Philharmoniker: jetzetle aber, Witten: viel Neues, DSO: piekfein mit Louis Lortie

Das livegestreamte Philharmonikerkonzert am Samstagabend war hörenswert. Barenboim springt für Mikko Frank ein, und Yefim Bronfman spielt Brahms, 1. Klavierkonzert. Beim ersten Hören spielt Bronfman fesselnd, konzentriert, immer lebendig.

Die Triller des Themas donnert Bronfman nicht in schneidendem Gleichmaß, stattdessen will er jeden Ton einzeln hörbar machen. Beim 2. Thema spielt die linke Hand die Figurationen als Formungen von wunderbar eigenem Gewicht. Es ist ein wirklich eindrucksvolles Konzert von Bronfman, der gebürtig aus Taschkent stammt, Israeli und US-Amerikaner ist („this sturdy little barrel of an unshaven Russian Jew“, schreibt Philip Roth in Der menschliche Makel). Bronfman spielt kraftvoll, der Ton ist breiter als bei Trifonow, der Musizierfluss überlegener und gelassener.

Und wie viel Raum nimmt sich der Pianist plötzlich bei der Reprise des Hauptthemas, trotz der kompakten Gedrängtheit der berühmten Trillerketten. Im Adagio setzt Bronfman die Akkorde über den Hörnern aus selbstverständlichster Werk-Vertrautheit heraus natürlich und unvorstellbar sicher. Bronfman drängt nicht, kein Milligramm seines Spiels rutscht in selbstgewisse Virtuosität ab.

Bronfman bei einem der Kadenztriller im Adagio / Foto: Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Zu Hause, via Concert Hall, hört man Bronfman beängstigend detailliert, vermutlich baumelt das Hängemikro direkt über dem Instrument. Live klingt das Klavier in der Philharmonie ja meist, als käme sein Klang direkt aus dem Orchester, aus Celli oder Bratschen, flankiert von den Bläsern, und obendrauf die Flöten, wie eine fünflagige Schwarzwälder Kirschtorte.

Barenboim? Macht das gut. Die Temponahme ist breit, doch stets fließend. Was besonders überzeugt: Orchester und Dirigent musizieren ohne „Leerstelle“. Das gilt besonders für Daniel Barenboim mit seinem stets untrüglichen Gefühl für sich schließende Melodiebögen. Mit wie viel Phrasierungsinstinkt, wie zwingend entzieht sich da ein Nachsatz (des Hauptthemas) nach und nach dem begierig miterlebenden Ohr. Spannungsvoll Zeit lassend, so könnte man Barenboims Zugriff beschreiben. Klanglich ist das sensibel gerundet, nie nur-satt, ohne jeden Anflug von Bräsigkeit. Nur die pp-Einschübe der Streicher im Adagio drückt Barenboim zu sehr Richtung Andacht.

DSO und Louis Lortie fidel im Radiokonzert

Auch das Finale, das Bronfman und Barenboim mit gelöstem Nachdruck angehen, gelingt. Und dann wird auch noch das mitunter wie ein Fremdkörper wirkende Fugato nicht zu schwer ge-, sondern quasi en passant mitgenommen. Die Geigen haben Momente solch großer Binnendifferenzierung, dass sie mehrstimmig wirken, wo sie es gewiss nicht sind (Final-Coda). Diese >1000-Takte-Stücke sind online einfach verflucht schwer zu hören – und anzusehen sowieso. Als Ganzes war das doch sehr außerordentlich. Von der Ersten von Brahms vielleicht mehr nächste Woche.

Was einem auf YouTube so passieren kann. Meine Kommentarfunktion wurde einkassiert, nachdem ich mehrmals die Werbeunterbrechungen innerhalb von Sätzen kritisierte.

Das Deutsche Symphonie-Orchester präsentiert im Radiokonzert ein rein französisches Programm, das Yutaka Sado vital leitet. Faurés Pelléas et Mélisande hat man in letzter Zeit zu häufig gehört. Hut ab vor der blässlichen Tragik des kostbaren Suiten-Werks. Aber bei mir ist nach dem inzwischen 3. oder 4. Mal die Brause raus. Vom Hocker haut mich hingegen das Klavierkonzert Nr. 5 von Saint-Saëns. Auch, weil es im 2. Satz ägyptisches Kolorit in weit mehr als homöopathischen Mengen verspritzt. Aber das Werk prickelt fein wie Champagner, ist unheimlich klassisch und perfekt ausgewogen und überzeugt mit seiner klaren, sehr spezifischen Klanglichkeit. Piekfein das Finale, wo Solist Louis Lortie die Struktur federleicht, fast Ravel-zart züngeln lässt.

Fünf kristallklare Klavierkonzerte hat Saint-Saëns geschrieben. Gerade in Deutschland, wo man so konservativ ist, was Klavierkonzerte der zweiten Hälfte des Ottocento angeht (Brahms, Tschaikowsky, Grieg, Liszt, das war’s), täte mehr Saint-Saëns gut. Es folgt Iberts Divertissement, das vor frivolen, fröhlichen Farben nur so kichert. Ein spritziger Spaß ist das, aber auch ziemlich intelligent gemacht, bis hin zum Pfiff der Trillerpfeife. Den Bolero, der vermutlich schlechter als sein Ruf ist, spare ich mir. Das Konzert wird aus dem Haus des Rundfunks im Deutschlandfunk übertragen.

Neues aus Witten: Christensen, Gedizlioğlu, Bertelsmeier, Badalo, Pauset

Flugs zu den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Nur zwei Klicks und ich bin mittendrin. Wie Ultraschall oder Eclat in Stuttgart passt sich auch das Wittener Festival erfolgreich an Corona an. Man sendet und streamt ein intensiv über drei Tage verteiltes Programm, das von den Ensembles an den verschiedensten Orten sorgfältig vorproduziert wurde. Der WDR3 überträgt vollständig im Radio, die Streams sind ein Jahr lang nachhörbar. Was man von ähnlichen Digital-Festivals kennt, zeigt sich auch hier: Nämlich dass sich kompakte Ensemblekonzerte zeitgenössischer Musik prima zum Streamen eignen. Ich höre Konzerte Nr. 5 und 6 vom Sonntag – was sich als perfekter Abschluss des Hör-Wochenendes erweist, nach Barenboim und DSO.

Konzert 5 bringt vier Uraufführungen. Der Beginn ist schon mal verheißungsvoll. Intouch des Dänen Christian Winther Christensen bedient erfolgreich die modernen Primärreize Minimalismus und Ironie. Die Strukturen sind leicht, das Werk ist lustig. Folgt Subsonically Yours der Kroatin Mirela Ivičević, die ihren Marktwert in der hart umkämpften Neue-Musik-Szene mit ihrem Image als Klangbrückenbauerin zwischen U und E geschickt steigert, Girlie-Look inklusive. Das Stück selbst mit seinem pseudo-kreativen Klein-Klein überzeugt mich heute weniger. Das Klangforum Wien unter Anheizer, Lenker und Denker Titus Engel interpretiert genau und leidenschaftlich. Der zweite Konzertteil kommt aus Stuttgart und wurde eingespielt vom Ensemble Ascolta. In Zeynep Gedizlioğlus Eksik – Entzug klingen die Tarzan-Schreie der Musiker eher nur-witzig als auch-triftig, aber die Musik drumherum ist klangsinnlich, hat Ziel und Spontaneität. Dies gilt eher nicht für das folgende Dark side of Telesto, das der Schweizer Michael Pelzel als 22-minütige Pink-Floyd-Hommage präsentiert. Eher langweilig, würde ich sagen. Lin Liao leitet.

Klangforum Wien und Ensemble Ascolta / Foto: Wittener Tage für neue Kammermusik/WDR3
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Philharmoniker: och nee, RSB: Strawinsky, Spectrum Concerts: Tanejew

Irgendwie fühlt sich die ganze Streaming-Chose an, als hätte es sie so schon immer gegeben. Lang, lang ist es her, da man Schulter an Schulter in Block G saß und Pandemie ein Wort aus der älteren Geschichte war. Andererseits, ertappt man sich nicht dabei, klammheimlich ganz froh zu sein, nicht im pickepackevollen Konzertsaal zu sitzen? Schwer zu sagen.

Bei den Philharmonikern goutiert man weiterhin Riesenwerke. Am Kopfhörer steige ich bei Bruckners 9. (mit Mehta, immerhin einem der aufregendsten Brucknerdirigenten) beim 2. Thema aus. Die Neunte ist mir zur Zeit zu viel Andacht, zu viel Jenseits. Auch Messiaens pathetisches Toten-Epos Et exspecto resurrectionem mortuorum – keine Minute reingehört – fungiert da als astreiner Stimmungskiller. Aber da mag jeder Hörer anders ticken.

Foto: Berliner Philharmoniker / Digital Concert Hall

Neues gibt es beim RSB. Da startet am Sonntag eine Aufführungsserie, sechsteilig, Strawinsky gewidmet, vollständig gesendet via Radiokonzert. внимание, Achtung!, hier spricht Strawinsky, und der spricht die Sprache der Reduktion. Zumindest im ersten Konzert. Selten bis Nie-Gehörtes des übergroßen Russen erklingt, gleich zu Beginn die Acht instrumentalen Miniaturen für fünfzehn Spieler (1963), bei denen ich das Gefühl habe, ich höre Musik aus dem Reinraum, so ostentativ antiromantisch tönt das. Und, o Wunder, gerade dadurch rührt sie. In die gleiche Kategorie hüftschmal proportionierter Meisterwerke gehört der quirlige Pas de deux: Blauvogel aus Tschaikowskys Dornröschen. Das ist großartig indirekte Musik von karger Buntheit. Teilweise ein Upcycling-Projekt von Film-Ideen für Hollywood stellt die bezaubernde Ode (1943) dar, bei der das RSB exemplarisch zeigt, wie sich distanzierter Spätstil unmittelbar in Gefühl transformieren lässt.

