Staatskapelle Schumann, Ádám Fischer Philharmonie

Zweites Abokonzert der Staatskapelle. Ein reiner Schumannabend im Großen Saal der Staatsoper. Dritte, Vierte, Cellokonzert. Über gelungene Schumannkonzerte ist besonders schwer zu schreiben. Jeder kennt die Sinfonien: Frühling, Rhein, Dom, Es-Dur, d-Moll. Dazu dann Frau Schumanns kluge Kommentare und Brahms‘ Klage über die Zweitfassung von Nr. 4. Aber zuerst kurz zu Schumanns Violoncellokonzert, uraufgeführt vermutlich 1860 in Oldenburg. Das Autograph nennt es noch Concertstück. Der Österreicher Kian Soltani spielt es mit sehnsüchtig schlankem, immer auf Linie gehaltenem, frischem und nie ausfransendem Ton. Das Spätstilstück packt gerade durch das verhaltene Tutti, durch den von Innigkeit gebremsten Sonatenschwung. Dies lyrisch durchpulste Terrain liegt Soltani. Er deklamiert innig. Und ins Ohrwurm-Finale stürmt er feurig, um es nobel drängend zu bewältigen. Ich dachte manchmal, Soltani wäre eine Art Barenboim-Protégé. Aber hier gibt es nichts zu protegieren. Der Mann kann es einfach. Die Sinfonien Nr. 3 und 4 spielt die Staatskapelle weniger reaktionsschnell als die Philharmoniker. Dafür warmtöniger. Warm, rund, dunkelgrundiert, plastisch holt Barenboim den Klang in den Saal. So leuchten die genrehaften Kerne der Binnensätze (besonders der Dritten) keinesfalls nur im behäbigen Biedermeier. Sondern erhalten Weite und Breite. Die rahmenden Lebhaft-Sätze sind ganz Sprache, Ausdruck. So hört man die radikalen Form-Abbrüche, die sämtliche Schumannsinfonien durchziehen, in neuer Unmittelbarkeit. Da tauchen ja immer und überall vollständig neue Themen auf, in der Durchführung, in der Coda. Oder die Reprise kommt fast ohne Hauptthema aus. Mozart machte solche Tollheiten auch.

Ádám Fischer in verschiedenen Stadien der Erleuchtung / Foto: Digital Concert Hall/berliner-philharmoniker-de

Am Samstag spielen die Berliner Philharmoniker Haydn und Mozart. Ich bin weniger angetan wie zwei Berliner Pressevertreter, siehe die Links unten. Von Mozart höre ich die Sinfonie Nr. 33 (komponiert Juni 1779, keine Flöten, keine Trompeten, keine Pauke, Menuett aus den 1780ern). Apropos Tollheiten. Die Durchführung im ersten Allegro wird ohne jegliches Hauptthemenmaterial bestritten, im Andante ertönt das Thema erst ganz am Schluss der Reprise.

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Berliner Musik: Lixenberg, Augustin Hadelich, Viluksela, Nagano

Zwei Wochen Musik in Berlin. Ohne große Oper, dafür mit kleinem Theater. Nämlich im BKA am Mehringdamm, und das gleich zwei Mal. Am Dienstag gibt es Anfang Oktober Frauenstimme und Tuba bei Unerhörter Musik zu hören. Die Akteure: Lore Lixenberg und Jack Adler-McKean. Fünf Stücke erklingen. Zuerst von dem jungen Londoner Patrick Friel A Different Tune (2019, UA), wo die Stimme von Lixenberg (einsatzfreudig, aber weniger PS als die Stimmen der Leuchtturmhochkulturstätten) genüsslich Silben und Vokale zerfleddert. Auch der textlos bleibende Zuhörer zu Hause fühlt sich da in etwas reingezogen. Dann die bitterbunte Brexit-Glosse namens theVoicePartyOperaBotFarm von Lixenberg. Nun ja. Der eine steht so zum Brexit, die andere so. Lixenberg ist sehr aktuell, das Stück ästhetisch nachrangig. Das Anti-Trump-Stück vom letzten Ultraschall war auch ziemlich langweilig.

Dann aber Jack Adler-McKean an der Tuba (plus Elektronik). Er spielt Nonos spätes Post-prae-Ludium No. 1 ‚per Donau‘ aus den Risonanze erranti (1987). Es ist ja nicht gänzlich falsch, wenn man sagt: Das hat was. Lapidares Pathos, ziemlich viel Können (besonders im Weglassen), solitärafte Schärfe der Einzelheit. Packend-still. Ganz ähnlich in der Wirkung dann La fabbrica illuminata (1964) des selben Komponisten. Die Würde des Werks teilt sich auch in der Live-Übertragung mit. Nett die Bekanntschaft mit Georg Katzers witzigem, schlagfertigem Dialog Imaginär für Tuba mit Hegel (2008) aus der Dialog-Imaginär-Reihe. Trotz Elektronik ist das Stück nah am (Klang-)Material. Die Katzer-Pflege in Berlin lebt. Dann noch eine zweite Uraufführung, Self-Portrait Music von Frédéric Acquaviva. In dem Stück balancieren Stimme und Tuba wie auf einem Hochseil. Self-Portrait Music agiert dabei rezitativisch präzise und ist fast zu schnell vorbei. Gehört im YouTube-Stream.

Hadelich: zart wie ein Pinselstrich

Unbedingt hören wollte ich den Geiger Augustin Hadelich, der bei den Philharmonikern mit Prokofjews Zweitem debütiert. Weil unterwegs in Brandenburg (Richtung Nauen, Ribbeck, Fehrbellin), höre ich das Konzert ein paar Tage später in der Hall nach. Es ist eine Freude. Gustavo Gimeno, der auch debütiert, und Hadelich sind schön langsam. Hadelichs Ton summt Biene-Maja-süß. Die Geigen-Linie: süffig, mit ganz zartem Portamento. Ein Ausnahmekönner. Ein Auskoster. Das Thema: wie ein Pinselstrich. Später höre ich, dass er auch griffig kann. Aber diese Kessheit bei mühelos erreichtem höchstem technischem Gelingen, erinnert sie nicht an Hilary Hahn? Das schallt heute Abend hinreißend jung, neugierig, verschmitzt. Im zweiten Satz werde ich unruhig. Gimeno macht alles mit, was Hadelich da an Durchsonntheit auffährt. Ob so was Prokofjew gerecht wird oder hier schlicht die Scheiblette vom Hawaiitoast tropft, wer weiß das schon. Das Concert Românesc, folkloristisches Frühwerk, Ligeti, ist harmlos. Rimskys Scheherazade zelebriert Gimeno regelrecht, auch was die Zeitnahme angeht. Das Solo von Noah Bendix-Balgley ist hinreißend, obwohl (natürlich) zwei Könnensstufen unter dem Spiel von Hadelich. Tipp: Hadelich ist im Februar auch beim DSO mit Bruch Nr. 1. Da könnte man hingehen.

Hadelich Thema Andante assai / Foto: Digital Concert Hall/Berliner Philharmoniker

Kreuzberg zum Zweiten: Frauen der Nacht am Mehringdamm

Eine Woche später ist „Ladies‘ Night“ im BKA-Theater. Auf dem Programm: Werke für Sopran. Nicht nur kommen die vier Musikerinnen aus Hamburg. Hamburger ist auch Sascha Lemke. Sein neues Werk …t…o…i… windet sich stammelnd um ein Gedicht aus neun Wörtern. Marcia Lemke-Kern singt. Ziemlich ähnlich klingt Einlass und Wiederkehr von Charlotte Seither (2004), variiert aber Gesten und Dynamik stärker. Andrew Normans quicklebendiges Sabina für Bratsche solo transformiert römische Lichteindrücke in sperriges Bratschengemurmel (Mari Viluksela mit viel Gefühl).

