Staatsoper Berlin: Premiere Fanciulla del West

Kaum zu glauben, aber wahr. La Fanciulla del West erlebt ihre überhaupt erste Aufführung Unter den Linden. In der DDR war den Kultur-Granden die Oper vermutlich zu Klischee-mäßig westig. Danach lag der Barenboim-Fokus auf deutschem Kulturgut aus der Wagner-Ecke. Jetzt ist Premiere und Erstaufführung, und siehe da, Puccinis ewiges Opern-Sorgenkind erweist sich als ziemlich Linden-kompatibler Opern-Thriller. Da wird gehängt und geballert, gepokert und geknutscht. Der Plot ist eine ziemlich simple Dreiecks-Story, aber modern. Und Puccini ist nun einmal Puccini. Der verpackt die Goldgräber-Geschichte nämlich in flirrende, rigorose Musik, die faszinierend souverän zwischen herber Koloristik und gesteigerter Schlagkraft pendelt.

Anja Kampe: Schankwirtin im goldenen Westen zwischen Bier und Bibel / Foto: Martin Siegmund

Das ist von rasanter Eindringlichkeit, gegenüber Madama Butterfly hört man erstaunt-beglückt einen Zuwachs an rhythmischer Spannkraft, an klanglicher Strahlkraft, an aggressiver Stimmschichtung, an schierer Orchesterautonomie, während die Goldgräberszenen locker an die turbulente Meisterschaft der Ensembleszenen aus Manon Lescaut und Bohème heranreichen. Dazwischen verströmen sich die Liebesszenen und Duette in einem Parlando-Stil feinster Machart. Für eine prima dirigierte Fanciulla gebe ich noch jeden Siegfried her.

Und wie verpackt Regisseurin Lydia Steier, US-Amerikanerin, Jahrgang 1978, die drastische Goldsucher-Fabel? So-naja. Das Ganze macht flotten Spaß, ist unterhaltsam und irgendwie ganz schön kurzweilig. Etwas Neon ist dabei, etwas Pin-up, ein bisserl Castorf, ein bisserl queer. Und den mobilen Kneipenausschank kennt man unter anderem schon von der Wiener Marelli-Fanciulla. Das Setting ist irgendwo zwischen 1960er und heutig angesiedelt. Steier erzählt geradlinig an der Story entlang: der Lover als gefühliger Temperamentbolzen, der Sheriff als viriles Raubein, dazwischen die patente Wildwest-Wirtin. Die schaut genauso tief ins Alte Testament wie in Männerherzen. Nichts wirklich Neues im Westen also. All-inclusive sind aber auch die sehenswerten Stunts, und so was wie die fotorealistische Milieu-Studie von Minnies Mini-Behausung gefällt mir immer.

Addio, mia California, addio / Foto: Martin Siegmund

Anja Kampe strahlt als bibelfeste Schankwirtin eine fulminante Kraft und Leidenschaftlichkeit aus, ihre Stimme hat Sehnsucht und Wärme, sie kann das wie kaum eine zur Zeit, nur im ersten Akt verrutschen zwei von drei Spitzentönen – die wurden mit ihren großen Sprüngen aus der Mittellage heraus aber auch fies komponiert. Unauffälliger agiert Marcelo Álvarez als reuiger Bandit Dick Johnson. Álvarez‘ Stimme besitzt Lyrik und attraktiven Tenor-Schmelz, allerdings singt er Ch’ella mi creda, die Ohrwurm-Arie der Oper, enttäuschend unstet. Anders Michael Volle, der die Partie des Sheriffs mit der ganzen ihm zur Verfügung stehenden ranzigen Aufrichtigkeit hinlegt. Volle kann das, es wird ein Porträt von martialischer, fast heldenbaritonaler Größe.

Das Besondere an Fanciulla sind aber auch die zahlreichen Nebenrollen, hauptsächlich der Minenarbeiter. Das sind scharf gezeichnete Porträts, von denen jedes feine, kleine dramaturgische Pointen setzt. Heute Abend sind das unter vielen anderen Stephan Rügamer (Nick) als Transe im rosa Kunstpelz mit tenoral herausstechender Stimmfarbe, Grigory Shkarupa als anrührender Lagersänger (Jake Wallace), Siyabonga Maqungo als vifer Trin, Jaka Mihelač als verprügelter Falschspieler (Sid) und David Oštrek als von peinsamem Heimweh ganz zerrissener Larkens. Fast zu klischeehaft das Unterschichten-Pärchen aus Žilvinas Miškinis (der Bill im Dauer-Suff) und Natalia Skrycka (so’n Mezzo ist schon eine Freude) als hochschwangere, stramm blondierte Indianerin Wowkle in Schlabberhose (Kostüme: David Zinn). Und last not least Spencer Britten als schlaksiger Postler sowie die Wells-Fargo-Type Ashby (Jan Martiník). Dass dessen Proll-Glamour fast schon zu dekorativ gerät (auch wenn der massige Martiník in Jeansshorts eine stete Augenweide ist), steht symptomatisch für die Inszenierung.

Natalia Skrycka in Aktion / Foto: Martin Siegmund
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RSB: Buchbinder, Symphoniker: im Zoo, DSO: Messners Alpen, Rattle: Ginastera

Tschüss Lockdown, benvenuti Publikumskonzerte? Ja. Vier Wochen vor Saisonende sieht alles nach Li-La-Lockerung aus. Klar ist aber auch: Livekonzerte im pickepackevollem Saal wird es noch eine Weile nicht geben. Apropos Konzerte. Ganz so schlecht war die musikalische Grundversorgung in Berlin im Wonnemonat Mai auch ohne Publikum nicht.

Das RSB macht da weiter, wo es noch längst nicht aufgehört hat, nämlich mit den Strawinsky-Erkundungen von Jurowski. Die mausern sich klammheimlich zu Strauss-Erkundungen. Auf dem Programm stehen heute Strawinskys Pulcinella und Strauss‘ Burleske mit Rudolf Buchbinder. Ich höre bei Dirigenten und Solisten viel Verspieltheit, viel Spaß am Stück. Die übliche virtuose Schneidigkeit bleibt in der Schublade. Und Buchbinder tönt beim zweiten Thema auf einmal, als spielte Kempff Schumann. Buchbinder malt, wo Svjatoslaw Richter schlachtete (1962, natürlich genial). Buchbinders Burleske klingt hier und heute herzzerreißend halbseiden. Folgt Strauss‘ Tanz-Suite, die man für echten Strawinsky halten könnte, wäre bei Strauss nicht alles schnuffeliger, eben mehr altes Zentraleuropa. Ehrlich, ich vermisse in Jurowskis Strauss-Schau Schlagobers und Panathenäenzug (von völlig frappanter Dürftigkeit, so Adorno 1928). In die vollständige Pulcinella-Musik höre ich rein. Nicht klinisch rein schallt die heute, sondern intoniert von dickbauchigen Posaunen.

Anderes haben die Berliner Symphoniker im Sinn. Sie tummeln sich leibhaftig im Zoo und spielen vor türkis schimmerndem Flusspferdebecken. Das Thema lautet hier: Tierisches in der Orchestermusik. Der Reigen reicht von Haydns Henne bis zu Debussys Faun. Der größte Aufreger ist für mich allerdings Rimski-Korsakows kurzer, genialer Hummelflug. Weniger virtuos kommt erwartungsgemäß Beethovens Szene am Bach daher, wobei die berühmte Vogelstimmenstelle natürlich auch heute nicht ihre Wirkung verfehlt (Flöte Nachtigall, Oboe Wachtel, Kuckuck Klarinette). Es dirigiert Hansjörg Schellenberger. Solistische Früchtchen gibt es auch danach reichlich zu ernten. In Haydns La Poule (Die Henne, 1. Satz) hat die Oboe ihren lustigen Auftritt (zweites Thema), im Schwan von Tuonela das majestätische Englischhorn, und im Faunen-Vorspiel von Debussy räkelt sich die Flöte. Die tierische Leistungsschau geht mit Saint-Saëns‘ Schwan und Haydns bäriger Sinfonie Nr. 82 (Finale) zu Ende. Gute Idee, gut umgesetzt. Nachgucken hier.

Beethovens Kuckuck: Klarinettistin im Zoo / Foto: Livestream Berliner Symphoniker

Tja, das Impuls Festival für Neue Musik ist wegen auslaufender Finanzierung durch das Land Sachsen-Anhalt in seinem Fortbestand gefährdet.

Die Berliner präsentieren in der Digital Concert Hall Vista von Kaija Saariaho. Es ist eine deutsche Erstaufführung. Susanna Mälkki dirigiert. Saariaho ist in jenem Komponier-Alter, da man nicht mehr die Musikwelt revolutionieren muss. So ist Vista eine äußerlich unspektakuläre, aber faszinierend vielstimmige Komposition. Vista bewegt sich in gelöstem Fließen. Dazu hat Saariaho eine supersorgfältige, von zahllosen Instrumentalsolisten in Gang gesetzte Feinmotorik in das Stück reinkomponiert. Die traditionelle sinfonische Besetzung variiert die Komponistin: Alle Flöten als Piccolo besetzt. Teil 1 heißt Horizons, Teil 2 Targets, was irgendwie beliebig klingt, sich aber vermutlich nicht vermeiden lässt, wenn das Werk in Helsinki, Oslo, Los Angeles und Berlin sammelbeauftragt wird. Der auffahrende Beginn von Teil 2 missfällt bei erstem Hören, die hörenswerten Momente der 25-minütigen Kompostion sind aber bei weitem in der Überzahl.

