Lockdown und kein Ende: Programm-Spezialitäten bei RSB und Philharmonikern

In der Pandemie läuft so ziemlich alles anders. Die Zeit, das Leben sowieso, die Musik. Gerade auch für Musiker und Orchester. Wer kann, spielt, sendet, streamt. Die anderen schweigen. Und mancherorts schnurrt der Betrieb weiter – mit Publikum. Am Teatro Real in Madrid läuft Norma, das Moskauer Bolschoi zeigt Salome. Wir sind weit weg von jeder Normalität. Da ist man für jedes Lebenszeichen von den Berliner Konzertpodien dankbar.

Ein besonders kräftiges kommt vom RSB. Lebenszeichen heißt eben auch: Jetzt und heute spielen, nicht Konserven von Vor-Corona ins Netz stellen. Drei Mal ist das RSB mit Radiokonzerten zur Stelle, zwei Mal allein in dieser Woche. Am Montag bringt Ivan Repušić ein vielseitiges Programm mit, das mit der Sinfonie Nr. 6 beginnt, eines von Haydns kecken Frühchen aus Esterházy. Repušić, eher der Typ unverbindlicher Schwung, zettelt keine interpretatorische Revolution an, aber Zugriff und Plastizität (Bläsersoli) passen. Es folgt die dreisätzige Streicher-Sinfonietta op. 79 des Kroaten Boris Papandopulo, komponiert 1938. Charakteristisch ist da die Trauer-Melodik der Elegie, seinen Wert hat auch das von widerständigem Bewegungsdrang und Final-Frische erfüllte Perpetuum mobile. Entzückend dann auch das selten gehörte Gli Uccelli (Die Vögel) von Respighi, das nichts mit Hitchcock zu tun hat, sondern auf Melodien italienischer und französischer Meister aufbaut. Das Resultat ist eine Klang-Voliere voller Vogelstimmen, in der der Kuckuck nicht fehlen darf. Das Verschränken von Neobarock und transparentem Impressionismus ist hier hochinteressant. Solche fabelhaften Programme sind im Abo-Normalbetrieb schlichtweg unmöglich. Geplant waren eigentlich Schostakowitsch 1. und Dvořák 9.

Vier Tage später spielt das RSB ein allrussisches Programm, Deutschlandfunk Kultur überträgt. Es dirigiert Michail Jurowski, der Vater des Chefdirigenten, geboren 1945 in Moskau. Es ist ein Programm mit Schuss: zwei Mal Schostakowitsch, davor Prokofjew (nach heutigen Begriffen ein Ukrainer). In dessen Sinfonie Nr. 1 klingt heuer nicht die – durchaus legitime – Prokofjew’sche Blasiertheit an, sondern eine an den Rosenkavalier erinnernde Freude an altmodischem Glanz. So weit ich mich erinnern kann, ist das die fesselndste – mit Abstrichen im Finale – Symphonie Classique, seit ich denken kann. In der Pause erzählt der Dirigent von seinen Begegnungen mit Prokofjew (in der Wohnung der Jurowskis, rote Haare, rote Schuhe, schnarrende Stimme, graue Streifen im Anzug) und Schostakowitsch (der Teenager Jurowski spielt in der Datscha mit Schostakowitsch zusammen Tschaikowskys Vierte vierhändig).

Die beiden Klavierkonzerte von Schostakowitsch gelingen nicht so fesselnd, Jurowski lässt laufen. Aber wie passend, die Werk-Zwillinge einmal zusammen zu hören. Die Konzerte – Nr. 1 von 1933, Nr. 2 von 1957 – ähneln sich. Beide sind jeweils dreisätzig (das Moderato in Nr. 1 dürfte eher Einleitung zum Finale sein), recht kurz, bei beiden klingt der zweite Satz verführerisch behutsam, bei beiden jongliert das Finale virtuos mit gestochen scharf geschnittenen Themen. Das Klavierkonzert Nr. 1 schreibt Solotrompete (klasse Florian Dörpholz) plus Streichorchester vor. Das hierzulande immer noch unterschätzte Konzert Nr. 2 bringt zwar das volle Orchester, ist aber zurückhaltender in der Faktur. Die Pianistin Anna Winnitskaja trotzt den technischen Schwierigkeiten, die jeden Pianisten in diesen zwei Mal zwanzig Minuten erwarten, mit wieselflinkem Spiel. Sprudelnd, spritzig-witzig und heiter-hell tönt das – nur etwas leichtgewichtig. Die Akkordblitze der Final-Coda des 1957er-Werks hätten in all ihrer glashellen Schärfe noch mehr mitreißende Würze vertragen.

Foto: Digital Concert Hall/Berliner Philharmoniker

Am Samstag spielen die Philharmoniker unter Christian Thielemann ein gelungenes Konzert, das letzte der Streaming-Reihe „Goldene Zwanziger“. Von Hindemith die Ouvertüre zu Neues vom Tage. Das Werk ist sicherlich nicht Hindemiths Gewichtigstes, aber formidabel geeignet, dem Folgenden den Weg zu bahnen. Von Busoni der hell gehörte Tanzwalzer von 1921, an dem keine Note überflüssig sein mag. Da werden nostalgisch, aber nicht ewig-gestrig, vergangene Zeitalter beschworen. Und schon ist das Feld bereitet für den Walzer Künstlerleben von Johann Strauß-Sohn. Ohne die sinnliche Raffinesse, ohne den Schmäh der Wiener, aber mit so viel hinreißender Diskretion von den Berlinern Philharmonikern dargeboten, dass man Thielemann verpflichten sollte, jedem seiner hiesigen Programme einen Strauß-Walzer hinzuzufügen. Man sieht, die thematische Klammer „Zwanziger Jahre“ wird von Thielemann denkbar großzügig aufgefasst. Aber der Abend entfaltet maximal intensiven Reiz. Dann kommt Musik von Richard Strauss, frühe Lieder.

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Berliner Lockdown-Früchtchen II: Karajan-Akademie mit Jacquot und Weill, Unerhörte Musik, DSO mit Adámek

Man lernt nie aus. Im Radialsystem gibt es Online-Konzerte, die ausverkauft sind. Drei Minuten vor Beginn will ich mein Ticket für das Trio Catch mit Musik von Daniela Terranova erwerben – geht nicht, ausverkauft. Dann eben Jack Reacher mit Tom Cruise geschaut. Wo im deutschen Fernsehen gibt eigentlich noch vernünftige Verfolgungsjagden?

Derweil nimmt die Zwanziger-Hommage der Berliner Philharmoniker Konturen an. Bei der ist man für 9,90 die Woche dabei – nicht ganz so umsonst wie die Radiokonzerte von RSB und DSO, aber auch nicht teurer wie eineinhalb Flaschen Bordeaux im Edeka. Das Philharmoniker-Archiv ist inklusive – plus etlichen Karajana. Den gibt es heute Abend live, nicht als Herbert, aber als Karajan-Akademie unter der jungen Marie Jacquot. Im Dezember sollte Jacquot beim DSO das Schumann-Cellokonzert und Strauss‘ f-Moll-Sinfonie leiten. Das Programm heute: Hanns Eislers mit kargem Kolorit reüssierende Orchestersuite Kuhle Wampe, Weills nüchtern-verspieltes Violinkonzert von 1924 und Weills 2. Symphonie, uraufgeführt 1934 beim Concertgebouworkest unter Bruno Walter.

Das Violinkonzert fesselt. Jacquot achtet auf fließende Konturen, macht einen Bogen um modernistische Kantigkeit, lässt stattdessen das Werk bunt und charmant wie ein Gelächter kichern. In diese Linie fügt sich Kolja Blacher mit seinem warmen Geigenton. Man merkt, dass Blacher die Ruhe weg hat. Ein wohltuender Kontrast zu dem Nähmaschinen-Gefiedel so mancher Geigen-Jungstars. Ganz nebenbei bringt Blacher auch noch die Figurationen, die alles andere als nur flinkes Virtuosenfutter sind, zum Sprechen. Das Weill-Konzert besitzt übrigens, Zwanziger hin und her, eine berückende Solohorn-Stelle. Die Sinfonie Nr. 2 überträgt den Songstil in die symphonische Form, besonders in den Ecksätzen, dort tönt das zackig, aber auch, wo Weill purer Homophonie frönt, unterkomplex. Mein Herz schlägt für die 1. Sinfonie, die Petrenko am Samstag zum ersten Mal bei den Philharmonikern auf das Programm setzte.

Karajan-Akademie spielt Weill / Foto: Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Auch eine Lehre aus Corona: Der zugespielte Applaus der Livestream-Zuseher, so beim Wiener Neujahrskonzert, klang affig und hat sich nicht bewährt. Am Konzertende hört man jetzt das schüttere Klatschen von Musikern und den zwei, drei Technikern im leeren Saal. Das ist ehrlicher.

Unerhörte Musik bringt einen interessanten Abend mit neuer Posaunenmusik. Zu Gast im Kreuzberger BKA-Theater ist Posaunist Thomas R. Moore, Mitglied des Nadar Ensembles. Die Livestreams von Unerhörte Musik glänzen allesamt durch frugale Technik: eine stationäre Kamera, keine Schnitte, Umbau vor der Kamera, Werkpräsentation durch den schweißüberströmten Posaunisten. So geht es auch. Hier hat man quasi das Gegenprojekt zur hochkulturigen Biederkeit der auf die fernöstliche Stammkundschaft zielenden Concert Hall der Philharmoniker. Gerade hat man an der Herbert-von-Karajan-Straße den Beginn einer mehrjährigen Kooperation („Residency“) mit Schanghai verkündet. Hätte ja sein können, dass die Angewohnheit, Riesenorchester mit Riesenstäben in Jumbos um die Welt zu fliegen, in der Post-Corona-Zeit der Vergangenheit angehörte.