Bitter, aber wahr: Corona macht’s möglich, nämlich derart aufregende Programme.

Dann ist der allerbeste Teil des Abends aber auch schon vorbei. Orpheus (1947) ist Ballettmusik in der Art des Apollon. Die klingt ähnlich dunstfrei, aber nicht so phantastisch konzentriert wie die zuvor gehörten Stücke. Das Puritanisch-Säuerliche, das Antiken-Werken der Neoklassizisten gerne mal anhaftet, hört man auch bei Orpheus. Abschließend Juri Faliks Elegische Musik, deren Hauptreiz die vier imposanten Posaunen ausmachen. Schade, dass der Rest nicht mehr bietet als x-beliebigen, Streicher-umwobenen Trauerflor à la Schostakowitsch. Gespielt wird live aus dem Großen Sendesaal des Rundfunkhauses.

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Berliner Corona-Konzerte im April: Staatskapelle Serenaden, DSO Bläsermusik, Komische Oper Gulda

Kein Licht am Ende des Corona-Tunnels. Das deutschlandweit beachtete Senats-Pilotprojekt wurde ebenso fix wieder abgebrochen, wie es auf die Beine gestellt wurde. Alles bleibt beim Alten. Deutschland steckt im Dauer-Lockdown fest, und so liefern Orchester und Ensembles frischproduzierte Musik weiter per Livestream, Radiokonzert, Zoom-Meeting – oder erfinden neue Formate wie das RSB, das im März digital durch „Kinderzimmer, Klassenzimmer, Wohnzimmer“ tourte.

Corona ist ein tragischer Mist, aber alles ist besser als die Tristesse von Stillstand und Nichtstun. Und so klingt Corona-Berlin im April.

Die Staatskapelle Berlin umkreist in zwei Konzerten (veröffentlicht auf Youtube) Musik an der Schnittstelle zwischen Symphonie und Unterhaltung. Die Komponisten: Mozart, Dvořak, Brahms, Schönberg. Die Struktur: gelockert, der Habitus: intim. Das Ziel: es soll sereno, Sereno-naden-heiter klingen. Simon Rattle schnappt sich Dvořak und Brahms, Barenboim macht Mozart und Schönberg. Am meisten interessieren Schönberg und Brahms – Brahms, weil dessen Serenade Nr. 2 alles andere als hochromantisch sein will und die spektakulär unspektakulären Themen mit stillem Stolz vor dem Ohr des Zuhörer vorbeiziehen. Rattle belässt dem Werk (UA 1860) prompten Klang und lebhafte Farbe und sichert ihm so unverstellten Ausdruck. Ernst und ein Gefühl für Vorwärtsbewegung stehen da nie im Vordergrund, sprechen aber stets mit. Dvořaks 15 Jahre später entstandene Streicherserenade Es-Dur ist gleichfalls fünfsätzig, klingt volkstümlicher, atmet wärmer. Gibt Rattle den Serenaden eine sicher ausgehörte Weiträumigkeit, so betont Daniel Barenboim in seinem Konzert eine auch klangliche dichte Intensität. Neben Mozarts wunderbar warm ausmusizierter Gran Partita gelingt vor allem Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 in der Originalfassung ungemein spannungsvoll und thematisch dicht verstrebt, wozu auch das ehrgeizige Tempo beiträgt, und dirigieren tut das Ganze Barenboim mit einer Art herrischer Alters-Ungeduld.

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Premiere Staatsoper Berlin: Figaro Huguet/Barenboim

An der Staatsoper will man’s wissen. Es läuft die schon dritte Streaming-Premiere der Saison. Nach Lohengrin und Jenůfa wird jetzt Figaro neuinszeniert, gestreamt (auf Medici TV) und gesendet (RBB). Figaro? Aber den gab’s doch schon. Stimmt. Flimms beliebter Sommerfrischen-Figaro von 2015, damals mit Röschmann, D’Arcangelo, Prohaska, Crebassa, von Dudamel tiefenentspannt und leuchtend dirigiert, hielt nur fünf schlappe Saisons. Sei’s drum, nun präsentiert man Unter den Linden Mozarts Le Nozze di Figaro, die Oper der Täuschungen und Intrigen, neu durchdacht und bebildert von dem Franzosen Vincent Huguet, dessen Wiener Frau ohne Schatten unlängst durchaus zwiespältig gesehen und gehört wurde.

Graf und Dienerin / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Flimm, damals noch in Intendants-Würden, versetzte das Italienische Singspiel in vier Aufzügen in die 1910er bis 20er samt Leinenanzug und Knickerbocker. Jetzt beamt Huguet Mozarts Buffa-Personal gleich in die 80er. Huguets Figaro-Welt ist bunt, schrill, extravagant, italienisch-luxuriös, Designer-Fummel inklusive. Jeder Akt ist ein Fashion-Feuerwerk.

Der erste Aufzug wird von der Mondrian-bunten Küchenzeile dominiert (Bühne: Aurélie Maestre). Zweiter und dritter Akt spielen in einem Designer-Traum aus Blattgold und Sichtbeton. Im Final-Akt öffnen sich zwischen postmodernen Kuben von Dachaufbauten kleine Terrassen. Dazwischen sprießen dekorative Orangenbäumchen im Pflanzkubus, ganz oben hängt fotorealistisch der Mond. Ganz so Optik-dominiert, wie sich das jetzt anhört, ist Huguets Mozart-Deutung aber auch wieder nicht. Die Bilder, übrigens perfekt ausgeleuchtet, fügen sich erstaunlich geschmeidig den Handlungslinien mitsamt ihren Gefühlswallungen und -verirrungen, die im Figaro nun einmal passieren.

Dabei startet Mozarts toller Tag müde und uninspiriert. Die Aerobic-Show stellt ziemlich oberpeinliches Inszenierungs-Gemüse dar, und dann kommt auch noch das maue Duettino des Dienerpärchens (Cinque…, dieci…), die Körbchengröße. Überhaupt, Situationskomik ist nun wirklich nicht das Ding von Vincent Huguet. Lustig ist aber, wenn Graf und Gräfin zwischendurch plötzlich heftig turteln. Auch gut: Unter den jubelnden D-Dur-Akkorden der allerletzten Final-Takte schnappt sich die Gräfin den Cherubino und der Graf die Susanna und verschwinden in die Büsche. Es steckt in dem Abend gleichzeitig etwas sehr Heutiges, Kühles, Unvorhersehbares. Schnöde konventionell ist Huguets Figaro mitnichten. Denn er zielt weder auf eine allzu oft gesehene Wehmut zart leidender Seelen noch auf eine quirlig überdrehte Buffo-Motorik à la Flimm. Gutes, solides, sehenswerteres Repertoire-Theater, würde ich sagen.

Graf und Gräfin / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Dieser Graf (Gyula Orendt) ist drahtig und schlank. Der Almaviva einmal nicht als libertäres Ekel, sondern als irgendwie ziemlich coole Socke, intelligent und charmant. Vor allem ist Orendt sängerisch immer zur Stelle, ein leichter Bariton ist zu hören, tonschön, stets flexibel, kontrolliert die Dynamik, so führt Orendt die Stimme wundersam passgenau durch Eifersuchts- und Verliebtheits-Rage. Ihm zur Seite steht die gedankenvolle, junge, aufregend natürlich spielende Gräfin der Elsa Dreisig (zuerst im glitzernden Glamour-Fummel, später im pinken Haus-Outfit mit Puschelpantoletten, Kostüme Clémence Pernoud). Da spricht etwas anregend Jetziges aus ihrer Verlorenheit, ihrem Pragmatismus. Dreisigs Porgi, amor tönt subtil und sensibel, jeder Ton zählt, es ist ein Es-Dur-Flug auf Sicht, zwingend in allen Ausdrucksnuancen.

Die temperamentvolle Susanna singt Nadine Sierra (wahlweise im Hausbediensteten-Kittel oder im frechen Rüschenröckchen). Sierras Stimme: dunkel timbriert, von angenehmer Schwere. Blühend und Arien-intim ihr Deh, vieni. Ihr zur Gatten-Seite steht der Figaro von Riccardo Fassi. Der ist heute Abend ein junger Schlacks, dem die Lockentolle frech auf der Stirn sitzt. Da steht kein viriler Revoluzzer, sondern ein Halbstarker in Fransenjacke und Westernstiefeln. Nur das verwegene Halstuch sorgt für einen Hauch Risorgimento-Gefährlichkeit. Anfangs unfrei, schallt Fassi dann frisch und betörend jung, allerdings nicht souverän bei Spitzentönen.

Überrascht beim Petting / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Gut besetzt auch der Cherubino von Emily D’Angelo, der als erotisches Nervenbündel (jungenhaft hochgewachsen im 2021 schicken Blouson, stimmklar und nuanciert in Arie und Arietta) für steten Gefühlswirbel bei Herr- und Dienerschaft sorgt. Marcellina und Bartolo sind das üblich groteske Nebenfigurenpaar. Mezzo-vif spielt und singt das Katharina Kammerloher als attraktive Dauerwellen-Schickse. Neben ihr agiert Maurizio Muraro im seriösen Dreiteiler. Den schmalzig-servilen Don Basilio (fliederfarbenes Poser-Hemd) singt Stephan Rügamer gestenreich mit deutschem Italienisch. Dem Don Curzio gibt Siegfried Jerusalem (Sturmfrisur, Anzug, Stock) Richter-Würde, den dienstfertigen Gärtner Antonio verkörpert David Oštrek. Als Barbarina gefällt Liubov Medvedeva mit ihrer Cavatine, in der ein Teenager, der vor schierer Jugend etwas schwer von Begriff scheint, herzerweichend über den Verlust einer Anstecknadel singt.

