Staatskapelle Berlin Mehta: Kritik Geburtstagskonzert Daniel Barenboim

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Die Staatskapelle spielt in der Philharmonie. Zubin Mehta dirigiert. Barenboim hat Geburtstag. Dass der liebe Gott diese drei Dinge hier und heute Abend zusammenführt,  beweist, dass Musik im Himmel doch noch was zählt.

Hauptwerk ist Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 op. 73. Barenboim ist ab heute 75. Technisch wahrhaft stupendes Spiel oder virtuos hochgesteigerte Brillanz erwarten, hieße Unmögliches fordern. Auch Edwin Fischer und Wilhelm Backhaus leisteten sich in vorgerücktem Alter Verspieler. Ich liefere eine Mängelliste. Die improvisatorische Eingangsgeste gelingt kaum restlos scharf. Die Eingangstakte der Solo-Exposition schleppen seltsam. Akzente forciert Barenboim bis hart an die Grenze des Vertretbaren (vor dem zweiten Thema). Linke und Rechte auseinanderzuhalten ist bei vollgriffigen Passagen nicht ohne Weiteres möglich. Weiterlesen

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Kritik Heras-Casado Staatskapelle Berlin: Schönberg, Strawinsky, Haydn (Pierre-Boulez-Saal)

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Ein hörenswertes, beziehungsreiches Programm der Staatskapelle Berlin.

Schönbergs Kammersinfonie Nr. 2 op. 38 zählt allmählich zu den gespielten, verbindlichen Werken, immerhin rund 80 Jahre nach Fertigstellung und Erstaufführung. Sei’s drum. Beethovens 9. brauchte kaum weniger lange. Wie diese hat Schönbergs op. 38 die Fülle der Einfälle und die schroffe Ausdrucksgewalt. Heras-Casado spielt das späte Werk als das jung gebliebene Hauptwerk, das sie ist. Anklänge an Werke anderer Komponisten wirken als magische Echos. In Flötenstellen (Claudia Stein) hört man das Schimmern von Debussys Klarheit, im zweiten Satz Mahlers Siebte, im fantastischen Molto Adagio – fast schauerlich – Wagner (3. Parsifalvorspiel, in der Hornfanfare gar so etwas wie das Urbild eines Leitmotives aus dem Ring). Pablo Heras-Casado bietet das Werk in großer Form und lebhaft plastischer Wiedergabe, verdichtet im Klang und gestrafft in Dramaturgie und Tempo (dieses ist zügig, doch nie eilend). Weiterlesen

Kritik L’Invisible Aribert Reimann: Uraufführung Deutsche Oper

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Es ist Aribert Reimanns neunte Oper. Ist der 81-jährige Reimann nicht inzwischen der stille Grandseigneur der Oper, der heimliche Star am deutschen Opernkomponistenhimmel? Jedenfalls gewann die Deutsche Oper Berlin den erstaunlich frischen Reimann nun für besagtes neuntes Opernwerk. Es heißt L’Invisible und – Achtung! – es wird französisch gesungen.

Deutsche Oper Berlin

Die Textvorlage stammt vom belgischen Jahrhundertwendedichter Maeterlinck. Reimann machte aus Maeterlinck etwas Neues: Aus drei Kurzdramen entwickelte sich eine abendfüllende, pausenlose Oper. Das große Thema ist der Tod in all seinen Schattierungen. Reimann nennt seine Oper dann Trilogie lyriqueWeiterlesen

Wiener Philharmoniker und Mehta in der Staatsoper: Brahms, Haydn, Bartók

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Auch die Wiener Philharmoniker kommen zum Feiern nach Berlin. Zwar geht das Wiener Weltklasse-Orchester (Arte-Moderatorin Annette Gerlach würde von „einem der weltbesten Weltklasse-Orchester“ sprechen) in die Staatsoper und nicht ins Berghain. Aber schließlich sind die Wiener alles andere als gemeines Touri-Fußvolk. Nein, in die altehrwürdig-neu eröffnete Staatsoper zieht es die Musiker. Im Gepäck haben sie Musik der Wahlwiener Haydn & Brahms und des Transleithaners Bartók.