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Premiere Staatsoper: Così fan tutte Huguet Barenboim

Da ist sie, die übliche Staatsfeiertagspremiere an der Staatsoper, heuer mit Mozart und wie immer mit Barenboim. Es inszeniert der eifrige und solide Vincent Huguet, der binnen zwölf Monaten alle drei Da-Ponte-Opern Unter den Linden auf die Bühne bringen darf. Figaro gab’s als Stream-Premiere im Frühjahr, jetzt folgt die doppelbödige Liebeskomödie Così fan tutte vor 3G-Publikum, zu den Festtagen kommt dann Don Giovanni. Und anders als in der preußisch strengen Philharmonie wird auf dem Platz maskenfrei gesessen und gehört. Herrlich! Huguets Rezept für Mozart lautet: edles Setting, gediegener Plot. Die Inszenierung spielt in bella Napoli.

Napoli, Vesuvio: F-Dur-Quintett 1. Akt / Foto: Matthias Baus

Die Zeit: Flower Power, Ende 60er, Anfang 70er. Huguet setzt das ansehnlich und Buffa-munter um – aber weit entfernt von mitreißend. Irgendwie war die alte, offen slapstickende Dörrie-Produktion auch nicht schlechter. Das Bühnenbild wechselt: hier zwanzig Meter italienischer Stadtstrand (betonierte Kaimauer, vorne paar Felsen, Leitern), dort eine luxuriöse Terrasse mit stylischem Sixties-Mobiliar, hinter der mediterran kubistische Betonarchitektur aufragt (Bühne Aurélie Maestre). Sprich, molto Oberklasse, wo man malinconia („Langeweile“ übersetzen die Übertitel) mehr fürchtet als alles andere und für die Verführungsszene des zweiten Akts auf edel beplankter Jacht in See sticht.

Spannung zwischen Gefühlsernst und Vergnügungsverlangen

Huguet erzählt das ohne allzuviel Entdeckerlust runter (und ohne versteckte Kritik). Hausfreunde und Diener rekrutieren sich aus hüftschwingenden Hippies, die auch mal Penis-nackt auf dem Strandtuch fläzen (Kostüme Clémence Pernoud). Interessierte Besucher in den ersten Reihen bekommen ausgiebig weibliche Brust einer freizügigen Gespielin zu sehen. Der nette Regieeinfall des Schlusses – die Schwestern haben für die eilig anberaumte Hochzeit verkleidenderweise die Identitäten getauscht und verblüffen (und beschämen) damit ihrerseits die Verlobten – wirkt wie auf die Schnelle untergeschoben. Harmlos. Aber eben auch gefällig anzusehen. Und einigermaßen unterhaltsam.

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Philharmoniker mit Lugansky & Rachmaninow, Doppel Saunders-Ticciati beim DSO, Conradi-Gehlen

Das letzte warme Wochenende in Berlin. Am Sonntag schnell noch im Langer See gebadet, nach Hause geeilt, erste Hochrechnung geschaut, dann gemütlich zum DSO in die Philharmonie getingelt. Vorher gab’s am Samstag zu den Berliner Philharmonikern.

Die präsentieren ein Programm nach dem bewährten Uffkosi-Konzept: Ouvertüre, Konzert, Sinfonie. Zuerst von Rimsky-Korsakow die seit der Tscherniakow-Produktion der Staatsoper vertraute Zarenbraut-Ouvertüre mit ihrer überschwänglichen Tutti-Koketterie. Dann kommt ein Konzert, das von den kaum gespielten, so gut wie unbekannten Konzerten fast das größte scheint. Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 1 ist eine unfassbar imponierende Kostbarkeit. Und da kommt schon der Solist, großgewachsen, soignierte Erscheinung, nicht mehr ganz jung. Die Eröffnung tönt wie Schumann (nur viel schwieriger). Nikolai Lugansky hat alles: klare, flüssige Technik, brillantes Passagenspiel, einen federleichten Anschlag und harmonisch gerundeten Ton. Ein Architektoniker, wie man vor hundert Jahren gesagt hätte, ist der Russe nicht. Die Kantilene des Andante schwebt fast impressionistisch. Da ist keine Richter-Schwere. Dafür höre ich eine imponierend durchdachte, rundum feine Darstellung. Lugansky bringt Mittelstimmen resignativer Melancholie zum Leuchten, die der 17-jährige Rachmaninow in seinem Übermut hinter den stolzen Verlautbarungen der Rechten versteckte. Tugan Sochiew hält das Orchester im sicheren Bezirk: Ich höre tonliche Sauberkeit, Eleganz, eine Löffelspitze Leidenschaft. Die Geigen agieren streichzart, aber mit Berliner Disziplin. Dazu im Andante Damianos Fagottklage und Andrej Žusts Horn. Ich schaue Digital Concert Hall.

Rachmaninow: 3. Satz, Überleitung zu Thema 2 / Foto: Digital Concert Hall/berliner-philharmoniker.de

Es gibt da eine Aufnahme des jungen Lugansky unter Gorenstein (Горенштейн), dem Nachfolger Swetlanows beim Staatlichen Akademischen Sinfonieorchester. Die ist kühner, auch mitreißender. Aber heute interpretiert Lugansky, der weicher spielt als Trifonow und eleganter als Bronfman, hinreißend abgeklärt. Luganskys Rubato tendiert überall zum Sachlichen – nur in der Kadenz find ich es übertrieben, wie mir übrigens die dortigen Forte-Ausbrüche zu markig scheinen. Folgt ein weiteres, obskures Schmuckstück der europäischen Orchesterliteratur, die Sinfonie B-Dur von Ernest Chausson. Das Werk – gute halbe Stunde, drei Sätze – ist ziemlich gut gemacht und schwankt zwischen Parsifalverehrung (Einleitung, langsamer Satz) und einem erfrischenden, burschikosen Präimpressionismus (Kopfsatz). Die Philharmoniker lassen das Werk leuchten wie ein Bild von Gustave Moreau. Sochiew, der Prototyp des absolut verlässlichen, gediegenen und dennoch modern klingenden Orchesterleiters, tariert Farben und Linien aus.

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Berlin: Strawinsky, Musikfest und was sonst noch passiert ist

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Zwischen Igor und Strawinsky passt immer noch ein Violinkonzert. Oder ein Frühlingsopfer. Les Siècles aus Paris spielen in der Philharmonie Strawinskys burschikoses, kompliziertes Violinkonzert. Solistin ist Isabelle Faust. Schwierig zu hören ist dieses Konzert, weil es so verflixt antiaffektiv und gleichzeitig bestechend klug ist. Dann die Enttäuschung: Kopfsatz (Toccata) und Finale (Capriccio) schnurren ohne Überraschung in die Mikrofone. François-Xavier Roth fällt nicht viel ein – und Faust auch nicht. Mein Problem mit Les Siècles: Man hört, dass die Franzosen wissen, wie gut sie klingen. Aria I wird dahingegen von Isabelle Faust beherrscht. Noch mehr beherrscht durch Isabelle Faust wird nur Aria II – durch unaufdringlich intime dynamische Beleuchtung und durch ein heiser singendes Vibrato. Und durch einen Ton von vorbehaltloser Distinktion. Eine unendlich süffige, unendlich betörende Affektstudie. Zauberhaft. Ich höre das Konzert auf Deutschlandfunk.

Ein Violinkonzert macht noch kein Frühlingsopfer

Sacre du Printemps zählt nicht direkt zu meinen Lieblingsstücken, auch wegen dem wenig appetitlichen Thema: Frauentötung aus gesamtgesellschaftlicher Notwendigkeit. Der hypergehypte François-Xavier Roth ist der Dirigent der Stunde. Aber auch beim Frühlingsopfer sagt mir sein Zugang nicht wirklich zu. Dennoch: Erstaunlich die Präsenz der Holzbläser in der Introduktion. Erstaunlich der Verzicht auf Orchesterfett. Erstaunlich die exakt durchhörbaren Ausbrüche. Flirrend das Jeu du rapt. Aber zumindest via Deutschlandfunk klingen die spezifischen Klangfarben, das überhart ausgeleuchtete Tutti leicht dröge. Das berühmte Hauptthema hat was Banales. Gleiches gilt fürs Hauptthema der Rondes printanières. Alles zu offensichtlich. Irgendwie ein Strawinsky für Veganer.

