Kritik Dvořák Bartók Janáček: Rattle und Barenboim bei den Berliner Philharmonikern

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Simon Rattle kehrt zu den Slawischen Tänzen op. 72 von Antonín Dvořák zurück.

Der strukturelle Reichtum verblüfft bei neuerlichem Hören aufs Neue. Simon Rattle betrachtet die Slawischen Tänze offenbar als Datenspeicher für 1001 Formen des Tänzerischen. Das Orchester übertrifft sich selbst, was Spielfreude und Impulsdichte angeht. Kein Wunder, wenn die melodischen Entwicklungen so hitzig sind, die Formen so prozessual aufgeladen, dass Hören zu lustvoller Schwerstarbeit wird. So gehört, sind die Slawischen Tänze nicht leckerer Appetizer, sondern tiefgründiges Hauptwerk.

Die Streicher wagen fast amorphe Weichheit (selten beim BPO so zu hören), aus den raffinierten Abphrasierungen blitzt immer wieder Melancholie. Tempomodifikationen erhalten prozessualen Drive, bekommen etwas ungemein Sprechendes, und das berühmte tschechische Temperament hat auf einmal verblüffend viele Gesichter.

Berliner Philharmoniker Daniel Barenboim Simon Rattle

Foto: berliner-philharmoniker.de / Monika Rittershaus

Béla Bartóks Klavierkonzert Nr. 1.

Daniel Barenboim spielt. Er spielt Bartóks Konzerterstling mit schwerem Konzertton.  Weiterlesen

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L‘ Arlesiana konzertant Deutsche Oper Berlin: Calleja Zajick Sicilia Brück

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Die Deutsche Oper gönnt sich eine konzertante Premiere der hierzulande einigermaßen unbekannten L’Arlesiana. Komponist ist der Süditaliener Francesco Cilea. Uraufführungsjahr ist 1897.

L'Arlesiana Deutsche Oper Berlin 2018 Calleja Zajick Arrivabeni

L’Arlesiana Deutsche Oper Berlin

Cileas L’Arlesiana ist alles andere als eine weitere verstaubte Opernausgrabung. Für Melomanen ist sie ein Muss. Nur die Einordnung fällt schwer. Ist dieses dramma lirico eine zweite Cavalleria rusticana, nur eben weniger veristisch, dafür mit meditativ-sentimentalem Einschlag? Oder doch eine Opéra lyrique wie die Perlenfischer? Das Libretto allerdings ist dürftig, bietet null Thrill, verweigert sich jeglicher auch noch so alibi-haften Verknotung von Handlungsfäden. Größtes Manko ist freilich die unsichtbar bleibende Titelheldin. Man versuche sich eine Traviata ohne Violetta Valéry vorzustellen.  Weiterlesen

Kritik Premiere Tristan & Isolde Staatsoper Berlin: Tscherniakow Barenboim Schager Kampe

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Tristan und Isolde Berlin Staatsoper 2018 1. Akt Schager Kampe

Tristan Andreas Schager und Isolde Anja Kampe / Foto: Monika Rittershaus

Das ist doch das Widerwärtigste was ich noch in meinem Leben gesehen und gehört. Wer da so über Richard Wagner vom Leder zog, war Clara Schumann. Die Notiz  entstammt ihrem Tagebuch, Datum ist der 8. September 1875. Clara Schumann hatte in München eine Vorstellung von Tristan und Isolde besucht. Weiterlesen

Kritik La Traviata Staatoper Berlin 2018: Elsa Dreisig Liparit Avetisyan

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Dieter Dorns La Traviata in der Wiederaufnahme an der Staatsoper Berlin.

Die erneute Wiederbegegnung mit Dorns Neuproduktion macht diese nicht besser. Dorns Traviata ist statisch. Wie auf einem niederländischen Stillleben arrangiert der Regisseur Memento-Mori-Utensilien: rieselnder Sand, der Totenkopf als lebendes Bild, ein Spiegel mit Trübung und Sprung. Eine Kerze brennt dem Ende entgegen. Vanitas-Bild folgt auf Vanitas-Bild. Der Chor lungert lustlos in grellbunten Kostümen herum. Statt Symbol einer gefährlich repressiven Gesellschaft ist er nichts als ein lahmes Feierkollektiv, das so wenig Feierlaune verbreitet wie eine Ölsardine.