Aber zurück zu Unerhörte Musik. Das Motto des Solo-Abends lautet „Doublespeak – Doublethink“ (Orwell! 1984!) und thematisiert Täuschungen und Enttäuschungen. Jessie Marino verkettet in FITTINGinCommitment :: Ritual :: BiiM (2011) gestopfte Posaunen-Einwürfe zu kargen, fesselnden Bildern. Elektronische Zuspielungen dienen als Struktur und Hintergrund. Ähnlich geht Stefan Beyer in Strandung vor (2016, Fassung 2020), das sich von der trügerischen Tiefe der See inspiriert weiß. Die Posaune klingt fragil und fragmentarisch, besonders in den zurückhaltenden Tremoli. Die im Vergleich mit Marino entspanntere Sound-Atmosphäre klingt hier jedoch unverbindlich. Von Michael Maierhof kommt Splitting 53* (Uraufführung). Das Stück hat Tempo, Witz, Rhythmus – und Kraft. Schön, dass es sich auch kurzweilig gibt. Wobei während des heutigen Abends nicht immer klar ist, wann genau welches Stück beginnt. Der Belgier Wim Henderickx hinterlegt Akasha (UA) leider mit Soundschichten, die in purer Begleitfunktion verharren. Davor entfaltet sich ein Salat aus sparsamen Posaunenlauten und dezenter Stimmakrobatik. Schlussendlich von Mirela Ivičević die ironische Selbstanpreisung Orgy of References, die auch bei Ultraschall 2020 zu hören war und als überdrehtes Dauer-Parlando eines nervtötenden Werbefuzzis immer noch Witz und Eindruck macht, zumal wenn es so kongenial interpretiert wird wie von Moore. Gerade das Richtige, wenn der Corona-Frust gar nicht mehr aufhört. Wer will, erwirbt bei Unerhörte Musik ein virtuelles Ticket.

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Berliner Lockdown-Früchtchen: RSB meldet sich wieder, Philharmoniker: Zwanziger mit Weill, DSO: improvisiert

Drögere Musikwochen waren nie als jene sechs seit dem Jahreswechsel. RSB und die Opern schweigen Corona-beredet. Das DSO produziert immerhin einen Konzertfilm mit 20 Minuten Musik. Neben den Philharmonikern (2 x) bringen nur Ultraschall Berlin und im Boulezsaal die Schubert-Woche Abwechslung. Fern von Berlin ist die Zurückhaltung weniger streng. Barenboim tritt in Salzburg auf, im Duo und dirigierenderweise. Ticciati dirigiert am 5. 2. in München, Eschenbach am 4. 2. in Frankfurt. Und die Solo-Oboistin der Staatskapelle, Cristina Gómez Godoy, fährt nach Hamburg, um dort ein kleines, feines Programm zu geben. Wo bist du, Berlin? Doch am zweiten Februarwochenende feuern die Berliner Orchester wie gewohnt aus allen Rohren. RSB, DSO, Philharmoniker, dazu Staatsopernpremiere – (fast) alle sind dabei.

Als erstes wagt sich am 12. 2. das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit einem Radiokonzert aus der Deckung (Deutschlandfunk Kultur). Mit einem kleinbesetzten, nur etwas grämlich wirkenden Abend. Zuerst Tschaikowskys reizvoll elegische Streicherserenade C-Dur, sodann von Schostakowitsch/Barschai die Kammersinfonie op. 83a. Wassili Petrenko (Liverpool Philharmonie Orchestra) leitet breit bei Tschaikowsky und flott bei Schostakowitsch. Aber irgendwie hat man sich die Wiederauferstehung aus den Tiefen der Pandemie anders vorgestellt. Die nächsten Termine versprechen mehr Effekt: Repušić kommt und bringt den Kroaten Papandopulo mit, dazu Haydn und Respighi, und dann spitzklöppelt die Pianistin Anna Winnitzkaja die beiden Schostakowitsch-Konzerte in die Tasten. Hier Nachhören!

Im Rahmen eines „Online-Festivals“ spielen die Berliner Philharmoniker zwei Wochen lang „Goldene Zwanziger“ – ein kräftiger Schluck Berlin-Nostalgie ist in diesen Zeiten erlaubt. Vorgesehen war eigentlich die ambitionierte Bezeichnung „Biennale“. Drei Orchesterkonzerte (Schwerpunkt Weill) sind angesetzt, dazu kommt ein Abend mit der Karajan-Akademie (Eisler, Weill), bevor ein Late-Night-Abend das Festival abrundet. Am Samstag stehen Weills 1. Sinfonie – zum ersten Mal – und Strawinskys karger Oedipus Rex auf dem Programm. Das Weill-Frühwerk – ein Jugendstreich, komponiert mit 21 – klingt wie aus einem Guss, gerade weil es sich stürmisch nach der großen Form reckt. Fast Ritornell-artig kehrt das Motto der Grave-Einleitung (breit und wuchtig) wieder, bis das Orchester es, nach Choral-Tönen, schlussendlich zu dreifachem Forte aufschichtet (Grave. Mit höchstem Aufschwung). Dabei fließt dieser Weill unter Kirill Petrenko hochkultiviert. Dabei verbandelt das Orchester die drei Abschnitte mit viel Klang- und Formsinn zu aufregender Einsätzigkeit. Das ist symphonisch gespannte Musik, erfrischend unfertig und leidenschaftlich brennend. Parellelen zu Kreneks 1. und Prokofjews 2. Sinfonie bestehen.

Noah Bendix-Balgley, Bettina Sartorius, Marlene Ito / Foto: Livestream Berliner Philharmoniker/Digital Concert Hall

Ein Experimentierfeld der Moderne ist auch Oedipus Rex von Strawinsky, wo die Neu-Antike für strenge Kanalisierung der Gefühle sorgt. Aber ich wechsle um kurz nach 8 flugs zu Rattle an die Staatsoper, wo Janáček den Gefühlen freien Lauf lässt.

Echt spitze ist das Radiokonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters am Sonntag (RBB). Haydns generöse Sinfonie 104, Widmanns 1. Violinkonzert, und vorneweg eine Viertelstunde Orchester-Improvisation, mittlerweile eine Spezialität unter Robin Ticciati. 14 Musiker ohne Dirigent, Ticciati steht laut Moderatorinnenauskunft an der Trommel. Es klingt schauderhaft. Man versteht umgehend, zu was ein Komponist da ist. Aber das sind faszinierende Experimente. Und die Improvisationen im dritten Konzertfilm (in der ehemaligen Hundefutterfabrik, der mit Musik von Adámek) fesselten. Also: gerne weitermachen. Weiter zu Jörg Widmann. Der gilt innerhalb der Neue-Musik-Gefolgschaft als unsicherer Kantonist. Doch was zählt schon der Begriff „Neo-Romantik“ – Glenn Gould benutzte die Umschreibung bekanntermaßen für Alban Berg, dessen Konzert wiederum Vorbild für Widmanns Werk ist -, wenn sicherstes Klanggefühl, Weiträumigkeit, verwickelte lyrische Passagen so gekonnt verschmelzen wie im Violinkonzert Nr. 1 (2007)? Sicherlich, der Ton entstammt spätromantischem Fundus. Aber dafür verschmilzt die Linie raffiniertissimo mit dem Orchester. Außerdem hat Christian Tetzlaff, auch Solist der Uraufführung, das Werk rund 40 Mal gespielt, gestaltet aus einem Atem, vermittelt den Eindruck einer kontinuierlich fließenden Entwicklung, und das, ohne an Detailintensität zu sparen. Mittlerweile habe ich ein Ohr für Widmann. Aus dem Bauch raus würde ich sagen, dass Ticciati sehr gut leitet.

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Staatsoper Berlin: Jenůfa Premiere

Zwei Monate hat die Staatsoper geschwiegen. Am 13. 12. streamte man aus dem schweinchenrosa Knobelsdorff-Kubus den Corona-Lohengrin von Bieito. Genau zwei Monate später feiert Jenůfa Streaming-Premiere, ohne Publikum, in vorerst nur einmaliger Aufführung. Die Medienpartner 3sat und RBB senden. Die Oper (tschechisch Její pastorkyňa, Ihre Ziehtochter) von Leoš Janáček ist kristallklarer Verismo, ins Bäuerlich-Tschechische gewendet. Drei kurze Akte, die heutzutage der dramaturgischen Intensität wegen meist in knapp zwei Stunden am Stück runtergespielt werden. Die Oper Jenůfa erzählt von Leidenschaft, von Eifersucht, Leichtsinn, Trunksucht und unerschütterlicher Liebe. Und von dem Wundervollem, das im Menschen steckt. Janáček sieht mit seiner Musik den Protagonisten in die Herzen. Da ist alles gedrängte Substanz, hat alles Schlagkraft, von den motivischen Repetitionsmustern bis zu den glühenden Aufschwüngen. Und das Dorfdrama wendet sich trotz allem Horrormuff sogar zu einem Happy-End, das aufrichtig rührt. Was will man mehr?

Evelyn Herlitzius / Foto: Livestream Staatsoper/3sat

Apropos Dorfmilieu. Das präsentiert Regisseur Damiano Michieletto in seiner Inszenierung modern-kühl. Man sieht einen vorne offenen, eisblau hinterleuchteten Kubus aus transparenten PVC-Hohlkammerpaneelen (Bühne: Paolo Fantin). Darin stehen vier Massivholzbänke Typ Ikea Nordby. Mehr Empathie will Michieletto nicht wagen. Richtig vom Hocker haut einen die Baumarkt-Anmutung nicht. In einer Ecke drängt sich schüchtern Ostkrempel: brennende Kerzen, eine Tisch-Monstranz, ein kitschiges Kreuz, vergoldet – letzte Reste slawischer Frömmigkeitsfolklore. Hübsch die Kostümkreationen der Dorfleute, die pi Mal Daumen aus den Siebzigern stammen und deren angegrautes Pastellblau (Carla Teti) seit ein paar Jahren in jeder zweiten Inszenierung zu sehen ist, von Tscherniakow bis Wieler/Morabito. Macht nichts, sieht trotzdem stimmig aus.