So bleibt es Canticum Sacrum vorbehalten, für ein bisserl Freude zu sorgen. Das späte Werk (1955) erinnert an die Psalmensymphonie: Man versteht vor lauter Trompeten kein Wort Latein. Dafür hält das kammermusikalische Feingewebe bis zum Schluss. Dessen delikate Kargheit liegt dem Orchester. John Heuzenroeder (Tenor) und Miljenko Turk (Bariton) setzen sich für das Werk, das vielleicht doch nicht zu den Meisterwerken der späten Jahre gehört, ein. Das Konzert ist nachhörbar, einnehmend moderiert von Ruth Jarre: DLF Sacre.

Neues von Adámek, Neuwirth, Lang

Gute Nachrichten! Der Stellenwert neuer Musik im Berliner Musikbetrieb steigt weiter. Beim Musikfest stellen inzwischen selbst die Gastorchester die Lauscher in Richtung Zukunft. Hübsch obendrein: Deutschlandfunk, Concert Hall und der On-Demand-Dienst des Musikfests machen Angebote zum Mit- und Nachhören. Ich lasse Beethoven 6. (LSO, Rattle), Bruckner 4. (Philharmoniker, Hrůša) und Mahler 10. (DSO, Ticciati) aus und höre stattdessen jeweils die Stücke vor der Pause. Where are you? von Ondřej Adámek gibt sich beim Gastspiel des London Symphony Orchestras witzig, versatil instrumentiert und ist stolze 37 Minuten lang. Geht so. Ich hätte von den Londonern lieber Cockaigne von Elgar gehört, auch wenn Magdalena Kožená wieder einmal mezzoschön singt.

Karajan-Akademie: Holzbläserkorps / Bild: Digital Concert Hall/berliner-philharmoniker.de
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Musikfest: Staatskapelle Argerich, Saunders/Webern

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Das Musikfest läuft auf Hochtouren. Bei der Staatskapelle glänzt die alterslos bezaubernde Martha Argerich mit Schumann. Und der zeitgenössische Ableger des Luzerner Festivalorchesters präsentiert Saunders und Webern.

Unter den Linden (3G, mit Maske drinnen, aber ohne, wenn man sitzt) pfeift man auf die Festivaldramaturgie und bringt Teil 1 eines kleinen Schumannzyklus (Sinfonien, Klavier-, Cellokonzert). Da ist Martha Argerich. Gleicher Rock mit Zahlenmuster wie letztes Jahr. Auf dem Weg zum Flügel steigt sie über Aufnahmekabel, quetscht sich zwischen Flügel und Mikrofonständer hindurch. Der Gang etwas unsicher. Dann geht es los. Orchesterschlag, drei Takte abstürzende Akkorde, Thema Oboe, Thema Solistin: Argerich spielt wunderbar phrasierte acht Takte, inklusive einer kleinen, drängenden, scharfen Tempoanhebung, inklusive eines Aufblühens der Melodie, getragen von traumhaft sicheren Spannungsmodifikationen, inklusive eines unglaublich farbreichen Piano (das fast übertrieben sein kann, denkt man). Der Anschlag: Als würde Mona Lisa das Auge aufschlagen. Das hat Argerich trotz 80 Jahren noch im Köcher: vollgriffiges Temperament, die Bereitschaft zu träumerischem Chiaroscuro, Ausdruck. Kann es besser vielleicht als all die restlichen Pianisten der Welt.

Martha Argerich: heute Abend schnuppe

Die Attacke der Linken: scharfgeschnitten, kühn, fortreißend. Manchmal auch wie verschleiert, als wollte sie die Emphase weniger offensichtlich machen. Die Solo-Reprise des Themas: unendlich schattierungsfähig. Die Kadenz: 52 Takte Verhalten und Vorwärtsdrängen, die überleitenden Triller leuchten scharfkantig, mit die schönste Musik, die ich in Jahren gehört habe. Ist ja klar, dass Argerich mittels Rubato und Akzent expressiv phrasiert, wie es Jüngere sich nicht mehr erlauben können (weil sie auch den Ton dazu nicht haben). Wenn da manches breit, radikal uneben (die Rechte), heftig pedalisiert, verwaschen oder schlicht wackelig klingt (Durchführung, Oktaven der Rückkehr zum tempo primo), ist das heute Abend schnuppe. Barenboim ist nicht zimperlich mit der Lautstärke, Transparenz interessiert ihn nur, wenn Transparenz den Ausdruck steigert. Übrigens ist der Saal an den Flanken (sitze rechts Seite) heute ungnädig mit der Klarheit des Klangbildes.

Saunders: void / Foto: Livestream Digital Concert Hall/Berliner Philharmoniker

Auch vor und nach Argerich gibt es Programm. Es sind fast vergleichslose Wiedergaben von Schumanns Erster und Zweiter durch die Staatskapelle Berlin. Weil Binnendifferenzierung und Klanggruppenbalance weitgehend außer Kraft gesetzt sind. Das tönt klangintensiv und ausdrucksgeballt. Als zöge die Staatskapelle mit ihren Hörnern auf direktem Wege ins Eichendorff-Land. Das Gefühl für symphonische Kontinuität ist unvergleichlich. Höhepunkt in der Sinfonie Nr. 2 C-Dur ist die entfesselte Coda des obsessiven Scherzos, Höhepunkt der ersten Sinfonie in B der Durchbruch zur Reprise: pure Klangkumulation, rhetorisch flammend, unendlich beredsam. Barenboim fährt Vollgas. Formal fügen sich die beiden Sinfonien freier als alles, zu was der Sinfonienbaumeister Brahms je bereit war. Beharrender, auch biedermeierlicher tönen die langsamen Sätze. Freilich weisen die Posaunenstelle am Ende vom Larghetto (B-Dur-Sinfonie, Abend bzw. Idyll im Autograph) voraus auf die Kölner-Dom-Schauer der Dritten und das feierliche Adagio des C-Dur-Werks auf Bruckners düstere Adagio-Romantik. Das ist schon ein anderes Schumann-Kaliber als das, was sonst an Schumann in Berlin zu hören ist.

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Musikfest: Strawinsky, Benjamin, Knussen, Hindemith, Ann Cleare

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Hallo Musikfest! Was wird gespielt 2021? Strawinsky, vor allem der späte. Wobei Seitenstränge zu Barock und zeitgenössischer Musik führen. Heuer ist die mediale Einbettung wirklich üppig. Streams in der Concert Hall, Radiokonzerte auf DLF und ein On-Demand-Dienst auf der eigenen Seite sorgen für digitales Dabeisein auch ohne Anwesenheit. So etwas nehme ich immer gerne in Anspruch. Und ähnlich wie 2020 gelingt in der Corona-Ausgabe Nr. 2 des Musikfests eine aufregend straff programmierte Festivalausgabe.

Freilich kocht auch das Musikfest nur mit Wasser und kauft wie anderswo die tourenden Orchester mitsamt Programm ein, das dann eben auch mal von der Stange kommt. So kann man den einen oder anderen der hiesigen Festivalbeiträge auch identisch in London, Hamburg oder Luzern hören. Präziser gastieren die kleineren Ensembles. Das Ensemble Musikfabrik aus Köln präsentiert seine zwei Sonntagskonzerte (Cleare, Poppe) eben nur in Berlin.

Benjamin, Mahler Chamber und die Pianistin Stefanovich

Es geht los mit dem Konzert des Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von George Benjamin. Ich höre via Digital Concert Hall. Hilfe, die Briten kommen! Oliver Knussens The Way to Castle Yonder kondensiert Material aus dessen lustiger Tieroper Higglety Pigglety Pop! zu einem sicher komponierten, angenehm leichtfüßigen Potpourri (1990). Danach die nie enttäuschende Begegnung mit Musik von Henry Purcell, hier mit dessen Fantazias and In Nomines: Three Consorts, usprünglich für Gambenensemble, hier in einer Bearbeitung für Kammerorchester. Dann zwei lähmend lange Umbaupausen samt Klavierlift, heuer auch noch ohne Halbierung durch eine Pause. Aber dann gehts an’s Eingemachte. Tamara Stefanovich spielt Strawinskys klare, präzise-beiläufigen Movements tadellos, und die Musiker präsentieren das alles vorzüglich, lebhaft, nervös. Denkbar knapp das alles. Minimalismus zum Verlieben. Man gäbe einiges, könnte man Strawinskys drei Werke für Klavier und Orchester (Konzert mit Bläsern 1925, Capriccio 1929, Movements 1956) mal mit Rubinstein oder Horowitz hören.