La Traviata Staatsoper Berlin Elsa DreisigVerdi erzählt die traurige Geschichte in knappen Bildern.

Eine Arie jagt die nächste. Das Personal jagt dem Abgrund entgegen.

Bei Dieter Dorn jagt nichts. Stattdessen schleppt sich die Inszenierung dahin, als wäre sie selbst schwindsüchtig. Zwischendurch räkelt sich Violetta auf ihrem Kissenkuschelplätzchen. Allenthalben hebt Dorn mahnend den Vanitas-Finger. Bedeutungsschwer umzingeln lehmige Ballett-Lemuren Violetta. So entschleunigt man Verdis Liebe-Tod-und-Schwindsucht-Drama zu lamentuöser Stilllebenstatik.

Gott sei Dank wird in Verdis Kurtisanendrama von der Seine auch gesungen. Weiterlesen

Kritik Vogler Quartett Konzerthaus: Haydn Debussy Brahms Streichsextett

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Das Vogler Quartett setzt seinen Konzertzyklus im Kleinen Saal des Konzerthauses fort.

Das Programm bringt Wiener Klassik, jungen, makellosen Debussy und jungen, wilden Brahms.

Im Vogler Quartett lebt musikalischer Geist.

In Joseph Haydns Streichquartett op. 74 Nr. 1 wird das Allegro von stetig vorwärts treibenden Impulsen Weiterlesen

Die Gezeichneten Komische Oper Calixto Bieito Kritik

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Die Komische Oper Berlin zeigt Die Gezeichneten von Franz Schreker.

Die Gezeichneten mausern sich zur Trendoper. Im Sommer 2017 wagte sich gar die große Bayerische Staatsoper an die Lust- und Laster-Oper. Erst Ende der Siebziger leiteten M. Gielen und H. Neuenfels die Wiederentdeckung ein. Zuvor hatten die Nazis Schreker mit deutscher Gründlichkeit aus den Spielplänen gekärchert. Komponiert wurde die dreiaktige Oper während des 1. Weltkriegs. Schreker war damals der letzte Schrei, Schrekers Opern waren gleichbedeutend mit hitzig wuchernden Klangräuschen und auratischen Textbüchern.

Die Gezeichneten Komische Oper Berlin

Schlussapplaus: Ausrine Stundyte, Peter Hoare, Michael Nagy et alii

Schon das Libretto von Die Gezeichneten schillert vielgestaltig. Der Mix aus Thrill, Eros und symbolträchtiger Jugendstil-Ästhetik ist 100% Schreker. Weiterlesen

Daniil Trifonow Jansons Berliner Philharmoniker Kritik: Schumann Klavierkonzert Bruckner 6. Sinfonie

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Trifonow spielt das Schumannkonzert.

Trifonow ist binnen weniger Jahre zum Supermann des Klaviers aufgestiegen. Seine Soloabende sind binnen Tagen ausverkauft. Seine Berliner Rachmaninowkonzerte waren zugegebenermaßen sensationell. Man hört Lobeshymnen, wenige nur zweifeln.

Man weiß, dass Daniil Trifonow typisch russisch spielt. Hochvirtuos, viel Rubato, brillant. Schärfer und moderner als Kissin, linienklarer und geschmeidiger als Bronfman.

Dass Trifonow das Klavierkonzert op. 54 so langsam spielt, war nicht zu erwarten. Da werden Unterschiede zwischen den Themen eingeebnet. Da gerät die Durchführung wohl einen Tick zu träumerisch. Aber dann zeigt die entschlossene, bei Trifonow so scheinbar einfach klingende Kadenz, bei der er die verschiedenen Motivkomplexe wunderbar herauspräpariert, warum Trifonow zu den interessantesten jungen Pianisten zählt. Der Flügel klingt einige Male – ich meine gewollt – harsch (ich sitze Block G rechts)..