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Deutsche Oper: Premiere Francesca da Rimini

Endlich wieder Musiktheater, endlich wieder eine Opernpremiere an der Deutschen Oper Berlin. Es wird live gesungen, real gespielt – auf der Bühne und im pickepacke-vollen Orchestergraben. Das Ergebnis: eine fulminante Titelrolle für Sara Jakubiak, eine (in Deutschland, peccato) kaum bekannte Oper der italienischen Spät-Décadence, Francesca da Rimini, leidenschaftliche, schwelgende Musik. Vier Akte, Spielzeit netto zweieinviertel Stunden. Das Sujet entstammt dem italienischen Mittelalter, drei Brüder, einer schön, einer lahm, einer einäugig, rivalisieren um die schöne und stolze Francesca. Es folgen Betrug, Ehebruch, Eifersucht, Ehefrau- und Brudermord. Das Libretto komprimiert glücklich das gleichnamige Drama des D’Annunzio. Was sagt die Kritik?

Sara Jakubiak / Foto: Deutsche Oper Livestream

In klaren, kühlen Bildern inszeniert Christof Loy Riccardo Zandonais Meisterwerk. Man befindet sich in der Entstehungszeit der Oper, späteste Belle Époque, die Frauen tragen Blümchenkleider, die Männer Anzug schwarz und Krawatte. Loy lässt Johannes Leiacker einen lichtdurchfluteten, großbürgerlich weiten Raum eines Landhauses entwerfen. Der taugte genauso gut für Rosenkavalier, Arabella oder Figaro (mitsamt Tapete und raumhoher Verglasung zur Gartenterrasse). Keine Experimente, lautet die Regie-Losung. Aber so gibt Loy Zandonais Sängerpersonal den Raum, um die heftigen Leidenschaften gebührend zu entfalten. Die Personenführung ist klar, die Handlung unmittelbar einsichtig. 1:0 für Loy.

Sara Jakubiak ist die aus politischem Kalkül Betrogene und leidenschaftlich Liebende (schwarz in schwarz raffiniert gemusterte Robe). Jakubiaks Sopran malt Leidenschaften und Seelengeheimnisse, sie spielt herzerweichend. Für einige Spitzen in den tumultuösen Schlachtszenen des 2. Akts fehlen Spinto-Qualitäten. Ihr zur Seite der hinreißend schöne Paolo, gesungen von Jonathan Tetelman, dessen Tenor frisch, spontan, frei tönt, viril das Timbre, einer der aufregendsten Tenortipps derzeit (sein 2019er Rodolfo an der Komischen Oper war ähnlich umwerfend wie der von Beczała an der Staatsoper).

Tetelman & Jakubiak: Techtelmechtel / Foto: Deutsche Oper Livestream

Dem hässlichen Gianciotto leiht der bewährte und baritonal zupackende Ivan Inverardi seine machtvolle Gestalt und sein Mienenspiel (eisgrau nach hinten gekämmte Mähne). Francescas Bruder Ostasio gibt Samuel Dale Johnson. Der einäugige Malatestino, verkörpert vom hellstimmig und mit flügellahmem Italienisch singenden Charles Workman, komplettiert das Brüdertrio.

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Trio Catch mit Räisänen, unitedberlin mit Xenakis, Philharmoniker mit Lisa Batiashvili

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Die ersten Publikumskonzerte stehen an. In Oper, Konzert, Clubs. Zwar als Pilot- und Testprojekt und einmaliger Durchlauf. Aber immerhin. So geht’s: Wer rein will, muss tagesaktuell getestet sein. Die Tests sind kostenlos. Beim Reingehen personalisiertes Ticket, Ausweis und digitalen Testnachweis zeigen. Drinnen wird im Schachbrettmuster gesessen. So in etwa werden Konzerte bis Jahresende und vermutlich bis weit in 2022 aussehen. Warum auch nicht? Anders geht’s halt nicht.

Vorerst aber gibt’s Konzerte & Co weiterhin nur per Radio oder online, verpackt in Pixelpakete und geliefert in Bitraten. Das Trio Catch gibt Zoom-Konzerte, überführt so das bewährte Gesprächskonzert ins Corona-Zeitalter und schafft digitales Gemeinschaftsgefühl. Man meldet sich an, bekommt den Zoom-Link gemailt, los geht es. Über Zoom wird vorher und nachher geschnackt. Die drei Musikerinnen sind live dabei, Komponist Räisänen in Helsinki ebenso (ist das im Hintergrund eine Gefriertruhe?). Man hört das Stück @ch. Es ist kurze elf Minuten lang (vorproduziert im Radialsystem). @ch ist natürlich erst einmal ein witziger Titel, das Werk besteht aus vier Teilen (ich Dubbel höre jedes Mal nur drei) und die Motive sind größtenteils pfeifbar. Was aber eher nicht für die irrsinnigen Klarinettenläufe und virtuosen Ensemblepassagen gilt. Witzig ist nicht nur Räisänens Vorliebe für Wortspielereien (Hatch, Match, Mismatch, Scratch, so die Satzbezeichnungen), sondern nicht weniger der gestisch, fast pantomimisch lebhafte Zug seiner Musik. Nächstes Zoom-Meeting mit dem Trio Catch: 29.3., dann mit Irene Galindo Quero.

Trio Catch / Foto: Livestream Trio Catch/Radialsystem

Am Dienstag streamt das großartige Ensemble unitedberlin live aus dem BKA-Theater. Mit dabei ist jede Menge Xenakis. Zuerst aber spielt man Jobst Liebrecht. Von dem Hamburger Komponisten stammen die 6 Stücke für Streichquintett und Harfe (1991), hörenswerte Miniaturen zwischen Konzentration und Überredung. Es folgt von Ying Wang Durchsichtiges Lied für Flöte und Harfe. Das Stück von 2013 klingt, als würde das eine Instrument in Echtzeit über Aktionen des jeweils anderen improvisieren (Martin Glück, Anna Viechtl). Der 20. Todestag von Iannis Xenakis ist Anlass für die Aufführungen von fünf kammermusikalischen Werken der 1950er und 1970er Jahre.

In Charisma von 1971 geraten Klarinette und Cello immer wieder in heftiger klanglicher Intensität aneinander (Erich Wagner, Lea Rahel Bader). Mikka (1971) ist ein Solostück für Violine, dessen Glissandi sich wie Gummi in alle Richtungen biegen (exzellent Biliana Voutchkova), während Dhipli Zyia (1952) für Streichduo eine kraftvolle rhythmisierte Volksmusikstudie in der Bartók-Nachfolge darstellt. Fesselnd Theraps (1976) für Kontrabass solo, weniger ein Monolog in musikalischer Form als die Darstellung von Musik selbst, präzise und leidenschaftlich dargeboten von Matthias Bauer. Zuletzt Geflecht von Christoph Breidler (UA der Neufassung), wo der Komponist insektenhaft eifrige Elektronik mit minimalistischen Äußerungen der Instrumentalisten unterfüttert. Wie meist beim Ensemble unitedberlin ein dicht und luxuriös programmierter Abend. Nachzuhören hier.

Lisa Batiaschwili / Foto: Digital Concert Hall/Berliner Philharmoniker

Dann die Berliner. Semjon Bytschkow leitet. Lisa Batiaschwili spielt das Tschaikowsky-Konzert. Die georgische Geigerin fasst die Themen wie rohe Eier an. Ganz so wie die Mehrzahl der heutigen Geiger. Denn das Opus 35 als schnödes Virtuosenfutter ans Publikum verfüttern, das war einmal. Batiaschwili arbeitet sensibel Details heraus: das verwehte Tremolo direkt vorm 2. Thema. Ihr Ton ist nie nur-sonor oder unglücklich voluminös. Sie verteilt nuanciert Licht und Schatten: im Triller, der in die Reprise leitet, und gleich darauf, wenn die Geige das erste Mal das ganze Thema aufnimmt. Ich höre einen klaren, perfekt deutlichen, vollendet stilsicheren Tschaikowsky, ohne jede Schroffheiten, sehr modern in der Scheu vor Überschwang. Wer in der Durchführung nur die Zagheit und nicht die Intelligenz hört, kann sich zu Beginn am cremig weichen Portamento erfreuen. Wenige Stellen stehen so sehr für Tschaikowskys Musik wie jene Triller-durchsetzten Einsätze und Umspielungen von Soloflöte und -klarinette im langsamen Satz, die einem immer schwer erklärliche Schauer über den Rücken jagen.

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Berliner Corona-Hilfspaket: Philharmoniker mit Levit, DSO mit Vogt, Konzerthaus mit Mallwitz

Wer hätte es gedacht? Prall gefüllt präsentiert sich das sinfonische Wochenende in Berlin. Und plötzlich liegen nach den neuesten Ankündigungen wieder Konzertbesuche im Bereich des Möglichen – falls die Inzidenzzahlen sinken. Her mit den Konzerten für Geimpfte und frisch Getestete! Alles ist besser als keine Konzerte. Apropos prall gefüllt: Binnen 24 Stunden spielt das DSO im Radiokonzert, das Konzerthausorchester frei auf Arte, und die Philharmoniker streamen als Bezahl-Konzert.

Außerdem sendet die Universität der Künste am Freitagabend live. Wenn ich in den vergangenen Saisons Frühlings- oder Kreutzersonate hörte, dann in einem der Vortragsabende von UdK oder Hanns-Eisler-Hochschule. Am Freitag bewundere ich Victoria Wong in sehr guter Ton- und Bildqualität aus dem Joseph-Joachim-Konzertsaal an der Bundesallee mit der Bartók-Violinsonate.