Jenůfas Verlobter Števa ist ein Bruder Leichtfuß, aber kein Tunichtgut. Ladislav Elgr (Camouflage-Kittelchen, Sträußlein in der Brusttasche) spielt und singt das packend in aller Partylust und aller stumpfen Verzweiflung. Der treu liebende Laca ist ein sympathischer Tollpatsch mit zerknautschter Miene, der mit spannungsvollem Tenor (Stuart Skelton, zu Anfang bisserl rau) seine Liebste doch noch gewinnt. Die zentrale Figur der Küsterin und Stiefmutter macht Evelyn Herlitzius (in grau-brauner Kostümuniform) zum Ereignis. Ein Sopran wie Stahlwolle. Mit jeder Faser dingt ihre Stimme – essigsauer, gleißend – in die Faltungen dieser vereinsamt-tragischen Persönlichkeit. Vielleicht kann das derzeit niemand besser. Camilla Nylund zeichnet die Jenůfa als eine Frau mit starken Gefühlen, als innerliche, zutiefst zweifelnde Natur, halb Landpomeranze, halb Dorfschönheit. Vor lauter Ich-weiß-nicht-aus-noch-ein klammert sie sich an ein Kräutertöpfchen. Nylund hat die Physis, den Ausdruck, die Farben, die Höhe – nur dass das Tschechische nicht mit Legato-Leichtigkeit, sondern eher mit finnischer Gründlichkeit aus ihrem Mund hervorgelockt wird. Es ist ein gelungenes Rollendebüt.

Hohlkammerpaneelkubus / Foto: Staatsoper Berlin/3sat

Genau gezeichnet erscheinen auch die Nebenfiguren. Freilich, die Personenführung könnte mehr Biss vertragen. Als alte Buryjovka bietet Hanna Schwarz (eisgraues Haar) eine packende Gesangsleistung. Man genießt selbst am PC jede Sekunde. Altgesell Jan Martiník ist ein Bär in schlecht sitzender Schlabberhose, speckiger Lederjacke und mit trostlos angeklebtem Altmänner-Scheitel. Auch ein Augenschmaus: der Richter von David Oštrek im Kunstpelzkragen-Mantel und Frisur und Bart à la Solschenizyn. Gleichermaßen gelungene Porträts stellen dessen patente Frau (Natalia Skrycka) sowie die extrovertiert schäkernde Karolka von Evelin Novak dar. Ins gute Ensemble fügen sich die Schäferin Aytaj Shikhalizada (guter Mezzo), die viel Wärme ausstrahlende Barena als Anführerin der Dorfmädls (Adriane Queiroz), der jugendlich aufgedrehte Bursche Jano (Victoria Randem, radschlagend) und die Base Anna Kissjudit (saftiger Mezzo).

Küsterin, Wiege, Teppich, PVC-Paneele / Foto: Staatsoper/3sat
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Live aus Corona-Berlin II: Philharmoniker mit Trifonow, Konzerthaus mit Fischer, Unerhörte Musik mit lovemusic

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Mittwoch, 20. 1. 2021, Konzerthaus. Ivan Fischer wird 70. Das Konzerthausorchester gratuliert mit der Aufführung von Fischers Komposition Eine deutsch-jiddische Kantate auf jiddische und deutsche Texte. Anna Prohaska singt bestechend klar und verhangen, so wie nur sie das kann. Peter Dörpinghaus trompetet mit akkuratestem Gefühl. Das Geburtstagskind dirigiert vorzüglich.

Sopran, Geburtstagskind, Trompete / Foto: Livestream Konzerthaus

Dienstag, 26. 1. 2021, BKA-Theater. Unerhörte Musik sendet wieder, heute mit dem Ensemble lovemusic aus Winnie Huang (Geige), Lola Malique (Cello), Emiliano Gavito (Flöte), Adam Starkie (Klarinette). Man beginnt mit US-Minimalismus von Pauline Oliveros (Sonic Meditation 1 Teach Yourself to Fly, 1974, interessanter gruppentherapeutischer Einschlag), geht zu Carola Bauckholt und den locker delikaten Luftwurzeln von 1993 über und landet bei der Kolumbianerin Violeta Cruz, die in New Piece fast ein Konzert für Aufdrehfiguren schafft. Der Ton ist eigen, die Textur licht und angemessen surrealistisch (Uraufführung). Auch Cove von David Bird ist eine Uraufführung. Das Werk gibt sich einem unaufhörlichen Fließen hin, und was so entsteht, kann als intimes Palaver zwischen entspannten, hochkonzentrierten Musikern beschrieben werden. Schlussendlich von Sivan Cohen Elias das dicht komponierte Air Pressure (2010), ein Stück voller Kontrastspannungen und rabiater Virtuosität, in dem sich die Töne wie von selbst vermehren.

lovemusic im BKA-Theater / Foto: Livestream Unerhörte Musik

Freitag, 29. 1. 2021, Philharmonie. Die frisch getesteten Berliner Philharmoniker spielen Thorvaldsdóttir (Neues), Prokofjew (Konzert), Suk (Tondichtung) – in der Philharmonie konzertiert man wieder abendfüllend. Das neue Werk von Anna Thorvaldsdóttir heißt Catamorphosis. Es zielt auf vom Strom der Zeiten glattpolierte Klangräume, auf geheimnisvolle Unisono-Glissandi, also auf das große Ganze. Die handwerklich wie klanglich beeindruckende Komposition passt ins Zeitalter der digital perfektionierten Landschaftsaufnahmen und Arktiskreuzfahrten in 1.-Klasse-Kabine.

Prokofjews hübsches Klavierkonzert Nr. 1 klingt heuer heiter. Trifonow triumphiert. Eine flüssigere Technik gibt es nicht. Es klingt heiter, flüssig und unvorstellbar vollkommen. Bis weit ins Scherzo hinein wird fast akzentlos gespielt – Trifonow, der Profkofjew-Klassizist. Der Ton klingt – zumindest in digitale Bits verpackt und mit 16.000er Leitung – wie auf Diät, superschlank, aber Leidenschaft fehlt. Das Des-Dur-Thema turnt Daniil Trifonow hinauf, als hätte er Ballettschlappen an. Der Russe packt seine stählerne Kraft in Strickhandschuhe. Das Opus 10 von 1911 klingt aufgeräumt, nicht aufgezäumt. Keine Spur von brillantem Futurismus, von überschäumender Argerich-Kompliziertheit, von Richter-Wucht. Man höre Abbado und den umwerfenden Kissin. Und hat selbst Trifonow nicht schon mit Gergiew mehr klirrenden Bizeps, mehr Chuzpe gezeigt? Folgt also das Andante. Trifonow hängt über den Tasten wie eine entkörperlichte Lemure.

Der Anzug sitzt: Daniil Trifonow / Foto: Livestream Digital Concert Hall
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Live aus Corona-Berlin: DSO im Club, Unerhörte Musik im BKA, Petrenko in der Philharmonie

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Alles easy? Von wegen, der Klassikbetrieb ist voll im Corona-Modus. Und meist ist verschoben doch aufgehoben, gecancelled, abgesagt. Business as unusual eben. Man ist froh über das Wenige, das hinter geschlossenen Konzerthaustüren gespielt wird.

Zum Beispiel über das Deutsche Symphonie-Orchester. Das packt die Gelegenheit beim Schopf und macht da weiter, wo es 2020 aufgehört hat: beim Konzertfilm. Dieses Mal filmt das DSO samt Chefdirigent Robert Ticciati aus dem Club Sisyphos an der Rummelsburger Bucht. Man sieht, wie das Orchester sich zwischen Warmspielen und Großgruppentherapie unter Anleitung von Ondřej Adámek auf das, was kommt, vorbereitet. Bei 3:20 fließen Zuschauer und Zuhörer langsam zu Dusty Rusty Hush von Adámek über, das mit seinen frühindustriell verdüsterten Pulsationen durchaus als Hommage an die coole Club-Kulisse taugt.

DSO-Trompeter blasen der Club-Kultur den Marsch / Foto: Livesteram DSO

Die Kamera nimmt flink die Musiker ins Visier: Tubisten aus der Frosch-, Schlagwerker aus der Vogelperspektive. Das passt zum Flow der Musik, ist nicht aufdringlich, weil sie zeigt, dass es um Konzentration geht, um Arbeit, um Musik“machen“. Derweil geht es in Dusty Rusty Hush um Geburt, Ausschwingen, Abebben und Wiedergeburt rhythmischer Prozesse – die in bester tondichterischer Tradition immer auch als Fabrikprozesse deutbar sind. Als Stück nach dem Stück folgen daraufhin flüsterleise Improvisationen: Geige, Klarinette, Posaune. Selten sieht man so intensiv, wie Musiker Kollegen beim Musikmachen zuhören.

