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Daniel Barenboim Bernd Eichinger Matti Salminen Waltraud Meier Christof Fischesser Hanno Müller-Brachmann Plácido Domingo

Es ist nicht leicht, Prokofiews Fünfte mit den Berliner Philharmonikern unter Gustavo Dudamel zu hören, und 18 Stunden später Barenboims Parsifal. Ich trage es mit Fassung und lese auf dem Besetzungszettel, dass René Pape ausfällt. Matti Salminen springt ein. Nun gut. Bernd Eichingers Inszenierung ist nach wie vor aufgrund ihrer bleiernen Gedankenlosigkeit ein Ärgernis. Insbesondere während der tölpelhaften Filmsequenzen empfiehlt sich über ganze Partiturseiten hinweg das geschlossene Auge. Bernd Eichinger mag mittelmäßige Filme drehen können. Für mittelmäßige Inszenierungen reicht das nicht. Die Schwarzmarktpreise erreichten das Niveau eines Hartz-IV-Monatssatzes. Kritik Waltraud Meier: Schön war es. Waltraud Meier sang die Kundry in zufriedenstellender Angemessenheit. Meiers messerscharfes Vibrato fräst die Kundry mit dem Pathos der echten Künstlerin aus der Partitur heraus.

Schärfe und Pointierung der Artikulation sind unerreicht. Die Haltenoten sind hocherregend, exzellent komprimiert, tonlich grandios, Stimme und Gestik frei von jeglichem störenden Bühnenpathos. Die Höhepunkte: das vollendete „lachte“ sowie ein wie mit dem Skalpell aus der Partitur herausoperiertes „Irre! Irre!“. Schön war es, intelligentes Drama war es, es kommt bei Waltraud Meier aus der Artikulation, aus der Phrasierung, aus den dynamische Finessen. Bekam Waltraud Meier mehr Bravos wie Domingo? Ich denke ja.

Plácido Domingo spielt, wie er singt. Anders als mit äußerster Vehemenz macht er es nicht. An wenigen Stellen spart Domingo Kräfte auf. „Denn nicht ihn selber durft‘ ich führen im Streite“ singt Domingo mit Kopfstimme. Die gaumige Aussprache des Deutschen ist mitunter abenteuerlich, wenn auch verständlich – in dieser Form erinnert die Konsistenz des Deutschen an eine Paella. Doch schließlich war dies kein Rezitationsabend des Librettos – Ulrich Matthes, mach‘ mal einen Parsifalabend mit Nina Hoss -, sondern die Aufführung der Oper. Domingo streut Schluchzer ein, seine Stimme besteht aus Klangfarben, die den Philharmonikern jede Ehre machen würden.

Man kennt Domingo ja: Das helle Timbre ist baritonal abgedunkelt, der Habitus heroisch, expansiv und eine Spur altmodisch. Gestik und Mimik Domingos lassen die jahrzehntelange Bühnenerfahrung spüren, manchmal zu sehr. Dann wird das inwendige Pathos des Parsifal frommer Kitsch. Doch es gibt Schlimmeres. Domingos Spitzentöne sind alles andere als gut fokussiert, flackern unter Hochruck, durchschlagen jedoch recht gut das Orchester. Domingos Vibrato demoliert quasi ständig die Tonlinie – daher der hochemphatische Ausduck. Höchster Ehren wert sind der Klangreichtum und die schlichtweg umwerfende Emphase der Stimme. Von „Gewiss! Im Fluge treff‘ ich, was fliegt“ bis „O! Welchen Wunders höchstes Glück“ war Domingos Parsifal eine abenteuerliche, entzückende, hochbeglückende Reise durch Wagners Bühnenweihoper. Hanno Müller-Brachmann: ein hollernder Amfortas, gefiel mir nicht.

Christof Fischesser: Die Stimme hat immer Reserven. Als Rollenporträt fehlte Schmeckenbechers Schärfe. Fischessers Klingsor verbreitete Wohllaut und Ungefährlichkeit eines Kantors. Matti Salminen: Er sticht Zielnoten jovial, man kann auch sagen burschikos-heroisch, an, anstatt Akzente auszusingen. Doch sang Salminen den Gurnemanz mit unerbitterlicher Wucht – es saß eine Schlagbohrmaschine in seiner Kehle. Das Timing gestaltet Salminen hin und wieder recht individuell, sein bärenstarkes Pathos erinnert an die Sonorität von Wagnertuben. In Salminens Marke steckt viel von der herben Leidensfähigkeit eines skandinavischen Seebären. Über Barenboims unerschöpflichen, paradigmatischen, unübertroffenen Parsifal habe ich mich schon ausgelassen (s. u.).

Kritik Parsifal Berlin: denkwürdig.

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