Womöglich am verblüffendsten läuft’s bei der bisweilen unterschätzten Tragischen Ouvertüre von Brahms. Die Wiener Philharmoniker sind ja beides, Wahlwiener und Schon-immer-Wiener, und ihr Brahms gelingt deshalb so einfach, Weiterlesen

Maurizio Pollini spielt Schumanns Klavierkonzert

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Pollini mit dem Schumannkonzert.

Dass Maurizio Pollinis technische Zuverlässigkeit nicht mehr jederzeit gegeben ist, ist nicht neu. Arge Vergreifer pflastern Pollinis Konzerte. Tonkanten-Spliss, krächzende Akkorde sind keine Seltenheit. Besonders die Linke sündigt gerne und oft. Auch Pollinis Gestaltungskraft an Phrasenenden lässt nach. Pollini hatte schon immer wenig für Abphrasierungsdelikatessen übrig. Und ob die erratischen, ja, ungeduldig wirkenden Akzente bei der Solo-Reprise des Themas so gewollt sind, da hege ich Zweifel. Weiterlesen

Schumann Szenen aus Faust: Staatsoper Berlin Wiedereröffnung Kritik

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Es ist doch kein Zufall, dass Daniel Barenboim mit Robert Schumanns heiklen Szenen aus Goethes Faust die Staatsoper Berlin wiedereröffnet. Statt heiteren Netrebko-Trubel präsentiert uns die Staatsoper zur Wiedereröffnung also Weltdeutungs-Theater der härteren Sorte. Ja nun, Schumanns Schmerzenskind ist berüchtigt für seine Bühnenuntauglichkeit. Nicht umsonst streitet die Musikwissenschaft seit je über die Genre-Zugehörigkeit („Das ist doch keine Oper!“), und das auch weiterhin ergebnisoffen. Übrigens, das ist schon clever, die Wiedereröffnung der Lindenoper am 3. Oktober mit einer Oper zu begehen, die eigentlich gar keine ist, und ganz nebenbei Goethes „deutsches Nationalstück“ (so schon 1843) zur Grundlage hat. Von sangesfrohen Arien ist weit und breit keine Spur. Szene stößt an Szene – Schumann sprach auch von einer „Szenenreihe“ -, Sprechtheater stößt im Verlauf dieses gar nicht so kurzen Wiedereröffnungsabends an Singtheater.

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Elsa Dreisig: Una Poenitentium / Foto: Hermann und Clärchen Baus

In der Tat, es ist schon erstaunlich, wie wenig opernaffin der Robert Schumann tickte. Was ist das Ganze also? Weiterlesen

Kritik Rheingold Bayreuth 2017 Marek Janowski: Paterson Dohmen Saccà Baumgartner

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Weia! Waga! Die letzte Runde für Castorfs Öl-Ring ist eingeleitet.

Falsch und feig ist, was dort oben sich freut.

Rheingold Alberich Die Nibelungen

War früher alles besser? Im Rheingold, also in unbestimmter weltgeschichtlicher Frühzeit, wird um Reichtum und Menschen geschachert, dass es eine Lust ist. Die handelnden Personen begehen Vertragsbruch, Diebstahl, Menschenraub. Obendrein ist Rheingold die Kapitalistenoper schlechthin. So ist Frank Castorf auf die schlickige, schwarze Öl-Metapher gekommen. Obwohl gerade die im Lichte des Rohölpreisverfalls, im Lichte der deutschen Auto-Krise schon an Strahlkraft verloren hat. Weiterlesen

Kritik Tristan und Isolde 2017 Bayreuth: Gould Lang Pape Mayer Paterson

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Nach dem Trubel um die Meistersinger-Premiere gestern geht es heute um Tristan.

Dank BR-Klassik ist man auch in Berlin der oberfränkischen Provinz nah.

Stephen Gould hat man inzwischen so oft gehört, dass man verwundert ist, Neues zu entdecken. Zuerst einmal das Offenkundige: Goulds Diktion ist nicht sehr prägnant, die Klangfarbe eine Mischung aus Helle und Männlichkeit. Es gibt – nicht live, sondern am Radio, wo das Ohr detailversessener hört und das große Ganze aus dem Blick verliert – keine Stelle, die mich auf die Knie zwingt. Das todessehnsüchtige Wohin nun Tristan scheidet gelingt faszinierend. Weiterlesen

Kritik Bayreuth Meistersinger Premiere 2017: Barrie Kosky

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Die Meistersinger-Premiere bei den Bayreuther Festspielen 2017.