Berliner Philharmoniker: Igor Levit spielt das 5. Beethovenkonzert

Der derzeit – zumindest in Zentraleuropa – meistdiskutierte junge Pianist spielt in der Philharmonie Beethoven. Er heißt Igor Levit und hat vor zwei Jahren mit dem DSO das Schumannkonzert blendend intelligent und unverrrückbar selbstbewusst vorgetragen. Wenn Levit (1987 im heutigen Nischni Nowgorod geboren) jetzt das Es-Dur-Konzert spielt, so muss man von hinten beginnen. Der brachialen Kraft des Finales begegnet Levit eigensinnig, ja kapriziös (Seitenthema). Obacht im Mittelsatz (Hymnenthema, Einsatz des Solos mit neuem Material, dann die zwei Variationen)! Levit klingt fesselnd, wenn die Musik einfach tut. Er klingt einfach, wenn die Musik tiefgründig ist. Das ist das Überraschende, und am überraschendsten ist, dass das gelingt. Im Kopfsatz steht Packendes neben Wenigsagendem. Levit findet etwas formidabel Verhastetes in den waghalsigen Arpeggien, im kraftvollen Fortspinnen der Reprise. Dazu kommt, dass Levit genau und hart anschlägt. Freilich reißen Rundung und Farbe des Tons nicht vom Hocker. Und der Doppeloktaven-Ausbruch inmitten der Durchführung donnert nur forsch (während das Fagott stillvergnügt seiner Übellaunigkeit frönt).

Mag sein, dass das live doch noch komplexer klingt als daheim, wo die Musik, runtergebrochen auf Bits und Pixel, eintrifft. Anderes klingt gewollt (Beginn der Kadenz), wieder anderes wird leichtfertig hergegeben (Seitenthema am Ende der Durchführung). Licht und Schatten also. E. Bünings vielberufenes Wort über den Super-Begabten (einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts) würde ich nicht teilen. Wer ein sogenannter Jahrhundert-Pianist ist, entscheidet sich selten vor 40. Levit ist 33. Ein Verspieler passiert dem Levit in den unauslotbaren Weiten der Schlussgruppe der Exposition. Das darf man Pianisten mit wachsendem Weltruhm sagen.

Paavo Järvi beglückt die Berliner Philharmoniker und digitale Zuhörer mit einem unverbindlichen Beethovn. Der tönt flott, beweglich, aufregend, dynamisch wunderbar flexibel und vor allem zackig und schlank. Aber auch leichtgewichtig und nur scheinbar konfrontativ. Das Orchester kann an diesem kalten Berliner März-Samstag wunderbar leise spielen. Klar und vernehmlich hört man hier ein plötzliches Tremolo der tiefen Streicher, da die Triller der Holzbläser (Tutti-Präsentation des Rondothemas). Dennoch: Zufrieden stellt das alles wenig. In die Symphonie Nr. 6 von Prokofjew, die eigentümlich zombiehafte melodische Komplexe aneinanderreiht, höre ich kurz rein. Mit ihrer knappen Dreiviertelstunde ist sie mir heute Abend zu lang und klingt unter Järvi unbeteiligt. Ich mag den Sergej Prokofjew, habe schon vor Jahren an dieser Stelle mehrfach, wenn auch komplett erfolglos, versucht, Herrn Rattle zu einem Prokofjew-Zyklus zu ermuntern.

Dann was ganz anderes. Die in Berlin lebende Pianistin Fidan Aghayeva-Edler improvisiert in kurzen Youtube-Videos, und zwar nach von Bekannten und Freunden zugesandten Motiven und Audio-Files. Am interessantesten meiner Meinung nach die Improvisation nach Material des Cellisten Guilherme Rodrigues.

Pianistin zwischen Flügel und Kopfhörer: Fidan Aghayeva-Edler

Joana Mallwitz im Konzerthaus, Ticciati beim DSO

Zum zweiten Mal ist die Dirigentin Joana Mallwitz im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu Gast. Es ist erneut ein gutes Konzert. Der Livestream läuft auf konzerthaus.de und Arte. Was im Dezember die Interpretation der Unvollendeten auszeichnete, kommt nun auch der 6. Sinfonie von Tschaikowsky zugute: Frische und Spontaneität und die Fähigkeit, lang gezogene Spannungsbögen mit Farben und Emotionen zu füllen. Und das Konzerthausorchester langt bei Tschaikowsky nach wochenlanger Corona-Pause – einzige Ausnahme war das Geburtstagsständchen für Iván Fischer – mit hörbarem Hunger zu. Wunderschön die Zartheit der Anfänge, die wehmutvollen Höhepunkte. Die Bläser haben viel Freiheit. Der Gefahr arg gelockerter Zusammenhänge, die immer wieder hörbar wird, begegnet Mallwitz mit unverbrauchtem melodischem Charme, den sie offenbar perfekt draufhat. Das Orchester allerdings klingt ungenau, wenn auch nicht unprobiert.

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Lockdown und kein Ende: Programm-Spezialitäten bei RSB und Philharmonikern

In der Pandemie läuft so ziemlich alles anders. Die Zeit, das Leben sowieso, die Musik. Gerade auch für Musiker und Orchester. Wer kann, spielt, sendet, streamt. Die anderen schweigen. Und mancherorts schnurrt der Betrieb weiter – mit Publikum. Am Teatro Real in Madrid läuft Norma, das Moskauer Bolschoi zeigt Salome. Wir sind weit weg von jeder Normalität. Da ist man für jedes Lebenszeichen von den Berliner Konzertpodien dankbar.

Ein besonders kräftiges kommt vom RSB. Lebenszeichen heißt eben auch: Jetzt und heute spielen, nicht Konserven von Vor-Corona ins Netz stellen. Drei Mal ist das RSB mit Radiokonzerten zur Stelle, zwei Mal allein in dieser Woche. Am Montag bringt Ivan Repušić ein vielseitiges Programm mit, das mit der Sinfonie Nr. 6 beginnt, eines von Haydns kecken Frühchen aus Esterházy. Repušić, eher der Typ unverbindlicher Schwung, zettelt keine interpretatorische Revolution an, aber Zugriff und Plastizität (Bläsersoli) passen. Es folgt die dreisätzige Streicher-Sinfonietta op. 79 des Kroaten Boris Papandopulo, komponiert 1938. Charakteristisch ist da die Trauer-Melodik der Elegie, seinen Wert hat auch das von widerständigem Bewegungsdrang und Final-Frische erfüllte Perpetuum mobile. Entzückend dann auch das selten gehörte Gli Uccelli (Die Vögel) von Respighi, das nichts mit Hitchcock zu tun hat, sondern auf Melodien italienischer und französischer Meister aufbaut. Das Resultat ist eine Klang-Voliere voller Vogelstimmen, in der der Kuckuck nicht fehlen darf. Das Verschränken von Neobarock und transparentem Impressionismus ist hier hochinteressant. Solche fabelhaften Programme sind im Abo-Normalbetrieb schlichtweg unmöglich. Geplant waren eigentlich Schostakowitsch 1. und Dvořák 9.

Vier Tage später spielt das RSB ein allrussisches Programm, Deutschlandfunk Kultur überträgt. Es dirigiert Michail Jurowski, der Vater des Chefdirigenten, geboren 1945 in Moskau. Es ist ein Programm mit Schuss: zwei Mal Schostakowitsch, davor Prokofjew (nach heutigen Begriffen ein Ukrainer). In dessen Sinfonie Nr. 1 klingt heuer nicht die – durchaus legitime – Prokofjew’sche Blasiertheit an, sondern eine an den Rosenkavalier erinnernde Freude an altmodischem Glanz. So weit ich mich erinnern kann, ist das die fesselndste – mit Abstrichen im Finale – Symphonie Classique, seit ich denken kann. In der Pause erzählt der Dirigent von seinen Begegnungen mit Prokofjew (in der Wohnung der Jurowskis, rote Haare, rote Schuhe, schnarrende Stimme, graue Streifen im Anzug) und Schostakowitsch (der Teenager Jurowski spielt in der Datscha mit Schostakowitsch zusammen Tschaikowskys Vierte vierhändig).

Die beiden Klavierkonzerte von Schostakowitsch gelingen nicht so fesselnd, Jurowski lässt laufen. Aber wie passend, die Werk-Zwillinge einmal zusammen zu hören. Die Konzerte – Nr. 1 von 1933, Nr. 2 von 1957 – ähneln sich. Beide sind jeweils dreisätzig (das Moderato in Nr. 1 dürfte eher Einleitung zum Finale sein), recht kurz, bei beiden klingt der zweite Satz verführerisch behutsam, bei beiden jongliert das Finale virtuos mit gestochen scharf geschnittenen Themen. Das Klavierkonzert Nr. 1 schreibt Solotrompete (klasse Florian Dörpholz) plus Streichorchester vor. Das hierzulande immer noch unterschätzte Konzert Nr. 2 bringt zwar das volle Orchester, ist aber zurückhaltender in der Faktur. Die Pianistin Anna Winnitskaja trotzt den technischen Schwierigkeiten, die jeden Pianisten in diesen zwei Mal zwanzig Minuten erwarten, mit wieselflinkem Spiel. Sprudelnd, spritzig-witzig und heiter-hell tönt das – nur etwas leichtgewichtig. Die Akkordblitze der Final-Coda des 1957er-Werks hätten in all ihrer glashellen Schärfe noch mehr mitreißende Würze vertragen.