Neugierig bin ich auf das Concerto for Orchestra vom Dirigenten des Abends, das ist eine deutsche Erstaufführung. Die entpuppt sich als 16-minütiges Klangkondensat, das durch Perspektivvielfalt und klangsinnliche Geschmeidigkeit gefällt. Nur der Kitzel düsterer Bedeutungsschichten geht ihm ab. Weshalb man danach Strawinskys fast zu oft gespielte Pulcinella hört, die die hiesigen Orchester vielleicht doch fesselnder draufhaben, erschließt sich mir nicht. Warum nicht mehr von diesem verrückten Briten namens Knussen?

Stefanovich und Jurowski / Foto: Livestream Digital Concert Hall/Berliner Philharmoniker
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Staatsoper Berlin: Premiere Fanciulla del West

Kaum zu glauben, aber wahr. La Fanciulla del West erlebt ihre überhaupt erste Aufführung Unter den Linden. In der DDR war den Kultur-Granden die Oper vermutlich zu Klischee-mäßig westig. Danach lag der Barenboim-Fokus auf deutschem Kulturgut aus der Wagner-Ecke. Jetzt ist Premiere und Erstaufführung, und siehe da, Puccinis ewiges Opern-Sorgenkind erweist sich als ziemlich Linden-kompatibler Opern-Thriller. Da wird gehängt und geballert, gepokert und geknutscht. Der Plot ist eine ziemlich simple Dreiecks-Story, aber modern. Und Puccini ist nun einmal Puccini. Der verpackt die Goldgräber-Geschichte nämlich in flirrende, rigorose Musik, die faszinierend souverän zwischen herber Koloristik und gesteigerter Schlagkraft pendelt.

Anja Kampe: Schankwirtin im goldenen Westen zwischen Bier und Bibel / Foto: Martin Siegmund

Das ist von rasanter Eindringlichkeit, gegenüber Madama Butterfly hört man erstaunt-beglückt einen Zuwachs an rhythmischer Spannkraft, an klanglicher Strahlkraft, an aggressiver Stimmschichtung, an schierer Orchesterautonomie, während die Goldgräberszenen locker an die turbulente Meisterschaft der Ensembleszenen aus Manon Lescaut und Bohème heranreichen. Dazwischen verströmen sich die Liebesszenen und Duette in einem Parlando-Stil feinster Machart. Für eine prima dirigierte Fanciulla gebe ich noch jeden Siegfried her.

Und wie verpackt Regisseurin Lydia Steier, US-Amerikanerin, Jahrgang 1978, die drastische Goldsucher-Fabel? So-naja. Das Ganze macht flotten Spaß, ist unterhaltsam und irgendwie ganz schön kurzweilig. Etwas Neon ist dabei, etwas Pin-up, ein bisserl Castorf, ein bisserl queer. Und den mobilen Kneipenausschank kennt man unter anderem schon von der Wiener Marelli-Fanciulla. Das Setting ist irgendwo zwischen 1960er und heutig angesiedelt. Steier erzählt geradlinig an der Story entlang: der Lover als gefühliger Temperamentbolzen, der Sheriff als viriles Raubein, dazwischen die patente Wildwest-Wirtin. Die schaut genauso tief ins Alte Testament wie in Männerherzen. Nichts wirklich Neues im Westen also. All-inclusive sind aber auch die sehenswerten Stunts, und so was wie die fotorealistische Milieu-Studie von Minnies Mini-Behausung gefällt mir immer.

Addio, mia California, addio / Foto: Martin Siegmund

Anja Kampe strahlt als bibelfeste Schankwirtin eine fulminante Kraft und Leidenschaftlichkeit aus, ihre Stimme hat Sehnsucht und Wärme, sie kann das wie kaum eine zur Zeit, nur im ersten Akt verrutschen zwei von drei Spitzentönen – die wurden mit ihren großen Sprüngen aus der Mittellage heraus aber auch fies komponiert. Unauffälliger agiert Marcelo Álvarez als reuiger Bandit Dick Johnson. Álvarez‘ Stimme besitzt Lyrik und attraktiven Tenor-Schmelz, allerdings singt er Ch’ella mi creda, die Ohrwurm-Arie der Oper, enttäuschend unstet. Anders Michael Volle, der die Partie des Sheriffs mit der ganzen ihm zur Verfügung stehenden ranzigen Aufrichtigkeit hinlegt. Volle kann das, es wird ein Porträt von martialischer, fast heldenbaritonaler Größe.

Das Besondere an Fanciulla sind aber auch die zahlreichen Nebenrollen, hauptsächlich der Minenarbeiter. Das sind scharf gezeichnete Porträts, von denen jedes feine, kleine dramaturgische Pointen setzt. Heute Abend sind das unter vielen anderen Stephan Rügamer (Nick) als Transe im rosa Kunstpelz mit tenoral herausstechender Stimmfarbe, Grigory Shkarupa als anrührender Lagersänger (Jake Wallace), Siyabonga Maqungo als vifer Trin, Jaka Mihelač als verprügelter Falschspieler (Sid) und David Oštrek als von peinsamem Heimweh ganz zerrissener Larkens. Fast zu klischeehaft das Unterschichten-Pärchen aus Žilvinas Miškinis (der Bill im Dauer-Suff) und Natalia Skrycka (so’n Mezzo ist schon eine Freude) als hochschwangere, stramm blondierte Indianerin Wowkle in Schlabberhose (Kostüme: David Zinn). Und last not least Spencer Britten als schlaksiger Postler sowie die Wells-Fargo-Type Ashby (Jan Martiník). Dass dessen Proll-Glamour fast schon zu dekorativ gerät (auch wenn der massige Martiník in Jeansshorts eine stete Augenweide ist), steht symptomatisch für die Inszenierung.

Natalia Skrycka in Aktion / Foto: Martin Siegmund
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RSB: Buchbinder, Symphoniker: im Zoo, DSO: Messners Alpen, Rattle: Ginastera

Tschüss Lockdown, benvenuti Publikumskonzerte? Ja. Vier Wochen vor Saisonende sieht alles nach Li-La-Lockerung aus. Klar ist aber auch: Livekonzerte im pickepackevollem Saal wird es noch eine Weile nicht geben. Apropos Konzerte. Ganz so schlecht war die musikalische Grundversorgung in Berlin im Wonnemonat Mai auch ohne Publikum nicht.

Das RSB macht da weiter, wo es noch längst nicht aufgehört hat, nämlich mit den Strawinsky-Erkundungen von Jurowski. Die mausern sich klammheimlich zu Strauss-Erkundungen. Auf dem Programm stehen heute Strawinskys Pulcinella und Strauss‘ Burleske mit Rudolf Buchbinder. Ich höre bei Dirigenten und Solisten viel Verspieltheit, viel Spaß am Stück. Die übliche virtuose Schneidigkeit bleibt in der Schublade. Und Buchbinder tönt beim zweiten Thema auf einmal, als spielte Kempff Schumann. Buchbinder malt, wo Svjatoslaw Richter schlachtete (1962, natürlich genial). Buchbinders Burleske klingt hier und heute herzzerreißend halbseiden. Folgt Strauss‘ Tanz-Suite, die man für echten Strawinsky halten könnte, wäre bei Strauss nicht alles schnuffeliger, eben mehr altes Zentraleuropa. Ehrlich, ich vermisse in Jurowskis Strauss-Schau Schlagobers und Panathenäenzug (von völlig frappanter Dürftigkeit, so Adorno 1928). In die vollständige Pulcinella-Musik höre ich rein. Nicht klinisch rein schallt die heute, sondern intoniert von dickbauchigen Posaunen.