Susanna Mälkki bei den Philharmonikern / Foto: Digital Concert Hall / Berliner Philharmoniker

Das DSO wagt sich an die Alpensinfonie (RBB Kultur). Die ganze Sinfonie ist eine einzige schöne Stelle, aber richtig los geht es erst, wenn dem Hörer Auf dem Gletscher eisiges d-Moll entgegenbläst. Robin Ticciati dirigiert. Reinhold Messner spricht. Messner sagt einfache Sätze (Der Abstieg liegt vor uns), spricht, wenn die Musik Atem schöpft vor dem nächsten Abschnitt. Dieser Blick auf Strauss ist neu. Meine Frau wollte das unbedingt hören. Messners Stimme ist brüchig, Messner lispelt in Südtiroler Singsang und ersetzt österreichelnd das t durch das d (der Dod). Das neue Format versperrt nicht den Blick auf die Musik, aber man hört mehr Bilder und Vorgänge als pure Musik. Empfänglich für Strauss‘ Kontrastierungskunst bin ich gleichwohl: Das majestätische Auf dem Gipfel setzt mit einem berührenden Oboenrezitativ ein, das Sonnenthema leitet in Stille vor dem Sturm geheimnisvoll zum Gewitter über. Ticciati fasst das DSO fahrig an. Da lässt sich der Hypernervöse die Alpenbutter vom Brot nehmen. Mehr Kaltblütigkeit! Dennoch: Die Alpensinfonie von Messner kommentiert, das müsste auch Nicht-Alpinisten, und das sind vermutlich die meisten Berliner, ansprechen. Hier nachzuhören.

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Berliner Konzert-Maierlei: RSB Hrůša+Jurowski, DSO Ticciati+Bastian, Philharmoniker

Geht jetzt alles ganz schnell? In München hörte man die Walküre live vor Drittel-Publikum mit Davidsen und Kaufmann. Weitermachen will man am Max-Joseph-Platz mit Lehár und Reimann. Die Deutsche Oper Berlin plant ihre Rückkehr am 13. Juni mit einem Don Carlo im Kurzdurchlauf – inklusive Mezzo-Röhre Anita Rachwelischwili. Was vor zwei Wochen noch wie ausgemachter Opern-Irrsinn schien, wirkt heute dank überall sinkender Kurven auf einmal sehr realistisch.

Bis es soweit ist, füllen die Orchester flexibel wie Einsatztrupps des THW die Live-Lücken mit Streams und Radiokonzerten. Und das Konzerthausorchester erreicht mit Currywurst und Harfe auf twitch ziemlich locker knapp eine Viertelmillion Aufrufe.

Das Berliner Maierlei beginnt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Jakub Hrůša führt das RSB auf frühlingsneues Hör-Terrain. Zu Beginn das Frühwerk Adagio für Orchester des Ost-Mähren Leoš Janáček, ein dunkel fließendes d-Moll-Klangbild mit leidenschaftlich erregtem Mittelteil. Melancholische Posaunen beschließen. Zu zwei selten gehörten Violin-Juwelen steuert Frank Peter Zimmermann den Solopart bei. Zuerst in Béla Bartóks konzentriert folkloristischer Rhapsodie Nr. 1, dann in der ingeniös bunten Suite concertante (1944) von Martinů. Zimmermann spielt beneidenswert. Hält er Bartóks zweisätzige Rhapsodie mit aller gebotenen nüchternen Grandeur auf Linie, lädt Zimmermann anschließend Martinůs viersätzige, aber herrlich knapp dimensionierte Konzertsuite mit sachlicher Gestik und verschmitzter Kraft auf. Zimmermanns Ton ist so klar, wie es eigentlich nur sein immenses Können gestattet, der Ausdruck so intensiv, wie die Musik es erlaubt. Die Slowakische Suite von Vítězslav Novák (1903) fällt in die Kategorie gediegene Tondichtung. Die Sätze heißen In der Kirche, Unter Kindern, Beim Tanz, Die Verliebten, In der Nacht. Ich hören ein Genre-Werk ohne anekdotische Zuspitzung. Hrůša sorgt für Freude am hellen Klang.

Das Konzert wurde fünf Tage vorher aufgezeichnet. Hinter der Ersten Gastdirigentin Karina Canellakis, die wieder einmal absagte, vergrößern sich die Fragezeichen. Im Herbst sagte sie ab und dirigierte stattdessen lieber das Münchner BRSO. Nun sagt sie ab und dirigiert lieber – am selben Tag – die Stockholmer Philharmoniker. Handelt es sich wirklich nur um ein Corona-bedingtes Einreiseproblem? Im Mai ist Canellakis bei Wiener Symphonikern und Niederländischem RSO. Will sie nicht? Der immerhin 85-jährige Mehta schafft es auch, am vereinbarten Termin in Berlin zu sein.

Erster Mai einmal anders bei den Berliner Philharmonikern. Virus sei Dank, fällt schon zum zweiten Mal die 1.-Mai-Reise des Philharmoniker-Trosses flach. In Zeiten des Klimawandels wirkt ein eineinhalbstündiges Vor-Ort-Konzert – abends hin, nachmittags zurück – ja irgendwie unzeitgemäß. Stattdessen musiziert man Raum-erobernd im Scharoun-Foyer. Eigentlich aufregend, und es beginnt mit der herrlichen Fanfare zur Eröffnung der Philharmonie von Boris Blacher. Die ist nicht so bekannt wie Richard Strauss‘ Wiener-Philharmoniker-Fanfare. Dafür tönt sie doppelt so leise und nur halb so blechgepanzert. Für Frust sorgt die eifrige Moderatorin Petra Gute. Gute führt im berüchtigten Annette-Gerlach-Stil (bekannt aus ARTE) durch das Konzert – und erdrückt stille Musik wie die Blachers durch Übermoderation. Nach der zweiten Pause – die Intendantin spricht, der Bundestagspräsident spricht – steht fest, dass ich keinem Philharmonikerkonzert lausche, sondern ARD-Vormittagsfernsehen. Beim lustigen Notturno für vier Orchester (KV 286) halte ich noch durch – der Mozart von Kirill Petrenko klingt wendig und klangverhangen und macht Lust auf mehr. Aber noch vor den kühl flirrenden Emanationen von Krzysztof Penderecki hat Petra Gute ihr Ziel erreicht. Ich steige aus.

Macht nichts. Denn gerade treten sich die großartigen Programme in den Berliner Konzerthäusern sozusagen gegenseitig auf die Füße.

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Philharmoniker: jetzetle aber, Witten: viel Neues, DSO: piekfein mit Louis Lortie

Das livegestreamte Philharmonikerkonzert am Samstagabend war hörenswert. Barenboim springt für Mikko Frank ein, und Yefim Bronfman spielt Brahms, 1. Klavierkonzert. Beim ersten Hören spielt Bronfman fesselnd, konzentriert, immer lebendig.

Die Triller des Themas donnert Bronfman nicht in schneidendem Gleichmaß, stattdessen will er jeden Ton einzeln hörbar machen. Beim 2. Thema spielt die linke Hand die Figurationen als Formungen von wunderbar eigenem Gewicht. Es ist ein wirklich eindrucksvolles Konzert von Bronfman, der gebürtig aus Taschkent stammt, Israeli und US-Amerikaner ist („this sturdy little barrel of an unshaven Russian Jew“, schreibt Philip Roth in Der menschliche Makel). Bronfman spielt kraftvoll, der Ton ist breiter als bei Trifonow, der Musizierfluss überlegener und gelassener.

Und wie viel Raum nimmt sich der Pianist plötzlich bei der Reprise des Hauptthemas, trotz der kompakten Gedrängtheit der berühmten Trillerketten. Im Adagio setzt Bronfman die Akkorde über den Hörnern aus selbstverständlichster Werk-Vertrautheit heraus natürlich und unvorstellbar sicher. Bronfman drängt nicht, kein Milligramm seines Spiels rutscht in selbstgewisse Virtuosität ab.

Bronfman bei einem der Kadenztriller im Adagio / Foto: Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Zu Hause, via Concert Hall, hört man Bronfman beängstigend detailliert, vermutlich baumelt das Hängemikro direkt über dem Instrument. Live klingt das Klavier in der Philharmonie ja meist, als käme sein Klang direkt aus dem Orchester, aus Celli oder Bratschen, flankiert von den Bläsern, und obendrauf die Flöten, wie eine fünflagige Schwarzwälder Kirschtorte.

Barenboim? Macht das gut. Die Temponahme ist breit, doch stets fließend. Was besonders überzeugt: Orchester und Dirigent musizieren ohne „Leerstelle“. Das gilt besonders für Daniel Barenboim mit seinem stets untrüglichen Gefühl für sich schließende Melodiebögen. Mit wie viel Phrasierungsinstinkt, wie zwingend entzieht sich da ein Nachsatz (des Hauptthemas) nach und nach dem begierig miterlebenden Ohr. Spannungsvoll Zeit lassend, so könnte man Barenboims Zugriff beschreiben. Klanglich ist das sensibel gerundet, nie nur-satt, ohne jeden Anflug von Bräsigkeit. Nur die pp-Einschübe der Streicher im Adagio drückt Barenboim zu sehr Richtung Andacht.

DSO und Louis Lortie fidel im Radiokonzert

Auch das Finale, das Bronfman und Barenboim mit gelöstem Nachdruck angehen, gelingt. Und dann wird auch noch das mitunter wie ein Fremdkörper wirkende Fugato nicht zu schwer ge-, sondern quasi en passant mitgenommen. Die Geigen haben Momente solch großer Binnendifferenzierung, dass sie mehrstimmig wirken, wo sie es gewiss nicht sind (Final-Coda). Diese >1000-Takte-Stücke sind online einfach verflucht schwer zu hören – und anzusehen sowieso. Als Ganzes war das doch sehr außerordentlich. Von der Ersten von Brahms vielleicht mehr nächste Woche.