Foto: Digital Concert Hall/Berliner Philharmoniker

Am Samstag spielen die Philharmoniker unter Christian Thielemann ein gelungenes Konzert, das letzte der Streaming-Reihe „Goldene Zwanziger“. Von Hindemith die Ouvertüre zu Neues vom Tage. Das Werk ist sicherlich nicht Hindemiths Gewichtigstes, aber formidabel geeignet, dem Folgenden den Weg zu bahnen. Von Busoni der hell gehörte Tanzwalzer von 1921, an dem keine Note überflüssig sein mag. Da werden nostalgisch, aber nicht ewig-gestrig, vergangene Zeitalter beschworen. Und schon ist das Feld bereitet für den Walzer Künstlerleben von Johann Strauß-Sohn. Ohne die sinnliche Raffinesse, ohne den Schmäh der Wiener, aber mit so viel hinreißender Diskretion von den Berlinern Philharmonikern dargeboten, dass man Thielemann verpflichten sollte, jedem seiner hiesigen Programme einen Strauß-Walzer hinzuzufügen. Man sieht, die thematische Klammer „Zwanziger Jahre“ wird von Thielemann denkbar großzügig aufgefasst. Aber der Abend entfaltet maximal intensiven Reiz. Dann kommt Musik von Richard Strauss, frühe Lieder.

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Berliner Lockdown-Früchtchen II: Karajan-Akademie mit Jacquot und Weill, Unerhörte Musik, DSO mit Adámek

Man lernt nie aus. Im Radialsystem gibt es Online-Konzerte, die ausverkauft sind. Drei Minuten vor Beginn will ich mein Ticket für das Trio Catch mit Musik von Daniela Terranova erwerben – geht nicht, ausverkauft. Dann eben Jack Reacher mit Tom Cruise geschaut. Wo im deutschen Fernsehen gibt eigentlich noch vernünftige Verfolgungsjagden?

Derweil nimmt die Zwanziger-Hommage der Berliner Philharmoniker Konturen an. Bei der ist man für 9,90 die Woche dabei – nicht ganz so umsonst wie die Radiokonzerte von RSB und DSO, aber auch nicht teurer wie eineinhalb Flaschen Bordeaux im Edeka. Das Philharmoniker-Archiv ist inklusive – plus etlichen Karajana. Den gibt es heute Abend live, nicht als Herbert, aber als Karajan-Akademie unter der jungen Marie Jacquot. Im Dezember sollte Jacquot beim DSO das Schumann-Cellokonzert und Strauss‘ f-Moll-Sinfonie leiten. Das Programm heute: Hanns Eislers mit kargem Kolorit reüssierende Orchestersuite Kuhle Wampe, Weills nüchtern-verspieltes Violinkonzert von 1924 und Weills 2. Symphonie, uraufgeführt 1934 beim Concertgebouworkest unter Bruno Walter.

Das Violinkonzert fesselt. Jacquot achtet auf fließende Konturen, macht einen Bogen um modernistische Kantigkeit, lässt stattdessen das Werk bunt und charmant wie ein Gelächter kichern. In diese Linie fügt sich Kolja Blacher mit seinem warmen Geigenton. Man merkt, dass Blacher die Ruhe weg hat. Ein wohltuender Kontrast zu dem Nähmaschinen-Gefiedel so mancher Geigen-Jungstars. Ganz nebenbei bringt Blacher auch noch die Figurationen, die alles andere als nur flinkes Virtuosenfutter sind, zum Sprechen. Das Weill-Konzert besitzt übrigens, Zwanziger hin und her, eine berückende Solohorn-Stelle. Die Sinfonie Nr. 2 überträgt den Songstil in die symphonische Form, besonders in den Ecksätzen, dort tönt das zackig, aber auch, wo Weill purer Homophonie frönt, unterkomplex. Mein Herz schlägt für die 1. Sinfonie, die Petrenko am Samstag zum ersten Mal bei den Philharmonikern auf das Programm setzte.

Karajan-Akademie spielt Weill / Foto: Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Auch eine Lehre aus Corona: Der zugespielte Applaus der Livestream-Zuseher, so beim Wiener Neujahrskonzert, klang affig und hat sich nicht bewährt. Am Konzertende hört man jetzt das schüttere Klatschen von Musikern und den zwei, drei Technikern im leeren Saal. Das ist ehrlicher.

Unerhörte Musik bringt einen interessanten Abend mit neuer Posaunenmusik. Zu Gast im Kreuzberger BKA-Theater ist Posaunist Thomas R. Moore, Mitglied des Nadar Ensembles. Die Livestreams von Unerhörte Musik glänzen allesamt durch frugale Technik: eine stationäre Kamera, keine Schnitte, Umbau vor der Kamera, Werkpräsentation durch den schweißüberströmten Posaunisten. So geht es auch. Hier hat man quasi das Gegenprojekt zur hochkulturigen Biederkeit der auf die fernöstliche Stammkundschaft zielenden Concert Hall der Philharmoniker. Gerade hat man an der Herbert-von-Karajan-Straße den Beginn einer mehrjährigen Kooperation („Residency“) mit Schanghai verkündet. Hätte ja sein können, dass die Angewohnheit, Riesenorchester mit Riesenstäben in Jumbos um die Welt zu fliegen, in der Post-Corona-Zeit der Vergangenheit angehörte.

Aber zurück zu Unerhörte Musik. Das Motto des Solo-Abends lautet „Doublespeak – Doublethink“ (Orwell! 1984!) und thematisiert Täuschungen und Enttäuschungen. Jessie Marino verkettet in FITTINGinCommitment :: Ritual :: BiiM (2011) gestopfte Posaunen-Einwürfe zu kargen, fesselnden Bildern. Elektronische Zuspielungen dienen als Struktur und Hintergrund. Ähnlich geht Stefan Beyer in Strandung vor (2016, Fassung 2020), das sich von der trügerischen Tiefe der See inspiriert weiß. Die Posaune klingt fragil und fragmentarisch, besonders in den zurückhaltenden Tremoli. Die im Vergleich mit Marino entspanntere Sound-Atmosphäre klingt hier jedoch unverbindlich. Von Michael Maierhof kommt Splitting 53* (Uraufführung). Das Stück hat Tempo, Witz, Rhythmus – und Kraft. Schön, dass es sich auch kurzweilig gibt. Wobei während des heutigen Abends nicht immer klar ist, wann genau welches Stück beginnt. Der Belgier Wim Henderickx hinterlegt Akasha (UA) leider mit Soundschichten, die in purer Begleitfunktion verharren. Davor entfaltet sich ein Salat aus sparsamen Posaunenlauten und dezenter Stimmakrobatik. Schlussendlich von Mirela Ivičević die ironische Selbstanpreisung Orgy of References, die auch bei Ultraschall 2020 zu hören war und als überdrehtes Dauer-Parlando eines nervtötenden Werbefuzzis immer noch Witz und Eindruck macht, zumal wenn es so kongenial interpretiert wird wie von Moore. Gerade das Richtige, wenn der Corona-Frust gar nicht mehr aufhört. Wer will, erwirbt bei Unerhörte Musik ein virtuelles Ticket.

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Berliner Lockdown-Früchtchen: RSB meldet sich wieder, Philharmoniker: Zwanziger mit Weill, DSO: improvisiert

Drögere Musikwochen waren nie als jene sechs seit dem Jahreswechsel. RSB und die Opern schweigen Corona-beredet. Das DSO produziert immerhin einen Konzertfilm mit 20 Minuten Musik. Neben den Philharmonikern (2 x) bringen nur Ultraschall Berlin und im Boulezsaal die Schubert-Woche Abwechslung. Fern von Berlin ist die Zurückhaltung weniger streng. Barenboim tritt in Salzburg auf, im Duo und dirigierenderweise. Ticciati dirigiert am 5. 2. in München, Eschenbach am 4. 2. in Frankfurt. Und die Solo-Oboistin der Staatskapelle, Cristina Gómez Godoy, fährt nach Hamburg, um dort ein kleines, feines Programm zu geben. Wo bist du, Berlin? Doch am zweiten Februarwochenende feuern die Berliner Orchester wie gewohnt aus allen Rohren. RSB, DSO, Philharmoniker, dazu Staatsopernpremiere – (fast) alle sind dabei.

Als erstes wagt sich am 12. 2. das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit einem Radiokonzert aus der Deckung (Deutschlandfunk Kultur). Mit einem kleinbesetzten, nur etwas grämlich wirkenden Abend. Zuerst Tschaikowskys reizvoll elegische Streicherserenade C-Dur, sodann von Schostakowitsch/Barschai die Kammersinfonie op. 83a. Wassili Petrenko (Liverpool Philharmonie Orchestra) leitet breit bei Tschaikowsky und flott bei Schostakowitsch. Aber irgendwie hat man sich die Wiederauferstehung aus den Tiefen der Pandemie anders vorgestellt. Die nächsten Termine versprechen mehr Effekt: Repušić kommt und bringt den Kroaten Papandopulo mit, dazu Haydn und Respighi, und dann spitzklöppelt die Pianistin Anna Winnitzkaja die beiden Schostakowitsch-Konzerte in die Tasten. Hier Nachhören!

