatsopern-Isolde aus) grinste breit, sah blendend aus und trug als einzige auf dem Podium Sonnenbrille. Wahrscheinlich wagte Barenboim nicht, ihr diese zu verbieten. René Pape trug Joppe. Nie erträgt man jene Banausen, die vor dem Alla turca des Finales klatschen, entspannter als an diesem prächtigen Frühsommervorabend.

Und damit zu Claudio Abbado rund 24 Stunden später. Claudio Abbado kommt zu immer wunderlicheren Programmen. 2006 dirigiert Abbado Schumanns vom Lauf der Zeit eingemotteten Manfred, 2007 die erfrischende Kombination Bach und Weill, 2008 Berlioz‘ heimtückisches Te Deum, für 2010 ist Brahms‘ Rinaldo angekündigt, den große Teile des Publikums ebenso wie die Nationalhymne der Fidschiinseln noch nie gehört haben werden. In diesem Jahr dirigiert Abbado Stücke von großer klanglicher Leichtigkeit. Die Kombination aus Schuberts sensibler Rosamunde-Musik und Debussys voll entwickeltem Orchesterstil wirkte bestechend. Von der Rosamunde bewahrt nicht nur der verführerische Entre-Act zeitlosen Zauber, sondern auch der sich über einem Posaunen- und Hörnerchor erhebende Geisterchor (unrettbar in den Abgrund gezogen von der haarsträubenden literarischen Qualität der Zeilen „In der Tiefe wohnt das Licht./Licht, das leuchtet und entzündet“) und die aufs glücklichste instrumentierten und von einer unvorstellbaren melodischen Wärme getragenen weiteren Sätze.

Auf den Treppenaufgängen wird man Zeuge von Begegnungen einsamer, zwischen Italien, Berlin und Luzern weltenbummelnder Abbadiani. Man hört melancholisch gedämpfte Gespräche: „Abbadiani?“ „Si. Abbadiani.“ Das traurige „Wo die schönen Trompeten blasen“ schien in vollkommener Angemessenheit realisiert. Das Pianissimo der Hörner zu Beginn war überwältigend. Unüberbietbare Streicher im „Rheinlegendchen“, wenn das Lied auch nicht von jener ungetrübten Heiterkeit ist, von der das Textheft spricht. Wer sich konzentriert, hört das Meer in Debussys La Mer nicht mehr, es geht in ein Meer aus Musik auf. Es ist lehrreich, wie sich die Strukturen der Streicher und Bläser verzahnen, doch nie ineinander Aufgehen. Die schillernde Härte des Schlusses bewahrt etwas von der Intimität der Farben, etwas Zärtliches, es ist blendende Musik. Abbados Hände schlenkern in Zeitlupe.

Sie scheinen von keinem Willen gelenkt, sondern geheimnisvoll dem Fluss der Musik verbunden. Einige von Debussys ff-Aufwallungen umschreibt Abbado mit kleinen, zarten, undeutbaren Bewegungen dicht vor dem Körper. Andere ff-Passagen begleitet er mit der hoch über den Kopf hängenden Linken, der Habitus erinnert an einen abgestorbenen Baumast. In den kurzen Satzpausen legt er die ausgestreckten Hände aneinander, eine Geste freundlich gesinnter Konzentration – oder fast der Dankbarkeit gegenüber dem Orchester, nicht unähnlich Ozawa. Stabloses Dirigat. Im Profil: Abbados Adlerkontur. Beim letzten Gang vom Podium hebt er die ausgestreckte Linke halb zum Dank halb zum Abschied, nicht unähnlich Pollini, doch ohne die Leutseligkeit des alten Domingo. Starbesetzung der Phillies: Pahud Flöte, Mayer Oboe, Baborák Horn, Wenzel Klarinette, Braunstein Konzertmeister.

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