Was einem auf YouTube so passieren kann. Meine Kommentarfunktion wurde einkassiert, nachdem ich mehrmals die Werbeunterbrechungen innerhalb von Sätzen kritisierte.

Das Deutsche Symphonie-Orchester präsentiert im Radiokonzert ein rein französisches Programm, das Yutaka Sado vital leitet. Faurés Pelléas et Mélisande hat man in letzter Zeit zu häufig gehört. Hut ab vor der blässlichen Tragik des kostbaren Suiten-Werks. Aber bei mir ist nach dem inzwischen 3. oder 4. Mal die Brause raus. Vom Hocker haut mich hingegen das Klavierkonzert Nr. 5 von Saint-Saëns. Auch, weil es im 2. Satz ägyptisches Kolorit in weit mehr als homöopathischen Mengen verspritzt. Aber das Werk prickelt fein wie Champagner, ist unheimlich klassisch und perfekt ausgewogen und überzeugt mit seiner klaren, sehr spezifischen Klanglichkeit. Piekfein das Finale, wo Solist Louis Lortie die Struktur federleicht, fast Ravel-zart züngeln lässt.

Fünf kristallklare Klavierkonzerte hat Saint-Saëns geschrieben. Gerade in Deutschland, wo man so konservativ ist, was Klavierkonzerte der zweiten Hälfte des Ottocento angeht (Brahms, Tschaikowsky, Grieg, Liszt, das war’s), täte mehr Saint-Saëns gut. Es folgt Iberts Divertissement, das vor frivolen, fröhlichen Farben nur so kichert. Ein spritziger Spaß ist das, aber auch ziemlich intelligent gemacht, bis hin zum Pfiff der Trillerpfeife. Den Bolero, der vermutlich schlechter als sein Ruf ist, spare ich mir. Das Konzert wird aus dem Haus des Rundfunks im Deutschlandfunk übertragen.

Neues aus Witten: Christensen, Gedizlioğlu, Bertelsmeier, Badalo, Pauset

Flugs zu den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Nur zwei Klicks und ich bin mittendrin. Wie Ultraschall oder Eclat in Stuttgart passt sich auch das Wittener Festival erfolgreich an Corona an. Man sendet und streamt ein intensiv über drei Tage verteiltes Programm, das von den Ensembles an den verschiedensten Orten sorgfältig vorproduziert wurde. Der WDR3 überträgt vollständig im Radio, die Streams sind ein Jahr lang nachhörbar. Was man von ähnlichen Digital-Festivals kennt, zeigt sich auch hier: Nämlich dass sich kompakte Ensemblekonzerte zeitgenössischer Musik prima zum Streamen eignen. Ich höre Konzerte Nr. 5 und 6 vom Sonntag – was sich als perfekter Abschluss des Hör-Wochenendes erweist, nach Barenboim und DSO.

Konzert 5 bringt vier Uraufführungen. Der Beginn ist schon mal verheißungsvoll. Intouch des Dänen Christian Winther Christensen bedient erfolgreich die modernen Primärreize Minimalismus und Ironie. Die Strukturen sind leicht, das Werk ist lustig. Folgt Subsonically Yours der Kroatin Mirela Ivičević, die ihren Marktwert in der hart umkämpften Neue-Musik-Szene mit ihrem Image als Klangbrückenbauerin zwischen U und E geschickt steigert, Girlie-Look inklusive. Das Stück selbst mit seinem pseudo-kreativen Klein-Klein überzeugt mich heute weniger. Das Klangforum Wien unter Anheizer, Lenker und Denker Titus Engel interpretiert genau und leidenschaftlich. Der zweite Konzertteil kommt aus Stuttgart und wurde eingespielt vom Ensemble Ascolta. In Zeynep Gedizlioğlus Eksik – Entzug klingen die Tarzan-Schreie der Musiker eher nur-witzig als auch-triftig, aber die Musik drumherum ist klangsinnlich, hat Ziel und Spontaneität. Dies gilt eher nicht für das folgende Dark side of Telesto, das der Schweizer Michael Pelzel als 22-minütige Pink-Floyd-Hommage präsentiert. Eher langweilig, würde ich sagen. Lin Liao leitet.

Klangforum Wien und Ensemble Ascolta / Foto: Wittener Tage für neue Kammermusik/WDR3
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Philharmoniker: och nee, RSB: Strawinsky, Spectrum Concerts: Tanejew

Irgendwie fühlt sich die ganze Streaming-Chose an, als hätte es sie so schon immer gegeben. Lang, lang ist es her, da man Schulter an Schulter in Block G saß und Pandemie ein Wort aus der älteren Geschichte war. Andererseits, ertappt man sich nicht dabei, klammheimlich ganz froh zu sein, nicht im pickepackevollen Konzertsaal zu sitzen? Schwer zu sagen.

Bei den Philharmonikern goutiert man weiterhin Riesenwerke. Am Kopfhörer steige ich bei Bruckners 9. (mit Mehta, immerhin einem der aufregendsten Brucknerdirigenten) beim 2. Thema aus. Die Neunte ist mir zur Zeit zu viel Andacht, zu viel Jenseits. Auch Messiaens pathetisches Toten-Epos Et exspecto resurrectionem mortuorum – keine Minute reingehört – fungiert da als astreiner Stimmungskiller. Aber da mag jeder Hörer anders ticken.

Foto: Berliner Philharmoniker / Digital Concert Hall

Neues gibt es beim RSB. Da startet am Sonntag eine Aufführungsserie, sechsteilig, Strawinsky gewidmet, vollständig gesendet via Radiokonzert. внимание, Achtung!, hier spricht Strawinsky, und der spricht die Sprache der Reduktion. Zumindest im ersten Konzert. Selten bis Nie-Gehörtes des übergroßen Russen erklingt, gleich zu Beginn die Acht instrumentalen Miniaturen für fünfzehn Spieler (1963), bei denen ich das Gefühl habe, ich höre Musik aus dem Reinraum, so ostentativ antiromantisch tönt das. Und, o Wunder, gerade dadurch rührt sie. In die gleiche Kategorie hüftschmal proportionierter Meisterwerke gehört der quirlige Pas de deux: Blauvogel aus Tschaikowskys Dornröschen. Das ist großartig indirekte Musik von karger Buntheit. Teilweise ein Upcycling-Projekt von Film-Ideen für Hollywood stellt die bezaubernde Ode (1943) dar, bei der das RSB exemplarisch zeigt, wie sich distanzierter Spätstil unmittelbar in Gefühl transformieren lässt.

Bitter, aber wahr: Corona macht’s möglich, nämlich derart aufregende Programme.

Dann ist der allerbeste Teil des Abends aber auch schon vorbei. Orpheus (1947) ist Ballettmusik in der Art des Apollon. Die klingt ähnlich dunstfrei, aber nicht so phantastisch konzentriert wie die zuvor gehörten Stücke. Das Puritanisch-Säuerliche, das Antiken-Werken der Neoklassizisten gerne mal anhaftet, hört man auch bei Orpheus. Abschließend Juri Faliks Elegische Musik, deren Hauptreiz die vier imposanten Posaunen ausmachen. Schade, dass der Rest nicht mehr bietet als x-beliebigen, Streicher-umwobenen Trauerflor à la Schostakowitsch. Gespielt wird live aus dem Großen Sendesaal des Rundfunkhauses.

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Berliner Corona-Konzerte im April: Staatskapelle Serenaden, DSO Bläsermusik, Komische Oper Gulda

Kein Licht am Ende des Corona-Tunnels. Das deutschlandweit beachtete Senats-Pilotprojekt wurde ebenso fix wieder abgebrochen, wie es auf die Beine gestellt wurde. Alles bleibt beim Alten. Deutschland steckt im Dauer-Lockdown fest, und so liefern Orchester und Ensembles frischproduzierte Musik weiter per Livestream, Radiokonzert, Zoom-Meeting – oder erfinden neue Formate wie das RSB, das im März digital durch „Kinderzimmer, Klassenzimmer, Wohnzimmer“ tourte.

Corona ist ein tragischer Mist, aber alles ist besser als die Tristesse von Stillstand und Nichtstun. Und so klingt Corona-Berlin im April.

Die Staatskapelle Berlin umkreist in zwei Konzerten (veröffentlicht auf Youtube) Musik an der Schnittstelle zwischen Symphonie und Unterhaltung. Die Komponisten: Mozart, Dvořak, Brahms, Schönberg. Die Struktur: gelockert, der Habitus: intim. Das Ziel: es soll sereno, Sereno-naden-heiter klingen. Simon Rattle schnappt sich Dvořak und Brahms, Barenboim macht Mozart und Schönberg. Am meisten interessieren Schönberg und Brahms – Brahms, weil dessen Serenade Nr. 2 alles andere als hochromantisch sein will und die spektakulär unspektakulären Themen mit stillem Stolz vor dem Ohr des Zuhörer vorbeiziehen. Rattle belässt dem Werk (UA 1860) prompten Klang und lebhafte Farbe und sichert ihm so unverstellten Ausdruck. Ernst und ein Gefühl für Vorwärtsbewegung stehen da nie im Vordergrund, sprechen aber stets mit. Dvořaks 15 Jahre später entstandene Streicherserenade Es-Dur ist gleichfalls fünfsätzig, klingt volkstümlicher, atmet wärmer. Gibt Rattle den Serenaden eine sicher ausgehörte Weiträumigkeit, so betont Daniel Barenboim in seinem Konzert eine auch klangliche dichte Intensität. Neben Mozarts wunderbar warm ausmusizierter Gran Partita gelingt vor allem Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 in der Originalfassung ungemein spannungsvoll und thematisch dicht verstrebt, wozu auch das ehrgeizige Tempo beiträgt, und dirigieren tut das Ganze Barenboim mit einer Art herrischer Alters-Ungeduld.