Mini-Ensembles im BKA, Petrenko mit Russischem

Dem Virus ein Schnippchen schlagen. Das ist genau das, was die Konzertreihe Unerhörte Musik tut. Live streamt sie aus dem BKA-Theater am Mehringdamm, und zwar jede Woche dienstags. Mit Mini-Ensembles verteidigt man klug die Freiräume, die das gestrenge Virus lässt. So erklingen im ersten Januar-Konzert Trios für die Besetzung Geige, Klavier und Gitarre (Emily Yabe, Ermis Theodorakis, Martin Steuber). Die Werke von Gabriel Iranyi (Blicke auf Hiroshima), Art-Oliver Simon (nilreB) und Michael Quell (A Blurring Cloud) sind umso reizvoller, je karger sich die äußere Klanggestalt gibt. Wer den spartanischen Live-Klang goutiert, findet hier vorzügliche Interpretationen relativ unbekannter Werke abseits ausgetrampelter Programmpfade.

Dem Virus ein Schnippchen schlagen: Konzertreihe Unerhörte Musik/ Foto: Livestream BKA-Theater

Bleiben noch die Berliner Philharmoniker, die aus der virusleeren Philharmonie ab 9,90€ in die globale Musikgemeinde streamen. Zu hören sind, selten genug, drei Symphonische Dichtungen, und das en suite. Das Programm umfasst Romeo und Julia, Toteninsel und Francesca da Rimini, und immer heißt die Botschaft: Tod. Kirill Petrenko tischt das Tondichtungs-Trio phänomenal akkurat auf, vereint kammermusikalische Tugenden mit der blendenden Präzision des Orchesterdompteurs. Der Klang ist flüssig und hell, spartanisch und schlank, auch in den gleißenden Explosionen. Es gibt bei Petrenko ein heißes Herz. Und doch klingt es bisweilen, als hätte er Angst, auch nur ein Schnipselchen eines Meisterwerks unter den Tisch fallen zu sehen. Das Ergebnis fällt für die einzelnen Werke unterschiedlich aus. Bei Romeo und Julia von Tschaikowsky bleibt etwas Unerfülltes im Klang. Mein Eindruck: die Fantasie-Ouvertüre kann sich aus dem Korsett des Tempos nie ganz befreien (war bei Karajan genauso. Dessen Romeo ist eine seiner weniger wichtigen Aufnahmen).

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Ultraschall Berlin II: Emre Dündar, Stefan Keller, Ensemble Experimental, Trio Catch

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Zwei Porträtkonzerte gibt es an Ultraschall-Tag 4. Sie gelten den Komponisten Emre Dündar und Stefan Keller. Cool: Sowohl die Dündar-Werkschau wie auch die Keller-Retrospektive gehen live im Radialsystem über die Bühne. Für das Emre Dündar (geboren 1972) gewidmete Konzert spielt das Ensemble KNM Berlin unter Leitung von Titus Engel vier neue und neueste Stücke.

Dündar ist irgendwie leicht zu hören. Schwerer ist zu erklären, woran das liegt. Sowohl Vagabond III für Flöte (Rebecca Lenton), Akkordeon und Cello (2020) als auch Récit ductile für Klarinette und Streichquartett (2019) haben diesen gewissen Reichtum musikalischer Gestalten. Unversehens wird daraus dieses unbekümmert fließende Kontinuum. Das Timbre ist klangsinnlich, das Gespür für Farbe echt. All diese Vorzüge sind auch in Parergon zu „De vulgari eloquentia“ anzutreffen (Uraufführung einer Neufassung). Rein musikalisch ist da ein dichter Monolog einer Hauptstimme, zu dem leisere Nebenstimmen treten.

Altmeister Theo Nabicht an der Kontrabassklarinette / Foto: Simon Detel

In einem weiteren Sinn stellt das Werk eine kurzweilige, ernste Huldigung an eine ausgestorbene kaukasische Sprache dar, wobei der Komponist den virtuosen Sprechpart übernimmt. Um Sprache, dieses Mal um lyrisch gebundene, dreht sich auch Soirée gothique (2018) nach drei Gedichten Emily Dickinsons. Die Singstimme (Eva Resch) hat in diesen Mini-Dramen atemberaubend überdreht zu agieren. Den rasanten Kosmos aus theatralischen Gesten, den Dündar heraufbeschwört, macht Reschs Sopran intensiv hörbar. Inklusive divenhafter Hustenanfälle und hysterischer Ausrufe. Eingebettet wird das in flatterhafte Klangflächen, die der Singstimme stets höflich den Vortritt lassen.

Porträtkonzert 2 zu Stefan Keller vereint fünf Stücke von 2005 bis 2017. Keller ist Schweizer. Seinen Kompositionen eignet eine Plastizität, die selbst ruhigere Werke wie Breathe für Akkordeon, Klavier, E-Gitarre und Live-Elektronik auszeichnet, die sichaber, wie in Schaukel (2015), zu rhythmischer Kraft und wuchtig-griffigen Geigeneinsätzen steigern kann. Ma’s Sequence 7 (2004-05) hingegen ist eine Bearbeitung des gleichnamigem Werks von Riccardo Nova und lebt von dem Kontrast von diskret monologisierender Trompete (Markus Schwind) und entspannt vor sich hinklöppelnder Perkussion.

Das raffiniert fließende Stück für Klavier (von 2009), transparent gespielt von Florian Hoelscher, huldigt freilich einem traditionellen Tonfall, was nicht verhindert, dass ich es gerne höre. Verglichen mit diesen zarten Klängen bietet das 2017 entstandene hybrid gaits reichlich fluffiges Ohrenfutter, ohne einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Die Moderation von Leonie Reineke und Rainer Pöllmann trägt ihren Teil dazu bei, den Abend möglichst angenehm zu machen.

Tag 5: SWR Experimentalstudio, Trio Catch, Séverine Ballon

Sonntag. In Berlin herrscht Schnee, klingt Kälte und fällt Neue Musik. Ultraschall-Tag 5 ist erreicht.

Vorläufiges Fazit: Ultraschall klappt auch über Radio. Heftiger Programmänderungen zum Trotz zeichnet sich eine Festivaldramaturgie ab. Netter Nebeneffekt: Zum ersten Mal höre ich alle Konzerte, weil das Pendeln zwischen den Veranstaltungsorten erspart bleibt und die Superspät-Konzerte entfallen. Alles nicht so schlimm mit Corona? Das nun auch wieder nicht. Und damit zum Sonntag, der erneut zwei einstündige Konzerte bündelt.

Für Ultraschall vorproduziert wurde das Konzert des Ensemble Experimental vom SWR Experimentalstudio.

Ver-Blendung (2016) von Detlef Heusinger, dem Leiter des SWR Experimentalstudios, gibt sich lebendig und introvertiert, im Detail kurz-, als Ganzes langweilig, die Textur ist nicht zu dicht und nicht zu dünn (Bassflöte: Maruta Staravoitava). In Vito Žurajs Round-robin (2014) duelliert sich das fixe Akkordeon (kompetent Teodoro Anzellotti) witzig mit Live-Elektronik, und die hört sich an wie das Würstchen, das überm Lagerfeuer brutzelt. 2006 komponierte Mark Andre …hoc… für Solo-Cello und Elektronik. Die etwas ratlos wirkenden Punkte im Titel sagen nichts über das Stück. Denn …hoc… klingt alles andere als ratlos. Vielmehr erweist es sich als vielgestaltig im Mikroskopischen und als durchfurcht von einem äußerst produktiven Minimalismus der Gesten (mit allen Wassern zeitgenössischen Cello-Spiels gewaschen: Esther Saladin). Von Petra Strahovnik erklingt schließlich Appulse von 2017, das Rei Nakarmura am Flügel nach und nach aus der Starre des Beginns befreit und in etwas Gleitendes, seltsam Formloses, Unscharfes überführt. Gefällt mir gut. Insgesamt ein hochkompetentes, auch in der Stückzusammenstellung gelungenes Konzert. Ein Hoch auf die kleinen Rundfunkensembles.

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Ultraschall Berlin 2021: Notos Quartett, Ensemble Mosaik, Phønix16, Janßen-Deinzer & Sun

Allen Corona-Unkenrufen zum Trotz: Ultraschall, das Neue-Musik-Festival aus Berlin, findet statt. Nicht dabei sind zwar die Orchester RSB und DSO. Aber es wird live vor den Mikros gespielt – oder vormittags aufgenommen und abends gesendet (auf Kulturradio oder DLF). Es lebe das Radiokonzert. Auf neun Konzerte bringt es das Festival so, vier immerhin werden live musiziert.

Ultraschall-Tag 1 beginnt mit dem paritätisch besetzten (2 ♀, 2 ♂) und bestens präparierten Notos Quartett, das kein Streich-, sondern ein Klavierquartett junger Leute ist. Zwei Uraufführungen stehen im Fokus, Schwarze Perlen des Österreichers Bernhard Gander und Spirals des US-Amerikaners Bryce Dessner. Beide Werke verpflanzen quer zum Neue-Musik-Konsens ostinate (Metal-)Rhythmen in die Neue Musik. Das hat seinen Reiz und seinen Preis. Insbesondere letzteren, wenn wie bei Gander strikte Terrassendynamik und starre Motivkulminationen zu Hörfrust und Einförmigkeit führen.

Gut gelauntes Notos Quartett bei Ultraschall / Foto: Simon Detel

Dessners Spiral-Werk hingegen klingt umso soßiger, je konzilianter es ist, und schlittert geschmackssicher in die Kitschzone. Klar abgesetzt dagegen erklingt Still Movement with Hymn (1993) von Aaron Jay Kernis aus Philadelphia. Thematisch umkreist Kernis‘ Stück den Bosnienkrieg, es erreicht den Hörer über leise Töne und leise Trauergesten.