Im Rahmen eines „Online-Festivals“ spielen die Berliner Philharmoniker zwei Wochen lang „Goldene Zwanziger“ – ein kräftiger Schluck Berlin-Nostalgie ist in diesen Zeiten erlaubt. Vorgesehen war eigentlich die ambitionierte Bezeichnung „Biennale“. Drei Orchesterkonzerte (Schwerpunkt Weill) sind angesetzt, dazu kommt ein Abend mit der Karajan-Akademie (Eisler, Weill), bevor ein Late-Night-Abend das Festival abrundet. Am Samstag stehen Weills 1. Sinfonie – zum ersten Mal – und Strawinskys karger Oedipus Rex auf dem Programm. Das Weill-Frühwerk – ein Jugendstreich, komponiert mit 21 – klingt wie aus einem Guss, gerade weil es sich stürmisch nach der großen Form reckt. Fast Ritornell-artig kehrt das Motto der Grave-Einleitung (breit und wuchtig) wieder, bis das Orchester es, nach Choral-Tönen, schlussendlich zu dreifachem Forte aufschichtet (Grave. Mit höchstem Aufschwung). Dabei fließt dieser Weill unter Kirill Petrenko hochkultiviert. Dabei verbandelt das Orchester die drei Abschnitte mit viel Klang- und Formsinn zu aufregender Einsätzigkeit. Das ist symphonisch gespannte Musik, erfrischend unfertig und leidenschaftlich brennend. Parellelen zu Kreneks 1. und Prokofjews 2. Sinfonie bestehen.

Noah Bendix-Balgley, Bettina Sartorius, Marlene Ito / Foto: Livestream Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Ein Experimentierfeld der Moderne ist auch Oedipus Rex von Strawinsky, wo die Neu-Antike für strenge Kanalisierung der Gefühle sorgt. Aber ich wechsle um kurz nach 8 flugs zu Rattle an die Staatsoper, wo Janáček den Gefühlen freien Lauf lässt.

Echt spitze ist das Radiokonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters am Sonntag (RBB). Haydns generöse Sinfonie 104, Widmanns 1. Violinkonzert, und vorneweg eine Viertelstunde Orchester-Improvisation, mittlerweile eine Spezialität unter Robin Ticciati. 14 Musiker ohne Dirigent, Ticciati steht laut Moderatorinnenauskunft an der Trommel. Es klingt schauderhaft. Man versteht umgehend, zu was ein Komponist da ist. Aber das sind faszinierende Experimente. Und die Improvisationen im dritten Konzertfilm (in der ehemaligen Hundefutterfabrik, der mit Musik von Adámek) fesselten. Also: gerne weitermachen. Weiter zu Jörg Widmann. Der gilt innerhalb der Neue-Musik-Gefolgschaft als unsicherer Kantonist. Doch was zählt schon der Begriff „Neo-Romantik“ – Glenn Gould benutzte die Umschreibung bekanntermaßen für Alban Berg, dessen Konzert wiederum Vorbild für Widmanns Werk ist -, wenn sicherstes Klanggefühl, Weiträumigkeit, verwickelte lyrische Passagen so gekonnt verschmelzen wie im Violinkonzert Nr. 1 (2007)? Sicherlich, der Ton entstammt spätromantischem Fundus. Aber dafür verschmilzt die Linie raffiniertissimo mit dem Orchester. Außerdem hat Christian Tetzlaff, auch Solist der Uraufführung, das Werk rund 40 Mal gespielt, gestaltet aus einem Atem, vermittelt den Eindruck einer kontinuierlich fließenden Entwicklung, und das, ohne an Detailintensität zu sparen. Mittlerweile habe ich ein Ohr für Widmann. Aus dem Bauch raus würde ich sagen, dass Ticciati sehr gut leitet.

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Staatsoper Berlin: Jenůfa Premiere

Zwei Monate hat die Staatsoper geschwiegen. Am 13. 12. streamte man aus dem schweinchenrosa Knobelsdorff-Kubus den Corona-Lohengrin von Bieito. Genau zwei Monate später feiert Jenůfa Streaming-Premiere, ohne Publikum, in vorerst nur einmaliger Aufführung. Die Medienpartner 3sat und RBB senden. Die Oper (tschechisch Její pastorkyňa, Ihre Ziehtochter) von Leoš Janáček ist kristallklarer Verismo, ins Bäuerlich-Tschechische gewendet. Drei kurze Akte, die heutzutage der dramaturgischen Intensität wegen meist in knapp zwei Stunden am Stück runtergespielt werden. Die Oper Jenůfa erzählt von Leidenschaft, von Eifersucht, Leichtsinn, Trunksucht und unerschütterlicher Liebe. Und von dem Wundervollem, das im Menschen steckt. Janáček sieht mit seiner Musik den Protagonisten in die Herzen. Da ist alles gedrängte Substanz, hat alles Schlagkraft, von den motivischen Repetitionsmustern bis zu den glühenden Aufschwüngen. Und das Dorfdrama wendet sich trotz allem Horrormuff sogar zu einem Happy-End, das aufrichtig rührt. Was will man mehr?

Evelyn Herlitzius / Foto: Livestream Staatsoper/3sat

Apropos Dorfmilieu. Das präsentiert Regisseur Damiano Michieletto in seiner Inszenierung modern-kühl. Man sieht einen vorne offenen, eisblau hinterleuchteten Kubus aus transparenten PVC-Hohlkammerpaneelen (Bühne: Paolo Fantin). Darin stehen vier Massivholzbänke Typ Ikea Nordby. Mehr Empathie will Michieletto nicht wagen. Richtig vom Hocker haut einen die Baumarkt-Anmutung nicht. In einer Ecke drängt sich schüchtern Ostkrempel: brennende Kerzen, eine Tisch-Monstranz, ein kitschiges Kreuz, vergoldet – letzte Reste slawischer Frömmigkeitsfolklore. Hübsch die Kostümkreationen der Dorfleute, die pi Mal Daumen aus den Siebzigern stammen und deren angegrautes Pastellblau (Carla Teti) seit ein paar Jahren in jeder zweiten Inszenierung zu sehen ist, von Tscherniakow bis Wieler/Morabito. Macht nichts, sieht trotzdem stimmig aus.

Jenůfas Verlobter Števa ist ein Bruder Leichtfuß, aber kein Tunichtgut. Ladislav Elgr (Camouflage-Kittelchen, Sträußlein in der Brusttasche) spielt und singt das packend in aller Partylust und aller stumpfen Verzweiflung. Der treu liebende Laca ist ein sympathischer Tollpatsch mit zerknautschter Miene, der mit spannungsvollem Tenor (Stuart Skelton, zu Anfang bisserl rau) seine Liebste doch noch gewinnt. Die zentrale Figur der Küsterin und Stiefmutter macht Evelyn Herlitzius (in grau-brauner Kostümuniform) zum Ereignis. Ein Sopran wie Stahlwolle. Mit jeder Faser dingt ihre Stimme – essigsauer, gleißend – in die Faltungen dieser vereinsamt-tragischen Persönlichkeit. Vielleicht kann das derzeit niemand besser. Camilla Nylund zeichnet die Jenůfa als eine Frau mit starken Gefühlen, als innerliche, zutiefst zweifelnde Natur, halb Landpomeranze, halb Dorfschönheit. Vor lauter Ich-weiß-nicht-aus-noch-ein klammert sie sich an ein Kräutertöpfchen. Nylund hat die Physis, den Ausdruck, die Farben, die Höhe – nur dass das Tschechische nicht mit Legato-Leichtigkeit, sondern eher mit finnischer Gründlichkeit aus ihrem Mund hervorgelockt wird. Es ist ein gelungenes Rollendebüt.

Hohlkammerpaneelkubus / Foto: Staatsoper Berlin/3sat

Genau gezeichnet erscheinen auch die Nebenfiguren. Freilich, die Personenführung könnte mehr Biss vertragen. Als alte Buryjovka bietet Hanna Schwarz (eisgraues Haar) eine packende Gesangsleistung. Man genießt selbst am PC jede Sekunde. Altgesell Jan Martiník ist ein Bär in schlecht sitzender Schlabberhose, speckiger Lederjacke und mit trostlos angeklebtem Altmänner-Scheitel. Auch ein Augenschmaus: der Richter von David Oštrek im Kunstpelzkragen-Mantel und Frisur und Bart à la Solschenizyn. Gleichermaßen gelungene Porträts stellen dessen patente Frau (Natalia Skrycka) sowie die extrovertiert schäkernde Karolka von Evelin Novak dar. Ins gute Ensemble fügen sich die Schäferin Aytaj Shikhalizada (guter Mezzo), die viel Wärme ausstrahlende Barena als Anführerin der Dorfmädls (Adriane Queiroz), der jugendlich aufgedrehte Bursche Jano (Victoria Randem, radschlagend) und die Base Anna Kissjudit (saftiger Mezzo).

Küsterin, Wiege, Teppich, PVC-Paneele / Foto: Staatsoper/3sat
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Live aus Corona-Berlin II: Philharmoniker mit Trifonow, Konzerthaus mit Fischer, Unerhörte Musik mit lovemusic

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Mittwoch, 20. 1. 2021, Konzerthaus. Ivan Fischer wird 70. Das Konzerthausorchester gratuliert mit der Aufführung von Fischers Komposition Eine deutsch-jiddische Kantate auf jiddische und deutsche Texte. Anna Prohaska singt bestechend klar und verhangen, so wie nur sie das kann. Peter Dörpinghaus trompetet mit akkuratestem Gefühl. Das Geburtstagskind dirigiert vorzüglich.