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Premiere Staatsoper Berlin: Figaro Huguet/Barenboim

An der Staatsoper will man’s wissen. Es läuft die schon dritte Streaming-Premiere der Saison. Nach Lohengrin und Jenůfa wird jetzt Figaro neuinszeniert, gestreamt (auf Medici TV) und gesendet (RBB). Figaro? Aber den gab’s doch schon. Stimmt. Flimms beliebter Sommerfrischen-Figaro von 2015, damals mit Röschmann, D’Arcangelo, Prohaska, Crebassa, von Dudamel tiefenentspannt und leuchtend dirigiert, hielt nur fünf schlappe Saisons. Sei’s drum, nun präsentiert man Unter den Linden Mozarts Le Nozze di Figaro, die Oper der Täuschungen und Intrigen, neu durchdacht und bebildert von dem Franzosen Vincent Huguet, dessen Wiener Frau ohne Schatten unlängst durchaus zwiespältig gesehen und gehört wurde.

Graf und Dienerin / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Flimm, damals noch in Intendants-Würden, versetzte das Italienische Singspiel in vier Aufzügen in die 1910er bis 20er samt Leinenanzug und Knickerbocker. Jetzt beamt Huguet Mozarts Buffa-Personal gleich in die 80er. Huguets Figaro-Welt ist bunt, schrill, extravagant, italienisch-luxuriös, Designer-Fummel inklusive. Jeder Akt ist ein Fashion-Feuerwerk.

Der erste Aufzug wird von der Mondrian-bunten Küchenzeile dominiert (Bühne: Aurélie Maestre). Zweiter und dritter Akt spielen in einem Designer-Traum aus Blattgold und Sichtbeton. Im Final-Akt öffnen sich zwischen postmodernen Kuben von Dachaufbauten kleine Terrassen. Dazwischen sprießen dekorative Orangenbäumchen im Pflanzkubus, ganz oben hängt fotorealistisch der Mond. Ganz so Optik-dominiert, wie sich das jetzt anhört, ist Huguets Mozart-Deutung aber auch wieder nicht. Die Bilder, übrigens perfekt ausgeleuchtet, fügen sich erstaunlich geschmeidig den Handlungslinien mitsamt ihren Gefühlswallungen und -verirrungen, die im Figaro nun einmal passieren.

Dabei startet Mozarts toller Tag müde und uninspiriert. Die Aerobic-Show stellt ziemlich oberpeinliches Inszenierungs-Gemüse dar, und dann kommt auch noch das maue Duettino des Dienerpärchens (Cinque…, dieci…), die Körbchengröße. Überhaupt, Situationskomik ist nun wirklich nicht das Ding von Vincent Huguet. Lustig ist aber, wenn Graf und Gräfin zwischendurch plötzlich heftig turteln. Auch gut: Unter den jubelnden D-Dur-Akkorden der allerletzten Final-Takte schnappt sich die Gräfin den Cherubino und der Graf die Susanna und verschwinden in die Büsche. Es steckt in dem Abend gleichzeitig etwas sehr Heutiges, Kühles, Unvorhersehbares. Schnöde konventionell ist Huguets Figaro mitnichten. Denn er zielt weder auf eine allzu oft gesehene Wehmut zart leidender Seelen noch auf eine quirlig überdrehte Buffo-Motorik à la Flimm. Gutes, solides, sehenswerteres Repertoire-Theater, würde ich sagen.

Graf und Gräfin / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Dieser Graf (Gyula Orendt) ist drahtig und schlank. Der Almaviva einmal nicht als libertäres Ekel, sondern als irgendwie ziemlich coole Socke, intelligent und charmant. Vor allem ist Orendt sängerisch immer zur Stelle, ein leichter Bariton ist zu hören, tonschön, stets flexibel, kontrolliert die Dynamik, so führt Orendt die Stimme wundersam passgenau durch Eifersuchts- und Verliebtheits-Rage. Ihm zur Seite steht die gedankenvolle, junge, aufregend natürlich spielende Gräfin der Elsa Dreisig (zuerst im glitzernden Glamour-Fummel, später im pinken Haus-Outfit mit Puschelpantoletten, Kostüme Clémence Pernoud). Da spricht etwas anregend Jetziges aus ihrer Verlorenheit, ihrem Pragmatismus. Dreisigs Porgi, amor tönt subtil und sensibel, jeder Ton zählt, es ist ein Es-Dur-Flug auf Sicht, zwingend in allen Ausdrucksnuancen.

Die temperamentvolle Susanna singt Nadine Sierra (wahlweise im Hausbediensteten-Kittel oder im frechen Rüschenröckchen). Sierras Stimme: dunkel timbriert, von angenehmer Schwere. Blühend und Arien-intim ihr Deh, vieni. Ihr zur Gatten-Seite steht der Figaro von Riccardo Fassi. Der ist heute Abend ein junger Schlacks, dem die Lockentolle frech auf der Stirn sitzt. Da steht kein viriler Revoluzzer, sondern ein Halbstarker in Fransenjacke und Westernstiefeln. Nur das verwegene Halstuch sorgt für einen Hauch Risorgimento-Gefährlichkeit. Anfangs unfrei, schallt Fassi dann frisch und betörend jung, allerdings nicht souverän bei Spitzentönen.

Überrascht beim Petting / Foto: Livestream Staatsoper/medici.tv

Gut besetzt auch der Cherubino von Emily D’Angelo, der als erotisches Nervenbündel (jungenhaft hochgewachsen im 2021 schicken Blouson, stimmklar und nuanciert in Arie und Arietta) für steten Gefühlswirbel bei Herr- und Dienerschaft sorgt. Marcellina und Bartolo sind das üblich groteske Nebenfigurenpaar. Mezzo-vif spielt und singt das Katharina Kammerloher als attraktive Dauerwellen-Schickse. Neben ihr agiert Maurizio Muraro im seriösen Dreiteiler. Den schmalzig-servilen Don Basilio (fliederfarbenes Poser-Hemd) singt Stephan Rügamer gestenreich mit deutschem Italienisch. Dem Don Curzio gibt Siegfried Jerusalem (Sturmfrisur, Anzug, Stock) Richter-Würde, den dienstfertigen Gärtner Antonio verkörpert David Oštrek. Als Barbarina gefällt Liubov Medvedeva mit ihrer Cavatine, in der ein Teenager, der vor schierer Jugend etwas schwer von Begriff scheint, herzerweichend über den Verlust einer Anstecknadel singt.

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Deutsche Oper: Premiere Francesca da Rimini

Endlich wieder Musiktheater, endlich wieder eine Opernpremiere an der Deutschen Oper Berlin. Es wird live gesungen, real gespielt – auf der Bühne und im pickepacke-vollen Orchestergraben. Das Ergebnis: eine fulminante Titelrolle für Sara Jakubiak, eine (in Deutschland, peccato) kaum bekannte Oper der italienischen Spät-Décadence, Francesca da Rimini, leidenschaftliche, schwelgende Musik. Vier Akte, Spielzeit netto zweieinviertel Stunden. Das Sujet entstammt dem italienischen Mittelalter, drei Brüder, einer schön, einer lahm, einer einäugig, rivalisieren um die schöne und stolze Francesca. Es folgen Betrug, Ehebruch, Eifersucht, Ehefrau- und Brudermord. Das Libretto komprimiert glücklich das gleichnamige Drama des D’Annunzio. Was sagt die Kritik?

Sara Jakubiak / Foto: Deutsche Oper Livestream

In klaren, kühlen Bildern inszeniert Christof Loy Riccardo Zandonais Meisterwerk. Man befindet sich in der Entstehungszeit der Oper, späteste Belle Époque, die Frauen tragen Blümchenkleider, die Männer Anzug schwarz und Krawatte. Loy lässt Johannes Leiacker einen lichtdurchfluteten, großbürgerlich weiten Raum eines Landhauses entwerfen. Der taugte genauso gut für Rosenkavalier, Arabella oder Figaro (mitsamt Tapete und raumhoher Verglasung zur Gartenterrasse). Keine Experimente, lautet die Regie-Losung. Aber so gibt Loy Zandonais Sängerpersonal den Raum, um die heftigen Leidenschaften gebührend zu entfalten. Die Personenführung ist klar, die Handlung unmittelbar einsichtig. 1:0 für Loy.

Sara Jakubiak ist die aus politischem Kalkül Betrogene und leidenschaftlich Liebende (schwarz in schwarz raffiniert gemusterte Robe). Jakubiaks Sopran malt Leidenschaften und Seelengeheimnisse, sie spielt herzerweichend. Für einige Spitzen in den tumultuösen Schlachtszenen des 2. Akts fehlen Spinto-Qualitäten. Ihr zur Seite der hinreißend schöne Paolo, gesungen von Jonathan Tetelman, dessen Tenor frisch, spontan, frei tönt, viril das Timbre, einer der aufregendsten Tenortipps derzeit (sein 2019er Rodolfo an der Komischen Oper war ähnlich umwerfend wie der von Beczała an der Staatsoper).