Donnerstag: Ensemble Mosaik mit Mastel & Galindo Quero

Dann eine Uraufführung von Konstantia Gourzi. Den ökologisch inspirierten, einem frugalen Melos frönenden messages between the trees für Viola solo mag man den in sich gekehrten Monolog-Charakter nicht absprechen, auch wenn dessen neu-alte Einfachheit nicht recht verfangen will. Es musiziert der Bratschist Nils Mönkemeyer. Insgesamt also ein durchwachsener Start in die publikumslose Radio-Corona-Edition von Ultraschall.

Was bringt der zweite Tag? Donnerstag, 20 Uhr wird jedenfalls live aus dem Großen Sendesaal an der Masurenallee gesendet.

Es geht gleich in medias res mit Joshua Mastel und spread in lobes like lichen on rock (2020). Klug thematisiert das Stück natürliche und menschengemachte Wachstumsprozesse und kondensiert Hyper-Phänomene zu geheimnisvollem Blubbern, Knistern, Flüstern. Das tönt mal vergnüglich, mal bedrohlich und entfaltet speziellen Reiz, ohne das Neue-Musik-Rad gleich neu erfinden zu wollen. Von der Spanierin Irene Galindo Quero fasziniert das uraufgeführte si callalo pudié sentirsas. Es gibt hier eine verrätselte Klarheit karger Bläserstimmen, die zunehmend von Bruchstücken zweier rezitierter Gedichte von Ángela Segovia überlagert werden: Es verstummt die fragile Polyphonie, je deutlicher der Text wird.

Im Großen Sendesaal: Ensemble Mosaik teilweise ohne Schuhe / Foto: Simon Detel

Das Ensemble Mosaik interpretiert mit akribischer Verve. Den Beschluss macht Ulrich Kreppein mit dem gut halbstündigen Nachtstück (2018). Hier dient wieder einmal außermusikalisches Material, in diesem Fall eine achtstündige Feldaufnahme aus einem Hotel im nächtlichen Seoul, als Inspirationsquelle. Das Ergebnis ist eine locker gefügte Klangereignis-Geräusch-Studie, die wie eine jener Video-Stills wirkt, die einen auf Ausstellungen so gerne ratlos machen. Interessant, aber zu lang, zu sporadisch.

Freitag: Sopran und Klarinette pur

So weit also die Live-Übertragung in Deutschlandfunk Kultur, übrigens zur besten Sendezeit. Sodann beschließt (als Vorab-Produktion) ein Auszug aus der topaktuellen Presidential Suite von Mathias Monrad Møller den Ultraschall-Donnerstag. Tiffany (2017) verarbeitet Aussagen der diesseits des Atlantiks herzlich unbekannten, gleichnamigen Trump-Tochter, was teils erfrischend virtuos, teils langatmig anzuhören ist. So hingebungsvoll das Berliner Ensemble Phønix16 unter der Leitung von Timo Kreuser auch musiziert. Die Krux ist, dass die tagespolitische Aktualität da auch nicht weiterhilft.

Dann mal nichts wie rein in Tag 3.

Der Freitag bringt ein Live-Konzert aus dem Heimathafen Neukölln für Sopran und Klarinette. So intim die Besetzung ist, so weit öffnet sich der Programmfächer. Kein Stück gleicht dem anderen. Das Programm entzückt. Zwischen die Alt-Meister Manoury, Hosokawa, Rihm und Aperghis schieben sich neue und neuste Werke diverser Herkünfte und Dispositionen.

Zuerst Xanadu (1989) von Philippe Manoury, benannt nach Orson Welles‘ Citizen Kane. Hier ist der Gesangspart deklamatorisch durchgestaltet, während die Klarinette (Nina Janßen-Deinzer) spielerisch Gegengewichte setzt. In dem mininaturhaft kurzen fiskeheijren findes (2019) lässt der junge Spanier Mikel Urquiza die Sopranstimme virtuos und frappierend artifiziell agieren. Die Textquelle ist dieses Mal Lyrik der dänischen Dichtern Inger Christensen. Ganz anders erfolgt der Zugang bei Zu singen von Wolfgang Rihm nach einer einzelnen, späten Gedichtzeile Hölderlins (2006). Rihm arbeitet hier mit jener sorgfältigen Linearität, die sein Spätwerk oft auszeichnet. Große Sprünge, extreme Lagen und Wortnähe führen zu einer auf Ausdruck und Versenkung zielenden Tonsprache. Bleibt nur die Frage, ob Zu singen einfach überlebte Spätkunst darstellt oder nicht doch von tadelloser Meisterschaft ist. Und schon ist man bei der ersten Uraufführung des Abends.

Arnulf Herrmann lädt den Wiegenliedklassiker Rockabye mit viel abgründigem Schrecken auf. Die Mittel hierfür sind abgehackter Vortrag und spukhafte, ins Piano abgleitende Melismen. Nur der Einsatz von Ratsche und Spieluhr sind dann doch des Guten zu viel.

Nina Janßen-Deinzer, Sarah Maria Sun bei der Arbeit / Foto: Simon Detel
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Silvesterkonzert Berliner, Neujahrskonzert 2021 Wiener Philharmoniker

Das Virus legt die Axt auch an die reiche Silvesterkonzert-Kultur. In Berlin erklingt keine Beethoven-Neunte, weder von Staatskapelle noch von RSB. Das DSO spielt nicht sein traditionsreiches Zirkus-Konzert und in Deutscher und Komischer Oper schweigt die Operette. Immerhin streamen die Berliner Symphoniker unter dem verheißungsvollen Titel Feuer der Leidenschaft mitten am Silvesternachmittag prickelnde Kost von Strauß, Delibes, Offenbach, Bizet und Paul Lincke. Bernhard Steiner dirigiert, und Anna Werle singt mit echt halbseidener Stimme Ah! Que j’aime aus der Großherzogin von Gerolstein und das Schwipslied aus der Nacht in Venedig. Und Paul Lincke (Berliner Luft) ist doch der alleinige und einzige Berliner Johann Strauß.

Anna Werle: Irgendwas prickelt und kitzelt im Blute

Wenig später bitten die Berliner Philharmoniker in der Digital Concert Hall zum wie immer Party-tauglich früh terminierten Silvesterkonzert, Punkt 18 Uhr. Die gute Tradition themenbezogener Silvesterabende führt ja auch Kirill Petrenko fort. Letztes Jahr mit einem US-amerikanischen Mix aus Gershwin und Weill, 2020 segeln die Philharmoniker unter spanisch-lateinamerikanischer Flagge. Für das erste Stück reicht sogar der vage Bezug Sevilla, wo bekanntlich Beethovens Oper Fidelio bzw. Leonore spielt. Von den insgesamt vier von Beethoven komponierten Ouvertüren erklingt die ein ernstes Jahr ernst verabschiedende Leonoren-Ouvertüre Nr. 3.

Berliner Philharmoniker: unter spanischer Flagge

Dann beginnt der recht unterhaltsame, spanisch inspirierte Melodienreigen. Zwei wirkungsvolle Stücke aus Manuel de Fallas El amor brujo machen den Anfang. Sodann folgt Joaquín Rodrigos flottes Concierto de Aranjuez von 1940, das der spanische Gitarrist Pablo Sáinz-Villegas mit vornehm gezügelter Eleganz hinlegt und das Petrenko supergenau in die leere Philharmonie zirkelt. Es ist auch Sáinz-Villegas, der anschließend die Spanische Romanze eines Anonymus mit durchnuanciertem Vibrato veredelt. Von Villa-Lobos dann die wirkungsvollen Bachianas Brasileiras Nr. 4 (1941) und von Rimsky-Korsakow das eher unbekannte, chamäleonhaft farbchangierende Capriccio espagnol mit dem schönem quasi guitara der Streicher im canto gitano. Das Adiós kommt heute von Schostakowitschs frech versierter Filmmusik-Suite Die Hornisse.

Eine ungewöhnlich ruhige Silvesternacht später sendet der ORF aus dem Großen Musikvereinssaal das Wiener Neujahrskonzert. Natürlich auch ohne Publikum. Die Wiener Philharmoniker geben sich pünktlich um 11 Uhr 15 die Ehre. Es leitet – zum sechsten Mal – Riccardo Muti.

Los gehts mit Franz von Suppés handfestem Fatinitza-Marsch. Von Johann Strauß (Sohn) sodann der Walzer Schallwellen, den Eduard Hanslick 1854 herb kritisierte (falsches Pathos, klägliche Akkordfolge), der behäbig-sinfonisch und mit hübschen Oboen-Figuren verziert anhebt – einfach bezaubernd. Weiter geht es mit der russisch überzuckerten Niko-Polka. Und von Johanns Bruder Josef stammt die Schnell-Polka Ohne Sorgen!, ein geradezu idealer Titel für ein Neujahrskonzert. Carl Zellers Grubenlichter-Walzer von 1894 beweist, dass auch im Wien der 1890er Verismo-Tendenzen goutiert wurden, die zugehörige Bergwerks-Operette hieß übrigens Der Obersteiger. Von Carl Millöcker, dem Komponisten des Bettelstudenten, auch er ein Wiener, ertönt der Galopp In Saus und Braus.

Die Wiener Philharmoniker: Walzer, Galopp, Schnell-Polka, Marsch, Quadrille, alles dabei

Der zweite Teil des 1.-Jänner-Konzerts beginnt mit Suppés noch von Weber’scher Brillanz und Donizetti’schem Ouvertüren-Brio gezeichneter Ouvertüre zu Dichter und Bauer (1846). Gut fürs Gemüt ist das Duo aus Cello und Harfe auf jeden Fall.

Neujahrskonzert: volkstümliche Allüre und Tanz-Bravour

Für uns Nicht-Österreicher, die wir den Kaiserwalzer ständig mit Der schönen blauen Donau verwechseln, hält das Neujahrskonzert auch dieses Jahr wieder interessante Österreichiana bereit.