Daniil Trifonow bei den Berlinern Philharmonikern

Dem 2. Satz (Intermezzo. Andantino grazioso) fehlt Temperament. Natürlich ist das Tempo langsam. Doch Trifonow scheut beides, Innigkeit und Zuspitzung. Stattdessen hüllt er den Satz in feinsinnigen Piano-Zauber. Thematische Konturen werden so abgeschliffen. Er romantisiert das Grazioso. Die Philharmoniker spielen hier interessanter, Weiterlesen

Kritik Ultraschall Berlin Abschlusskonzert DSO Evans: Haas Posaunenkonzert Andre woher…wohin

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Nach den aufschlussreichen Exzessen elektronischer Musik des Vortages kehrt Ultraschall Berlin in die Bahnen des symphonischen Orchesterkonzerts zurück. Das Abschlusskonzert findet nun im Haus des Rundfunks statt. Die Dimensionen sind geweitet, der Gestus ist symphonischer, das Publikum gediegener. Es spielt das DSO. Es dirigiert der Cottbuser GMD Evan Christ. Sämtliche Stücke erfordern den großen Apparat.

In NINA ŠENKS kurzem, versiertem Echo II treten Einzelfarben (Klarinettenrufe!) kaum aus dem Gesamtklang heraus. Etwas zu selbstsicher herrscht die funkelnde Üppigkeit des Klangs. So steckt sich Echo II selbst die Grenzen, von denen man wünschte, es bräche aus ihnen aus. Die Partitur gibt es hier.

Ultraschall Berlin 2018 DSO Evan Christ

Ultraschall Berlin 2018: Dirigent Evan Christ und Posaunist Mike Svoboda

Offen virtuos verfährt BRUNO MANTOVANI in Love Songs. Das Stück bietet keine Sensationen, benennt keine Probleme, am wenigsten brennend zeitgenössische. Allein die glasklare Luft, in der Love Songs sich bewegen, lässt sich anhören. So propagiert Mantovani den großen Ausbruch ebensowenig wie Šenk. Hörenswert ist indes Flötistin Magali Mosnier, die die ihr gestellte Aufgabe mit Bravour und exorbitantem Können löst. Weiterlesen

Kritik Ultraschall Berlin: Ensemble ascolta und hand werk spielen Bertelsmeier, Holz, Poppe, Frank, van Eck u.a.

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Ultraschall Berlin geht weiter. Ab ins Konzert III. Es wird vom Ensemble ascolta  bestritten. Teil 3 des Ultraschall-Samstags bündelt Neue Musik von Newcomern, jüngeren Arrivierten und Altmeistern. Neue-Musik-Spezi Michael Wendeberg leitet.

TIC (2016) von BIRKE JASMIN BERTELSMEIER ist locker und flockig wie vieles aus der Feder der Nordrheinwestfälin. Bertelsmeier liebt das Offene. Die Strukturen sind leicht, fluktuieren, verästeln sich motivisch, ohne leicht zu wiegen. Der Klang ist farbig. Der Zugriff ist spielerisch. Das hinter der Komposition stehende Thema Tod wirkt angesichts der lockeren Faktur fast parodistisch. Dem formidablen Bass Andreas Fischer hört man die schwäbische Herkunft in fast jeder Silbe an. Die ariosen Einschübe zeigen Wozzeck-Melos.

Birke Jasmin Bertelsmeier Ultraschall Berlin 2018 Ensemble ascolta

Birke Jasmin Bertelsmeier und Ensemble ascolta applaudieren sich gegenseitig

Gar nicht so unähnlich gebärdet sich ERES HOLZ‘ locker gefügtes MACH (2011) für Trompete solo, das Markus Schwind geradlinig entfaltet. Schwinds Trompetenklang ist haptisch, klar und schartig. Die Virtuosität ist zugunsten motivischer Weiterlesen