Tetelman & Jakubiak: Techtelmechtel / Foto: Deutsche Oper Livestream

Dem hässlichen Gianciotto leiht der bewährte und baritonal zupackende Ivan Inverardi seine machtvolle Gestalt und sein Mienenspiel (eisgrau nach hinten gekämmte Mähne). Francescas Bruder Ostasio gibt Samuel Dale Johnson. Der einäugige Malatestino, verkörpert vom hellstimmig und mit flügellahmem Italienisch singenden Charles Workman, komplettiert das Brüdertrio.

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Trio Catch mit Räisänen, unitedberlin mit Xenakis, Philharmoniker mit Lisa Batiashvili

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Die ersten Publikumskonzerte stehen an. In Oper, Konzert, Clubs. Zwar als Pilot- und Testprojekt und einmaliger Durchlauf. Aber immerhin. So geht’s: Wer rein will, muss tagesaktuell getestet sein. Die Tests sind kostenlos. Beim Reingehen personalisiertes Ticket, Ausweis und digitalen Testnachweis zeigen. Drinnen wird im Schachbrettmuster gesessen. So in etwa werden Konzerte bis Jahresende und vermutlich bis weit in 2022 aussehen. Warum auch nicht? Anders geht’s halt nicht.

Vorerst aber gibt’s Konzerte & Co weiterhin nur per Radio oder online, verpackt in Pixelpakete und geliefert in Bitraten. Das Trio Catch gibt Zoom-Konzerte, überführt so das bewährte Gesprächskonzert ins Corona-Zeitalter und schafft digitales Gemeinschaftsgefühl. Man meldet sich an, bekommt den Zoom-Link gemailt, los geht es. Über Zoom wird vorher und nachher geschnackt. Die drei Musikerinnen sind live dabei, Komponist Räisänen in Helsinki ebenso (ist das im Hintergrund eine Gefriertruhe?). Man hört das Stück @ch. Es ist kurze elf Minuten lang (vorproduziert im Radialsystem). @ch ist natürlich erst einmal ein witziger Titel, das Werk besteht aus vier Teilen (ich Dubbel höre jedes Mal nur drei) und die Motive sind größtenteils pfeifbar. Was aber eher nicht für die irrsinnigen Klarinettenläufe und virtuosen Ensemblepassagen gilt. Witzig ist nicht nur Räisänens Vorliebe für Wortspielereien (Hatch, Match, Mismatch, Scratch, so die Satzbezeichnungen), sondern nicht weniger der gestisch, fast pantomimisch lebhafte Zug seiner Musik. Nächstes Zoom-Meeting mit dem Trio Catch: 29.3., dann mit Irene Galindo Quero.

Trio Catch / Foto: Livestream Trio Catch/Radialsystem

Am Dienstag streamt das großartige Ensemble unitedberlin live aus dem BKA-Theater. Mit dabei ist jede Menge Xenakis. Zuerst aber spielt man Jobst Liebrecht. Von dem Hamburger Komponisten stammen die 6 Stücke für Streichquintett und Harfe (1991), hörenswerte Miniaturen zwischen Konzentration und Überredung. Es folgt von Ying Wang Durchsichtiges Lied für Flöte und Harfe. Das Stück von 2013 klingt, als würde das eine Instrument in Echtzeit über Aktionen des jeweils anderen improvisieren (Martin Glück, Anna Viechtl). Der 20. Todestag von Iannis Xenakis ist Anlass für die Aufführungen von fünf kammermusikalischen Werken der 1950er und 1970er Jahre.

In Charisma von 1971 geraten Klarinette und Cello immer wieder in heftiger klanglicher Intensität aneinander (Erich Wagner, Lea Rahel Bader). Mikka (1971) ist ein Solostück für Violine, dessen Glissandi sich wie Gummi in alle Richtungen biegen (exzellent Biliana Voutchkova), während Dhipli Zyia (1952) für Streichduo eine kraftvolle rhythmisierte Volksmusikstudie in der Bartók-Nachfolge darstellt. Fesselnd Theraps (1976) für Kontrabass solo, weniger ein Monolog in musikalischer Form als die Darstellung von Musik selbst, präzise und leidenschaftlich dargeboten von Matthias Bauer. Zuletzt Geflecht von Christoph Breidler (UA der Neufassung), wo der Komponist insektenhaft eifrige Elektronik mit minimalistischen Äußerungen der Instrumentalisten unterfüttert. Wie meist beim Ensemble unitedberlin ein dicht und luxuriös programmierter Abend. Nachzuhören hier.

Lisa Batiaschwili / Foto: Digital Concert Hall/Berliner Philharmoniker

Dann die Berliner. Semjon Bytschkow leitet. Lisa Batiaschwili spielt das Tschaikowsky-Konzert. Die georgische Geigerin fasst die Themen wie rohe Eier an. Ganz so wie die Mehrzahl der heutigen Geiger. Denn das Opus 35 als schnödes Virtuosenfutter ans Publikum verfüttern, das war einmal. Batiaschwili arbeitet sensibel Details heraus: das verwehte Tremolo direkt vorm 2. Thema. Ihr Ton ist nie nur-sonor oder unglücklich voluminös. Sie verteilt nuanciert Licht und Schatten: im Triller, der in die Reprise leitet, und gleich darauf, wenn die Geige das erste Mal das ganze Thema aufnimmt. Ich höre einen klaren, perfekt deutlichen, vollendet stilsicheren Tschaikowsky, ohne jede Schroffheiten, sehr modern in der Scheu vor Überschwang. Wer in der Durchführung nur die Zagheit und nicht die Intelligenz hört, kann sich zu Beginn am cremig weichen Portamento erfreuen. Wenige Stellen stehen so sehr für Tschaikowskys Musik wie jene Triller-durchsetzten Einsätze und Umspielungen von Soloflöte und -klarinette im langsamen Satz, die einem immer schwer erklärliche Schauer über den Rücken jagen.

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Berliner Corona-Hilfspaket: Philharmoniker mit Levit, DSO mit Vogt, Konzerthaus mit Mallwitz

Wer hätte es gedacht? Prall gefüllt präsentiert sich das sinfonische Wochenende in Berlin. Und plötzlich liegen nach den neuesten Ankündigungen wieder Konzertbesuche im Bereich des Möglichen – falls die Inzidenzzahlen sinken. Her mit den Konzerten für Geimpfte und frisch Getestete! Alles ist besser als keine Konzerte. Apropos prall gefüllt: Binnen 24 Stunden spielt das DSO im Radiokonzert, das Konzerthausorchester frei auf Arte, und die Philharmoniker streamen als Bezahl-Konzert.

Außerdem sendet die Universität der Künste am Freitagabend live. Wenn ich in den vergangenen Saisons Frühlings- oder Kreutzersonate hörte, dann in einem der Vortragsabende von UdK oder Hanns-Eisler-Hochschule. Am Freitag bewundere ich Victoria Wong in sehr guter Ton- und Bildqualität aus dem Joseph-Joachim-Konzertsaal an der Bundesallee mit der Bartók-Violinsonate.

Berliner Philharmoniker: Igor Levit spielt das 5. Beethovenkonzert

Der derzeit – zumindest in Zentraleuropa – meistdiskutierte junge Pianist spielt in der Philharmonie Beethoven. Er heißt Igor Levit und hat vor zwei Jahren mit dem DSO das Schumannkonzert blendend intelligent und unverrrückbar selbstbewusst vorgetragen. Wenn Levit (1987 im heutigen Nischni Nowgorod geboren) jetzt das Es-Dur-Konzert spielt, so muss man von hinten beginnen. Der brachialen Kraft des Finales begegnet Levit eigensinnig, ja kapriziös (Seitenthema). Obacht im Mittelsatz (Hymnenthema, Einsatz des Solos mit neuem Material, dann die zwei Variationen)! Levit klingt fesselnd, wenn die Musik einfach tut. Er klingt einfach, wenn die Musik tiefgründig ist. Das ist das Überraschende, und am überraschendsten ist, dass das gelingt. Im Kopfsatz steht Packendes neben Wenigsagendem. Levit findet etwas formidabel Verhastetes in den waghalsigen Arpeggien, im kraftvollen Fortspinnen der Reprise. Dazu kommt, dass Levit genau und hart anschlägt. Freilich reißen Rundung und Farbe des Tons nicht vom Hocker. Und der Doppeloktaven-Ausbruch inmitten der Durchführung donnert nur forsch (während das Fagott stillvergnügt seiner Übellaunigkeit frönt).

Mag sein, dass das live doch noch komplexer klingt als daheim, wo die Musik, runtergebrochen auf Bits und Pixel, eintrifft. Anderes klingt gewollt (Beginn der Kadenz), wieder anderes wird leichtfertig hergegeben (Seitenthema am Ende der Durchführung). Licht und Schatten also. E. Bünings vielberufenes Wort über den Super-Begabten (einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts) würde ich nicht teilen. Wer ein sogenannter Jahrhundert-Pianist ist, entscheidet sich selten vor 40. Levit ist 33. Ein Verspieler passiert dem Levit in den unauslotbaren Weiten der Schlussgruppe der Exposition. Das darf man Pianisten mit wachsendem Weltruhm sagen.