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Berliner Livestream-Lese IV: 2 x Philharmoniker mit Nelsons, KNM Contemporaries, DSO im Wald

Kommen die Konzertorchester besser durch die Krise? In der nicht endenwollenden Lockdown-Misere wirken sie agiler als die Opern mit ihren Hunderten von Mitarbeitern. Auch wenn die Staatsoper gerade den Lohengrin gestemmt hat und die Komische Oper ein kleines, feines Weihnachts-Stream-Festival auflegt.

Umtriebiger sind dennoch die Orchester. Das DSO startet dieser Tage sein Konzertfilm-Projekt. Das RSB kredenzt am 23. sein Weihnachtskonzert mit Bach, Bartholdy, Williams. Am preußischsten machen es mal wieder die Philharmoniker. Die machen eisern Corona-Dienst nach Vorschrift. Immer samstags, 19 Uhr, öffnet die hauseigene Concert Hall fürs Bezahlpublikum. Glücklich ist, wem die Deutsche Bank so was sponsort. Das 24-Stunden-Ticket kostet 9,90, das 30-Tage-Ticket 19,90. Eines gilt aber für alle Konzerte: Die Programme werden munter immer wieder neu zusammengestellt. Es lebe die Spontaneität jenseits des Zwangs von Abonnement oder Vorverkauf.

Mal ganz ehrlich, die guten, alten Konzerte mit Vollpublikum wird es vor Herbst, wenn überhaupt, nicht geben. Schon eher kommt das Konzert für Geimpfte und Antikörperträger.

Samstag, 12. 12., 19:00, Philharmonie. Die Berliner spielen Strawinskys Violinkonzert. Das schnurrt zwar beflissen sein neoklassizistisches Pensum ab, aber Strawinsky wäre nicht Strawinsky, wenn er nicht für viel Aufregung sorgen würde. Zuletzt gespielt hat man das Konzert 2008 mit Dudamel/Mullova, aufgenommen offenbar nur einmal, mit Ančerl/Schneiderhahn. Nach Amour fou hört sich das nicht gerade an. Doch dirigiert Andris Nelsons toccata-lässig, mit jener Unbekümmertheit, die immer noch sein Markenzeichen ist. Das tönt anfangs sogar ziemlich mainstreamig, swingt diskret, klingt herzhaft. Geigerin Baiba Skride (bodenlanges, rotes Kleid) bringt vieles unter einen Hut: das Schräge, das Empfindsame, das Virtuose. Hahn spielt das Konzert bedingungsloser, Kopatschinskaja übertriebener, der leicht überschätzte Capuçon grauer, Mutter langweiliger (wenn sie es denn überhaupt spielt). Uneingeschränkte Lufthoheit liegt Skride nicht. Ihr Ton verströmt Diskretion. Statt Motorik entdeckt Skride eine Art intimes Parlando. Ich habe Skride lange nicht gehört und bin entzückt. Nelsons macht sich erst allmählich locker, lässt dann aber umso mehr Farben und Witz sprühen. Als Konzert im Konzert dienen ein ums andere Mal die alles andere als fußfaulen Soli der Instrumentalsolisten, besonders von Fagott und Horn (Cappriccio). Das Werk wurde 1931 im Rundfunkhaus uraufgeführt, vom heutigen RSB. Mahlers 1. Sinfonie ist die Art Musik, die via PC-Soundkarte zu viel verliert, da zu lang, zu klangmächtig. Also nicht reingehört. Nelsons befindet sich im Übergang vom Bäuchlein zum Bauch.

Samstag, 19. 12., 19:00, Philharmonie Berlin. Genau eine Woche später steht der Lette ein weiteres Mal vor den Philharmonikern und springt für Iván Fischer ein. Liszts 2. Klavierkonzert spielt der junge Südkoreaner Seong-Jin Cho. Liszts Arbeitstitel Concerto symphonique deutet das auch heute noch frappierend Unorthodoxe des Werks an. Cho spielt seinen Einsatz unbeschreiblich klar und schön (armonioso-Nonolen). Sein Anschlag ist makellos, der Klavierton hypergenau, die Technik glanzvoll, vollkommen gleichmäßig durchgebildet. Sein Vortrag sagt aber (noch) zu wenig. Alles Seelische klingt unerfüllt. Es fehlt was Eckiges, Herbes. Die abenteuerliche Traumwelt Liszts mit ihrer Poesie hat Cho noch kaum betreten. Dennoch ist es schön, eben dieses Konzert mit dem hochbegabten Cho hören zu können.

Die 5. Sinfonie von Beethovn. Hochgelobt wurde Nelsons‘ Fünfte zu Saisonbeginn mit dem Gewandhaus. Heute in Berlin bleibe ich zuerst reserviert. Nelsons lässt nichts anbrennen, stößt aber auch keine neuen Türen auf. Man ist langsamer als Rattle. Im Andante klingen die Tutti-Blöcke des Marschthemas nach gefährlich wenig. Vergnüglicher läufts im nicht auf Klangfarbenwerte verzichtenden Scherzo (Allegro), und im Finale, wo man gerade die Musik jenseits des Jubels hört: die Feinarbeit der Streicher, das charakteristische Eigenleben der Holzbläser, die virtuose Griffigkeit des Blechs. Jetzt sind Leichtigkeit im Tutti, Lockerheit in den Crescendi, bis zu jenem letzten, das in die Presto-Stretta mündet. Nelsons und die Berliner wollen ihren Beethoven nicht allzu schicksalssinfonisch verstanden wissen. Man muss hinhören, aber da ist dann doch eine sehr interessante interpretatorische Note vernehmbar. Kelly Oboe (schön in der berühmten Reprisenstelle), Fuchs Klarinette, Pahud Flöte. Die drei verrichten gerade im Andante Maßarbeit.

Welche Erfahrungen sammelt man nach zwei Monaten Corona-Streaming? Mahler, Bruckner, Brahms interessieren mich zur Zeit weniger. Haydn, Mozart, Beethoven, Saint-Säens gehen. Alpensinfonie nein, Metamorphosen ja. Wagnertuben und einstündige Sinfonien nein. Lieber Iberts fröhliches Flötenkonzert oder Bizets jugendleichte C-Dur-Sinfonie, wie jüngst von den Berlinern gespielt. Aber das sind nur persönliche Eindrücke.

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Lockdown-Lohengrin-Premiere an der Staatsoper Berlin: Bieito, Alagna, Miknevičiūtė

„Unechte“ Premiere an der Staatsoper Unter den Linden in diesem an Premieren so armen Theaterwinter. Aber die Staatsoper zeigt Flagge, setzt ein Zeichen, gegen Virus-Angst und Absagen-Tristesse. Wenn man auch Lockdown-gemäß ohne Publikum spielt und Orchester und Chor Corona-kompatibel kleingeschrumpft wurden.

Bei Arte gibts die Premiere zeitversetzt, zu fürs Massenpublikum untauglicher Zeit, denn wenn Herr Alagna Mein lieber Schwan intoniert, geht es stramm auf zwei Uhr in der Frühe zu. Das Bild ist Arte-üblich hochprofessionell, nur am Ton haperts, der klingt akustiktrocken, ja, hallig. Nur am Saal kann’s nicht liegen.

Matthias Pintscher dirigiert, Calixto Bieito zeigt eine erratische, aber doch nicht ganz schlechte Inszenierung – das ist jedenfalls der Eindruck aus der Schlüssellochperspektive am digitalen Bildschirm. Rebecca Ringst baut einen von Lichtstelen umstandenen, mit kubisch-kühlen Tischmöbeln befüllten Showroom, der mit seiner Neon-Leuchtkraft eine rabiate Präsenz gewinnt. Hinten thront die stählern nackte Sängertribüne, rechts steht ein strahlend weißer Delinquenten-Käfig, in dem nacheinander Elsa, Telramund und König Heinrich (warum der?) einsitzen. Heimeliges Schwanenritter-Ambiente hätte man bei Bieito auch nicht erwartet, und weil Bieito es gerne deutlich mag, strahlt auch das in makellosem Zahnpasta-Weiß gehaltene Designersofa (das Ehebett der Brautgemachszene) klinisch-kalte Perfektion aus. Spätestens jetzt kapiert auch der begriffsstutzigste Wagnerianer. Lohengrins Glanz und Wonne ist nichts anderes als eine Kunst-Welt aus tödlicher Perfektion.

Vida Miknevičiūtė I: Elsa in Nöten

Bis der Schwanenritter eintrudelt, fristen die Brabanter Mannen ein Leben als graue Büro-Mäuse. Erst unter dem Einfluss des Heerrufers (Adam Kutny, ungewöhnlich hellklingend), der als kokain-beschwingter Bajazzo sein Unwesen treibt, werden sie zu einem gefährlich abgedrehten Bürovölkchen. Bei Gottesgericht und Gotteskampf ist dann so etwas wie eine Koks-Sause im Gange, heftig flackern die Neonröhren, und nackte Männerbrüste sowie viel Blut sorgen für Abwechslung, aber mehr hehres Wunder ist dann auch nicht.

Alagna: Tenor-Grandezza versprüht er in den großen Momenten

Denn natürlich ist etwas faul im Staate Brabant. König Heinrich (René Pape, Bass-satt und autoritativ) wird von hässlichen Muskelticks geplagt. Und in Bieitos kalt sezierender Lohengrin-Lesart ist Elsas Retter nur der neue CEO, der sich aus des Grals A-Dur-Reich direkt auf den Chefsessel beamt. Scheinbar hat er erfolgreich ein Führungskräfte-Seminar von Reinhold Messner besucht: Im Gotteskampf ringt er Telramund allein durch konzentrierte Geisteskraft nieder.