Der wilde, assoziative Berliner Regiestil schwappt von Zeit zu Zeit als unvorhersehbare Flutwelle nach Bayreuth. Erst Castorf mit dem Ring, jetzt Kosky mit den Meistersingern. Wenn der Herr und Herrscher der Komischen Oper Berlin, Barrie Kosky, am sogenannten Grünen Hügel Regie führt, dann dräuen fürwahr üble Regie-Streiche. Zum Festwiesenfinale, im leergeräumten Gerichtssaal von Anno 45, bannt der erklärte Wagner-Verächter Kosky dann aber doch gute Geister. Denn bevor der Vorhang fällt fiedelt sich die deutsche Hochmusikkultur geradewegs in die Erlösung. In Form eines Orchesters, hinter dem sich der großartige Festspielchor verbirgt. Unter Heilrufen. In biederstem C-Dur-Pomp.

Michael Volle Meistersinger Bayreuther Festspiele 2017

Der poetisierende Schuster in Denkerpose: Michael Volle / Foto: BR-Klassik

Die Kunst, heilt sie die Wunden, die Real- und Rezeptionsgeschichte der Oper schlugen? Die Wagner ihr selbst schlug? Ist das Koskys hehres Schlusswort zu Wagners komplexer Meistersinger-Oper? Gemach, gemach.

Begonnen haben Koskys Meistersinger als fideler Gaudi. Da öffnet sich zu den Klängen des Vorspiels bühnenfüllend der eichengetäfelte Salon der Villa Wahnfried mit Beethovenbüste, Flügel und dichtbesetzter Bücherwand. In solch schummriger Bildungsbürgerhöhle halten nun Wagner und Cosima eifrig-eitel Hof (Bühne: Rebecca Ringst). Und da trudeln auch schon Liszt und Hermann Levi, jüdischer Uraufführungsdirigent des Parsifal, ein. Flugs setzt Wagner sich an den Flügel. Dem entkrabbeln unversehens jede Menge Jung-Wagners. Zwischenfrage: Schälte sich nicht schon 2007 bei Katharinas Meistersingern ein Meistersänger aus dem Klavier? Ja doch. Allmählich wird klar: Wahnfried ist Nürnberg, Sachs ist Wagner. Und Eva ist Cosima, Pogner Liszt, Beckmesser der bärtige Jude Levi. Und dann auch noch das: Auch Stolzing ist Wagner, nur eben jünger als Sachs. So volatil steht’s in dieser Oper um Identitäten und Individuen. Alles hängt mit allem zusammen. Sagt Kosky. Weiterlesen

Kritik Tannhäuser München: Romeo Castellucci Anja Harteros Petrenko

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Ein merkwürd’ger Fall, dieser Neu-Münchner Tannhäuser.

Gehört auf arte.tv.

Romeo Castellucci, der Regisseur aus Italien, verpasst Wagners Sorgenkind-Oper zweifelsohne einen Facelift. Wie das? Castelluccis Regie zielt auf opulent-üppiges Tableau-Theater ohne jede dramatische Unterfütterung.

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Es lebe die Gardine!: Die Sänger liegen schon / Foto: arte.tv

Dabei fängt es gut an. Ja, die Regie schafft bildmächtige Szenerien. Zu nennen sind das fidele Bogenschießen eines Rudels von Amazonen, das die Venusbergmusik vielsagend begleitet. Aber schon im zweiten Akt stehen mystisch wehende Gardinen im Zentrum, und der Sängerkrieg vollzieht sich als Look-Alike einer Zen-Zeremonie in blendend weißen Karate-Outfits. Dazu formen weißbezopfte Balletteusen rätselhafte Menschenmuster. Das ist so blässlich wie konventionell und enträt jeden dramaturgischen Pepps. Unter den Chorsängern befürchtet man infolge Dauerstehens gar bleibende Gesundheitsschäden. Die faustdicke Überraschung hält indes der dritte Akt bereit. Weiterlesen