Anderes haben die Berliner Symphoniker im Sinn. Sie tummeln sich leibhaftig im Zoo und spielen vor türkis schimmerndem Flusspferdebecken. Das Thema lautet hier: Tierisches in der Orchestermusik. Der Reigen reicht von Haydns Henne bis zu Debussys Faun. Der größte Aufreger ist für mich allerdings Rimski-Korsakows kurzer, genialer Hummelflug. Weniger virtuos kommt erwartungsgemäß Beethovens Szene am Bach daher, wobei die berühmte Vogelstimmenstelle natürlich auch heute nicht ihre Wirkung verfehlt (Flöte Nachtigall, Oboe Wachtel, Kuckuck Klarinette). Es dirigiert Hansjörg Schellenberger. Solistische Früchtchen gibt es auch danach reichlich zu ernten. In Haydns La Poule (Die Henne, 1. Satz) hat die Oboe ihren lustigen Auftritt (zweites Thema), im Schwan von Tuonela das majestätische Englischhorn, und im Faunen-Vorspiel von Debussy räkelt sich die Flöte. Die tierische Leistungsschau geht mit Saint-Saëns‘ Schwan und Haydns bäriger Sinfonie Nr. 82 (Finale) zu Ende. Gute Idee, gut umgesetzt. Nachgucken hier.

Beethovens Kuckuck: Klarinettistin im Zoo / Foto: Livestream Berliner Symphoniker

Tja, das Impuls Festival für Neue Musik ist wegen auslaufender Finanzierung durch das Land Sachsen-Anhalt in seinem Fortbestand gefährdet.

Die Berliner präsentieren in der Digital Concert Hall Vista von Kaija Saariaho. Es ist eine deutsche Erstaufführung. Susanna Mälkki dirigiert. Saariaho ist in jenem Komponier-Alter, da man nicht mehr die Musikwelt revolutionieren muss. So ist Vista eine äußerlich unspektakuläre, aber faszinierend vielstimmige Komposition. Vista bewegt sich in gelöstem Fließen. Dazu hat Saariaho eine supersorgfältige, von zahllosen Instrumentalsolisten in Gang gesetzte Feinmotorik in das Stück reinkomponiert. Die traditionelle sinfonische Besetzung variiert die Komponistin: Alle Flöten als Piccolo besetzt. Teil 1 heißt Horizons, Teil 2 Targets, was irgendwie beliebig klingt, sich aber vermutlich nicht vermeiden lässt, wenn das Werk in Helsinki, Oslo, Los Angeles und Berlin sammelbeauftragt wird. Der auffahrende Beginn von Teil 2 missfällt bei erstem Hören, die hörenswerten Momente der 25-minütigen Kompostion sind aber bei weitem in der Überzahl.

Susanna Mälkki bei den Philharmonikern / Foto: Digital Concert Hall / Berliner Philharmoniker

Das DSO wagt sich an die Alpensinfonie (RBB Kultur). Die ganze Sinfonie ist eine einzige schöne Stelle, aber richtig los geht es erst, wenn dem Hörer Auf dem Gletscher eisiges d-Moll entgegenbläst. Robin Ticciati dirigiert. Reinhold Messner spricht. Messner sagt einfache Sätze (Der Abstieg liegt vor uns), spricht, wenn die Musik Atem schöpft vor dem nächsten Abschnitt. Dieser Blick auf Strauss ist neu. Meine Frau wollte das unbedingt hören. Messners Stimme ist brüchig, Messner lispelt in Südtiroler Singsang und ersetzt österreichelnd das t durch das d (der Dod). Das neue Format versperrt nicht den Blick auf die Musik, aber man hört mehr Bilder und Vorgänge als pure Musik. Empfänglich für Strauss‘ Kontrastierungskunst bin ich gleichwohl: Das majestätische Auf dem Gipfel setzt mit einem berührenden Oboenrezitativ ein, das Sonnenthema leitet in Stille vor dem Sturm geheimnisvoll zum Gewitter über. Ticciati fasst das DSO fahrig an. Da lässt sich der Hypernervöse die Alpenbutter vom Brot nehmen. Mehr Kaltblütigkeit! Dennoch: Die Alpensinfonie von Messner kommentiert, das müsste auch Nicht-Alpinisten, und das sind vermutlich die meisten Berliner, ansprechen. Hier nachzuhören.

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Berliner Konzert-Maierlei: RSB Hrůša+Jurowski, DSO Ticciati+Bastian, Philharmoniker

Geht jetzt alles ganz schnell? In München hörte man die Walküre live vor Drittel-Publikum mit Davidsen und Kaufmann. Weitermachen will man am Max-Joseph-Platz mit Lehár und Reimann. Die Deutsche Oper Berlin plant ihre Rückkehr am 13. Juni mit einem Don Carlo im Kurzdurchlauf – inklusive Mezzo-Röhre Anita Rachwelischwili. Was vor zwei Wochen noch wie ausgemachter Opern-Irrsinn schien, wirkt heute dank überall sinkender Kurven auf einmal sehr realistisch.

Bis es soweit ist, füllen die Orchester flexibel wie Einsatztrupps des THW die Live-Lücken mit Streams und Radiokonzerten. Und das Konzerthausorchester erreicht mit Currywurst und Harfe auf twitch ziemlich locker knapp eine Viertelmillion Aufrufe.

Das Berliner Maierlei beginnt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Jakub Hrůša führt das RSB auf frühlingsneues Hör-Terrain. Zu Beginn das Frühwerk Adagio für Orchester des Ost-Mähren Leoš Janáček, ein dunkel fließendes d-Moll-Klangbild mit leidenschaftlich erregtem Mittelteil. Melancholische Posaunen beschließen. Zu zwei selten gehörten Violin-Juwelen steuert Frank Peter Zimmermann den Solopart bei. Zuerst in Béla Bartóks konzentriert folkloristischer Rhapsodie Nr. 1, dann in der ingeniös bunten Suite concertante (1944) von Martinů. Zimmermann spielt beneidenswert. Hält er Bartóks zweisätzige Rhapsodie mit aller gebotenen nüchternen Grandeur auf Linie, lädt Zimmermann anschließend Martinůs viersätzige, aber herrlich knapp dimensionierte Konzertsuite mit sachlicher Gestik und verschmitzter Kraft auf. Zimmermanns Ton ist so klar, wie es eigentlich nur sein immenses Können gestattet, der Ausdruck so intensiv, wie die Musik es erlaubt. Die Slowakische Suite von Vítězslav Novák (1903) fällt in die Kategorie gediegene Tondichtung. Die Sätze heißen In der Kirche, Unter Kindern, Beim Tanz, Die Verliebten, In der Nacht. Ich hören ein Genre-Werk ohne anekdotische Zuspitzung. Hrůša sorgt für Freude am hellen Klang.

Das Konzert wurde fünf Tage vorher aufgezeichnet. Hinter der Ersten Gastdirigentin Karina Canellakis, die wieder einmal absagte, vergrößern sich die Fragezeichen. Im Herbst sagte sie ab und dirigierte stattdessen lieber das Münchner BRSO. Nun sagt sie ab und dirigiert lieber – am selben Tag – die Stockholmer Philharmoniker. Handelt es sich wirklich nur um ein Corona-bedingtes Einreiseproblem? Im Mai ist Canellakis bei Wiener Symphonikern und Niederländischem RSO. Will sie nicht? Der immerhin 85-jährige Mehta schafft es auch, am vereinbarten Termin in Berlin zu sein.