Vida Miknevičiūtė II: nascht von der Hochzeitstorte

Roberto Alagna singt das im schwanenhellen Sommeranzug, sehr stimmenhell, weich klingend, mit Bedacht phrasierend, aber im Piano (und nicht nur dort) bröckelt das Legato wie trockenes Brot. Immerhin, Tenor-Grandezza versprüht er in den großen Momenten. Man kann nie recht sagen, ob Alagna hier auf Regie-Befehl einen Ritter ohne Eigenschaften spielt, oder ob er einfach gewaltig mit der Rolle fremdelt. Den Text jedenfalls singt er mit seltsam verwaschenem Ausdruck runter. Dennoch: In In fernem Land und Mein lieber Schwan hat Alagna durchaus große Momente.

Der Chor: böse Zappelphilippe mit blutverschmierten Lippen

Die Elsa des Abends ist Vida Miknevičiūtė, die eine kühle Rätselhafte in Blümchenkleid, Schaftstiefeln, Lederjäckchen darstellt (Kostüme Ingo Krügler). Vom Typ her kommt sie mädchenhaft rüber, stimmlich gesehen ist sie erwachsen bis in jede Faser ihrer Stimmbänder. Das macht sie groß. Und wirkt manchmal wie Nina Hoss in einem ZDF-Mehrteiler. Zu Euch Lüften erscheint Elsa als giftgrünes Schlossgespenst Hui Buh unter einer Gazewolke. In der sich Ortrud dann selig wälzt. Miknevičiūtė singt souverän, sehr beherrscht, mit intrikatem Vibrato, astreiner Höhe, allerdings kühlem Timbre. Wobei aus dieser Kühle eine wichtige Deutungsebene erwächst.

Gelungen ist auch das Intriganten-Paar, voran die Ortrud, die Ekaterina Gubanowa als Schlampe in gelber (Neid!) Bluse gibt und nebenbei unheilvoll aus der Nase blutet. Gubanowa klingt gut, hat den gerundeten, üppigen Ton. Sie ist eine groteske, keine dämonische Ortrud. Die zwei ais der Götteranrufung bringen sie an die Grenze. Telramund Martin Gantner ist ein Spezi aus dem innersten Bereich der Macht, der sich, ein betrogener Betrüger (Dahlhaus), immer tiefer ins Unheil verstrickt. Singen tut er das stets silbengenau und aufregend hell timbriert, und immer engagiert.

Roberto Alagna: Mein lieber Schwan

Der von der Abstandsregel gehandicapte Chor schlägt sich gut und mutiert zu bösen Zappelphilippen mit blutverschmierten Lippen. Dirigent Matthias Pintscher leitet – offenbar die Weimarer Urfassung von 1850 – sicher. Nicht Barenboimisch-gewichtig, sondern helltönend, aber auch geradlinig, nüchtern, mit maximal aufgeblendetem Ton, so weit man das am Bildschirm überhaupt verlässlich beurteilen kann. Die Geigen glänzen hart, das Blech schallt stramm, nicht anders wie die Von-Gott-gesandt-Chöre im 2. Akt.

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Corona-Inaugurazione 2020: Goldenes Arien-Paella aus der Scala

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Mamma mia, wie quälend lange kann eine Prima aus der Scala sein. Für mich sind die rezitierten Texte (u.a. von Dante, 2021 ist 700. Todestag) astreine Stimmungs-Killer. Außerdem ist längst nicht alles Stimmgold, was auf dem Bildschirm glänzt. Aber es gibt berückende Momente. Das schon. Arte überträgt. Es ist ein Abend à l’italienne. Viel Verdi, einiges von Puccini, dazu ein bissl Belcanto, Französisches, Verismo, ein bissl Wagner. Nichts, was der Melomane nicht kennt.

Ich schaue mir das Ganze nicht an, sondern nehme auf und höre zu später Stunde nach – und schaue stichprobenartig in den Arte-Stream („Ein besonderer Abend an der Mailänder Scala“) rein.

Man startet leidlich mit Rigoletto. Denn Luca Salsi gibt den antihöfischen Hassausbruch Cortigiani, vil razza mit viel Larmoyanz und wenig Wucht, und der zum Supertenor hochgepuschte Vittorio Grigolo verfügt in der Cavatine La donna è mobile über ein allzu dünnes Stimmchen. Obendrein läppert es mit der Interpretation. Besser ergeht es dem Don Carlo-Block. Ordentlich Ildar Abdrasakow, der für Ella giammai m’amò ausreichend königliche Tristesse bereithält, baritonfein dann Ludovic Tézier, der edles Material und geschmeidiges Legato präsentiert (Per me giunto), und schlussendlich, in O don fatale, die herzzerreißend kühle Elina Garanča als elegante Belle-Epoque-Reisende. Keine der Mezzos verflucht derzeit eloquenter die eigene Schönheit.

Regnava nel silenzio: Lisette Oropesa als goldnes Belcanto-Kehlchen

Folgt ein Trio fatale aus Belcanto, Verismo und Musikdrama: Lucia, Butterfly, Walküre. Fesselnd die Gesangskunst von Goldkehlchen Lisette Oropesa (in Regnava nel silenzio). Irgendwie charakteristisch ist schon das kapriziöse Vibrato, aber im Verein mit der Frische der Stimme und dem Wiedererkennungswert des Timbres ist das ein Sopranton zum Nicht-Vergessen. Heftige Spuren sängerischen Wear-and-tears zeigt Kristīne Opolais in Tu, tu piccolo Iddio. Danach lassen es Camilla Nylund (wenig jubelnd, aber verlässlich in Klang und Spitze) und Andreas Schager (uneben und jovial, aber Schager klingt wundervoll ausgeruht) in Winterstürme krachen, wasman nicht von dem Schlaftabletten-Tempo sagen kann, das Chailly einschlägt.

Eine Belcanto-Perle gibt Rosa Feola zum besten – mit passgenauem Charme und schmucker Sopranstimme (So anch’io la virtù magica aus dem im Belcanto-faulen Deutschland eher selten gespielten Don Pasquale). Der lyrische Tenor dieser Jahre ist ohne Zweifel Juan Diego Flórez. Der Peruaner sieht wie immer blendend aus. Leicht die Höhe, fein der Ausdruck, Kunst und Gefühl ertönen perfekt austariert, so höre ich Una furtiva lagrima gerne. Und Aleksandra Kurzak ist im schmeichlerisch-schmelzenden Signore, ascolta! bei bester Sopranstimme.  

Im Graben demonstrieren die musicisti scaglieri, angeführt von Riccardo Chailly, die hohen Mailänder Standards in Sachen Verdi und Co. So cremig, so innig singend würde ich die Italiener gerne in Berlin hören. Molto behäbig hingegen der Wagner, wohingegen die Carmen-Ouvertüre nach einer Extra-Portion Leidenschaft klingt.

O don fatale: Elina Garanča reist im Belle-Epoque-Wagon

Womit wir bei Habanera und Blumenarie wären. Erstere klingt dank Marianne Crebassa ungewohnt textbewusst und nuancenreich. Klingt so eine Carmen, die Linguistik studiert? Aber ohne Witz, der Mezzo von Crebassa geht wunderbar akribisch mit Vokalen um, auch Klang und Vibrato sind ziemlich interessant. Mi piace molto. Piotr Beczała singt La fleur nach fast 30 Jahren Bühnenkarriere nicht makellos, aber immer noch so fesselnd wie kaum sonst jemand. Was Beczała an Frische verlor, hat er an diskreter Gestaltung gewonnen.

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Fröhliches Berliner Livestreamen III: RSB+Jurowski, Philharmoniker+Bizet, Staatsoper+Karneval der Tiere

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Wann kommen die Konzerte mit Publikum wieder? März. Oder April.

Sonntag, 29. 11., 20.00, Haus des Rundfunks. Das RSB spielt vor lauschenden Mikrofonen, aber ohne Kameras. Die für das Konzert – mit Publikum – eigentlich vorgesehene Karina Canellakis, immerhin erste Gastdirigentin, ist sonderbarerweise für das reine Radiokonzert nicht mehr verfügbar. Cannelakis dirigiert frisch und fröhlich fast zeitgleich beim Symphonieorchester des BR. Stattdessen steht Wladimir Jurowski beim RSB am Pult. Es ist ja hochinteressant, wie sich die (relativ) neuen Berliner Orchesterchefs schlagen. Der elegant-nervöse Ticciati beim DSO, der dunklere, schwerere Jurowski beim RSB, der messerscharfe Petrenko bei den Philharmonikern. Was macht Jurowski also bei der Oberon-Ouvertüre (1826)? Zügelt Webers brillante Ritterlichkeit zugunsten von ungebügelter Rauigkeit.

So klingt die frühromantische Ouvertüre erwachsener, als schlüge in Oberon schon das Herz eines Fliegenden Holländers oder eines rabiaten Verdis. Siegfried-Idyll (1870) strebt in der Kammerfassung mit Streichquintett eine maximale Distanz zur Welt des Siegfried an, der es entstammt, bewahrt fast unwagnerisch intime Allüre und Privatheit. So ziemlich jedes Konzertprogramm, das in eine Beethovensinfonie mündet, erweist sich als sinnvoll. So auch heute. Das RSB gibt die Sinfonie Nr. 2 als frech federndes Wunderwerk, dem nie die Puste ausgeht. Vor allem der Kopfsatz wirkt wie ein einziger, riesengroßer Salto mortale. Im Andante ist alles dran, aber wenig drin, was sich in etwa so sexy anhört wie Raufastertapete. Es gibt einen historisch informierten Stil, der so unergiebig tönt wie schwäbischer Spätklassizimus. Mehr Freude verbreitet das versatil pulsierende Finale, wo das RSB das zweite Thema faszinierend kammermusikalisch runterbricht. Was Jurowski weniger interessiert: das Zusammenfassen und Abschließen. Auf Abruf zum Nachhören verfügbar ist das Ganze hier. Gut.