Sopran, Geburtstagskind, Trompete / Foto: Livestream Konzerthaus

Dienstag, 26. 1. 2021, BKA-Theater. Unerhörte Musik sendet wieder, heute mit dem Ensemble lovemusic aus Winnie Huang (Geige), Lola Malique (Cello), Emiliano Gavito (Flöte), Adam Starkie (Klarinette). Man beginnt mit US-Minimalismus von Pauline Oliveros (Sonic Meditation 1 Teach Yourself to Fly, 1974, interessanter gruppentherapeutischer Einschlag), geht zu Carola Bauckholt und den locker delikaten Luftwurzeln von 1993 über und landet bei der Kolumbianerin Violeta Cruz, die in New Piece fast ein Konzert für Aufdrehfiguren schafft. Der Ton ist eigen, die Textur licht und angemessen surrealistisch (Uraufführung). Auch Cove von David Bird ist eine Uraufführung. Das Werk gibt sich einem unaufhörlichen Fließen hin, und was so entsteht, kann als intimes Palaver zwischen entspannten, hochkonzentrierten Musikern beschrieben werden. Schlussendlich von Sivan Cohen Elias das dicht komponierte Air Pressure (2010), ein Stück voller Kontrastspannungen und rabiater Virtuosität, in dem sich die Töne wie von selbst vermehren.

lovemusic im BKA-Theater / Foto: Livestream Unerhörte Musik

Freitag, 29. 1. 2021, Philharmonie. Die frisch getesteten Berliner Philharmoniker spielen Thorvaldsdóttir (Neues), Prokofjew (Konzert), Suk (Tondichtung) – in der Philharmonie konzertiert man wieder abendfüllend. Das neue Werk von Anna Thorvaldsdóttir heißt Catamorphosis. Es zielt auf vom Strom der Zeiten glattpolierte Klangräume, auf geheimnisvolle Unisono-Glissandi, also auf das große Ganze. Die handwerklich wie klanglich beeindruckende Komposition passt ins Zeitalter der digital perfektionierten Landschaftsaufnahmen und Arktiskreuzfahrten in 1.-Klasse-Kabine.

Prokofjews hübsches Klavierkonzert Nr. 1 klingt heuer heiter. Trifonow triumphiert. Eine flüssigere Technik gibt es nicht. Es klingt heiter, flüssig und unvorstellbar vollkommen. Bis weit ins Scherzo hinein wird fast akzentlos gespielt – Trifonow, der Profkofjew-Klassizist. Der Ton klingt – zumindest in digitale Bits verpackt und mit 16.000er Leitung – wie auf Diät, superschlank, aber Leidenschaft fehlt. Das Des-Dur-Thema turnt Daniil Trifonow hinauf, als hätte er Ballettschlappen an. Der Russe packt seine stählerne Kraft in Strickhandschuhe. Das Opus 10 von 1911 klingt aufgeräumt, nicht aufgezäumt. Keine Spur von brillantem Futurismus, von überschäumender Argerich-Kompliziertheit, von Richter-Wucht. Man höre Abbado und den umwerfenden Kissin. Und hat selbst Trifonow nicht schon mit Gergiew mehr klirrenden Bizeps, mehr Chuzpe gezeigt? Folgt also das Andante. Trifonow hängt über den Tasten wie eine entkörperlichte Lemure.

Der Anzug sitzt: Daniil Trifonow / Foto: Livestream Digital Concert Hall
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Live aus Corona-Berlin: DSO im Club, Unerhörte Musik im BKA, Petrenko in der Philharmonie

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Alles easy? Von wegen, der Klassikbetrieb ist voll im Corona-Modus. Und meist ist verschoben doch aufgehoben, gecancelled, abgesagt. Business as unusual eben. Man ist froh über das Wenige, das hinter geschlossenen Konzerthaustüren gespielt wird.

Zum Beispiel über das Deutsche Symphonie-Orchester. Das packt die Gelegenheit beim Schopf und macht da weiter, wo es 2020 aufgehört hat: beim Konzertfilm. Dieses Mal filmt das DSO samt Chefdirigent Robert Ticciati aus dem Club Sisyphos an der Rummelsburger Bucht. Man sieht, wie das Orchester sich zwischen Warmspielen und Großgruppentherapie unter Anleitung von Ondřej Adámek auf das, was kommt, vorbereitet. Bei 3:20 fließen Zuschauer und Zuhörer langsam zu Dusty Rusty Hush von Adámek über, das mit seinen frühindustriell verdüsterten Pulsationen durchaus als Hommage an die coole Club-Kulisse taugt.

DSO-Trompeter blasen der Club-Kultur den Marsch / Foto: Livesteram DSO

Die Kamera nimmt flink die Musiker ins Visier: Tubisten aus der Frosch-, Schlagwerker aus der Vogelperspektive. Das passt zum Flow der Musik, ist nicht aufdringlich, weil sie zeigt, dass es um Konzentration geht, um Arbeit, um Musik“machen“. Derweil geht es in Dusty Rusty Hush um Geburt, Ausschwingen, Abebben und Wiedergeburt rhythmischer Prozesse – die in bester tondichterischer Tradition immer auch als Fabrikprozesse deutbar sind. Als Stück nach dem Stück folgen daraufhin flüsterleise Improvisationen: Geige, Klarinette, Posaune. Selten sieht man so intensiv, wie Musiker Kollegen beim Musikmachen zuhören.

Mini-Ensembles im BKA, Petrenko mit Russischem

Dem Virus ein Schnippchen schlagen. Das ist genau das, was die Konzertreihe Unerhörte Musik tut. Live streamt sie aus dem BKA-Theater am Mehringdamm, und zwar jede Woche dienstags. Mit Mini-Ensembles verteidigt man klug die Freiräume, die das gestrenge Virus lässt. So erklingen im ersten Januar-Konzert Trios für die Besetzung Geige, Klavier und Gitarre (Emily Yabe, Ermis Theodorakis, Martin Steuber). Die Werke von Gabriel Iranyi (Blicke auf Hiroshima), Art-Oliver Simon (nilreB) und Michael Quell (A Blurring Cloud) sind umso reizvoller, je karger sich die äußere Klanggestalt gibt. Wer den spartanischen Live-Klang goutiert, findet hier vorzügliche Interpretationen relativ unbekannter Werke abseits ausgetrampelter Programmpfade.

Dem Virus ein Schnippchen schlagen: Konzertreihe Unerhörte Musik/ Foto: Livestream BKA-Theater

Bleiben noch die Berliner Philharmoniker, die aus der virusleeren Philharmonie ab 9,90€ in die globale Musikgemeinde streamen. Zu hören sind, selten genug, drei Symphonische Dichtungen, und das en suite. Das Programm umfasst Romeo und Julia, Toteninsel und Francesca da Rimini, und immer heißt die Botschaft: Tod. Kirill Petrenko tischt das Tondichtungs-Trio phänomenal akkurat auf, vereint kammermusikalische Tugenden mit der blendenden Präzision des Orchesterdompteurs. Der Klang ist flüssig und hell, spartanisch und schlank, auch in den gleißenden Explosionen. Es gibt bei Petrenko ein heißes Herz. Und doch klingt es bisweilen, als hätte er Angst, auch nur ein Schnipselchen eines Meisterwerks unter den Tisch fallen zu sehen. Das Ergebnis fällt für die einzelnen Werke unterschiedlich aus. Bei Romeo und Julia von Tschaikowsky bleibt etwas Unerfülltes im Klang. Mein Eindruck: die Fantasie-Ouvertüre kann sich aus dem Korsett des Tempos nie ganz befreien (war bei Karajan genauso. Dessen Romeo ist eine seiner weniger wichtigen Aufnahmen).

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Ultraschall Berlin II: Emre Dündar, Stefan Keller, Ensemble Experimental, Trio Catch

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Zwei Porträtkonzerte gibt es an Ultraschall-Tag 4. Sie gelten den Komponisten Emre Dündar und Stefan Keller. Cool: Sowohl die Dündar-Werkschau wie auch die Keller-Retrospektive gehen live im Radialsystem über die Bühne. Für das Emre Dündar (geboren 1972) gewidmete Konzert spielt das Ensemble KNM Berlin unter Leitung von Titus Engel vier neue und neueste Stücke.

Dündar ist irgendwie leicht zu hören. Schwerer ist zu erklären, woran das liegt. Sowohl Vagabond III für Flöte (Rebecca Lenton), Akkordeon und Cello (2020) als auch Récit ductile für Klarinette und Streichquartett (2019) haben diesen gewissen Reichtum musikalischer Gestalten. Unversehens wird daraus dieses unbekümmert fließende Kontinuum. Das Timbre ist klangsinnlich, das Gespür für Farbe echt. All diese Vorzüge sind auch in Parergon zu „De vulgari eloquentia“ anzutreffen (Uraufführung einer Neufassung). Rein musikalisch ist da ein dichter Monolog einer Hauptstimme, zu dem leisere Nebenstimmen treten.

Altmeister Theo Nabicht an der Kontrabassklarinette / Foto: Simon Detel

In einem weiteren Sinn stellt das Werk eine kurzweilige, ernste Huldigung an eine ausgestorbene kaukasische Sprache dar, wobei der Komponist den virtuosen Sprechpart übernimmt. Um Sprache, dieses Mal um lyrisch gebundene, dreht sich auch Soirée gothique (2018) nach drei Gedichten Emily Dickinsons. Die Singstimme (Eva Resch) hat in diesen Mini-Dramen atemberaubend überdreht zu agieren. Den rasanten Kosmos aus theatralischen Gesten, den Dündar heraufbeschwört, macht Reschs Sopran intensiv hörbar. Inklusive divenhafter Hustenanfälle und hysterischer Ausrufe. Eingebettet wird das in flatterhafte Klangflächen, die der Singstimme stets höflich den Vortritt lassen.

Porträtkonzert 2 zu Stefan Keller vereint fünf Stücke von 2005 bis 2017. Keller ist Schweizer. Seinen Kompositionen eignet eine Plastizität, die selbst ruhigere Werke wie Breathe für Akkordeon, Klavier, E-Gitarre und Live-Elektronik auszeichnet, die sichaber, wie in Schaukel (2015), zu rhythmischer Kraft und wuchtig-griffigen Geigeneinsätzen steigern kann. Ma’s Sequence 7 (2004-05) hingegen ist eine Bearbeitung des gleichnamigem Werks von Riccardo Nova und lebt von dem Kontrast von diskret monologisierender Trompete (Markus Schwind) und entspannt vor sich hinklöppelnder Perkussion.