Erster Mai einmal anders bei den Berliner Philharmonikern. Virus sei Dank, fällt schon zum zweiten Mal die 1.-Mai-Reise des Philharmoniker-Trosses flach. In Zeiten des Klimawandels wirkt ein eineinhalbstündiges Vor-Ort-Konzert – abends hin, nachmittags zurück – ja irgendwie unzeitgemäß. Stattdessen musiziert man Raum-erobernd im Scharoun-Foyer. Eigentlich aufregend, und es beginnt mit der herrlichen Fanfare zur Eröffnung der Philharmonie von Boris Blacher. Die ist nicht so bekannt wie Richard Strauss‘ Wiener-Philharmoniker-Fanfare. Dafür tönt sie doppelt so leise und nur halb so blechgepanzert. Für Frust sorgt die eifrige Moderatorin Petra Gute. Gute führt im berüchtigten Annette-Gerlach-Stil (bekannt aus ARTE) durch das Konzert – und erdrückt stille Musik wie die Blachers durch Übermoderation. Nach der zweiten Pause – die Intendantin spricht, der Bundestagspräsident spricht – steht fest, dass ich keinem Philharmonikerkonzert lausche, sondern ARD-Vormittagsfernsehen. Beim lustigen Notturno für vier Orchester (KV 286) halte ich noch durch – der Mozart von Kirill Petrenko klingt wendig und klangverhangen und macht Lust auf mehr. Aber noch vor den kühl flirrenden Emanationen von Krzysztof Penderecki hat Petra Gute ihr Ziel erreicht. Ich steige aus.

Macht nichts. Denn gerade treten sich die großartigen Programme in den Berliner Konzerthäusern sozusagen gegenseitig auf die Füße.

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Philharmoniker: jetzetle aber, Witten: viel Neues, DSO: piekfein mit Louis Lortie

Das livegestreamte Philharmonikerkonzert am Samstagabend war hörenswert. Barenboim springt für Mikko Frank ein, und Yefim Bronfman spielt Brahms, 1. Klavierkonzert. Beim ersten Hören spielt Bronfman fesselnd, konzentriert, immer lebendig.

Die Triller des Themas donnert Bronfman nicht in schneidendem Gleichmaß, stattdessen will er jeden Ton einzeln hörbar machen. Beim 2. Thema spielt die linke Hand die Figurationen als Formungen von wunderbar eigenem Gewicht. Es ist ein wirklich eindrucksvolles Konzert von Bronfman, der gebürtig aus Taschkent stammt, Israeli und US-Amerikaner ist („this sturdy little barrel of an unshaven Russian Jew“, schreibt Philip Roth in Der menschliche Makel). Bronfman spielt kraftvoll, der Ton ist breiter als bei Trifonow, der Musizierfluss überlegener und gelassener.

Und wie viel Raum nimmt sich der Pianist plötzlich bei der Reprise des Hauptthemas, trotz der kompakten Gedrängtheit der berühmten Trillerketten. Im Adagio setzt Bronfman die Akkorde über den Hörnern aus selbstverständlichster Werk-Vertrautheit heraus natürlich und unvorstellbar sicher. Bronfman drängt nicht, kein Milligramm seines Spiels rutscht in selbstgewisse Virtuosität ab.

Bronfman bei einem der Kadenztriller im Adagio / Foto: Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Zu Hause, via Concert Hall, hört man Bronfman beängstigend detailliert, vermutlich baumelt das Hängemikro direkt über dem Instrument. Live klingt das Klavier in der Philharmonie ja meist, als käme sein Klang direkt aus dem Orchester, aus Celli oder Bratschen, flankiert von den Bläsern, und obendrauf die Flöten, wie eine fünflagige Schwarzwälder Kirschtorte.

Barenboim? Macht das gut. Die Temponahme ist breit, doch stets fließend. Was besonders überzeugt: Orchester und Dirigent musizieren ohne „Leerstelle“. Das gilt besonders für Daniel Barenboim mit seinem stets untrüglichen Gefühl für sich schließende Melodiebögen. Mit wie viel Phrasierungsinstinkt, wie zwingend entzieht sich da ein Nachsatz (des Hauptthemas) nach und nach dem begierig miterlebenden Ohr. Spannungsvoll Zeit lassend, so könnte man Barenboims Zugriff beschreiben. Klanglich ist das sensibel gerundet, nie nur-satt, ohne jeden Anflug von Bräsigkeit. Nur die pp-Einschübe der Streicher im Adagio drückt Barenboim zu sehr Richtung Andacht.

DSO und Louis Lortie fidel im Radiokonzert

Auch das Finale, das Bronfman und Barenboim mit gelöstem Nachdruck angehen, gelingt. Und dann wird auch noch das mitunter wie ein Fremdkörper wirkende Fugato nicht zu schwer ge-, sondern quasi en passant mitgenommen. Die Geigen haben Momente solch großer Binnendifferenzierung, dass sie mehrstimmig wirken, wo sie es gewiss nicht sind (Final-Coda). Diese >1000-Takte-Stücke sind online einfach verflucht schwer zu hören – und anzusehen sowieso. Als Ganzes war das doch sehr außerordentlich. Von der Ersten von Brahms vielleicht mehr nächste Woche.

Was einem auf YouTube so passieren kann. Meine Kommentarfunktion wurde einkassiert, nachdem ich mehrmals die Werbeunterbrechungen innerhalb von Sätzen kritisierte.

Das Deutsche Symphonie-Orchester präsentiert im Radiokonzert ein rein französisches Programm, das Yutaka Sado vital leitet. Faurés Pelléas et Mélisande hat man in letzter Zeit zu häufig gehört. Hut ab vor der blässlichen Tragik des kostbaren Suiten-Werks. Aber bei mir ist nach dem inzwischen 3. oder 4. Mal die Brause raus. Vom Hocker haut mich hingegen das Klavierkonzert Nr. 5 von Saint-Saëns. Auch, weil es im 2. Satz ägyptisches Kolorit in weit mehr als homöopathischen Mengen verspritzt. Aber das Werk prickelt fein wie Champagner, ist unheimlich klassisch und perfekt ausgewogen und überzeugt mit seiner klaren, sehr spezifischen Klanglichkeit. Piekfein das Finale, wo Solist Louis Lortie die Struktur federleicht, fast Ravel-zart züngeln lässt.

Fünf kristallklare Klavierkonzerte hat Saint-Saëns geschrieben. Gerade in Deutschland, wo man so konservativ ist, was Klavierkonzerte der zweiten Hälfte des Ottocento angeht (Brahms, Tschaikowsky, Grieg, Liszt, das war’s), täte mehr Saint-Saëns gut. Es folgt Iberts Divertissement, das vor frivolen, fröhlichen Farben nur so kichert. Ein spritziger Spaß ist das, aber auch ziemlich intelligent gemacht, bis hin zum Pfiff der Trillerpfeife. Den Bolero, der vermutlich schlechter als sein Ruf ist, spare ich mir. Das Konzert wird aus dem Haus des Rundfunks im Deutschlandfunk übertragen.

Neues aus Witten: Christensen, Gedizlioğlu, Bertelsmeier, Badalo, Pauset

Flugs zu den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Nur zwei Klicks und ich bin mittendrin. Wie Ultraschall oder Eclat in Stuttgart passt sich auch das Wittener Festival erfolgreich an Corona an. Man sendet und streamt ein intensiv über drei Tage verteiltes Programm, das von den Ensembles an den verschiedensten Orten sorgfältig vorproduziert wurde. Der WDR3 überträgt vollständig im Radio, die Streams sind ein Jahr lang nachhörbar. Was man von ähnlichen Digital-Festivals kennt, zeigt sich auch hier: Nämlich dass sich kompakte Ensemblekonzerte zeitgenössischer Musik prima zum Streamen eignen. Ich höre Konzerte Nr. 5 und 6 vom Sonntag – was sich als perfekter Abschluss des Hör-Wochenendes erweist, nach Barenboim und DSO.