Paavo Järvi beglückt die Berliner Philharmoniker und digitale Zuhörer mit einem unverbindlichen Beethovn. Der tönt flott, beweglich, aufregend, dynamisch wunderbar flexibel und vor allem zackig und schlank. Aber auch leichtgewichtig und nur scheinbar konfrontativ. Das Orchester kann an diesem kalten Berliner März-Samstag wunderbar leise spielen. Klar und vernehmlich hört man hier ein plötzliches Tremolo der tiefen Streicher, da die Triller der Holzbläser (Tutti-Präsentation des Rondothemas). Dennoch: Zufrieden stellt das alles wenig. In die Symphonie Nr. 6 von Prokofjew, die eigentümlich zombiehafte melodische Komplexe aneinanderreiht, höre ich kurz rein. Mit ihrer knappen Dreiviertelstunde ist sie mir heute Abend zu lang und klingt unter Järvi unbeteiligt. Ich mag den Sergej Prokofjew, habe schon vor Jahren an dieser Stelle mehrfach, wenn auch komplett erfolglos, versucht, Herrn Rattle zu einem Prokofjew-Zyklus zu ermuntern.

Dann was ganz anderes. Die in Berlin lebende Pianistin Fidan Aghayeva-Edler improvisiert in kurzen Youtube-Videos, und zwar nach von Bekannten und Freunden zugesandten Motiven und Audio-Files. Am interessantesten meiner Meinung nach die Improvisation nach Material des Cellisten Guilherme Rodrigues.

Pianistin zwischen Flügel und Kopfhörer: Fidan Aghayeva-Edler

Joana Mallwitz im Konzerthaus, Ticciati beim DSO

Zum zweiten Mal ist die Dirigentin Joana Mallwitz im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu Gast. Es ist erneut ein gutes Konzert. Der Livestream läuft auf konzerthaus.de und Arte. Was im Dezember die Interpretation der Unvollendeten auszeichnete, kommt nun auch der 6. Sinfonie von Tschaikowsky zugute: Frische und Spontaneität und die Fähigkeit, lang gezogene Spannungsbögen mit Farben und Emotionen zu füllen. Und das Konzerthausorchester langt bei Tschaikowsky nach wochenlanger Corona-Pause – einzige Ausnahme war das Geburtstagsständchen für Iván Fischer – mit hörbarem Hunger zu. Wunderschön die Zartheit der Anfänge, die wehmutvollen Höhepunkte. Die Bläser haben viel Freiheit. Der Gefahr arg gelockerter Zusammenhänge, die immer wieder hörbar wird, begegnet Mallwitz mit unverbrauchtem melodischem Charme, den sie offenbar perfekt draufhat. Das Orchester allerdings klingt ungenau, wenn auch nicht unprobiert.

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Lockdown und kein Ende: Programm-Spezialitäten bei RSB und Philharmonikern

In der Pandemie läuft so ziemlich alles anders. Die Zeit, das Leben sowieso, die Musik. Gerade auch für Musiker und Orchester. Wer kann, spielt, sendet, streamt. Die anderen schweigen. Und mancherorts schnurrt der Betrieb weiter – mit Publikum. Am Teatro Real in Madrid läuft Norma, das Moskauer Bolschoi zeigt Salome. Wir sind weit weg von jeder Normalität. Da ist man für jedes Lebenszeichen von den Berliner Konzertpodien dankbar.

Ein besonders kräftiges kommt vom RSB. Lebenszeichen heißt eben auch: Jetzt und heute spielen, nicht Konserven von Vor-Corona ins Netz stellen. Drei Mal ist das RSB mit Radiokonzerten zur Stelle, zwei Mal allein in dieser Woche. Am Montag bringt Ivan Repušić ein vielseitiges Programm mit, das mit der Sinfonie Nr. 6 beginnt, eines von Haydns kecken Frühchen aus Esterházy. Repušić, eher der Typ unverbindlicher Schwung, zettelt keine interpretatorische Revolution an, aber Zugriff und Plastizität (Bläsersoli) passen. Es folgt die dreisätzige Streicher-Sinfonietta op. 79 des Kroaten Boris Papandopulo, komponiert 1938. Charakteristisch ist da die Trauer-Melodik der Elegie, seinen Wert hat auch das von widerständigem Bewegungsdrang und Final-Frische erfüllte Perpetuum mobile. Entzückend dann auch das selten gehörte Gli Uccelli (Die Vögel) von Respighi, das nichts mit Hitchcock zu tun hat, sondern auf Melodien italienischer und französischer Meister aufbaut. Das Resultat ist eine Klang-Voliere voller Vogelstimmen, in der der Kuckuck nicht fehlen darf. Das Verschränken von Neobarock und transparentem Impressionismus ist hier hochinteressant. Solche fabelhaften Programme sind im Abo-Normalbetrieb schlichtweg unmöglich. Geplant waren eigentlich Schostakowitsch 1. und Dvořák 9.

Vier Tage später spielt das RSB ein allrussisches Programm, Deutschlandfunk Kultur überträgt. Es dirigiert Michail Jurowski, der Vater des Chefdirigenten, geboren 1945 in Moskau. Es ist ein Programm mit Schuss: zwei Mal Schostakowitsch, davor Prokofjew (nach heutigen Begriffen ein Ukrainer). In dessen Sinfonie Nr. 1 klingt heuer nicht die – durchaus legitime – Prokofjew’sche Blasiertheit an, sondern eine an den Rosenkavalier erinnernde Freude an altmodischem Glanz. So weit ich mich erinnern kann, ist das die fesselndste – mit Abstrichen im Finale – Symphonie Classique, seit ich denken kann. In der Pause erzählt der Dirigent von seinen Begegnungen mit Prokofjew (in der Wohnung der Jurowskis, rote Haare, rote Schuhe, schnarrende Stimme, graue Streifen im Anzug) und Schostakowitsch (der Teenager Jurowski spielt in der Datscha mit Schostakowitsch zusammen Tschaikowskys Vierte vierhändig).

Die beiden Klavierkonzerte von Schostakowitsch gelingen nicht so fesselnd, Jurowski lässt laufen. Aber wie passend, die Werk-Zwillinge einmal zusammen zu hören. Die Konzerte – Nr. 1 von 1933, Nr. 2 von 1957 – ähneln sich. Beide sind jeweils dreisätzig (das Moderato in Nr. 1 dürfte eher Einleitung zum Finale sein), recht kurz, bei beiden klingt der zweite Satz verführerisch behutsam, bei beiden jongliert das Finale virtuos mit gestochen scharf geschnittenen Themen. Das Klavierkonzert Nr. 1 schreibt Solotrompete (klasse Florian Dörpholz) plus Streichorchester vor. Das hierzulande immer noch unterschätzte Konzert Nr. 2 bringt zwar das volle Orchester, ist aber zurückhaltender in der Faktur. Die Pianistin Anna Winnitskaja trotzt den technischen Schwierigkeiten, die jeden Pianisten in diesen zwei Mal zwanzig Minuten erwarten, mit wieselflinkem Spiel. Sprudelnd, spritzig-witzig und heiter-hell tönt das – nur etwas leichtgewichtig. Die Akkordblitze der Final-Coda des 1957er-Werks hätten in all ihrer glashellen Schärfe noch mehr mitreißende Würze vertragen.

Foto: Digital Concert Hall/Berliner Philharmoniker

Am Samstag spielen die Philharmoniker unter Christian Thielemann ein gelungenes Konzert, das letzte der Streaming-Reihe „Goldene Zwanziger“. Von Hindemith die Ouvertüre zu Neues vom Tage. Das Werk ist sicherlich nicht Hindemiths Gewichtigstes, aber formidabel geeignet, dem Folgenden den Weg zu bahnen. Von Busoni der hell gehörte Tanzwalzer von 1921, an dem keine Note überflüssig sein mag. Da werden nostalgisch, aber nicht ewig-gestrig, vergangene Zeitalter beschworen. Und schon ist das Feld bereitet für den Walzer Künstlerleben von Johann Strauß-Sohn. Ohne die sinnliche Raffinesse, ohne den Schmäh der Wiener, aber mit so viel hinreißender Diskretion von den Berlinern Philharmonikern dargeboten, dass man Thielemann verpflichten sollte, jedem seiner hiesigen Programme einen Strauß-Walzer hinzuzufügen. Man sieht, die thematische Klammer „Zwanziger Jahre“ wird von Thielemann denkbar großzügig aufgefasst. Aber der Abend entfaltet maximal intensiven Reiz. Dann kommt Musik von Richard Strauss, frühe Lieder.

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Berliner Lockdown-Früchtchen II: Karajan-Akademie mit Jacquot und Weill, Unerhörte Musik, DSO mit Adámek

Man lernt nie aus. Im Radialsystem gibt es Online-Konzerte, die ausverkauft sind. Drei Minuten vor Beginn will ich mein Ticket für das Trio Catch mit Musik von Daniela Terranova erwerben – geht nicht, ausverkauft. Dann eben Jack Reacher mit Tom Cruise geschaut. Wo im deutschen Fernsehen gibt eigentlich noch vernünftige Verfolgungsjagden?

Derweil nimmt die Zwanziger-Hommage der Berliner Philharmoniker Konturen an. Bei der ist man für 9,90 die Woche dabei – nicht ganz so umsonst wie die Radiokonzerte von RSB und DSO, aber auch nicht teurer wie eineinhalb Flaschen Bordeaux im Edeka. Das Philharmoniker-Archiv ist inklusive – plus etlichen Karajana. Den gibt es heute Abend live, nicht als Herbert, aber als Karajan-Akademie unter der jungen Marie Jacquot. Im Dezember sollte Jacquot beim DSO das Schumann-Cellokonzert und Strauss‘ f-Moll-Sinfonie leiten. Das Programm heute: Hanns Eislers mit kargem Kolorit reüssierende Orchestersuite Kuhle Wampe, Weills nüchtern-verspieltes Violinkonzert von 1924 und Weills 2. Symphonie, uraufgeführt 1934 beim Concertgebouworkest unter Bruno Walter.