Das raffiniert fließende Stück für Klavier (von 2009), transparent gespielt von Florian Hoelscher, huldigt freilich einem traditionellen Tonfall, was nicht verhindert, dass ich es gerne höre. Verglichen mit diesen zarten Klängen bietet das 2017 entstandene hybrid gaits reichlich fluffiges Ohrenfutter, ohne einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Die Moderation von Leonie Reineke und Rainer Pöllmann trägt ihren Teil dazu bei, den Abend möglichst angenehm zu machen.

Tag 5: SWR Experimentalstudio, Trio Catch, Séverine Ballon

Sonntag. In Berlin herrscht Schnee, klingt Kälte und fällt Neue Musik. Ultraschall-Tag 5 ist erreicht.

Vorläufiges Fazit: Ultraschall klappt auch über Radio. Heftiger Programmänderungen zum Trotz zeichnet sich eine Festivaldramaturgie ab. Netter Nebeneffekt: Zum ersten Mal höre ich alle Konzerte, weil das Pendeln zwischen den Veranstaltungsorten erspart bleibt und die Superspät-Konzerte entfallen. Alles nicht so schlimm mit Corona? Das nun auch wieder nicht. Und damit zum Sonntag, der erneut zwei einstündige Konzerte bündelt.

Für Ultraschall vorproduziert wurde das Konzert des Ensemble Experimental vom SWR Experimentalstudio.

Ver-Blendung (2016) von Detlef Heusinger, dem Leiter des SWR Experimentalstudios, gibt sich lebendig und introvertiert, im Detail kurz-, als Ganzes langweilig, die Textur ist nicht zu dicht und nicht zu dünn (Bassflöte: Maruta Staravoitava). In Vito Žurajs Round-robin (2014) duelliert sich das fixe Akkordeon (kompetent Teodoro Anzellotti) witzig mit Live-Elektronik, und die hört sich an wie das Würstchen, das überm Lagerfeuer brutzelt. 2006 komponierte Mark Andre …hoc… für Solo-Cello und Elektronik. Die etwas ratlos wirkenden Punkte im Titel sagen nichts über das Stück. Denn …hoc… klingt alles andere als ratlos. Vielmehr erweist es sich als vielgestaltig im Mikroskopischen und als durchfurcht von einem äußerst produktiven Minimalismus der Gesten (mit allen Wassern zeitgenössischen Cello-Spiels gewaschen: Esther Saladin). Von Petra Strahovnik erklingt schließlich Appulse von 2017, das Rei Nakarmura am Flügel nach und nach aus der Starre des Beginns befreit und in etwas Gleitendes, seltsam Formloses, Unscharfes überführt. Gefällt mir gut. Insgesamt ein hochkompetentes, auch in der Stückzusammenstellung gelungenes Konzert. Ein Hoch auf die kleinen Rundfunkensembles.

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Ultraschall Berlin 2021: Notos Quartett, Ensemble Mosaik, Phønix16, Janßen-Deinzer & Sun

Allen Corona-Unkenrufen zum Trotz: Ultraschall, das Neue-Musik-Festival aus Berlin, findet statt. Nicht dabei sind zwar die Orchester RSB und DSO. Aber es wird live vor den Mikros gespielt – oder vormittags aufgenommen und abends gesendet (auf Kulturradio oder DLF). Es lebe das Radiokonzert. Auf neun Konzerte bringt es das Festival so, vier immerhin werden live musiziert.

Ultraschall-Tag 1 beginnt mit dem paritätisch besetzten (2 ♀, 2 ♂) und bestens präparierten Notos Quartett, das kein Streich-, sondern ein Klavierquartett junger Leute ist. Zwei Uraufführungen stehen im Fokus, Schwarze Perlen des Österreichers Bernhard Gander und Spirals des US-Amerikaners Bryce Dessner. Beide Werke verpflanzen quer zum Neue-Musik-Konsens ostinate (Metal-)Rhythmen in die Neue Musik. Das hat seinen Reiz und seinen Preis. Insbesondere letzteren, wenn wie bei Gander strikte Terrassendynamik und starre Motivkulminationen zu Hörfrust und Einförmigkeit führen.

Gut gelauntes Notos Quartett bei Ultraschall / Foto: Simon Detel

Dessners Spiral-Werk hingegen klingt umso soßiger, je konzilianter es ist, und schlittert geschmackssicher in die Kitschzone. Klar abgesetzt dagegen erklingt Still Movement with Hymn (1993) von Aaron Jay Kernis aus Philadelphia. Thematisch umkreist Kernis‘ Stück den Bosnienkrieg, es erreicht den Hörer über leise Töne und leise Trauergesten.

Donnerstag: Ensemble Mosaik mit Mastel & Galindo Quero

Dann eine Uraufführung von Konstantia Gourzi. Den ökologisch inspirierten, einem frugalen Melos frönenden messages between the trees für Viola solo mag man den in sich gekehrten Monolog-Charakter nicht absprechen, auch wenn dessen neu-alte Einfachheit nicht recht verfangen will. Es musiziert der Bratschist Nils Mönkemeyer. Insgesamt also ein durchwachsener Start in die publikumslose Radio-Corona-Edition von Ultraschall.

Was bringt der zweite Tag? Donnerstag, 20 Uhr wird jedenfalls live aus dem Großen Sendesaal an der Masurenallee gesendet.

Es geht gleich in medias res mit Joshua Mastel und spread in lobes like lichen on rock (2020). Klug thematisiert das Stück natürliche und menschengemachte Wachstumsprozesse und kondensiert Hyper-Phänomene zu geheimnisvollem Blubbern, Knistern, Flüstern. Das tönt mal vergnüglich, mal bedrohlich und entfaltet speziellen Reiz, ohne das Neue-Musik-Rad gleich neu erfinden zu wollen. Von der Spanierin Irene Galindo Quero fasziniert das uraufgeführte si callalo pudié sentirsas. Es gibt hier eine verrätselte Klarheit karger Bläserstimmen, die zunehmend von Bruchstücken zweier rezitierter Gedichte von Ángela Segovia überlagert werden: Es verstummt die fragile Polyphonie, je deutlicher der Text wird.

Im Großen Sendesaal: Ensemble Mosaik teilweise ohne Schuhe / Foto: Simon Detel

Das Ensemble Mosaik interpretiert mit akribischer Verve. Den Beschluss macht Ulrich Kreppein mit dem gut halbstündigen Nachtstück (2018). Hier dient wieder einmal außermusikalisches Material, in diesem Fall eine achtstündige Feldaufnahme aus einem Hotel im nächtlichen Seoul, als Inspirationsquelle. Das Ergebnis ist eine locker gefügte Klangereignis-Geräusch-Studie, die wie eine jener Video-Stills wirkt, die einen auf Ausstellungen so gerne ratlos machen. Interessant, aber zu lang, zu sporadisch.

Freitag: Sopran und Klarinette pur

So weit also die Live-Übertragung in Deutschlandfunk Kultur, übrigens zur besten Sendezeit. Sodann beschließt (als Vorab-Produktion) ein Auszug aus der topaktuellen Presidential Suite von Mathias Monrad Møller den Ultraschall-Donnerstag. Tiffany (2017) verarbeitet Aussagen der diesseits des Atlantiks herzlich unbekannten, gleichnamigen Trump-Tochter, was teils erfrischend virtuos, teils langatmig anzuhören ist. So hingebungsvoll das Berliner Ensemble Phønix16 unter der Leitung von Timo Kreuser auch musiziert. Die Krux ist, dass die tagespolitische Aktualität da auch nicht weiterhilft.

Dann mal nichts wie rein in Tag 3.

Der Freitag bringt ein Live-Konzert aus dem Heimathafen Neukölln für Sopran und Klarinette. So intim die Besetzung ist, so weit öffnet sich der Programmfächer. Kein Stück gleicht dem anderen. Das Programm entzückt. Zwischen die Alt-Meister Manoury, Hosokawa, Rihm und Aperghis schieben sich neue und neuste Werke diverser Herkünfte und Dispositionen.

Zuerst Xanadu (1989) von Philippe Manoury, benannt nach Orson Welles‘ Citizen Kane. Hier ist der Gesangspart deklamatorisch durchgestaltet, während die Klarinette (Nina Janßen-Deinzer) spielerisch Gegengewichte setzt. In dem mininaturhaft kurzen fiskeheijren findes (2019) lässt der junge Spanier Mikel Urquiza die Sopranstimme virtuos und frappierend artifiziell agieren. Die Textquelle ist dieses Mal Lyrik der dänischen Dichtern Inger Christensen. Ganz anders erfolgt der Zugang bei Zu singen von Wolfgang Rihm nach einer einzelnen, späten Gedichtzeile Hölderlins (2006). Rihm arbeitet hier mit jener sorgfältigen Linearität, die sein Spätwerk oft auszeichnet. Große Sprünge, extreme Lagen und Wortnähe führen zu einer auf Ausdruck und Versenkung zielenden Tonsprache. Bleibt nur die Frage, ob Zu singen einfach überlebte Spätkunst darstellt oder nicht doch von tadelloser Meisterschaft ist. Und schon ist man bei der ersten Uraufführung des Abends.

Arnulf Herrmann lädt den Wiegenliedklassiker Rockabye mit viel abgründigem Schrecken auf. Die Mittel hierfür sind abgehackter Vortrag und spukhafte, ins Piano abgleitende Melismen. Nur der Einsatz von Ratsche und Spieluhr sind dann doch des Guten zu viel.

Nina Janßen-Deinzer, Sarah Maria Sun bei der Arbeit / Foto: Simon Detel
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