Konzert 5 bringt vier Uraufführungen. Der Beginn ist schon mal verheißungsvoll. Intouch des Dänen Christian Winther Christensen bedient erfolgreich die modernen Primärreize Minimalismus und Ironie. Die Strukturen sind leicht, das Werk ist lustig. Folgt Subsonically Yours der Kroatin Mirela Ivičević, die ihren Marktwert in der hart umkämpften Neue-Musik-Szene mit ihrem Image als Klangbrückenbauerin zwischen U und E geschickt steigert, Girlie-Look inklusive. Das Stück selbst mit seinem pseudo-kreativen Klein-Klein überzeugt mich heute weniger. Das Klangforum Wien unter Anheizer, Lenker und Denker Titus Engel interpretiert genau und leidenschaftlich. Der zweite Konzertteil kommt aus Stuttgart und wurde eingespielt vom Ensemble Ascolta. In Zeynep Gedizlioğlus Eksik – Entzug klingen die Tarzan-Schreie der Musiker eher nur-witzig als auch-triftig, aber die Musik drumherum ist klangsinnlich, hat Ziel und Spontaneität. Dies gilt eher nicht für das folgende Dark side of Telesto, das der Schweizer Michael Pelzel als 22-minütige Pink-Floyd-Hommage präsentiert. Eher langweilig, würde ich sagen. Lin Liao leitet.

Klangforum Wien und Ensemble Ascolta / Foto: Wittener Tage für neue Kammermusik/WDR3
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Philharmoniker: och nee, RSB: Strawinsky, Spectrum Concerts: Tanejew

Irgendwie fühlt sich die ganze Streaming-Chose an, als hätte es sie so schon immer gegeben. Lang, lang ist es her, da man Schulter an Schulter in Block G saß und Pandemie ein Wort aus der älteren Geschichte war. Andererseits, ertappt man sich nicht dabei, klammheimlich ganz froh zu sein, nicht im pickepackevollen Konzertsaal zu sitzen? Schwer zu sagen.

Bei den Philharmonikern goutiert man weiterhin Riesenwerke. Am Kopfhörer steige ich bei Bruckners 9. (mit Mehta, immerhin einem der aufregendsten Brucknerdirigenten) beim 2. Thema aus. Die Neunte ist mir zur Zeit zu viel Andacht, zu viel Jenseits. Auch Messiaens pathetisches Toten-Epos Et exspecto resurrectionem mortuorum – keine Minute reingehört – fungiert da als astreiner Stimmungskiller. Aber da mag jeder Hörer anders ticken.

Foto: Berliner Philharmoniker / Digital Concert Hall

Neues gibt es beim RSB. Da startet am Sonntag eine Aufführungsserie, sechsteilig, Strawinsky gewidmet, vollständig gesendet via Radiokonzert. внимание, Achtung!, hier spricht Strawinsky, und der spricht die Sprache der Reduktion. Zumindest im ersten Konzert. Selten bis Nie-Gehörtes des übergroßen Russen erklingt, gleich zu Beginn die Acht instrumentalen Miniaturen für fünfzehn Spieler (1963), bei denen ich das Gefühl habe, ich höre Musik aus dem Reinraum, so ostentativ antiromantisch tönt das. Und, o Wunder, gerade dadurch rührt sie. In die gleiche Kategorie hüftschmal proportionierter Meisterwerke gehört der quirlige Pas de deux: Blauvogel aus Tschaikowskys Dornröschen. Das ist großartig indirekte Musik von karger Buntheit. Teilweise ein Upcycling-Projekt von Film-Ideen für Hollywood stellt die bezaubernde Ode (1943) dar, bei der das RSB exemplarisch zeigt, wie sich distanzierter Spätstil unmittelbar in Gefühl transformieren lässt.

Bitter, aber wahr: Corona macht’s möglich, nämlich derart aufregende Programme.

Dann ist der allerbeste Teil des Abends aber auch schon vorbei. Orpheus (1947) ist Ballettmusik in der Art des Apollon. Die klingt ähnlich dunstfrei, aber nicht so phantastisch konzentriert wie die zuvor gehörten Stücke. Das Puritanisch-Säuerliche, das Antiken-Werken der Neoklassizisten gerne mal anhaftet, hört man auch bei Orpheus. Abschließend Juri Faliks Elegische Musik, deren Hauptreiz die vier imposanten Posaunen ausmachen. Schade, dass der Rest nicht mehr bietet als x-beliebigen, Streicher-umwobenen Trauerflor à la Schostakowitsch. Gespielt wird live aus dem Großen Sendesaal des Rundfunkhauses.

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Berliner Corona-Konzerte im April: Staatskapelle Serenaden, DSO Bläsermusik, Komische Oper Gulda

Kein Licht am Ende des Corona-Tunnels. Das deutschlandweit beachtete Senats-Pilotprojekt wurde ebenso fix wieder abgebrochen, wie es auf die Beine gestellt wurde. Alles bleibt beim Alten. Deutschland steckt im Dauer-Lockdown fest, und so liefern Orchester und Ensembles frischproduzierte Musik weiter per Livestream, Radiokonzert, Zoom-Meeting – oder erfinden neue Formate wie das RSB, das im März digital durch „Kinderzimmer, Klassenzimmer, Wohnzimmer“ tourte.

Corona ist ein tragischer Mist, aber alles ist besser als die Tristesse von Stillstand und Nichtstun. Und so klingt Corona-Berlin im April.

Die Staatskapelle Berlin umkreist in zwei Konzerten (veröffentlicht auf Youtube) Musik an der Schnittstelle zwischen Symphonie und Unterhaltung. Die Komponisten: Mozart, Dvořak, Brahms, Schönberg. Die Struktur: gelockert, der Habitus: intim. Das Ziel: es soll sereno, Sereno-naden-heiter klingen. Simon Rattle schnappt sich Dvořak und Brahms, Barenboim macht Mozart und Schönberg. Am meisten interessieren Schönberg und Brahms – Brahms, weil dessen Serenade Nr. 2 alles andere als hochromantisch sein will und die spektakulär unspektakulären Themen mit stillem Stolz vor dem Ohr des Zuhörer vorbeiziehen. Rattle belässt dem Werk (UA 1860) prompten Klang und lebhafte Farbe und sichert ihm so unverstellten Ausdruck. Ernst und ein Gefühl für Vorwärtsbewegung stehen da nie im Vordergrund, sprechen aber stets mit. Dvořaks 15 Jahre später entstandene Streicherserenade Es-Dur ist gleichfalls fünfsätzig, klingt volkstümlicher, atmet wärmer. Gibt Rattle den Serenaden eine sicher ausgehörte Weiträumigkeit, so betont Daniel Barenboim in seinem Konzert eine auch klangliche dichte Intensität. Neben Mozarts wunderbar warm ausmusizierter Gran Partita gelingt vor allem Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 in der Originalfassung ungemein spannungsvoll und thematisch dicht verstrebt, wozu auch das ehrgeizige Tempo beiträgt, und dirigieren tut das Ganze Barenboim mit einer Art herrischer Alters-Ungeduld.

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Premiere Staatsoper Berlin: Figaro Huguet/Barenboim

An der Staatsoper will man’s wissen. Es läuft die schon dritte Streaming-Premiere der Saison. Nach Lohengrin und Jenůfa wird jetzt Figaro neuinszeniert, gestreamt (auf Medici TV) und gesendet (RBB). Figaro? Aber den gab’s doch schon. Stimmt. Flimms beliebter Sommerfrischen-Figaro von 2015, damals mit Röschmann, D’Arcangelo, Prohaska, Crebassa, von Dudamel tiefenentspannt und leuchtend dirigiert, hielt nur fünf schlappe Saisons. Sei’s drum, nun präsentiert man Unter den Linden Mozarts Le Nozze di Figaro, die Oper der Täuschungen und Intrigen, neu durchdacht und bebildert von dem Franzosen Vincent Huguet, dessen Wiener Frau ohne Schatten unlängst durchaus zwiespältig gesehen und gehört wurde.

Graf und Dienerin / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Flimm, damals noch in Intendants-Würden, versetzte das Italienische Singspiel in vier Aufzügen in die 1910er bis 20er samt Leinenanzug und Knickerbocker. Jetzt beamt Huguet Mozarts Buffa-Personal gleich in die 80er. Huguets Figaro-Welt ist bunt, schrill, extravagant, italienisch-luxuriös, Designer-Fummel inklusive. Jeder Akt ist ein Fashion-Feuerwerk.