Das Violinkonzert fesselt. Jacquot achtet auf fließende Konturen, macht einen Bogen um modernistische Kantigkeit, lässt stattdessen das Werk bunt und charmant wie ein Gelächter kichern. In diese Linie fügt sich Kolja Blacher mit seinem warmen Geigenton. Man merkt, dass Blacher die Ruhe weg hat. Ein wohltuender Kontrast zu dem Nähmaschinen-Gefiedel so mancher Geigen-Jungstars. Ganz nebenbei bringt Blacher auch noch die Figurationen, die alles andere als nur flinkes Virtuosenfutter sind, zum Sprechen. Das Weill-Konzert besitzt übrigens, Zwanziger hin und her, eine berückende Solohorn-Stelle. Die Sinfonie Nr. 2 überträgt den Songstil in die symphonische Form, besonders in den Ecksätzen, dort tönt das zackig, aber auch, wo Weill purer Homophonie frönt, unterkomplex. Mein Herz schlägt für die 1. Sinfonie, die Petrenko am Samstag zum ersten Mal bei den Philharmonikern auf das Programm setzte.

Karajan-Akademie spielt Weill / Foto: Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Auch eine Lehre aus Corona: Der zugespielte Applaus der Livestream-Zuseher, so beim Wiener Neujahrskonzert, klang affig und hat sich nicht bewährt. Am Konzertende hört man jetzt das schüttere Klatschen von Musikern und den zwei, drei Technikern im leeren Saal. Das ist ehrlicher.

Unerhörte Musik bringt einen interessanten Abend mit neuer Posaunenmusik. Zu Gast im Kreuzberger BKA-Theater ist Posaunist Thomas R. Moore, Mitglied des Nadar Ensembles. Die Livestreams von Unerhörte Musik glänzen allesamt durch frugale Technik: eine stationäre Kamera, keine Schnitte, Umbau vor der Kamera, Werkpräsentation durch den schweißüberströmten Posaunisten. So geht es auch. Hier hat man quasi das Gegenprojekt zur hochkulturigen Biederkeit der auf die fernöstliche Stammkundschaft zielenden Concert Hall der Philharmoniker. Gerade hat man an der Herbert-von-Karajan-Straße den Beginn einer mehrjährigen Kooperation („Residency“) mit Schanghai verkündet. Hätte ja sein können, dass die Angewohnheit, Riesenorchester mit Riesenstäben in Jumbos um die Welt zu fliegen, in der Post-Corona-Zeit der Vergangenheit angehörte.

Aber zurück zu Unerhörte Musik. Das Motto des Solo-Abends lautet „Doublespeak – Doublethink“ (Orwell! 1984!) und thematisiert Täuschungen und Enttäuschungen. Jessie Marino verkettet in FITTINGinCommitment :: Ritual :: BiiM (2011) gestopfte Posaunen-Einwürfe zu kargen, fesselnden Bildern. Elektronische Zuspielungen dienen als Struktur und Hintergrund. Ähnlich geht Stefan Beyer in Strandung vor (2016, Fassung 2020), das sich von der trügerischen Tiefe der See inspiriert weiß. Die Posaune klingt fragil und fragmentarisch, besonders in den zurückhaltenden Tremoli. Die im Vergleich mit Marino entspanntere Sound-Atmosphäre klingt hier jedoch unverbindlich. Von Michael Maierhof kommt Splitting 53* (Uraufführung). Das Stück hat Tempo, Witz, Rhythmus – und Kraft. Schön, dass es sich auch kurzweilig gibt. Wobei während des heutigen Abends nicht immer klar ist, wann genau welches Stück beginnt. Der Belgier Wim Henderickx hinterlegt Akasha (UA) leider mit Soundschichten, die in purer Begleitfunktion verharren. Davor entfaltet sich ein Salat aus sparsamen Posaunenlauten und dezenter Stimmakrobatik. Schlussendlich von Mirela Ivičević die ironische Selbstanpreisung Orgy of References, die auch bei Ultraschall 2020 zu hören war und als überdrehtes Dauer-Parlando eines nervtötenden Werbefuzzis immer noch Witz und Eindruck macht, zumal wenn es so kongenial interpretiert wird wie von Moore. Gerade das Richtige, wenn der Corona-Frust gar nicht mehr aufhört. Wer will, erwirbt bei Unerhörte Musik ein virtuelles Ticket.

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Berliner Lockdown-Früchtchen: RSB meldet sich wieder, Philharmoniker: Zwanziger mit Weill, DSO: improvisiert

Drögere Musikwochen waren nie als jene sechs seit dem Jahreswechsel. RSB und die Opern schweigen Corona-beredet. Das DSO produziert immerhin einen Konzertfilm mit 20 Minuten Musik. Neben den Philharmonikern (2 x) bringen nur Ultraschall Berlin und im Boulezsaal die Schubert-Woche Abwechslung. Fern von Berlin ist die Zurückhaltung weniger streng. Barenboim tritt in Salzburg auf, im Duo und dirigierenderweise. Ticciati dirigiert am 5. 2. in München, Eschenbach am 4. 2. in Frankfurt. Und die Solo-Oboistin der Staatskapelle, Cristina Gómez Godoy, fährt nach Hamburg, um dort ein kleines, feines Programm zu geben. Wo bist du, Berlin? Doch am zweiten Februarwochenende feuern die Berliner Orchester wie gewohnt aus allen Rohren. RSB, DSO, Philharmoniker, dazu Staatsopernpremiere – (fast) alle sind dabei.

Als erstes wagt sich am 12. 2. das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit einem Radiokonzert aus der Deckung (Deutschlandfunk Kultur). Mit einem kleinbesetzten, nur etwas grämlich wirkenden Abend. Zuerst Tschaikowskys reizvoll elegische Streicherserenade C-Dur, sodann von Schostakowitsch/Barschai die Kammersinfonie op. 83a. Wassili Petrenko (Liverpool Philharmonie Orchestra) leitet breit bei Tschaikowsky und flott bei Schostakowitsch. Aber irgendwie hat man sich die Wiederauferstehung aus den Tiefen der Pandemie anders vorgestellt. Die nächsten Termine versprechen mehr Effekt: Repušić kommt und bringt den Kroaten Papandopulo mit, dazu Haydn und Respighi, und dann spitzklöppelt die Pianistin Anna Winnitzkaja die beiden Schostakowitsch-Konzerte in die Tasten. Hier Nachhören!

Im Rahmen eines „Online-Festivals“ spielen die Berliner Philharmoniker zwei Wochen lang „Goldene Zwanziger“ – ein kräftiger Schluck Berlin-Nostalgie ist in diesen Zeiten erlaubt. Vorgesehen war eigentlich die ambitionierte Bezeichnung „Biennale“. Drei Orchesterkonzerte (Schwerpunkt Weill) sind angesetzt, dazu kommt ein Abend mit der Karajan-Akademie (Eisler, Weill), bevor ein Late-Night-Abend das Festival abrundet. Am Samstag stehen Weills 1. Sinfonie – zum ersten Mal – und Strawinskys karger Oedipus Rex auf dem Programm. Das Weill-Frühwerk – ein Jugendstreich, komponiert mit 21 – klingt wie aus einem Guss, gerade weil es sich stürmisch nach der großen Form reckt. Fast Ritornell-artig kehrt das Motto der Grave-Einleitung (breit und wuchtig) wieder, bis das Orchester es, nach Choral-Tönen, schlussendlich zu dreifachem Forte aufschichtet (Grave. Mit höchstem Aufschwung). Dabei fließt dieser Weill unter Kirill Petrenko hochkultiviert. Dabei verbandelt das Orchester die drei Abschnitte mit viel Klang- und Formsinn zu aufregender Einsätzigkeit. Das ist symphonisch gespannte Musik, erfrischend unfertig und leidenschaftlich brennend. Parellelen zu Kreneks 1. und Prokofjews 2. Sinfonie bestehen.

Noah Bendix-Balgley, Bettina Sartorius, Marlene Ito / Foto: Livestream Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Ein Experimentierfeld der Moderne ist auch Oedipus Rex von Strawinsky, wo die Neu-Antike für strenge Kanalisierung der Gefühle sorgt. Aber ich wechsle um kurz nach 8 flugs zu Rattle an die Staatsoper, wo Janáček den Gefühlen freien Lauf lässt.

Echt spitze ist das Radiokonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters am Sonntag (RBB). Haydns generöse Sinfonie 104, Widmanns 1. Violinkonzert, und vorneweg eine Viertelstunde Orchester-Improvisation, mittlerweile eine Spezialität unter Robin Ticciati. 14 Musiker ohne Dirigent, Ticciati steht laut Moderatorinnenauskunft an der Trommel. Es klingt schauderhaft. Man versteht umgehend, zu was ein Komponist da ist. Aber das sind faszinierende Experimente. Und die Improvisationen im dritten Konzertfilm (in der ehemaligen Hundefutterfabrik, der mit Musik von Adámek) fesselten. Also: gerne weitermachen. Weiter zu Jörg Widmann. Der gilt innerhalb der Neue-Musik-Gefolgschaft als unsicherer Kantonist. Doch was zählt schon der Begriff „Neo-Romantik“ – Glenn Gould benutzte die Umschreibung bekanntermaßen für Alban Berg, dessen Konzert wiederum Vorbild für Widmanns Werk ist -, wenn sicherstes Klanggefühl, Weiträumigkeit, verwickelte lyrische Passagen so gekonnt verschmelzen wie im Violinkonzert Nr. 1 (2007)? Sicherlich, der Ton entstammt spätromantischem Fundus. Aber dafür verschmilzt die Linie raffiniertissimo mit dem Orchester. Außerdem hat Christian Tetzlaff, auch Solist der Uraufführung, das Werk rund 40 Mal gespielt, gestaltet aus einem Atem, vermittelt den Eindruck einer kontinuierlich fließenden Entwicklung, und das, ohne an Detailintensität zu sparen. Mittlerweile habe ich ein Ohr für Widmann. Aus dem Bauch raus würde ich sagen, dass Ticciati sehr gut leitet.