Am Freitag will ich aus dem Joseph-Joachim-Konzertsaal der UdK in ein Konzert des Ensemble des ilinx Studio für Neue Musik u.a. mit Musik der Finnin Saariaho hören. Geht aber nicht, denn blöderweise tut der Stream auf meinen Browsern gerade das nicht, was er bitte schön tun soll, nämlich streamen. Schöne, schwierige neue Streaming-Welt.

Diese ganzen Adventskalender im Internet! Zum Gähnen langweilig! Nur die Deutsche Oper öffnet die Türchen so, dass es eine echte Freude ist. Den Anfang macht am 1. Dezember Elena Tsallagowa mit Arpa gentil aus Rossinis brillanter Reise nach Reims von 2018. Udite, udite, o rustici!

Schöner die Adventskalender nie klangen:
Elena Tsallagowa als Corinna in Rossinis Viaggio a Reims

Samstag, 5. 12., 19:00, Philharmonie. Die Philharmoniker tun Dienst vor leerer Halle, nur die Kameras schauen zu. Und die Musiker spielen ein federleichtes Konzert mit Strawinsky und Bizet. Das Werk des Abends ist die genial leichtsinnig komponierte Symphonie in C-Dur (November 1855) des 17-jährigen Bizet. Die Sinfonie befindet sich auf halbem Weg zwischen Beethoven (B-Dur-Sinfonie) und Prokofjew (Classique). Erst das Finale ist ganz 1850er. Das Stück hat es in sich. Es ist: spritzig, schlank und energisch, straff und gut gelaunt. Die Pulcinella-Suite von Strawinsky (1920) kommt aus ähnlicher Luft. Diese Musik schießt scharf, und jeder Schuss sitzt. Was von Pergolesis Melodien bleibt, tönt musikantisch, ist von zärtlicher Intelligenz, gibt sich lateinisch verspielt. Alain Antinoglu leitet flüssig und feurig bei Bizet, einen Mittelweg zwischen Farbe und Zeichnung findend bei Strawinsky. Corona ist auch eine Chance. Ich höre ein Programm, an das vor sechs Wochen noch niemand zu denken wagte.

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Berliner Livestream-Lese II: Ticciati+DSO, Poppe+Musikfabrik, Pahud+Berliner, Joana Mallwitz im Konzerthaus

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Es gibt zwei Arten von Livestreams: Die einen kosten was, die andern kosten nichts. Das gilt auch für die Berliner Streams.

Ohne Login und ohne Kreditkarte schaut man bei den großen Berliner Orchestern. Nur die Philharmoniker scheren aus. Die versilbern die Nachfrage nach Konzert-Erlebnissen nämlich in der hauseigenen (Corona-)Concert-Hall. Während kleinere Veranstalter eher auf Bezahl-Streams setzen und das fokussiert interessierte Nischenpublikum anpeilen.

Montag, 23. 11., 20:00, Friedrichwerdersche Kirche. Robert Ticciati ist zwei Tage nach dem Wagner-Stream mit dem DSO wieder auf Sendung. Es wird nicht im strengen Sinn gestreamt, da ohne Bild, aber das DSO ist live und real hörbar per Radio – wenn auch schrecklich verhallt. In Gabrielis zehnstimmigem Canzon in echo duodecimi toni à 10 produziert das Blech in der frisch renovierten Kirche gewaltige Hallfahnen. Aber für Glücksgefühle reichts dank der 1/16-Jauchzer der Trompeten dann doch. Eiserne Regel beim Streamen: abschalten wenn’s nicht passt. So gemacht bei Strawinskys Apollon, den ich auf Teufel komm raus nicht mag. Frei nach dem Rosenkavalier: Es is ja all’s net drumi wert. Aber es kommt ja noch Mozarts Sinfonie Nr. 41, dargeboten mit Darmsaiten und Naturhörnern und ganz ohne hechelnde Kurzatmigkeit. Dafür beweisen die Tuttis Grandeur, und die Ton-Spannung kommt von innen. Der langsame Satz tönt fast nüchtern vor Genauigkeit der Phrasierung und vor Ausgewogenheit der Proportionen. Da ergibt jede Pausendehnung Sinn. Schließlich die erregten Pulsschläge, die unermüdliche Kraft, die ungenierte Gelehrtheit, die unübersehbaren symphonischen Entwicklungen dieses immer aufs Neue verblüffenden Finales. Der DSO-Mozart mit Ticciati ist was Außergewöhnliches. Der RBB überträgt.

Wann kehren die Publikumskonzerte zurück? Nicht so bald.

Christoph Igelbrink, Solène Kermarrec, David Riniker / Foto: Livestream Digital Concert Hall

Sonntag, 22. 11., 19:30, Leipzig. Über Vimeo streamt das Ensemble Musikfabrik die Uraufführung von Enno Poppes Prozession. Ich höre das Ding nachts unter der Woche. Man zahlt 5 Euro, kann den Stream 1 Monat sehen. Das ist auch gut so. Denn mehrmaliges Hören ist ratsam. Durchaus lange 52 Minuten dauert das Stück. Man fühlt sich, als triebe man als einsames Blutkörperchen durch die unendlichen Weiten des menschlichen Organismus. Beim zweiten Hören klingt Prozession, als hätte jemand Pattex in die Partitur injiziert. Aber jetzt tauchen Formen wie Berge aus dem Nebel auf. In sich gegliederte Abschnitte, abstrakte Duos, hartnäckige Höhepunkte. Der dritte Durchgang steht nächste Woche an. Enno Poppe dirigiert im Streifenanzug über lässigem Hemd im Bothe-Muster. Eine Freude ist wieder die bis zur Dürre gehende Klarheit seines Dirigats. Die Aufführung fand statt im Rahmen des Ensemblefestivals Aktuelle Musik Leipzig.

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Bunte Berliner Livestream-Lese: Staatskapelle, DSO, Neue Synagoge

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Schlimmer als ein Lockdown im Dezember wäre nur ein Lockdown, der gar nicht mehr aufhört. Bye-bye Lohengrin-Premiere mit Yoncheva, adiós Wiederaufnahme Tannhäuser mit Groissböck und Schager, пока́! Jeketerina-Sementschuk-Liederabend im Boulezsaal.

Anders als im Frühjahr höre ich nun auch in Livestreams rein. Das geht dann so: Stream aufnehmen und spät abends als mp3 anhören. Rein optisch sind die Corona-Streams kein Genuss. Sicherheitsabstände und leere Säle, wohin das Livestream-Auge guckt.

Sonntag, 15. 11., 20 Uhr, Staatsoper. Die Staatskapelle Berlin spielt Beethoven, 4. Klavierkonzert, 3. Sinfonie. Von der Eroica spare ich mir das meiste. Ich habe sie im Januar und September schon gehört. Bei Opus 58 dirigiert Barenboim, András Schiff sitzt am Flügel. Schiff eröffnet die Berliner Livestream-Lese mit Hang zum Genießerisch-Spielerischen. Farbenreich funkelt der Anschlag, leuchtend setzt sich das Piano in Szene, ohne jede Härte der Diskant. Verspielt auch Temporückungen und Figurationen, Nobles und Lyrisches stehen direkt nebeneinander. Das funktioniert souverän, verführerisch beiläufig, locker, ohne dass auf den gebotenen Beethovn-Ernst verzichtet werden muss. Keine Phrase, die nicht gestaltet, spezifisch „angefasst“ wäre. Ist halt schon erstaunlich, wie hoch das technische Niveau im Kreis der Pianisten-Spitzenklasse ist.

Der RSB-Livestream mit Manacorda und Brahms – ich glaube aus dem Rundfunkhaus an der Masurenallee – war von Youtube schon wieder runter, als ich ihn mir endlich anhören wollte. Dann also weiter mit dem DSO.

Samstag, 21. 11., 20 Uhr, Philharmonie. Wo Ticciati ein Programm mit Schlag zusammenstellt. Rachmaninow Toteninsel, Wagner Götterdämmerung – ihr Völker, hört die sinistren Signale. Aber tönen tut es dann ganz anders. Die Götterdämmerung-Auszüge klingen wunderschön dunstfrei, klangkontur-bewusst, perfekt abgemischt. Los geht’s mit dem Schicksalmotiv der Posaunen bei Tagesgrauen im Vorspiel, und was dann kommt, ist für extra-feine Ohren bestimmt. Die Solisten haben zwingende Auftritte. Eine Prise böhmische Wälder und Felder weht hinein. Der Ticciati-Stil: ein Tutti ohne jede Düsternis.

DSO mit Götterdämmerung: Ticciati beim Schicksalmotiv / Foto: DSO-Livestream

Hier klingt Wagner einmal nicht als gewalttätiger Rhetor und düsterer Metaphysiker. Da tönt Noblesse, die Wagner eben auch auszeichnet. Das Orchester spielt auch die Toteninsel tadellos. Das Stück ist eigentlich ein Hort spätromantisch sublimierter Schwermut. Das DSO taucht es in linienleichte Eleganz. Ticciati outet sich eben doch als Meister der millimetergenauen Ton-Mischungen, der superexakten Entwicklungsbögen – und eines Klangs aus Farbe und Licht. Stichwort Licht. Zwischen Toteninsel und Wanger passt noch die bildungsbürgerliche Flimmer-Studie Ionisches Licht von Klaus Lang. Ganz nett kommt das Lichtkonzept im Weinberg-Saal der Philharmonie daher. Brauch ich zwar nicht zwingend, hat aber was.

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