Der erste Aufzug wird von der Mondrian-bunten Küchenzeile dominiert (Bühne: Aurélie Maestre). Zweiter und dritter Akt spielen in einem Designer-Traum aus Blattgold und Sichtbeton. Im Final-Akt öffnen sich zwischen postmodernen Kuben von Dachaufbauten kleine Terrassen. Dazwischen sprießen dekorative Orangenbäumchen im Pflanzkubus, ganz oben hängt fotorealistisch der Mond. Ganz so Optik-dominiert, wie sich das jetzt anhört, ist Huguets Mozart-Deutung aber auch wieder nicht. Die Bilder, übrigens perfekt ausgeleuchtet, fügen sich erstaunlich geschmeidig den Handlungslinien mitsamt ihren Gefühlswallungen und -verirrungen, die im Figaro nun einmal passieren.

Dabei startet Mozarts toller Tag müde und uninspiriert. Die Aerobic-Show stellt ziemlich oberpeinliches Inszenierungs-Gemüse dar, und dann kommt auch noch das maue Duettino des Dienerpärchens (Cinque…, dieci…), die Körbchengröße. Überhaupt, Situationskomik ist nun wirklich nicht das Ding von Vincent Huguet. Lustig ist aber, wenn Graf und Gräfin zwischendurch plötzlich heftig turteln. Auch gut: Unter den jubelnden D-Dur-Akkorden der allerletzten Final-Takte schnappt sich die Gräfin den Cherubino und der Graf die Susanna und verschwinden in die Büsche. Es steckt in dem Abend gleichzeitig etwas sehr Heutiges, Kühles, Unvorhersehbares. Schnöde konventionell ist Huguets Figaro mitnichten. Denn er zielt weder auf eine allzu oft gesehene Wehmut zart leidender Seelen noch auf eine quirlig überdrehte Buffo-Motorik à la Flimm. Gutes, solides, sehenswerteres Repertoire-Theater, würde ich sagen.

Graf und Gräfin / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Dieser Graf (Gyula Orendt) ist drahtig und schlank. Der Almaviva einmal nicht als libertäres Ekel, sondern als irgendwie ziemlich coole Socke, intelligent und charmant. Vor allem ist Orendt sängerisch immer zur Stelle, ein leichter Bariton ist zu hören, tonschön, stets flexibel, kontrolliert die Dynamik, so führt Orendt die Stimme wundersam passgenau durch Eifersuchts- und Verliebtheits-Rage. Ihm zur Seite steht die gedankenvolle, junge, aufregend natürlich spielende Gräfin der Elsa Dreisig (zuerst im glitzernden Glamour-Fummel, später im pinken Haus-Outfit mit Puschelpantoletten, Kostüme Clémence Pernoud). Da spricht etwas anregend Jetziges aus ihrer Verlorenheit, ihrem Pragmatismus. Dreisigs Porgi, amor tönt subtil und sensibel, jeder Ton zählt, es ist ein Es-Dur-Flug auf Sicht, zwingend in allen Ausdrucksnuancen.

Die temperamentvolle Susanna singt Nadine Sierra (wahlweise im Hausbediensteten-Kittel oder im frechen Rüschenröckchen). Sierras Stimme: dunkel timbriert, von angenehmer Schwere. Blühend und Arien-intim ihr Deh, vieni. Ihr zur Gatten-Seite steht der Figaro von Riccardo Fassi. Der ist heute Abend ein junger Schlacks, dem die Lockentolle frech auf der Stirn sitzt. Da steht kein viriler Revoluzzer, sondern ein Halbstarker in Fransenjacke und Westernstiefeln. Nur das verwegene Halstuch sorgt für einen Hauch Risorgimento-Gefährlichkeit. Anfangs unfrei, schallt Fassi dann frisch und betörend jung, allerdings nicht souverän bei Spitzentönen.

Überrascht beim Petting / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Gut besetzt auch der Cherubino von Emily D’Angelo, der als erotisches Nervenbündel (jungenhaft hochgewachsen im 2021 schicken Blouson, stimmklar und nuanciert in Arie und Arietta) für steten Gefühlswirbel bei Herr- und Dienerschaft sorgt. Marcellina und Bartolo sind das üblich groteske Nebenfigurenpaar. Mezzo-vif spielt und singt das Katharina Kammerloher als attraktive Dauerwellen-Schickse. Neben ihr agiert Maurizio Muraro im seriösen Dreiteiler. Den schmalzig-servilen Don Basilio (fliederfarbenes Poser-Hemd) singt Stephan Rügamer gestenreich mit deutschem Italienisch. Dem Don Curzio gibt Siegfried Jerusalem (Sturmfrisur, Anzug, Stock) Richter-Würde, den dienstfertigen Gärtner Antonio verkörpert David Oštrek. Als Barbarina gefällt Liubov Medvedeva mit ihrer Cavatine, in der ein Teenager, der vor schierer Jugend etwas schwer von Begriff scheint, herzerweichend über den Verlust einer Anstecknadel singt.

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Deutsche Oper: Premiere Francesca da Rimini

Endlich wieder Musiktheater, endlich wieder eine Opernpremiere an der Deutschen Oper Berlin. Es wird live gesungen, real gespielt – auf der Bühne und im pickepacke-vollen Orchestergraben. Das Ergebnis: eine fulminante Titelrolle für Sara Jakubiak, eine (in Deutschland, peccato) kaum bekannte Oper der italienischen Spät-Décadence, Francesca da Rimini, leidenschaftliche, schwelgende Musik. Vier Akte, Spielzeit netto zweieinviertel Stunden. Das Sujet entstammt dem italienischen Mittelalter, drei Brüder, einer schön, einer lahm, einer einäugig, rivalisieren um die schöne und stolze Francesca. Es folgen Betrug, Ehebruch, Eifersucht, Ehefrau- und Brudermord. Das Libretto komprimiert glücklich das gleichnamige Drama des D’Annunzio. Was sagt die Kritik?

Sara Jakubiak / Foto: Deutsche Oper Livestream

In klaren, kühlen Bildern inszeniert Christof Loy Riccardo Zandonais Meisterwerk. Man befindet sich in der Entstehungszeit der Oper, späteste Belle Époque, die Frauen tragen Blümchenkleider, die Männer Anzug schwarz und Krawatte. Loy lässt Johannes Leiacker einen lichtdurchfluteten, großbürgerlich weiten Raum eines Landhauses entwerfen. Der taugte genauso gut für Rosenkavalier, Arabella oder Figaro (mitsamt Tapete und raumhoher Verglasung zur Gartenterrasse). Keine Experimente, lautet die Regie-Losung. Aber so gibt Loy Zandonais Sängerpersonal den Raum, um die heftigen Leidenschaften gebührend zu entfalten. Die Personenführung ist klar, die Handlung unmittelbar einsichtig. 1:0 für Loy.

Sara Jakubiak ist die aus politischem Kalkül Betrogene und leidenschaftlich Liebende (schwarz in schwarz raffiniert gemusterte Robe). Jakubiaks Sopran malt Leidenschaften und Seelengeheimnisse, sie spielt herzerweichend. Für einige Spitzen in den tumultuösen Schlachtszenen des 2. Akts fehlen Spinto-Qualitäten. Ihr zur Seite der hinreißend schöne Paolo, gesungen von Jonathan Tetelman, dessen Tenor frisch, spontan, frei tönt, viril das Timbre, einer der aufregendsten Tenortipps derzeit (sein 2019er Rodolfo an der Komischen Oper war ähnlich umwerfend wie der von Beczała an der Staatsoper).

Tetelman & Jakubiak: Techtelmechtel / Foto: Deutsche Oper Livestream

Dem hässlichen Gianciotto leiht der bewährte und baritonal zupackende Ivan Inverardi seine machtvolle Gestalt und sein Mienenspiel (eisgrau nach hinten gekämmte Mähne). Francescas Bruder Ostasio gibt Samuel Dale Johnson. Der einäugige Malatestino, verkörpert vom hellstimmig und mit flügellahmem Italienisch singenden Charles Workman, komplettiert das Brüdertrio.

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