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Staatsoper Berlin: Jenůfa Premiere

Zwei Monate hat die Staatsoper geschwiegen. Am 13. 12. streamte man aus dem schweinchenrosa Knobelsdorff-Kubus den Corona-Lohengrin von Bieito. Genau zwei Monate später feiert Jenůfa Streaming-Premiere, ohne Publikum, in vorerst nur einmaliger Aufführung. Die Medienpartner 3sat und RBB senden. Die Oper (tschechisch Její pastorkyňa, Ihre Ziehtochter) von Leoš Janáček ist kristallklarer Verismo, ins Bäuerlich-Tschechische gewendet. Drei kurze Akte, die heutzutage der dramaturgischen Intensität wegen meist in knapp zwei Stunden am Stück runtergespielt werden. Die Oper Jenůfa erzählt von Leidenschaft, von Eifersucht, Leichtsinn, Trunksucht und unerschütterlicher Liebe. Und von dem Wundervollem, das im Menschen steckt. Janáček sieht mit seiner Musik den Protagonisten in die Herzen. Da ist alles gedrängte Substanz, hat alles Schlagkraft, von den motivischen Repetitionsmustern bis zu den glühenden Aufschwüngen. Und das Dorfdrama wendet sich trotz allem Horrormuff sogar zu einem Happy-End, das aufrichtig rührt. Was will man mehr?

Evelyn Herlitzius / Foto: Livestream Staatsoper/3sat

Apropos Dorfmilieu. Das präsentiert Regisseur Damiano Michieletto in seiner Inszenierung modern-kühl. Man sieht einen vorne offenen, eisblau hinterleuchteten Kubus aus transparenten PVC-Hohlkammerpaneelen (Bühne: Paolo Fantin). Darin stehen vier Massivholzbänke Typ Ikea Nordby. Mehr Empathie will Michieletto nicht wagen. Richtig vom Hocker haut einen die Baumarkt-Anmutung nicht. In einer Ecke drängt sich schüchtern Ostkrempel: brennende Kerzen, eine Tisch-Monstranz, ein kitschiges Kreuz, vergoldet – letzte Reste slawischer Frömmigkeitsfolklore. Hübsch die Kostümkreationen der Dorfleute, die pi Mal Daumen aus den Siebzigern stammen und deren angegrautes Pastellblau (Carla Teti) seit ein paar Jahren in jeder zweiten Inszenierung zu sehen ist, von Tscherniakow bis Wieler/Morabito. Macht nichts, sieht trotzdem stimmig aus.

Jenůfas Verlobter Števa ist ein Bruder Leichtfuß, aber kein Tunichtgut. Ladislav Elgr (Camouflage-Kittelchen, Sträußlein in der Brusttasche) spielt und singt das packend in aller Partylust und aller stumpfen Verzweiflung. Der treu liebende Laca ist ein sympathischer Tollpatsch mit zerknautschter Miene, der mit spannungsvollem Tenor (Stuart Skelton, zu Anfang bisserl rau) seine Liebste doch noch gewinnt. Die zentrale Figur der Küsterin und Stiefmutter macht Evelyn Herlitzius (in grau-brauner Kostümuniform) zum Ereignis. Ein Sopran wie Stahlwolle. Mit jeder Faser dingt ihre Stimme – essigsauer, gleißend – in die Faltungen dieser vereinsamt-tragischen Persönlichkeit. Vielleicht kann das derzeit niemand besser. Camilla Nylund zeichnet die Jenůfa als eine Frau mit starken Gefühlen, als innerliche, zutiefst zweifelnde Natur, halb Landpomeranze, halb Dorfschönheit. Vor lauter Ich-weiß-nicht-aus-noch-ein klammert sie sich an ein Kräutertöpfchen. Nylund hat die Physis, den Ausdruck, die Farben, die Höhe – nur dass das Tschechische nicht mit Legato-Leichtigkeit, sondern eher mit finnischer Gründlichkeit aus ihrem Mund hervorgelockt wird. Es ist ein gelungenes Rollendebüt.

Hohlkammerpaneelkubus / Foto: Staatsoper Berlin/3sat

Genau gezeichnet erscheinen auch die Nebenfiguren. Freilich, die Personenführung könnte mehr Biss vertragen. Als alte Buryjovka bietet Hanna Schwarz (eisgraues Haar) eine packende Gesangsleistung. Man genießt selbst am PC jede Sekunde. Altgesell Jan Martiník ist ein Bär in schlecht sitzender Schlabberhose, speckiger Lederjacke und mit trostlos angeklebtem Altmänner-Scheitel. Auch ein Augenschmaus: der Richter von David Oštrek im Kunstpelzkragen-Mantel und Frisur und Bart à la Solschenizyn. Gleichermaßen gelungene Porträts stellen dessen patente Frau (Natalia Skrycka) sowie die extrovertiert schäkernde Karolka von Evelin Novak dar. Ins gute Ensemble fügen sich die Schäferin Aytaj Shikhalizada (guter Mezzo), die viel Wärme ausstrahlende Barena als Anführerin der Dorfmädls (Adriane Queiroz), der jugendlich aufgedrehte Bursche Jano (Victoria Randem, radschlagend) und die Base Anna Kissjudit (saftiger Mezzo).

Küsterin, Wiege, Teppich, PVC-Paneele / Foto: Staatsoper/3sat
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Live aus Corona-Berlin II: Philharmoniker mit Trifonow, Konzerthaus mit Fischer, Unerhörte Musik mit lovemusic

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Mittwoch, 20. 1. 2021, Konzerthaus. Ivan Fischer wird 70. Das Konzerthausorchester gratuliert mit der Aufführung von Fischers Komposition Eine deutsch-jiddische Kantate auf jiddische und deutsche Texte. Anna Prohaska singt bestechend klar und verhangen, so wie nur sie das kann. Peter Dörpinghaus trompetet mit akkuratestem Gefühl. Das Geburtstagskind dirigiert vorzüglich.

Sopran, Geburtstagskind, Trompete / Foto: Livestream Konzerthaus

Dienstag, 26. 1. 2021, BKA-Theater. Unerhörte Musik sendet wieder, heute mit dem Ensemble lovemusic aus Winnie Huang (Geige), Lola Malique (Cello), Emiliano Gavito (Flöte), Adam Starkie (Klarinette). Man beginnt mit US-Minimalismus von Pauline Oliveros (Sonic Meditation 1 Teach Yourself to Fly, 1974, interessanter gruppentherapeutischer Einschlag), geht zu Carola Bauckholt und den locker delikaten Luftwurzeln von 1993 über und landet bei der Kolumbianerin Violeta Cruz, die in New Piece fast ein Konzert für Aufdrehfiguren schafft. Der Ton ist eigen, die Textur licht und angemessen surrealistisch (Uraufführung). Auch Cove von David Bird ist eine Uraufführung. Das Werk gibt sich einem unaufhörlichen Fließen hin, und was so entsteht, kann als intimes Palaver zwischen entspannten, hochkonzentrierten Musikern beschrieben werden. Schlussendlich von Sivan Cohen Elias das dicht komponierte Air Pressure (2010), ein Stück voller Kontrastspannungen und rabiater Virtuosität, in dem sich die Töne wie von selbst vermehren.

lovemusic im BKA-Theater / Foto: Livestream Unerhörte Musik

Freitag, 29. 1. 2021, Philharmonie. Die frisch getesteten Berliner Philharmoniker spielen Thorvaldsdóttir (Neues), Prokofjew (Konzert), Suk (Tondichtung) – in der Philharmonie konzertiert man wieder abendfüllend. Das neue Werk von Anna Thorvaldsdóttir heißt Catamorphosis. Es zielt auf vom Strom der Zeiten glattpolierte Klangräume, auf geheimnisvolle Unisono-Glissandi, also auf das große Ganze. Die handwerklich wie klanglich beeindruckende Komposition passt ins Zeitalter der digital perfektionierten Landschaftsaufnahmen und Arktiskreuzfahrten in 1.-Klasse-Kabine.

Prokofjews hübsches Klavierkonzert Nr. 1 klingt heuer heiter. Trifonow triumphiert. Eine flüssigere Technik gibt es nicht. Es klingt heiter, flüssig und unvorstellbar vollkommen. Bis weit ins Scherzo hinein wird fast akzentlos gespielt – Trifonow, der Profkofjew-Klassizist. Der Ton klingt – zumindest in digitale Bits verpackt und mit 16.000er Leitung – wie auf Diät, superschlank, aber Leidenschaft fehlt. Das Des-Dur-Thema turnt Daniil Trifonow hinauf, als hätte er Ballettschlappen an. Der Russe packt seine stählerne Kraft in Strickhandschuhe. Das Opus 10 von 1911 klingt aufgeräumt, nicht aufgezäumt. Keine Spur von brillantem Futurismus, von überschäumender Argerich-Kompliziertheit, von Richter-Wucht. Man höre Abbado und den umwerfenden Kissin. Und hat selbst Trifonow nicht schon mit Gergiew mehr klirrenden Bizeps, mehr Chuzpe gezeigt? Folgt also das Andante. Trifonow hängt über den Tasten wie eine entkörperlichte Lemure.

Der Anzug sitzt: Daniil Trifonow / Foto: Livestream Digital Concert Hall
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